Rumäniens Gesundheitssystem vor dem Kollaps

Von Diana Toma
18. Juni 2010

Zwanzig Jahre nach der Einführung marktwirtschaftlicher Verhältnisse in Rumänien zeigt das Gesundheitssystem ein Bild bankrotter Krankenhäuser, geschlossener Operationssäle, unterbezahlter Ärzte und Pflegekräfte, unzureichender Behandlung und allgegenwärtiger Korruption.

Das jüngst von der konservativen Boc-Regierung verabschiedete Sparpaket wird diese Situation weiter verschärfen. Die Sparmaßnahmen treffen die ohnehin dürftige soziale Infrastruktur des Landes empfindlich. Gleichzeitig steigen die Kosten für Gesundheitsversorgung, bei massiv sinkenden Löhnen.

Es wird erwartet, dass sich die Situation in naher Zukunft weiter verschlechtern wird. Obwohl die Regierung versprochen hat, keine neuen Gebühren einzuführen, bereitet sie jetzt die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge für die Bevölkerung vor. Die Erhöhung könnte mehr als drei Prozentpunkte betragen, wenn die Regierung dem Antrag der Nationalen Gesundheitskasse (CNAS) stattgibt.

Vertreter der CNAS gaben kürzlich bekannt, dass sie der Regierung vorschlagen wollen, die Beiträge massiv zu erhöhen. Rumänien hat eine Bevölkerung von 21 Millionen, und da die Zahl der beitragspflichtigen Beschäftigten immer weiter abnimmt, sinkt auch die Anzahl der Beitragszahler in die Krankenversicherung. Vier Millionen Beschäftigte müssen daher jetzt schon für fast zwölf Millionen Menschen die Krankenversicherung finanzieren, da all diese Menschen Anrecht auf Krankenversorgung haben. Momentan betragen die Beiträge 10,7 Prozent der Lohnsumme, aber wenn die CNAS sich mit ihrem Vorschlag durchsetzt, müssten die Beitragszahler vierzehn Prozent ihres Einkommens für einen Dienst zahlen, der praktisch gar nicht existiert.

Die Regierung hat auch die Absicht geäußert, ein Zuzahlungssystem im Gesundheitsdienst zu etablieren. Patienten müssten dann zusätzlich Geld für Gesundheitsleistungen bezahlen, die für die Versicherten bisher kostenlos waren. Der Zugang zur Behandlung wird dadurch für die Unterprivilegierten noch schwieriger. Arme Menschen und die Bewohner ländlicher Gebiete hätten dann praktisch keine Chance mehr auf medizinische Versorgung.

In Rumänien gibt es heute 435 Krankenhäuser, aber nur drei von ihnen entsprechen europäischen Standards. Alle anderen sind total unterfinanziert. Lieferanten liefern Medikamente nur gegen Barzahlung, Patienten müssen ihre eigenen Medikamente mitbringen, und manchmal sogar ihre Mahlzeiten. Von Vitaminen über Antibiotika bis zu Spritzen und Verbandzeug müssen die Patienten alles kaufen und ins Krankenhaus mitbringen, wenn sie eine Behandlung benötigen, obwohl die meisten von ihnen versichert sind.

Ende Mai verbreitete sich die schockierende Nachricht im Land, dass ein acht Monate altes Baby abgewiesen wurde und in der Folge starb, weil das Krankenhaus, in dem es behandelt werden sollte, rundheraus erklärte, es sei kein Geld mehr für die Behandlung da. Das Institut für Herzkrankheiten in Mures beklagte in einem offiziellen Schreiben die sehr schwierige Finanzsituation des Krankenhauses und erklärte, dieses könne keine Patienten mehr aufnehmen und behandeln.

Das ist bei weitem nicht der einzige Fall, in dem Patienten von einem Krankenhaus zum nächsten oder gar ins Grab geschickt werden. Im Mai gelangten einige Fälle in die Schlagzeilen, bei denen sich mehrere Frauen im Krankenhaus CFR 2 in Bukarest Infektionen zugezogen hatten.

Im vergangenen Jahr zogen sich 1.200 Patienten in Krankenhäusern im Bezirk Cluij Infektionen zu. Ein Arzt erklärte, dass sei nicht auf Behandlungsfehler zurückzuführen, sondern die Krankenhäuser seien oft aufgrund von Geldmangel gezwungen, die billigsten medizinischen Materialien zu kaufen. Manchmal kommen die Lieferungen per Schiff aus China. Die Originalverpackung ist dann oftmals beschädigt, sodass die Möglichkeit einer Kontamination groß ist. Das könne man nicht als medizinische Nachlässigkeit bezeichnen.

Auch der Vorsitzende des Nationalen Gewerkschaftsverbands (BNS), Dumitru Costin, wies bei einem Treffen von IWF-Delegierten auf die schlechte Lage im rumänischen Gesundheitssystem hin.

Er erklärte, die Krankenhäuser seien deswegen in einem so miserablen Zustand, weil ihre Stellenpläne jetzt mit Menschen aus völlig berufsfremden Zweigen überladen würden, wie Juristen, Ökonomen und PR-Leuten. Nach Gesprächen mit dem IWF will die rumänische Regierung 150 bis 200 der 435 Krankenhäuser schließen und in den verbleibenden Häusern 9.300 bis 10.000 Betten streichen.

Seit Anfang des Jahres haben schon zwanzig Prozent der Apotheken geschlossen, und die Händler geben an, dass sich die Zahl bis Ende des Jahres auf 75 Prozent erhöhen wird.

Mehr als 6.500 Ärzte haben das Land seit Anfang des Jahres verlassen. Der wichtigste Grund ist, dass die Löhne im Ausland acht- bis zehnmal höher sind als in Rumänien. Die Lage ist alarmierend. Es gibt schon in mehreren Krankenhäusern Personalmangel, und die Tendenz ist steigend.

Unter diesen Bedingungen wuchert die Korruption. Selbst einfache Behandlungen oder Medikamente sind nur gegen die Zahlung von Schmiergeldern erhältlich. Für die Ärzte ist die Annahme dieser Gelder oft der einzige Weg, finanziell über die Runden zu kommen.

Medizinische Untersuchungen und Labortests kosten ein Vermögen. Wenn der Hausarzt sie für erforderlich hält, werden die Patienten in eine ewig lange Warteschlange im staatlichen System geschickt und der unmenschlichen Behandlung derjenigen ausgesetzt, die in den staatlichen Zentren arbeiten. Selten erhält man für eine Behandlung eine Rechnung.

Am schlimmsten ist die Korruption in der Zahnversorgung. Unter dem stalinistischen Regime kam der Staat zumindest für alle Zahnbehandlungen auf. Heute haben die Zahnärzte die Preise weit über die finanziellen Möglichkeiten der Bevölkerung angehoben. Besonders Rentner und die Bewohner ländlicher Gebiete können sich nicht einmal mehr eine einfache Extraktion oder Füllung leisten. Die rumänische Bevölkerung steht in der Rangliste der Zahngesundheit in Europa an letzter Stelle.

Vergangene Woche nahmen Angestellte aus den Gesundheitsdiensten an Streiks und Protesten teil. Damit brachten sie die immer dramatischere Situation, in die sie die politische Klasse hineingeritten hat, mit verbitterten Parolen und Sprüchen an die Öffentlichkeit. Bald werden sich die Kürzungsmaßnahmen der Boc-Regierung auswirken, und sie werden für die Beschäftigten und für die ganze rumänische Bevölkerung katastrophale Folgen haben.

Die Gleichgültigkeit der Politiker und der Regierungen der letzten zwanzig Jahre haben das rumänische Gesundheitssystem an den Rand des Bankrotts gebracht. Die Bevölkerung leidet am meisten darunter, denn sie muss für einen Gesundheitsdienst, den es gar nicht gibt oder der äußerst mangelhaft ist, eine Menge bezahlen.

Siehe auch:
Gewerkschaften in Rumänien entschärfen Streik im Öffentlichen Dienst
(9. Juni 2010)