DIW-Studie zeigt wachsende soziale Spaltung

Von Dietmar Henning
12. November 2010

Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland tiefer gespalten denn je. Aber die grundlegende Spaltung verläuft nicht mehr zwischen Ost und West, sondern zwischen Arm und Reich. Die niedrigen Einkommen sind in den letzten Jahren im Osten wie im Westen gesunken. Besonders die Jüngeren haben es schwer, Beruf und Auskommen zu finden. Millionen leben in Armut.

Das geht aus einer Studie hervor, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vergangene Woche veröffentlicht hat. Sie stützt sich auf die bislang einzige Langzeitbefragung von mehr als 20.000 Menschen in Ost- und Westdeutschland.

Die DIW-Studie stellt zwar fest, dass die Durchschnittseinkommen in Ostdeutschland nach wie vor weit hinter jenen des Westens zurückhinken. Nach der Wiedervereinigung waren die ostdeutschen Haushaltseinkommen und Löhne im Vergleich zu denen im Westen zunächst angestiegen. Betrug der Einkommensabstand 1992 noch durchschnittlich 40 Prozent, waren es 1997 nur noch 28 Prozent. Bis 2002 stagnierte dieser Wert, um dann von 26 Prozent (2002) wieder auf 30 Prozent (2007) zu steigen.

Ein Blick auf die Entwicklung der einzelnen Einkommensgruppen ergibt aber ein differenzierteres Bild. Die Unterschiede sind umso größer, je höher man in der Einkommenstabelle steigt. Während Spitzenverdiener im Osten nach wie vor geringer vertreten sind, was das Durchschnittseinkommen am oberen Ende der Skala entsprechend senkt, sind die niedrigsten Einkommen weitgehend gleich. Der Grund ist die Herausbildung eines riesigen Niedriglohnsektors auch im Westen.

Laut DIW-Studie war das Einkommen der Westdeutschen 2007 am oberen Ende der Einkommensskala (neuntes Dezil) um 37 Prozent höher als die vergleichbaren Einkommen in Ostdeutschland. In der Mitte (fünftes Dezil) waren sie um 28 Prozent höher. Am unteren Ende der Skala waren die Einkommen gleich.

Die nach wie vor bestehenden Ost-West-Unterschiede entpuppen sich damit als soziales Problem. Die Lage in den neuen Bundesländern unterscheidet sich nicht wesentlich von jener in strukturschwachen Regionen in Norddeutschland oder im Ruhrgebiet, die nach der Zerstörung der Werft- und Montanindustrie zu Armenhäusern geworden sind.

1992 hatten die Einkommen der ärmsten zehn Prozent in Ostdeutschland noch 19 Prozent über jenen der Vergleichsgruppe in Westdeutschland gelegen, was die Forscher auf die weite Verbreitung von Teilzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung in Westdeutschland zurückführen. Dieser Unterschied ist aber inzwischen verschwunden. 1992 lag das Durchschnittseinkommen des ärmsten Zehntels im Osten bei 6.640 Euro und im Westen bei 5.571 Euro im Jahr. Heute sind es in Ost und West 7.629 Euro.

Ein wesentlicher Grund ist die hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland. Vor allem Frauen, die in der DDR meist Vollzeit gearbeitet hatten, haben ihre Arbeitsplätze verloren. Die Niedriglohnquote hat im Osten zwar deutlich abgenommen, allerdings ausgehend von einem sehr hohen Niveau. Sie ist seit 1992 von 60 Prozent auf ein Drittel gesunken. Zu den Niedrigverdienern zählt, wer weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens (Medians) erhält.

In Westdeutschland hat die Niedriglohnquote während des Beobachtungszeitraums dagegen stark zugenommen. Rund ein Viertel ist dort inzwischen im Niedriglohnsektor beschäftigt. Ein Grund ist die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit, die sich derjenigen im Osten weitgehend angenähert hat. Dass ein Gehalt eine Familie ernähren kann, ist eher Ausnahme als Regel geworden. Frauen sind überdurchschnittlich von Niedriglohnarbeit betroffen, im Osten und Westen beträgt die Quote rund 41 Prozent.

„Insgesamt hat sich die ostdeutsche Erwerbsbevölkerung inzwischen in den westlich geprägten Arbeitsmarkt integriert, allerdings mit höheren Risiken bezüglich Arbeitslosigkeit und niedrigeren Löhnen“, resümieren die Forscher kühl.

Der Ausbau des Niedriglohnsektors war vor zehn Jahren von der SPD-Grünen-Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) forciert worden.

Geradezu dramatische Auswirkungen hat diese Politik auf die junge Generation – und zwar im Osten wie im Westen. Das Einkommen der Berufseinsteiger sinkt in ganz Deutschland immer mehr ab. „Dies kann nicht mehr darauf zurückgeführt werden, dass Menschen früher aus dem Elternhaus ausziehen oder längere Ausbildungszeiten haben“, sagt Forscher Jan Goebel. „Der Rückgang an Normalarbeitsverhältnissen trifft besonders die Generation der Berufseinsteiger.“

Es verwundert daher nicht, dass vor allem die jüngeren Jahrgänge mit ihrem Gehalt unzufrieden sind. Laut DIW driftet insbesondere in Ostdeutschland die Zufriedenheit mit dem Einkommen zwischen Jüngeren und Älteren auseinander.

„Die ostdeutschen Senioren von heute haben ihre langen Erwerbszeiten aus DDR-Zeiten angerechnet bekommen und zeigen sich mit ihren Einkommen genauso zufrieden wie die Senioren in Westdeutschland“, schreiben die Autoren der Studie. (Sie hätten hinzufügen können, dass sich dies in den nächsten zwei Jahrzehnten wandeln wird. Eine Studie, die das DIW im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung erstellt und Mitte März vorgestellt hat, prognostiziert Armutsrenten von 500 bis 600 Euro monatlich für die jetzigen Arbeitslosen und Niedriglöhner.)

Insgesamt ist die „Lebenszufriedenheit“ der Ostdeutschen der Studie zufolge in den Jahren nach der Wiedervereinigung stark angewachsen, auch wenn die Umfrageergebnisse niemals so hohe Werte wie in Westdeutschland erreichten. Heute seien Menschen im erwerbsfähigen Alter am unzufriedensten – im Osten noch stärker als im Westen. Im Zuge der Wirtschaftskrise sei die Unzufriedenheit der Bevölkerung in diesem Alter ab 2008 in beiden Landesteilen nochmals angewachsen. Unterschiede zwischen Ost und West seien da nicht mehr zu konstatieren.

Die schlechteren Lebens- und Arbeitsbedingungen in Ostdeutschland – hohe Arbeitslosigkeit und weit verbreitete Niedriglohnarbeit – haben auch zu einer starken Abwanderung geführt. Während die Bevölkerungszahl im Westen Deutschlands im Zeitraum von 20 Jahren von 63 auf 67 Millionen Menschen anwuchs, sank sie im Osten des Landes von 16 auf 14 Millionen. Die Forscher machen dafür den „dramatischen Einbruch der Geburtenzahl in den neuen Bundesländern“ verantwortlich. Viele ziehen aber auch von Ost nach West, der Arbeitsplätze und Löhne wegen.

Fasst man die Zahlen der DIW-Studie zusammen, so ergibt sich folgendes Bild: Die Niedriglöhne in Ostdeutschland sind benutzt worden, um auch die Löhne in Westdeutschland zu drücken. Der Niedriglohnsektor hat sich in Ost wie West ausgebreitet. Profitiert haben die oberen Einkommen, im Westen noch mehr als im Osten. Verantwortlich dafür ist auch die Tarifpolitik der Gewerkschaften, die bis heute niedrigere Tarife für den Osten abschließen.

Die Politik der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD), insbesondere die Hartz-Gesetze, hat den Verfall von Löhnen und Einkommen zusätzlich beschleunigt.

Die Studie zieht das Fazit: „Mit dem Nachrücken der nach der Vereinigung Geborenen ins Erwachsenenalter werden pauschale Ost-West-Unterschiede verschwinden“. „Benachteiligungen“ würden sich zunehmend lokal und regional konzentrieren. Sowohl in West- wie in Ostdeutschland werde es „Wohlstandsinseln“ geben“ – inmitten eines Meers von Armut, muss man hinzufügen.