2.Juni 1967: Benno Ohnesorgs Mörder war Informant der Stasi

Von Justus Leicht
2. Juni 2009

Vor 42 Jahren, am 2. Juni 1967, wurde der Student Benno Ohnesorg am Rande einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien vom Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Ohnesorgs Tod wurde zu einem Schlüsselerlebnis für die Studentenbewegung, die sich angesichts der unerbittlichen Haltung des Staats zunehmend radikalisierte. Der Todesschütze wurde von der Springer-Presse, der Polizei und der Justiz in Schutz genommen und in zwei skandalösen Prozessen von jeder Schuld freigesprochen.

Nun sind Dokumente aus der Stasi-Unterlagen-Behörde aufgetaucht, die belegen, dass Kurras zur Tatzeit geheimer Informant des DDR-Geheimdiensts und Mitglied der SED war. Rechte Kräfte haben darauf die alte Lüge neu belebt, die 68er Studentenbewegung sei auf das Wirken östlicher Geheimdienste zurückzuführen. So kommentiert die Bild -Zeitung die Entlarvung von Kurras’ Agententätigkeit mit der Behauptung: "Massendemos, Unruhen und brennende Barrikaden, ja selbst der Tod von Rudi Dutschke haben ihren Ursprung direkt im Einfluss- und Auftragsbereich von Erich Mielke, dem Stasi-Minister der SED (heute Linkspartei)."

Das ist absurd. Erstens war der Tod Ohnesorgs lediglich ein Anlass, nicht aber die Ursache für die 68er-Bewegung, die kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen war. Die tieferen Gründe waren die unaufgearbeitete Nazi-Vergangenheit, die zahlreiche Würdenträger des Dritten Reichs in hohen Staatsämtern und Wirtschaftspositionen gelassen hatte, der Vietnamkrieg, die erste tiefe Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit und die Brutalität des staatlichen Repressionsapparats, dessen Wüten am 2. Juni auch ohne Ohnesorgs Tod ausgereicht hätte, die Studenten in Rage zu bringen.

Zweitens gibt es keine Hinweise darauf, dass Kurras am 2. Juni auf Anweisung der Stasi und nicht aus eigener Überzeugung handelte. Aus den bisher bekannten Stasi-Unterlagen geht hervor, dass diese die Erschießung Ohnesorgs als unverständlichen, "sehr bedauerlichen Unglücksfall" einschätzte und die Zusammenarbeit mit Kurras danach einschlafen ließ. Auch in sein SED-Parteibuch wurden danach keine Marken für Beitragszahlungen mehr eingeklebt.

Kurras selbst, der als Ordnungsfanatiker und Waffennarr gilt, hat nie ein Hehl aus seinen Überzeugungen gemacht. Er hasste die rebellierenden Studenten und verteidigt seine Tat bis heute. Noch im Jahr 2007, von dem Journalisten und Buchautor Uwe Soukup nach den tödlichen Schüssen befragt, meinte Kurras, heutige Polizisten würden viel zu selten von der Schusswaffe Gebrauch machen. "Fehler?", fragte er. "Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur ein Mal; fünf, sechs Mal hätte ich hinhalten sollen. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend. So ist das zu sehen."

Kurras Entlarvung bietet keinen Grund, die Geschichte der 68er Bewegung neu zu schreiben, wie dies einige rechte Kommentatoren fordern. Sie wirft dagegen eine andere interessante Frage auf. Was war die wirkliche Beziehung zwischen der Stasi und der Westberliner Polizei? Wie war es möglich, dass ein schießwütiger, offensichtlich rechter Westerliner Polizist gleichzeitig Stasi-Informant und SED-Mitglied war? Handelt es sich um einen bizarren Einzelfall, oder gibt es dafür tiefer politische Ursachen.

Doch bevor wir auf diese Frage eingehen, wollen wir auf die Ereignisse vom 2. Juni 1967 zurückblicken.

Was geschah am 2. Juni 1967?

Die noch nicht ganz zwanzig Jahre alte westdeutsche Bundesrepublik unterhielt glänzende Beziehungen zum Schah von Iran, Mohammad Reza Pahlavi, der sich 1953 mithilfe des amerikanischen CIA und des Militärs an die Macht geputscht hatte und seitdem unumschränkt herrschte. Sein prowestliches Regime war berüchtigt für seine Grausamkeit. Staatliche Folter und Mord an Oppositionellen waren an der Tagesordnung.

Als dieser Gewaltherrscher am 2. Juni 1967 Westberlin besuchte, organisierten Exil-Iraner und der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) eine Protestdemonstration. Das Bundesinnenministerium verhängte zu seinem Schutz vor den Protesten die höchste Sicherheitsstufe. Traurige Berühmtheit erlangte später die zynische Umschreibung der Polizeitaktik durch Polizeipräsident Erich Duensing: Man müsse die Demonstranten "als eine Leberwurst" nehmen und "in der Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt".

Am Vormittag besorgten dies die "Jubelperser" des Schah, Agenten des iranischen Geheimdienstes SAVAK, die unter dem Schutz der deutschen Polizei mit Holzlatten auf die Protestierenden einprügelten. Als der Schah sich später mit seinen Gastgebern in der Oper vergnügte, griffen die Polizisten ohne Vorwarnung die weitgehend friedlichen Demonstranten an und schlugen sie dermaßen brutal und systematisch zusammen, dass der Publizist Sebastian Haffner in der Zeitschrift Stern von einem "kaltblütig geplanten Pogrom" sprach, "wie sie außerhalb der Konzentrationslager selbst im Dritten Reich Ausnahmeerscheinungen gewesen sind".

Selbst die konservative, linker Sympathien unverdächtige Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb damals, die Polizei habe "ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung, einer Brutalität Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde".

Nicht zufällig war Polizeipräsident Duensing im Dritten Reich Generalstabsoffizier der Wehrmacht. Der für die Planung des Polizeieinsatzes zuständige Leiter der Schutzpolizei, Hans-Werner Ulrich, ebenfalls ein früherer Wehrmachtsoffizier, war im Zweiten Weltkrieg für Partisanenbekämpfung in der Sowjetunion und später in Italien zuständig.

Bestandteil dieses Pogroms war die Polizeiaktion "Füchse jagen", bei der Zivilbeamte Jagd auf angebliche "Radelsführer" machten. Zu einem dieser Greiftrupps gehörte auch Kurras. Auf einem Parkplatz geriet der 26-jährige Student Benno Ohnesorg in seine Fänge. Er war unbewaffnet, griff niemanden an. Drei Polizisten hielten ihn fest. Kurras schoss ihm in den Hinterkopf. In der Gerichtsverhandlung sprach der Richter später davon, es bestehe "der dringende Verdacht, dass auf Benno Ohnesorg noch eingeschlagen wurde, als er schon tödlich getroffen auf dem Boden lag". Der Körper des jungen Mannes, der noch "Bitte nicht schießen" gefleht haben soll, war mit frischen Blutergüssen übersäht.

Kurras berief sich auf Notwehr. In jenem Hinterhof, sagt er im November 1967 vor der 14. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts, sei er "von zehn oder elf Personen brutal niedergeschlagen worden". Er sei von "zwei jungen Männern mit Messern" bedroht worden. Also habe er im Liegen seine Dienstpistole hervorgezogen und "mit der linken Hand den ersten Warnschuss in die Luft" abgegeben. Allerdings sei der Kampf um seine Pistole dann noch heftiger entbrannt. Er habe noch einen Warnschuss abgeben wollen, doch "durch das Zerren und Ziehen löste sich der verhängnisvolle zweite Schuss".

Von den Dutzenden anwesenden Zeugen, darunter auch einigen Polizisten, bestätigte dies niemand. Den Warnschuss hat niemand gehört. Ein Arzt wurde von der Polizei daran gehindert, dem schwer verletzten Ohnesorg Erste Hilfe zu leisten, der Krankenwagen fuhr dann schließlich erst eine Dreiviertelstunde mit ihm durch die Stadt, bevor er ins Krankenhaus kam - wahrscheinlich tot. Dort wurde ihm das Knochenstück mit der Einschussstelle herausgesägt und weggeworfen. Kurras konnte dagegen unbehelligt seinen Anzug in die Reinigung bringen und das Magazin seiner Waffe verschwinden lassen. Er verbrachte keinen Tag in Untersuchungshaft, wurde lediglich für die Dauer des Prozesses suspendiert und danach in den Innendienst versetzt. Ansonsten wurde er dienstrechtlich nicht belangt.

Die Polizeigewerkschaft stellte sich hinter Kurras und sammelte 60.000 Mark für seine Verteidigung. Keiner der an dem Einsatz beteiligten Polizisten sagte gegen ihn aus. Eine Anklage wegen Totschlags oder gar Mordes wurde erst gar nicht zugelassen, in zwei Instanzen wurde Kurras vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung "aus Mangel an Beweisen" freigesprochen.

Die Bild -Zeitung nannte Ohnesorg am nächsten Tag zynisch ein "Opfer von Krawallen, die politische Halbstarke inszenierten". Die zum selben konservativen Springer-Konzern gehörende B.Z. kommentierte: "Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen." Die Berliner Morgenpost schrieb, die Polizei habe nur ihre "schwere Pflicht" getan. Die gesamte Springer-Presse unterstützte Kurras und seine Behauptung, er habe in "Notwehr" gehandelt. Sie führte eine kontinuierliche hysterische Hetzkampagne gegen die linke Studentenbewegung.

Wer ist Karl-Heinz Kurras?

Der 1927 in Ostpreußen als Sohn eines Polizisten geborene Karl-Heinz Kurras meldete sich 1944 zum Kriegsdienst. Von 1946 an war er von den Sowjets 16 Monate lang im ehemaligen KZ Sachsenhausen inhaftiert, nach manchen Berichten wegen "antisowjetischer Propaganda", nach anderen, weil er nach dem Krieg seine Waffe nicht abgegeben hatte. Nach der Haft trat er 1950 in die Westberliner Polizei ein, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Nach den nun gefundenen Stasi-Akten meldete er sich 1955 beim Zentralkomitee der SED, weil er lieber für die Polizei der DDR arbeiten wolle. Er sei aber überzeugt worden, stattdessen für die Stasi bei der Westberliner Polizei zu spionieren. Das tat er auch und wurde zu einer Top-Quelle für die Stasi. Er stieg bis in eine Sonderermittlungsgruppe der Abteilung I für Staatsschutz der Kriminalpolizei in West-Berlin auf, die sich mit der "Suche nach Verrätern in den eigenen Reihen" befasste, also Stasi-Spione enttarnte. Er nahm sogar an deren Verhören teil. Aufgrund seines Diensteifers durfte er auch Akten mit nach Hause nehmen. 1962 stellte er einen Antrag auf Mitgliedschaft in der SED, dem 1964 entsprochen wurde.

Über Kurras’ Motive, sich Stasi und SED anzuschließen, ist bisher wenig bekannt. In Ost und West galt er als Waffennarr und hervorragender Schütze. Von der Stasi - genau wie von der Westberliner Polizei - wurde er wegen seinem Fleiß und seiner Pünktlichkeit geschätzt und für seine Tätigkeit mit Geld und Waffen belohnt.

Hans Leyendecker schreibt in der Süddeutschen Zeitung : "Dieser Mann, der schon früh sehr viel trank und eine sehr zerrissene Persönlichkeit zu sein scheint, war nach der Schilderung von Bekannten ein sehr autoritärer Charakter."

Gerd Koenen bezeichnet Kurras in derselben Zeitung als einen von "Mielkes Schrot und Korn, der seine gesamte Freizeit auf dem Schießplatz verbrachte, wo er seine Ostberliner Honorare von Form von scharfer Munition verballerte". Erich Mielke war Stasi-Chef. Dann legt Koenen den Finger auf den entscheidenden Punkt: "Im Hass auf die langhaarigen Studenten und ‚Chaoten’ wird sich der SED-Mann Kurras mit seinen Westberliner Kollegen ganz einig gewesen sein."

Die Haltung der SED gegenüber den rebellierenden Studenten unterschied sich in der Tat nicht wesentlich von der Haltung der westdeutschen Behörden. Sie schlachtete zwar die Brutalität der Westberliner Polizei - einschließlich Ohnesorgs Tod - propagandistisch aus, doch die DDR-Bevölkerung schottete sie sorgfältig von den Protesten ab. Studentenführer Rudi Dutschke, der aus der DDR stammte, wurde von der Stasi überwacht, wenn er gelegentlich seine Verwandten besuchte. Dutschkes Sohn Marek mutmaßt heute sogar, dass die Stasi die Finger mit im Spiel gehabt haben könnte, als der Hilfsarbeiter Josef Bachmann 1968 ein Attentat auf Dutschke verübte.

Entgegen der gängigen antikommunistischen Propaganda setzte sich die SED nie für einen kommunistischen Aufstand im Westen ein. Die stalinistischen Herrscher in Moskau und Ostberlin fürchteten viel zu sehr, dass eine Rebellion im Westen auf ihre Länder übergreifen und ihre Diktaturen gefährden könnte. Nicht ohne Grund, wie der "Prager Frühling" von 1968 zeigte, den sie nur mit sowjetischen Panzern ersticken konnten. Schon die Gründung der DDR war mit Unterdrückungsmaßnamen gegen die Arbeiterklasse einhergegangen, die schließlich in der blutigen Unterjochung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 gipfelten.

Die SED hatte daher nicht das geringste Interesse, die 68er Studentenproteste anzuheizen. Im Gegenteil, sie gründete 1968 in Absprache mit dem bundesdeutschen Innenministerium die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), die die Nachfolge der verbotenen KPD antrat und in den folgenden Jahren die Brandt-Regierung und die Gewerkschaftsbürokratie gegen linke Kritik, insbesondere von Trotzkisten, in Schutz nahm.

In Westberlin wurde Kurras, der einen wehrlosen, von drei Kollegen festgehaltenen Studenten in den Hinterkopfschoss, vierzig Jahre lang von offizieller Seite gedeckt und verteidigt. Auch als er vor zwei Jahren seine Tat gegenüber Uwe Soukoup rechtfertigte, löste das weder in der Politik, noch in der Springerpresse, noch in der Polizeigewerkschaft, noch im Polizeisportverein, wo er Mitglied ist, Empörung aus. Erst nach seiner Stasi-Enttarnung wollen ihn Polizeigewerkschaft und Polizeisportverein ausschließen. Der Berliner Senat prüft seine Pensionsansprüche, und antikommunistische Organisationen zeigen ihn wegen Spionage und Mordes an.

Kurras’ Stellung zwischen den Fronten des Kalten Kriegs ist also nicht so bizarr, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Aus seiner Sicht ließ sich die Verteidigung der kapitalistischen "freien Welt" problemlos mit dem Dienst für den Stalinismus vereinbaren. Er hatte keine Mühe, den westdeutschen Antikommunismus mit der stalinistischen Feindschaft gegen jede Rebellion von unten zu verbinden.