Kernschmelze in drei japanischen Atomreaktoren

Von Peter Symonds
21. Mai 2011

Das Ausmaß des Schadens am Fukushima-Atommeiler Dai-ichi im Nordosten Japans wird nur allmählich sichtbar. Derweil kämpfen Ingenieure und Arbeiter immer noch mit den Schwierigkeiten, die havarierten Reaktoren zu stabilisieren.

Letzte Woche räumte der Betreiber, die Tokyo Electric Power Company (TEPCO), ein, dass es im Reaktorblock 1 eine Kernschmelze gegeben habe und dass geschmolzenes nukleares Brennmaterial ein Loch in den Boden des Druckbehälters gebrannt habe. Am Sonntag verkündete TEPCO, dass die Kerne von zwei weiteren der sechs Reaktoren des Komplexes – die Reaktoren 2 und 3 – vermutlich ebenfalls geschmolzen seien.

Der Sprecher von TEPCO, Junichi Matsumoto, erklärte, die Druckbehälter – Stahlbehälter, die die Reaktorkerne enthalten – seien „wahrscheinlich beschädigt, und es entweicht Wasser aus Nr. 2 und 3“. Jeder der Druckbehälter ist von einem primären Sicherheitsbehälter aus Beton umgeben, aber auch aus diesen scheint Wasser aus dem beschädigten Reaktor zu entweichen.

Beim normalen Betriebsablauf wird das hoch radioaktive Wasser im Druckbehälter eines kochenden Reaktors zu Dampf, treibt Turbinen an und wird dann wieder in den Reaktorkern geleitet. Das Erdbeben und der Tsunami vom 11. März durchtrennte die Stromversorgung der Anlage von Fukushima und unterbrach ihr normales Kühlsystem. Das hatte zur Folge, das TEPCO gezwungen war, kontinuierlich Wasser in die Reaktoren einzuspeisen, um die Brennstäbe zu kühlen.

Es ist jetzt klar, dass Tausende Tonnen hoch radioaktiven Wassers aus den drei beschädigten Reaktoren ausgelaufen sind. TEPCO gab am Samstag bekannt, es habe rund 3000 Tonnen Wasser im südöstlichen Teil des Sockels von Reaktor 1 gefunden, was ihn bis zu einer Höhe von mehr als vier Metern ausgefüllt habe. Ein Teil des kontaminierten Wassers aus den Reaktoren 2 und 3 ist bereits ins Meer geflossen.

Die Radioaktivität innerhalb des Gebäudes, in dem sich der Reaktor 1 befindet, hat bis zu 2000 Millisievert pro Stunde erreicht, was eine extreme Gefahr für die Arbeiter bedeutet. Nach der Katastrophe hat die Atombehörde Japans die Jahreshöchstdosis für Arbeiter in Atomkraftwerken von 100 – was im internationalen Vergleich schon sehr hoch war – auf 250 Millisievert angehoben.

TEPCO stellte auch vorläufige Daten zur Verfügung, die zeigen, wie schnell die Krise sich in Reaktor 1 entwickelt hat. Das Erdbeben ereignete sich am 11. März um 14.46 Uhr, und der Reaktor schaltete sofort die Energieerzeugung ab. Um 18 Uhr begann der Wasserstand im Druckbehälter abzusinken, und dadurch wurden die Brennelemente freigelegt, die durch radioaktiven Zerfall bis heute immer noch enorme Hitze erzeugen. Die Temperatur schnellte auf 2800 Grad Celsius. Um 7.30 Uhr am 12. März – d.h. nur 16 Stunden nach dem Erdbeben – waren die meisten Brennelemente geschmolzen und auf den Boden des Druckbehälters geflossen.

TEPCO begann sehr bald, mit Hilfe von Feuerwehrautos Wasser in die Reaktoren zu pumpen, um einen weiteren katastrophalen Schaden zu verhindern. „Ohne die Wasserzufuhr hätte es zu einem noch katastrophaleren Vorfall kommen können“, räumte TEPCO-Sprecher Matsumoto ein.

Das Austreten des Wassers hat TEPCO gezwungen, umzudenken und neue Methoden zu entwickeln, um den Reaktor 1 zu stabilisieren. Ingenieure hatten vorgeschlagen, den primären Sicherheitsbehälter zu fluten und damit die beschädigten Brennelemente in Wasser zu begraben. Andere Versuche gehen dahin, das kontaminierte Wasser vom Sockel des Reaktors in den Reaktor zurückzuschleusen. Ein solcher Plan wäre angesichts der hohen Radioaktivitätswerte extrem gefährlich. Man weiß bisher nicht einmal, wie stark der primäre Reaktorsicherheitsbehälter beschädigt ist, der als Schutzschild gegen die Radioaktivität dient.

Ein 61 Jahre alter Leiharbeiter der Anlage von Fukushima ist am Samstag gestorben, anscheinend an einem Herzinfarkt. Obwohl sein Tod offenbar nicht in Zusammenhang mit der Strahlung steht, ist er Anzeichen für den enormen Stress, unter dem die Arbeiter der Anlage stehen. TEPCO und andere Energieunternehmen sind berüchtigt dafür, Leiharbeiter für die gefährlichsten und schwierigsten Aufgaben in ihren Atomanlagen auszunutzen.

TEPCO verkündete Mitte April, man habe einen Plan entworfen, wie die drei beschädigten Fukushima-Reaktoren innerhalb von sechs bis neun Monaten in den sicheren Zustand des „cold shutdown“ gebracht würden. Das Unternehmen wollte heute [17. Mai] eine Neufassung seines Plans verkünden.

Obwohl die Ingenieure offensichtlich mit gewaltigen Komplikationen konfrontiert sind, erklärte Premierminister Naoto Kan, der Zeitplan vom letzten Monat werde eingehalten. Sein Berater Goshi Hosono behauptete, der Plan sei realistisch, und sagte: „Die Reaktorkerne werden immer noch gekühlt, trotz der offensichtlichen Kernschmelze.“ Die dubiose These besagt, dass die Stabilisierungsmaßnahmen reibungslos weiterlaufen könnten, obwohl das volle Ausmaß der Beschädigung der drei Reaktoren unbekannt ist.

Kans Bemerkungen sind eher von politischen Überlegungen als von technischem Sachverstand geprägt. Jede Verzögerung bei der Stabilisierung der Anlage von Fukushima wird für die Rückkehr der 80.000 Menschen, die gezwungen waren, das 20-Kilometer-Sperrgebiet rund um die Anlage zu verlassen, weiter infrage stellen. Diese Woche bereiten sich weitere 15.000 Menschen außerhalb der Sperrzone vor, fünf Städte zu verlassen, in denen sehr hohe Strahlenwerte gemessen wurden.

Kans Abschneiden bei Meinungsumfragen ist weiterhin schlecht, und die meisten Menschen kritisieren seinen Umgang mit der nuklearen Krise. Die neuesten Umfragen zeigten, dass zwei Drittel der Befragten zwar seine Entscheidung begrüßen, die Atomanlage Hamaoka, die auf einer geologischen Bruchlinie gebaut wurde, bis auf weiteres zu schließen. Eine Umfrage von Mainichi ergab jedoch, dass der Rückhalt für die Regierung Kan in der Bevölkerung nur bei 27 Prozent liegt. Das ist nur ein leichter Anstieg gegenüber 22 Prozent im letzten Monat.

Kans Image wird wahrscheinlich noch weiter sinken, wenn die Folgen des Finanzrettungsplans für TEPCO, der letzten Freitag beschlossen wurde, bekannt werden. Die Regierung plant die Errichtung einer neuen Behörde, die TEPCO Gelder zur Verfügung stellen soll. Damit sollen die Entschädigungszahlungen von TEPCO an Personen und Firmen abgedeckt werden, die von der Atomkatastrophe betroffen sind. Diese Summen könnten sich auf vier Billionen Yen (49 Milliarden US-Dollar) belaufen. Die Gelder sollen so strukturiert werden, dass sie den Bankrott von TEPCO abwenden; das Unternehmen soll sie zurückzahlen, wenn es wieder Gewinn abwirft.

Kan bewegt sich auf einem schmalen Grat. Er riskiert öffentliche Anfeindungen, wenn er die Rettung durch höhere Steuern finanziert und die Ausgaben für wichtige soziale Dienste kürzt. Gleichzeitig ist er mit dem Zorn des Finanzkapitals konfrontiert, wenn die Regierung weitere Anleihen aufnimmt. Japans Staatsverschuldung beträgt jetzt schon mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Obwohl von TEPCO verlangt wird, zu sanieren und Anlagen zu verkaufen, und obwohl andere Atomunternehmen einen Beitrag leisten werden, wird der Großteil des Gelds durch öffentliche Gelder bestritten.

Letzte Woche deutete Kabinettssekretär Yukio Edano an, „die Öffentlichkeit wird es [das Rettungspaket] nicht unterstützen“, wenn TEPCOs Gläubiger nicht bereit seien, auf die Schulden des Unternehmens zu verzichten oder sie umzustrukturieren. Dieser Vorschlag sorgte sofort für die Missbilligung der Märkte, die im Kurssturz der TEPCO-Aktien und seiner Hauptgläubiger zum Ausdruck kam. Hauptgläubiger von TEPCO sind die Sumitomo Mitsui Financial Group und die Mitsubishi UFJ Financial Group.

Die internationale Ratingagentur Moodys stufte TEPCO gestern von Baa1 auf Baa3 herrunter, das ist eine Stufe über Schrottniveau. Moodys warnte, weitere Herabstufungen könnten folgen. In ihrer Erklärung kritisierte die Ratingagentur den Rettungsplan, weil er von TEPCO verlangt, Gelder zurückzuzahlen, denn dies würde „die finanzielle Flexibilität des Unternehmens verringern und seine Fähigkeit einschränken, anderen Verpflichtungen nachzukommen“. Moody lehnte es ganz besonders ab, dass TEPCOs Gläubiger in die Pflicht genommen werden und für einen Teil der enormen Kosten aufkommen sollen, und sie warnte, dies könne die Prognose für die involvierten großen japanischen Banken verschlechtern.

Die Regierung distanzierte sich sehr schnell von Edanos Erklärung. Der Minister für nationale Strategie, Koichiro Gemba, erklärte im Fernsehen: „Ich denke, Edano ist ein bisschen zu weit gegangen. Es ist eine elementare Tatsache, dass TEPCO als privates Unternehmen von sich aus mit den Banken wegen einer möglichen Mithilfe verhandeln muss.“ Kans Berater Goshi Hosano erklärte; „Ich glaube nicht, dass Edano irgendwelche speziellen Aufforderungen an die Banken gerichtet hat [auf Schulden zu verzichten].“

Wie in den USA und Europa fordert das internationale Finanzkapital auch in Japan, dass die Arbeiterklasse die Hauptlast für die Rettung der großen Banken und Firmen tragen solle, auch wenn, wie in diesem Fall, die Krise durch die schlimmste nukleare Katastrophe seit Tschernobyl verursacht wurde. Diese neuen Lasten werden die scharfen sozialen Spannungen in Japan weiter anheizen und die Krise der Regierung Kan und des ganzen Establishments weiter schüren.