Rede von WSWS-Kulturredakteur David Walsh

Der Streik des Detroiter Symphonieorchesters und die Verteidigung der Kultur in den USA

Von David Walsh
24. November 2010

Diese Rede wurde am 15. November von WSWS-Kulturredakteur David Walsh auf einer öffentlichen Versammlung in Ann Arbor, Michigan, gehalten. Eingeladen hatten die ISSE und SEP (USA), und Thema waren die gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen des Streiks der Musiker des Detroit Symphony Orchestra (DSO).

David Walsh David Walsh

Der Streik von Mitgliedern des Detroit Symphony Orchestra, der am 4. Oktober begann, ist ein bedeutendes Ereignis. Die unmittelbaren Umstände des Konflikts sind wichtig, und wir werden uns damit beschäftigen, aber heute Abend vollen wir in erster Linie die breiteren gesellschaftlichen und historischen Dimension des Streiks betrachten.

An erster Stelle steht für uns die Verteidigung der Kultur gegen den gegenwärtigen Angriff von staatlicher Seite. Das Management von DSO verlangt massive Kürzungen. Wenn sie wirksam werden sollten, würden sie den Grundlohn der Musiker unter den von 1975 senken (unter Berücksichtigung der Inflation). Dies entlarvt die wirkliche Haltung der amerikanischen herrschenden Elite. Wenn sich das Management durchsetzt, dann wird das DSO als eines der großen Orchester zerstört. Das wäre ein Schlag gegen das kulturelle Leben in dieser Region und in diesem Land.

Der Widerstand der DSO-Musiker ist auf der anderen Seite Bestandteil der wachsenden Opposition breiter Schichten der arbeitenden Bevölkerung, zu der auch hochqualifizierte Beschäftigte gehören, gegen den Versuch, sie für die historische Krise dieses Systems bezahlen zu lassen. Billionen wurden den Banken in den letzten Jahren in den Rachen geworfen, Dutzende Milliarden wurden für neokoloniale Kriege verpulvert, aber jetzt heißt es: „Es ist kein Geld da“ – für Gesundheit, Bildung und die soziale Infrastruktur, oder gar für Kultur und Kunst. Natürlich ist die Gesellschaft reich genug, aber das Geld wird von einer Handvoll von Leuten monopolisiert.

Musiker auf Streikposten vor der Orchestra Hall in Detroit Musiker auf Streikposten vor der Orchestra Hall in Detroit

Außerdem sollten die Dimensionen des Angriffs auf die Detroiter Musiker und die heikle Lage, in der sie sich jetzt befinden, einiges Licht auf ihre objektive soziale Position werfen. Die DSO-Musiker lernen heute eine harte, aber wertvolle Lehre: Sie sitzen im gleichen Boot mit Millionen von Auto- und anderen Industriearbeitern, Beschäftigten der Luftfahrtindustrie, Lehrern, Staatsangestellten und anderen, deren Löhne, Renten- und Gesundheitsversicherung gekürzt oder abgeschafft werden, und deren Arbeitsbedingungen sich verschlechtern.

Der Angriff auf das DSO findet im spezifischen Zusammenhang einer landesweiten Krise kultureller Institutionen aller Art statt. Die Bildung wird auf allen Ebenen des Staates angegriffen. Unzähligen Bibliotheken drohen Kürzungen, Schließung oder Privatisierung. Bis Oktober 2009 mussten schon ein Drittel der Museumsdirektoren und Tausende Museumsangestellte Lohnkürzungen hinnehmen.

Im letzten Monat berichtete die WSWS: 31 staatliche Kunstagenturen gehen davon aus, dass ihre Finanzierung 2011 zurückgehen wird. Die Haushaltsansätze für die Künste sind in den letzten zehn Jahren um 34,7 Prozent gesunken. Unter Berücksichtigung der Inflation beträgt der Rückgang sogar gut 45 Prozent.

Die gesamte finanzielle Unterstützung der Bundesregierung für etwa 100.000 nicht Profit orientierte künstlerische Gruppen durch die Nationale Kunststiftung (NEA) belief sich im Haushaltsjahr 2010 auf 167,5 Millionen Dollar (ungefähr gleich viel verschlingen zwanzig Stunden Afghanistankrieg). 1978 betrug das Budget der NEA 123 Millionen Dollar, oder 427 Dollar nach heutiger Kaufkraft. Nach Abzug der Inflation gab es also 2010 einen Rückgang um 61 Prozent gegenüber 1978. 2009 hatten zwei Drittel der Kunstorganisationen nur noch Geld für weniger als drei Monate.

Dies sind katastrophale Zahlen, und es ist keine Besserung in Aussicht – ganz im Gegenteil.

Mit den Zahlen für die NEA im Kopf, schauen wir uns doch einmal den Bundeshaushalt von 2010 an, der einen Umfang von 3,55 Billionen Dollar hat. Einige Haushaltsposten sind:

* 663,7 Mrd. Dollar für das Verteidigungsministerium (mit den Ausgaben für den “globalen Krieg gegen den Terror”),

* 52,5 Mrd. Dollar für das Ministerium für die Veteranen.

* 42,7 Mrd. Dollar für das Heimatschutzministerium.

Das sind schon 758,9 Mrd. Dollar für den Militär- und Geheimdienstapparat. (Es ist allgemeine Einschätzung, dass die Hälfte aller Steuereinnahmen für vergangene, aktuelle oder zukünftige Kriege ausgegeben wird).

Wenn ich richtig gerechnet habe, beträgt das NEA-Budget mit seinen 167,5 Millionen Dollar gerade mal 0,0002 Prozent oder zwei Zehntausendstel des Budgets für Militär und Geheimdienste. Ich glaube, das ist eine recht passende Zusammenfassung der Haltung der offiziellen amerikanischen Gesellschaft zum künstlerischen Leben. Es ist das schändliche Symptom einer verrotteten, überlebten gesellschaftlichen Ordnung. Außerdem fordert der rechte Flügel der Republikaner immer wieder, die NEA ganz abzuschaffen. Jedenfalls ist die NEA als Folge der Kontroversen der letzten zwei Jahrzehnte schon jetzt eine kastrierte Agentur. Ihre Leiter zittern vor allem vor den Angriffen der Rechten.

Für symphonische Orchester ist die Lage vielfach düster. Anfang des Jahres drohte dem Philadelphia Symphony die Insolvenz. Die New Yorker Philharmonie weist von der letzten Spielzeit noch ein Defizit von 4,6 Millionen Dollar aus, und für 2010 wird eine Unterfinanzierung in gleicher Größenordnung erwartet.

Im Januar traten die Musiker der Cleveland Symphony in einen eintägigen Streik gegen eine fünfprozentige Lohnsenkung. Der Abschluss fror die Löhne schließlich für zwei Jahre ein und gewährte für das dritte Jahr eine geringfügige Erhöhung. Die Musiker des Seattle Symphony schließlich akzeptierten Anfang 2010 eine fünfprozentige Lohnsenkung bis August. Zusätzlich stimmten die Musiker in Seattle zu, pro Person 2.010 Dollar für das Orchester zu spenden. Die Honolulu Symphony ging im November 2009 bankrott.

Lohnsenkungen hat es auch bei den Symphonieorchestern von Phoenix, Houston, Cincinnati, Indianapolis, Milwaukee, Baltimore, Atlanta, Virginia, North Carolina und Utah und in weiteren Städten und Staaten gegeben. Wenn die enormen Kürzungen in Detroit durchgesetzt werden, dann wird das zum Einfallstor für ähnliche Forderungen von Orchesterleitungen überall in den USA.

Die Internationale Konferenz von Symphonie- und Opernmusikern (ICSOM) dokumentiert einige der Kürzungen. In einem ihrer letzten Newsletter heißt es, dass „Orchester im ganzen Land genötigt werden, während der Laufzeit von Tarifverträgen Kürzungen hinzunehmen“. Die ICSOM nennt das Schicksal von Musikern in Detroit, Florida, Fort Worth und Honolulu als Beispiel und fährt fort:

“Es geht um viel mehr als nur um Gehälter, als ob das nicht schon genug wäre. Jüngste Vorstellungen von Managements beinhalten auch die Abschaffung der Betriebszugehörigkeitsregelungen, das Einfrieren der Renten, die Weigerung, die Gelder für elektronische Mediendienste zu bezahlen, den Versuch, die Beiträge für die Krankenversicherung stark zu kürzen und unsere Arbeitsplatzbeschreibung als Orchestermusiker zu verändern. Manager wollen uns Leistungswandlung und Leistungsaustausch als das Beste für die Lösung aller Probleme der Orchester seit der Erfindung des Schnittbrots verkaufen.“

“Leistungswandlung” und “Leistungsaustausch” bedeutet, dass Musiker mehr Arbeit für das gleiche Geld leisten sollen, entweder Unterricht erteilen, in kleinen Gruppen für Schulen oder Organisationen spielen, oder sogar berufsfremde Arbeiten erledigen. Es ist im Grunde ein Billiglohnprogramm.

In den Augen der „gesellschaftlichen Oberschicht“ sind professionelle Musiker, genau wie Autoarbeiter, lediglich Diener, ersetzbar und entsorgbar, die in Übereinstimmung mit den unmittelbaren wirtschaftlichen Umständen der Reichen entlohnt und behandelt werden. Das ist die wirkliche Lage, das tatsächliche Kräfteverhältnis, und es hilft, wenn man sich darüber im Klaren ist. Die DSO-Musiker haben völlig Recht, wenn sie über ihre Behandlung empört sind, aber deren eigentliche Ursache ist nicht das gegenwärtige Management des DSO, auch wenn sich das in der aktuellen Lage sehr kläglich verhalten hat. Das gesamte Gewicht des wirtschaftlichen, medialen und politischen Establishments ist auf der Seite des DSO und gegen die Musiker. Dies ist ein gesellschaftlicher Konflikt, ein Konflikt entgegengesetzter gesellschaftlicher, künstlerischer, intellektueller und, wenn man so will, moralischer Interessen.

DSO Präsidentin Ann Parsons DSO Präsidentin Ann Parsons

Ich hatte das Pech, die Präsidentin des DSO auf einer Pressekonferenz in der ersten Woche des Streiks Anfang Oktober zu erleben, als sie die Geschichte des Defizits zu erklären versuchte. Parsons berichtete, dass diverse Berater, z.B. von der Ford Foundation und von den Gläubigern des Orchesters, und zahlreiche Bankenexperten beim DSO eingefallen seien. Sie kamen gemeinsam zu dem Schluss, die Finanzlage des Orchesters sei „unhaltbar“, und eine grundlegende Restrukturierung sei unvermeidlich. Parsons erklärte: „Die Banken waren 2009 unzufrieden,… weil die Veränderungen nicht schnell genug gingen.“ Alle Berater hätten „eine drastische Kostenreduzierung des Orchesters“ verlangt. Die Banken behandeln das DSO, wie sie Griechenland oder Irland behandeln.

Das Detroiter Symphonieorchester gilt als eines der führenden in den USA. Eine Rangliste der künstlerischen Gesamtleistung sieht das DSO an sechster Stelle, was die Qualität seiner Aufführungen seit 2004 angeht. Ich muss zugeben, dass ich nicht in der Lage bin, das zu beurteilen. Jedenfalls ist es das viertälteste Symphonieorchester der USA. Es wurde 1914 gegründet, und 2009-2010 zahlte das DSO die zehntbesten Grundgehälter.

Wir kommentierten Parsons Pressekonferenz damals so, dass es durchaus keine Überraschung sei, dass die Banken und andere Institutionen des Establishments sich dafür aussprachen, die Probleme des DSO auf Kosten seiner Beschäftigten und Musiker zu lösen.

Wie der Oboist des DSO, Shelley Heron, auf seiner Web Site erklärt, hat das Orchester Ende 2008 unter der Mitarbeit von Musikern und dem Musikalischen Direktor Leonard Slatkin einen strategischen Plan ausgearbeitet, dessen Erarbeitung drei Jahre dauerte. Aber die Wirtschaftskatastrophe vom September 2008 veränderte die Landschaft gründlich.

Im Juni 2009 fand eine Aufsichtsratssitzung des DSO statt, die Heron als “schicksalhaft” bezeichnete. „Auf diesem Treffen legten Michael Walsh, Jesse Rosen (League of American Orchestras) und andere unserem Aufsichtsrat eine Präsentation vor, die die Notwendigkeit betonte, das Orchester im Nachgang des wirtschaftlichen Abschwungs neu zu definieren. Sie argumentierten, es könne kein Stein auf dem anderen gelassen werden, und alles müsse auf den Tisch. Es sei für die Musiker vielleicht nicht leicht, das alles zu akzeptieren, aber es werde ’ein großes Abenteuer’ sein.“ Nach der Präsentation meinte die DSO Präsidentin Anne Parsons: „Wir müssen eine Diskussion führen und einen Plan erarbeiten.“

Die League of American Orchestras ist eine Managementvereinigung, die im Namen von “Innovation” in den ganzen USA Kürzungen bei Löhnen und Sozialleistungen durchdrücken will. Michael Walsh, ein ehemaliger Musikkritiker des Magazins Time und Mitarbeiter der National Review, ist ein rechter Fanatiker, wütender Antikommunist und unversöhnlicher Feind der Arbeiterklasse und des sozialen Fortschritts. Er verkehrt in Kreisen, für die Barack Obama ein Marxist ist. Dass sich die DSO-Leitung an solche Leute um Rat wandte, gibt einen Einblick in ihre eigene ideologische und praktische Richtung.

Walshs Äußerung auf dem Aufsichtsratstreffen im Juni 2009, es müsse “alles auf den Tisch”, muss als Warnung verstanden werden. Es ist eine Drohung.

In einer programmatischen Rede auf der nationalen Konferenz der League of American Orchestras im Juni 2010 benutzte Ben Cameron von der Doris Duke Charitable Foundation den gleichen Begriff, nachdem er diverse Kostensenkungsmaßnahmen und andere „innovative Programme“ vorgestellt hatte. „Das sind kühne Schritte – aber sie sind erst der Anfang. Alles muss jetzt auf den Tisch – Programmgestaltung, Mission, Konzertstruktur, das Geschäftsmodell selbst.“ - Hoffen wir, dass es nicht der Leichentisch ist!

Als ich weiter oben argumentierte, dass die DSO-Musiker nicht anders behandelt werden als die übrige arbeitende Bevölkerung, da wollte ich nicht das Können der DSO-Spieler kleinreden oder herabsetzen. Im Gegenteil, als Ergebnis des Streiks habe ich dieses Können noch mehr zu würdigen gelernt, und damit stehe ich wohl nicht allein.

Wir haben DSO-Musiker interviewt, die den anspruchsvollen Prozess erklärt haben, durch den führende Orchester ihre Mitglieder auswählen. Sie haben die enormen Anstrengungen und Opfer betont, die es erfordert, dieses hohe Niveau zu halten. Auf der Web Site der streikenden Musiker hat der Trompeter Bill Lucas eine dreiteilige Serie über dieses Thema verfasst.

Ich will nur eine Passage zitieren, die einen Aspekt des Auswahlprozesses beleuchtet. Lucas erläutert, dass ein Kandidat, der sich um eine freie Stelle bei einem Orchester bewirbt, eine Liste „mit Auszügen von großen symphonischen Werken erhält, die technische und künstlerische Probleme stellen, die ein Musiker meistern muss. Sie müssen diesen Stücken, die die meisten sterblichen Musiker schwierig bis unmöglich finden, edlen, ursprünglichen musikalischen Ausdruck geben.

Eine Liste kann zwanzig, dreißig oder mehr symphonische Werke umfassen, aus denen zahlreiche Passagen ausgewählt sein können. Testlisten sind in der Regel so umfangreich, dass es logistisch praktisch unmöglich ist, sie in mehreren Stunden auch nur einmal durchzuspielen, das dauert eher Tage. Als wenn das nicht genug wäre, muss ein Kandidat bei einer Prüfung damit rechnen, irgendein Musikstück spontan vom Blatt abspielen zu müssen. Und es wird erwartet, dass er es so perfekt spielt, als habe er es monatelang geübt. Sie können daran erkennen, dass selbst ein erfahrener Profi, der so gut wie alles über Musik weiß, buchstäblich Monate braucht, um an so einer Prüfungsliste zu feilen, sie zu polieren und zu perfektionieren.“

Lucas erklärt auch die Kosten und die Zeit, die es erfordert, sich um eine solche Position zu bewerben, die Gründe, warum Musiker darum kämpfen, in den besten Ensembles zu spielen, und die Bedingungen, unter denen diese Ensembles schlechter werden und einen Niedergang erleben können. Ein solches Orchester ist offensichtlich ein sensibler Organismus, der auf wirtschaftlichen und psychologischen Druck reagiert. Das DSO-Managment ist – mit Hilfe der Banken und Konzerne und mit der berühmten Sensibilität der amerikanischen herrschenden Klasse – über das Orchester sozusagen mit der Kettensäge hergefallen, und bezeichnet das noch als „großes Abenteuer“. Nur die Musiker und ihre Sympathisanten stehen ihnen im Weg.

Das Können und die Erfahrung der Musiker sind eine kulturelle Errungenschaft. Der Rückgang des Publikums für klassische Musik ist eine Anklage gegen die amerikanische Gesellschaft, die keine ernsthafte - und oftmals gar keine – Bildung in Kunst und Kultur vermittelt, und keine Anklage gegen die Bevölkerung. Wir wollen nicht die klassische Musik „privilegieren“. Alle ernsthaften künstlerischen Anstrengungen sollten staatlich finanziert und unterstützt werden. Es sollte der Bevölkerung überlassen werden, zu wählen, was ihr gefällt.

Wir haben schon bei früherer Gelegenheit argumentiert, dass Musik und Kunst dazu beitragen, unsere Empfindsamkeit gegenüber der Lage der Menschen und unser eigenes psychologisches und, letztlich, gesellschaftliches Verständnis zu erweitern. Die Beschäftigung mit der Kunst fördert zwangsläufig Selbsterkenntnis, Offenheit gegenüber andern und Ernsthaftigkeit. Die Begegnung mit einem tiefen Werk bereichert unvermeidlich die Persönlichkeit und richtet die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen und komplexen Fragen des Lebens.

Als Sozialisten kämpfen wir dafür, alles zu verteidigen, was wertvoll ist am gesamten kulturellen Erbe – materieller oder geistiger Art. Das ist eine wesentliche Grundlage für die Veränderung der Gesellschaft und die Erneuerung des Lebens auf solidarischer Grundlage.

Vielleicht überrascht es einige DSO-Musiker, dass eine sozialistische Web Site diese Fragen so ernst nimmt. Das sollte sie nicht überraschen. Eine solche Überraschung wäre nur Ausdruck davon, wie sehr diverse politische Betrüger, darunter der Stalinismus und zahlreiche antiintellektuelle „radikale“ Bewegungen, den Namen des Sozialismus usurpiert und beschmutzt haben. Die große polnisch-deutsche Revolutionärin Rosa Luxemburg erklärte einst: „Der Sozialismus ist keine Brot-und-Butter-Frage, sondern eine kulturelle Bewegung, eine große und stolze Weltideologie.“

Die Angriffe auf das DSO sollten den Musikern und der Bevölkerung insgesamt bestimmte Wahrheiten über den Wert klarmachen, den die Mächtigen in diesem Land Kunst und Kultur beimessen. Wenn diese Realität wirklich verstanden und absorbiert wird, dann kann das zum Ausgangspunkt einer Entwicklung im Denken und in der Haltung der Musiker und anderer Künstler und Fachleute werden.

Diese Frage möchte ich heute Abend wirklich ins Zentrum stellen: wie wichtig es ist, dass der sozial engagierte Künstler, der politisch motivierte Künstler, wieder in Erscheinung tritt. Man hat diese Begriffe missbraucht, und sie können falsch verstanden werden. Wir verstehen darunter nicht etwa Menschen, die als „Aktivisten“ im billigsten Wortsinn von einem Protest zum andern rennen. Wir wollen auch nicht jenen Intellektuellentypus wiederbeleben, der sich damals im Dunstkreis der stalinistischen Kommunistischen Parteien bewegte, als diese noch „in“ waren: Die Artikel dieser „Freunde“ der Sowjetunion wurden publiziert und ihre Reisen wurden finanziert, und ihre Lobhudeleien für den „real existierenden Sozialismus“ im stalinistischen Block Osteuropas und der Sowjetunion brachten ihnen nicht wenige Privilegien und Vorteile ein.

Wir meinen etwas völlig anderes. Der Künstler oder Intellektuelle, den wir vor Augen haben, nimmt sich die Verbesserung der Lage der Menschheit zum Ziel und setzt sich mit ganzer Kraft dafür ein. Er ist kein Freund des Establishments: Er ist bereit, es mit den Fallstricken und Verführungen unanständigen Reichtums aufzunehmen, selbst wenn er aus dem hellen Rampenlicht verbannt wird, weil er der künstlerischen und sozialen Wahrheit die Treue hält. Seine Gedanken gehen tiefer, und er lotet die Tiefe in Worten, Tönen oder Farben aus. Er ist die wahre künstlerische Persönlichkeit. Ein solcher Mensch widersetzt sich unweigerlich der vorherrschenden Ordnung, ihrer Grausamkeit und Ausbeutung, und in sein Werk fließt der Protest gegen die etablierten Bedingungen als wesentlicher Bestandteil ein.

Solche Menschen sind in letzter Zeit selten, aber wir sind zuversichtlich, dass es sie wieder geben wird. Die Situation verlangt dringend nach ihnen, und eine bestimmte Künstlerschicht, dessen sind wir gewiss, wird darauf reagieren. Wir können so sicher sein, weil wir wissen, dass es früher so war. Die Stimmen der Künstler werden sich klar und deutlich wieder Gehör verschaffen.

Betrachtet die heutige Gesellschaft, die ihre eigene kulturelle und pädagogische Infrastruktur rücksichtslos zerstört... Wie weit sind wir von den späten 1950er, den frühen 1960er Jahren entfernt! Natürlich gab es in den Vereinigten Staaten niemals eine Finanzierung der Künste durch die Regierung, wie jene in Europa, obwohl es auch dort inzwischen Kürzungen gibt. Das Schicksal der Künste und der Künstler war in den USA auf gefährliche Weise mit dem Schicksal amerikanischer Philantropen, Unternehmer und dem Wohlergehen des US-Kapitalismus als Ganzes verknüpft. Das hat sich als katastrophal erwiesen.

Leonard Bernstein 1971 Leonard Bernstein 1971

Dennoch wurden vor einem halben Jahrhundert in diesem Land künstlerische Projekte sehr viel stärker öffentlich unterstützt und anerkannt. Die Person des Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein ist das beste Beispiel dafür, und ich denke, es lohnt sich, kurz auf seine Entwicklung einzugehen. Für meine Generation war Bernstein die überragende Persönlichkeit des amerikanischen Musiklebens schlechthin.

Einige Fakten aus seinem Leben:

* Bernstein besuchte die Harvard Universität. Vor seiner Graduierung dirigierte er 1939 eine Aufführung von Marc Blitzsteins linker Musical-Oper „The Cradle Will Rock“.

* 1943 hatte er als zweiter Dirigent der New York Philharmonie sein erstes unbefristetes Engagement.

* Bernstein war ein Befürworter zeitgenössischer Musik und förderte insbesondere Aaron Copland. Die zwei blieben ein Leben lang eng befreundet.

* Von 1958 bis 1969 arbeitete er als Musikdirektor des New York Philharmonic Orchestra. Bernstein leitete Orchesteraufführungen und Plattenaufnahmen auf der ganzen Welt.

* Er komponierte die Filmmusik für den preisgekrönten Film “On the Waterfront” (1954) und die Bühnenmusik für zwei Theaterstücke am Broadway: „Peter Pan“ (1950) und „The Lark“ (1955).

Bernstein trug viel zur Musikszene am Broadway bei. Er beteiligte sich an „On The Town“ (1944) und „Wonderful Town“ (1953). In Zusammenarbeit mit Richard Wilbur, Lillian Hellman und andern schrieb er „Candide“ (1956). 1957 wirkte er an dem weltbekannten Musical „West Side Story“ mit.

Besonders beliebt war Bernstein bei sehr vielen Amerikanern wegen seiner dreiundfünfzig Young People’s Concerts, die von 1958 bis 1972 von CBS im Fernsehen übertragen wurden. Damit erreichte er in der Konzerthalle ein Auditorium von mehreren Tausend Zuschauern und weiteren vier Millionen über das Fernsehen. Er war in der Lage, die Musik großer Klassiker, aber auch Jazz und andere Musikrichtungen leicht verständlich, jedoch nie allzu simpel zu erläutern. Drei Jahre lang waren die Konzerte so populär, dass sie zur besten Sendezeit, um halb acht Uhr abends gebracht wurden, was man sich in der heutigen Zeit nicht vorstellen könnte.

Eine Aufzählung der Konzerttitel mag einen Eindruck vermitteln:

Berlioz geht auf Reisen

Geburtstagsgruß für Shostakovich

Fidelio: Eine Ode an das Leben

Folk-Musik in der Konzerthalle

Happy Birthday, Igor Stravinsky

Humor in der Musik

Jazz in der Konzerthalle

Der lateinamerikanische Geist

Atome der Musik: Eine Intervallstudie

Quiz-Konzert: Wie musikalisch sind Sie?

Der Klang eines Orchesters

Ein Toast auf Wien

Ein Tribut an Sibelius

Zwei Ballettvögel [Schwanensee und Feuervogel]

Was bedeutet Musik?

Was ist ein Konzert?

Was ist eine Tonart?

Was ist amerikanische Musik?

Was ist klassische Musik?

Was ist Impressionismus?

Was ist eine Melodie?

Was ist Orchestrierung?

Was ist eine Sonatenform?

Was macht symphonische Musik aus?

Wer ist Gustav Mahler?

Wie schon gesagt, wohnten Millionen Menschen diesen Darbietungen bei, die lebendig und amüsant, aber auch lehrreich waren. Viele der Skripte sind im Internet zu finden. Hier ein Auszug aus dem ersten Programm, das im Januar 1958 gesendet wurde: „Was bedeutet Musik?“

“Und das Schönste von allem, Musik kann grenzenlos viele verschiedene Gefühle in dir auslösen. Und einige Gefühle sind so besonders und so tief, dass sie mit Worten nicht zu fassen sind. Seht ihr, man kann das, was man fühlt, nicht immer beim Namen nennen. Manchmal geht’s, und wir können sagen: Wir fühlen Freude, oder Vergnügen, Friedlichkeit, was es auch sei, Liebe, Hass. Aber hin und wieder haben wir so tiefe und besondere Gefühle, dass wir keine Worte für sie haben, und genau dann ist Musik so wunderbar. Denn die Musik nennt sie für uns beim Namen, nur in Noten statt in Worten. Durch die Art und Weise, wie Musik bewegt – wir dürfen nie vergessen, dass Musik Bewegung ist, sie geht immer wohin, wandelt und verändert sich, und fließt von Note zu Note, und diese Bewegung kann uns mehr über die Art unserer Gefühle sagen als eine Million Wörter.“

Hier zeigt sich ein ungewöhnliches Ausmaß an Empfindsamkeit und Menschlichkeit. Und die Menschen reagierten darauf, es berührte Kinder wie Erwachsene. Was machte ein so populäres und tiefes Werk möglich?

Halten wir einen Moment inne: Alles in allem haben große Künstler eine stark demokratische Tendenz und sind sich der Bedeutung ihres Werks im Leben einer Bevölkerung, eines Landes bewusst. Im zwanzigsten Jahrhundert übten die sozialistische Bewegung und besonders die russische Revolution einen großen Einfluss auf Leben und Gedanken zahlloser Künstler aus. Kapitalismus war nach Ansicht der besten Köpfe gleichbedeutend mit Krieg, Faschismus und Depression.

Amerika soll angeblich gegen den Sozialismus immun sein, aber auch hier zeigten viele Künstler die gleiche Reaktion. Die größten Schriftsteller der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, Dreiser, Fitzgerald, Hemingway, Richard Wright und andere verstanden sich als Sozialisten. Das traf auch auf viele Künstler der Visual Arts zu sowie auf zahllose Hollywood- und Bühnenschauspieler und Vertreter der populären Musik.

Nicht anders verhielt es sich bei vielen großen Musikern. Aaron Coplan war ein Linker, genauso wie Samuel Barber. George Gershwin bewies mit der Produktion von Porgy and Bess äußerste demokratische Sensibilität. Gegen Ende seines Lebens bewegte er sich in linken Kreisen, nahm an zahlreichen Anti-Nazi Kundgebungen teil und engagierte sich für die Sache der Arbeiter. Senator Joseph McCarthy erklärte Gershwins Musik 1953, Jahre nach seinem Tod, für „subversiv“.

In Leonard Bernsteins Leben spielten sein linkes Engagement und seine Überzeugung eine große Rolle. Vieles fand im Verborgenen statt oder war unbekannt. Letztes Jahr erschien ein wertvolles Buch, das die Fakten klarstellt: Leonhard Bernstein: Das politische Leben eines amerikanischen Musikers, von Barry Seldes. (Die WSWS wird in Kürze eine Besprechung des Werks veröffentlichen.)

Bernstein wurde 1918 geboren, und wie viele andere Künstler seiner Generation wurde er von den traumatischen Ereignissen der 1930er Jahre radikalisiert: von den verheerenden Folgen der Großen Depression und der Machtübernahme Hitlers in Deutschland. Künstler wie Bernstein sahen die UdSSR als Bollwerk gegen faschistische Barbarei. Leider war die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren schon eine stalinisierte Organisation. Sie leitete die gesellschaftliche Opposition dieser Intellektuellen, die sich in ihrem Umfeld bewegten, in die Irre und machte sie zu Anhängern von Franklin D. Roosevelt und dem New Deal.

Bernstein betrachtete sich selbst als Mann der politischen Linken. Schon 1939 hatte er an seinen Klavierlehrer geschrieben, er stehe „stark auf der Seite des ’Proletariats’“. Ungefähr zu der Zeit, als er in Harvard studierte, geriet er ins Blickfeld des FBI, das eine Akte über ihn anlegte. Er setzte seine linken Tätigkeit im Krieg und in der Nachkriegszeit fort. Ende der 1940er Jahre, mit dem Beginn des Kalten Kriegs und der beginnenden Säuberung der Unterhaltungsindustrie und anderer wichtiger Bereiche von Sozialisten, geriet Bernstein, der zu der Zeit schon ein prominenter Musiker war, verstärkt ins Blickfeld.

Aaron Copland Aaron Copland

Ein Kommentator berichtet: “Hollywood-Schauspieler, -Regisseure und -Drehbuchautoren waren im Kalten Krieg nicht die einzigen Opfer der antikommunistischen Säuberungen in der Unterhaltungsindustrie. Auch Prominente der Musikindustrie wurden ins Visier genommen, wie Leonard Bernstein, Aaron Copland, Lena Horne, Pete Seeger und Artie Shaw, die alle … öffentlich der Sympathie mit dem Kommunismus verdächtigt wurden. So zum Beispiel 1950 in der berüchtigten Publikation Rote Kanäle: Report über den kommunistischen Einfluss in Radio und Fernsehen.

Bernstein wurde über Nacht zu einer Persona non grata. Seine Musik durfte auf einen Befehl Präsident Harry Trumans aus dem Jahre 1950 hin bei gesellschaftlichen Anlässen der amerikanischen Regierung im Ausland nicht mehr gespielt werden. CBS setzte ihn auf die schwarze Liste, d.h. ausgerechnet der Sender, der ihn einem nationalen Publikum als erster bekannt gemacht hatte. Trumans Nachfolger Dwight Eisenhower weigerte sich, bei seiner Amtseinführung im Januar 1953 die Aufführung eines Werks von Bernstein zuzulassen, weil der Komponist linke Anliegen unterstützte.

Bernstein lebte mehrere Jahre in Furcht, vor dem Kongressausschuss der Hexenjäger aussagen zu müssen, wie es Aaron Copland im Mai 1953 widerfuhr. Letztlich waren die Behörden damit zufrieden, Bernstein zu einer erniedrigenden Erklärung zu nötigen, in der er seine Loyalität gegenüber dem amerikanischen Kapitalismus versicherte und jedwede subversiven und unpatriotischen Meinungen von sich wies. Diese Selbsterniedrigung erlaubte es ihm, wieder einen Pass zu bekommen und in den folgenden Jahren wieder tätig zu werden.

So sieht die Geschichte von Kultur und Musik in diesem Land wirklich aus. Sie zeugt von der schlechten Behandlung und Erniedrigung der besten und unabhängigsten Künstler, die bittere Erfahrungen mit Unterdrückung, Zensur und Konformismus machen mussten.

Wer weiß, was Bernstein und andere durchmachen mussten, und wer die damalige Kriminalisierung linker Auffassungen kennt, kann heute unsere Probleme besser verstehen.

Vor fünfzig Jahren war der amerikanische Kapitalismus weltweit die erste Macht, und Regionen wie der industrielle Mittelwesten erfreuten sich hoher Beschäftigung. Der Lebensstandard stieg im Allgemeinen. Trotz der antikommunistischen Säuberungen gab es in den Vereinigten Staaten immer noch ein blühendes und im Großen und Ganzen selbstbewusstes offizielles Kulturleben. Der Einfluss der Linken war nicht einfach verschwunden. Und wenn Politiker, die eine Unterstützung der Künste befürworteten, auch kämpfen mussten, meldeten sie sich doch kühn und lautstark zu Wort.

August Heckscher war in den 1950er und 1960er Jahren ein prominenter Liberaler. Er war der Enkel eines Millionärs und Philanthropen. Er war von 1952 bis 1956 Chefkommentator der New York Herald Tribune, und John F. Kennedy ernannte ihn 1962 zum Koordinator des Weißen Hauses für kulturelle Angelegenheiten. Anschließend diente er der Kennedy-Regierung als Sonderberater in Fragen der Kunst.

Im Kongress sollte Heckscher 1961 bei einer Anhörung über die Gründung einer Nationalen Kunststiftung die Summe nennen, die für die neue Kunstorganisation in den Haushalt eingestellt werden sollte. Die meisten anderen Experten hatten zehn bis 25 Millionen Dollar vorgeschlagen. Heckscher schlug eine Milliarde Dollar vor. Als sich das schallende Gelächter der Abgeordneten wieder gelegt hatte, sagte Heckscher: „Hätte ich für das Pentagon gesprochen, …dann hätte jeder von Ihnen meinen Vorschlag so ernst genommen, wie ich ihn gemeint habe, und es gäbe kein Gelächter.“ Ein aufrüttelnder und bezeichnender Moment, wie ich finde.

Der Dichter Robert Frost trat bei Kennedys Amtseinführung auf. So unwahrscheinlich es vielleicht klingt, prominente Opernsänger, klassische Pianisten sowie Jazz-Größen traten damals regelmäßig in Fernsehshows und abendlichen Talk-Sendungen auf. Auf Bernsteins „Konzerte für junge Leute“ war man stolz, ebenso auf die amerikanische Popmusik und den Jazz. Zum ersten Mal engagierte sich eine Generationen von Arbeiterjugendlichen und die schwarze Jugend in dem historischen Kampf für Bürgerrechte. Sie hatten etwas Freizeit und begannen, das Leben zu genießen, und das begünstigte die Entstehung von Motown und anderer Musikrichtungen.

Wir wollen nicht in Nostalgie schwelgen. Es war sicher kein goldenes Zeitalter. Die Kennedy-Regierung beteiligte sich in jedem Winkel des Globus an Verschwörungen und Militarismus. Es genügt, die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht und die zunehmende Verwicklung von Militär und CIA in Vietnam zu erwähnen. Nichtsdestoweniger war das amerikanische Establishment bereit, ein ernsthaftes kulturelles Leben zu tolerieren und sogar zu fördern.

In den letzten Jahrzehnten erfuhr der amerikanische Kapitalismus einen anhaltenden Niedergang von Wirtschaft und Industrie, und in dieser Zeit verfielen Kultur und intellektuelles Leben, - was diesen Niedergang in gewissem Maße sogar beschleunigte.

In einem Kommentar in der WSWS schrieben wir letzten Monat: “Der amerikanische Kapitalismus im Verfallsstadium hat kein Interesse an künstlerischem Schaffen. Er hat ihm auch keine Unterstützung zu bieten. In ihren Blütezeiten sah die Wirtschaftselite in der Förderung des kulturellen Lebens und der Bildung noch einen gewissen Prestigewert. Heute betrachtet die Aristokratie, die die USA beherrscht, jeden Dollar, der nicht auf ihren Konten landet, als Verschwendung, um nicht zu sagen als Affront. Dem Kulturleben droht in den Vereinigten Staaten ernste Gefahr von Seiten der Vandalen in den Vorstandsetagen und gesetzgebenden Gremien.“

Was tun?

Wie aus dieser Präsentation hervorgeht, sehen wir den Streik des Detroit Symphony Orchestra keineswegs als einen rein gewerkschaftlichen Kampf. Er wirft komplexe gesellschaftliche und politische Fragen auf. Es gibt genügend gesellschaftlichen Reichtum in diesem Land, um das DSO und hunderte andere solche Orchester zu finanzieren. Wenn der Würgegriff, in dem die Finanzaristokratie die amerikanische Gesellschaft hält, gebrochen würde, dann wären noch ganz andere Dinge möglich als die Subventionierung der Detroiter Symphonie.

Unserer Meinung nach ist es deshalb notwendig, den Kampf für Kunst und Kultur auf eine neue Grundlage zu stellen. Mehr als nutzlos wäre es, Druck auf Demokratische Politiker auszuüben oder an den guten Willen von Wirtschaftsführern und Milliardären im Philanthropengewand zu appellieren.

Und natürlich geht es nicht nur um wirtschaftliche Fragen. Kunst ist heute eine Bedrohung für den Status Quo. Die herrschende Elite und ihre Medienlakaien versuchen, das intellektuelle und emotionale Niveau der Bevölkerung absichtlich nach unten zu ziehen. Ein Volk, das empfindsam, wachsam und menschlich ist, ist das Letzte, was sie wollen. Grausamkeit und Gewalt in populärer Musik und in Filmen sind das Produkt einer ideologischen Krise und Sackgasse, aber sie dienen auch dazu, die Bevölkerung an die Brutalität von amerikanischer Hand im In- und Ausland zu gewöhnen. Die Zunahme von Porno-Sadismus in Filmen findet ihre Entsprechung in der tatsächlichen, nicht erfundenen Misshandlung von Häftlingen und Bürgern im Irak und in Afghanistan. Weitere und schlimmere Grausamkeiten stehen zu erwarten.

Kultur auf Gedeih und Verderb den Reichen ausgeliefert, von der Gnade der Konzerne und zweier rechter Parteien abhängig… Die gegenwärtige Lage ist unhaltbar. Die Kunst muss von der Gesellschaft finanziert werden. Das ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Zivilisation. Heute sind wir mit dem Wiederaufleben des aristokratischen Prinzips konfrontiert: Kunst und Bildung hängen – wenn sie überhaupt gewährt werden – vom guten Willen der unverschämt Reichen ab – von einem Bill Gates oder Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Eine abstoßende und erniedrigende Situation.

Zum Abschluss: Die Kunst kann sich nicht selbst retten. Die einzige Art und Weise, wie nach unserer Meinung ein erfolgreicher Kampf für Kunst und Kultur geführt werden kann, ist der sozialistische Kampf gegen den Kapitalismus und die Machteroberung der Arbeiterklasse. Sie wird jede progressive Errungenschaft der menschlichen Kultur verteidigen und entwickeln.

Dutzende Millionen Menschen in den USA und hunderte Millionen in aller Welt leiden heute unter Krise und Rezession, den schlimmsten wirtschaftlichen Bedingungen seit der Großen Depression. Schätzungen zufolge haben achtzig bis hundert Millionen Menschen in diesem Land Schwierigkeiten, ihre elementarsten wirtschaftlichen und gesundheitlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Gleichviel, ob Künstler, wie die DSO-Musiker, unmittelbar angegriffen werden, oder ob sie einfach die Lage der Bevölkerung unerträglich finden: ihre Inspiration müssen sie aus der Möglichkeit gewinnen, die Gesellschaft zu verändern und neu aufzubauen. Der Künstler ist heute wieder gefordert, einen Beitrag zur Sache der sozialen Revolution zu leisten. Die WSWS, die International Students for Social Equality und die Socialist Equality Party führen diesen Kampf und fordern euch auf, daran teilzunehmen.