Arbeitsplatzabbau bei ThyssenKrupp nimmt Gestalt an

Von Elisabeth Zimmermann
30. Juni 2009

ThyssenKrupp, der größte deutsche Stahlproduzent sowie eines der großen Industrie- und Rüstungsunternehmen, hat bereits vor drei Monaten ein umfangreiches Sparprogramm beschlossen. Mit den Stimmen der Betriebsrats- und Gewerkschaftsvertreter entschied der Aufsichtsrat am 27. März, den Konzern völlig neu zu strukturieren und rund 3.000 Arbeitsplätze abzubauen, um jährlich 500 Millionen Euro einzusparen.

Seither sind diese Zahlen laufend korrigiert worden. Das Sparziel wurde auf eine Milliarde Euro verdoppelt. Den Hintergrund bilden drastisch sinkende Absatzzahlen. Laut den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts ist die Rohstahl-Produktion gegenüber dem Mai des Vorjahres um 48 Prozent und die Roheisen-Produktion sogar um 55 Prozent zurückgegangen.

Im Laufe der letzten Wochen sind nun konkrete Angaben durchgesickert, wie und wo der Arbeitsplatzabbau stattfinden soll.

Bis September nächsten Jahres sollen an sieben Standorten von ThyssenKrupp Steel in Nordrhein-Westfalen 2.000 Stellen abgebaut werden. Der Standort Duisburg, wo zurzeit noch 12.800 in den Werken und der Verwaltung in Duisburg-Hamborn arbeiten, wird besonders stark betroffen sein. Die Stahlsparte allein muss mit 400 Millionen Euro zu dem Einsparziel von 1 Milliarde Euro beitragen.

Aber auch die Arbeiter und Angestellten in den Werken von ThyssenKrupp Steel und Nirosta (Edelstahl) in Bochum und Krefeld bangen um ihre Zukunft. Hier werden Pläne diskutiert, den Edelstahlbereich, der extrem stark von der internationalen Wirtschaftskrise betroffen ist, eventuell mit einem anderen Unternehmen zu fusionieren oder ganz abzustoßen.

Des Weiteren sind Hunderte von Arbeitsplätzen bei ThyssenKrupp Umformtechnik in Remscheid in Gefahr, wo eine Schließung des Werks im September dieses Jahres befürchtet wird. Ebenso bedroht ist das Werk von ThyssenKrupp Umformtechnik in Ludwigsfelde in Brandenburg, wo derzeit noch 425 Arbeiter beschäftigt sind. Ein Viertel der Belegschaft soll auf jeden Fall abgebaut werden. Die Arbeiter dort fürchten deshalb eine Werkschließung nach dem "Salamiprinzip".

Der Betriebsratsvorsitzende von ThyssenKrupp Umformtechnik, Udo Horn, mit Sitz in Bielefeld erklärte der Märkischen Allgemeinen vom 17. Juni, die Restrukturierung des Ludwigsfelder Werks werde vom Stammwerk Brackwede/Bielefeld gesteuert. Der Arbeitsplatzabbau wäre auch ohne die derzeitige Wirtschaftskrise nötig gewesen, kommentierte er zynisch. Nach Informationen der Märkischen Allgemeinen soll sogar eine Werksschließung in Ludwigsfelde im Gespräch gewesen sein.

Im ThyssenKrupp-Werftenverbund sind im Rahmen der konzernweiten Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen unmittelbar 450 Stellen vom Arbeitsplatzabbau betroffen. Bei den Howaldtswerken-Deutsche Werft (HDW) in Kiel sollen bis März 2010 200 von 2.400 Arbeitsplätzen abgebaut werden. Bei den Nordseewerken in Emden fallen 250 von 1.400 Arbeitsplätzen bis September 2009 den Umbauplänen zum Opfer.

Wie im Stahlbereich werden möglicherweise auch in den Werften noch viel mehr Arbeitsplätze abgebaut, wenn die Unternehmen nach monatelanger Kurzarbeit zu Entlassungen und Betriebsschließungen übergehen.

Letzte Woche kam es bei ThyssenKrupp Steel in Duisburg-Hüttenheim und vor Tor 1 in Duisburg-Hamborn zu begrenzten Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen am Werkstor. Zuvor waren Überlegungen des Konzernvorstands bekannt geworden, Teile der Produktion in eigenständige GmbHs auszugliedern, bei denen schlechtere Konditionen herrschen und die notfalls auch leichter geschlossen werden können.

Laut Betriebsratsangaben sind diese Pläne inzwischen wieder vom Tisch. Aber darauf ist genauso wenig Verlass, wie auf all die vorherigen Ankündigungen und Vereinbarungen, die tagtäglich wieder in Frage gestellt werden.

Die IG Metall und der Betriebsrat spielen bei der Ausarbeitung und Umsetzung der Sparpläne eine zentrale Rolle. Sie beteiligen sich in den Mitbestimmungsgremien an ihrer Ausarbeitung und stimmen ihnen im Aufsichtsrat zu, während sie gleichzeitig durch hohle Proteste ein harmloses Ventil für die Empörung der Belegschaft schaffen.

So organisierte die IG Metall sechs Wochen, nachdem sie im Aufsichtsrat dem Umstrukturierungsplan zugestimmt hatte, in Duisburg-Beeck eine bundesweite Demonstration von über 10.000 Thyssen-Krupp-Beschäftigten. Um von ihrer Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung abzulenken, beklagten sich die Gewerkschaftsfunktionäre über "gebrochene Zusagen". Im Mittelpunkt der Demonstration stand aber nicht der Erhalt der Arbeitsplätze, sondern die Verteidigung der Mitbestimmung, die den Betriebsratsfürsten üppige Einkommen sichert.

Als im April bekannt wurde, dass ThyssenKrupp-Vorstandschef Ekkehard Schulz, betriebsbedingte Kündigungen im Rahmen des Konzernumbaus nicht ausschließt, organisierte die Gewerkschaft eine weitere Demonstration. Am 11. Mai gab es dann nochmals Proteste von Stahlarbeitern in Duisburg und Bochum sowie von Werftarbeitern der ThyssenKrupp-Nordsee-Werft in Emden und der HDW-Werft in Kiel.

Zwei Tage später trafen sich Vertreter von Vorstand, IG Metall und Konzernbetriebsrat in der Villa Hügel in Essen, dem Sitz der einflussreichen Krupp-Stiftung, die etwa 25 Prozent der Aktienanteile an ThyssenKrupp besitzt. Unter der Aufsicht von Bertold Beitz, dem 95-jährigen Vorsitzenden der Stiftung, unterzeichneten sie die so genannte "Essener Erklärung". Sie sieht vor, dass die Mitbestimmung im Rahmen der Umstrukturierung weitgehend erhalten bleibt. Zudem wird den Arbeitnehmervertretern in jedem Segment des neu strukturierten Unternehmens der Posten des Arbeitsdirektors zugesichert.

Die massiven Kürzungs- und Arbeitsplatzabbaumaßnahmen sollen durch "sozialverträgliches" Ausscheiden - sprich "freiwillige" Aufgabe des Arbeitsplatzes durch Aufhebungsvertrag mit Abfindung, frühzeitiges Ausscheiden mit 57 Jahren, Einstellungsstopp und nur befristete Übernahme der Auszubildenden - erreicht werden.

Mit der Unterzeichnung der "Essener Erklärung" sichern sich Vorstand und Betriebsrat gegenseitige Unterstützung bei der Einführung und Umsetzung der neuen Konzernstruktur zu. Namentlich unterzeichnet haben: Berthold Beitz, der stellvertretende Aufsichtsratschef Bertin Eichler, Personalchef Ralph Labonte, Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, Konzern-Vorstandschef Ekkehard Schulz und Konzernbetriebsratschef Thomas Schlenz.

Durch den Konzernumbau und die neue Konzernstruktur sollen - zusätzlich zu der bereits beschlossenen 1 Milliarde Euro - weitere Kosten von 500 Millionen Euro im Jahr eingespart werden. Die Einsparungen erfolgen ausschließlich auf Kosten der Beschäftigten. An die Aktionäre von ThyssenKrupp war dagegen noch Anfang dieses Jahres eine Dividende in Höhe von 669 Millionen Euro ausgezahlt worden. Der Stahlbereich bei ThyssenKrupp Steel, der jetzt am stärksten von den Sparmaßnahmen betroffen ist, hatte noch im letzten Jahr mit 75 Prozent zum damaligen Rekordergebnis von ThyssenKrupp beigetragen.

Wer heute bei ThyssenKrupp seinen Arbeitsplatz verliert oder aufgibt, hat wenig Chancen, einen neuen zu finden. In der letzten Woche wurden die Ergebnisse neuer Studien der OECD (Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit), der Deutschen Bank und der Wirtschaftsauskunftei Creditreform veröffentlicht, die alle von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland auf über 5 Millionen im Herbst und Winter dieses Jahres ausgehen.

Nach den Berechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform könnte allein die Pleitewelle in der deutschen Wirtschaft zum Verlust von 540.000 Arbeitsplätzen führen. "Die schwere Wirtschaftskrise zieht immer mehr deutschen Unternehmen den Boden unter den Füßen weg", erklärte ihr Chef Helmut Rödl am vergangenen Donnerstag gegenüber der Presse. "Falls die Konjunktur bis zum Herbst nicht anspringt, ist eine Entlassungswelle zu befürchten." Und auch für 2010 könne man keine Entwarnung geben.

Bereits in den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben laut Aussage von Creditreform 16.650 Firmen einen Insolvenzantrag gestellt - über 14 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Von Insolvenz sind große und bekannte Firmen wie Arcandor mit Karstadt und Quelle, Rosenthal, der Chiphersteller Qimonda, aber auch viele mittelständische Unternehmen betroffen. Neben weg brechenden Aufträgen und Einnahmen ist vor allem die restriktive Kreditvergabe der Banken für viele Firmeninsolvenzen verantwortlich.

Siehe auch:
ThyssenKrupp verschärft Konzernumbau
(29. April 2009)
Massiver Arbeitsplatzabbau bei ThyssenKrupp - Arbeitnehmervertreter stimmen Konzernumbau zu
( 31. März 2009)