Das Juilliard-Orchester spielt in New York City Mahlers Neunte Sinfonie

Von Fred Mazelis
27. Mai 2011

Die jüngste Aufführung von Gustav Mahlers Neunter Sinfonie, sein letztes in dieser Form vollständiges Werk, unterstreicht die Rolle der Juilliard School in New York City im Bereich der klassischen Musik. Das Juilliard-Orchester, das beste von mehreren Studentenorchestern dieses elitären Konservatoriums der Darstellenden Kunst, führte Mahlers gewaltiges Werk Mitte April in der Avery Fisher Hall auf, einer Konzerthalle des Lincoln Center, in der auch die New Yorker Philharmoniker spielen.

Die Juilliard School ist besonders für ihr Musikprogramm bekannt, und Persönlichkeiten wie der Dirigent James Levine, der Cellist Yo-Yo Ma, der Pianist Joseph Kalichstein, die Sopransängerin Renée Fleming und andere haben dort als Studenten gelernt. Die Schule hat derzeit etwa 800 Studenten.

Im Vergleich zu Bewohnern anderer Teile des Landes, haben New Yorker die seltene Gelegenheit, buchstäblich Hunderte von Aufführungen der Juilliard School im Jahr sehen zu können: Sinfoniekonzerte, Soloaufführungen, Kammermusik und Gesang, die meisten davon kostenlos, andere für sehr niedrige Preise. Die Interpreten gehören zu den bekanntesten jungen Musikern der Gegenwart. Zusammen mit den Konzerten und Aufführungen der beiden anderen großen Musikschulen New Yorks, der Manhattan School of Music und dem Mannes College, ist das mehr Musik, als selbst der glühendste Klassikfan live mitverfolgen kann.

Natürlich werden diese Musiker nicht bezahlt. Im Gegenteil, für die Studiengebühren der Juilliard School zahlen sie fünfstellige Dollarbeträge pro Jahr. Ein weiterer ernüchternder Gedanke ist, dass viele von diesen gut ausgebildeten Orchestermusikern keine Stelle in einem der großen Sinfonieorchester des Landes finden werden. Es sind ganz einfach nicht genug Stellen vorhanden, vor allem aufgrund der schlechten finanziellen Lage im Bereich der klassischen Musik.

Dennoch sind die fünfzehn oder mehr Konzerte, die das Juilliard-Orchester alljährlich aufführt, beliebt und gut besucht. Darunter sind gelegentliche Konzerte in der Carnegie Hall und der Avery Fisher Hall, den beiden berühmtesten Konzerthallen der Stadt. Die Juilliard-Studenten werden oft von berühmten Dirigenten geführt. Die Darbietung von Mahlers Neunter wurde von Alan Gilbert dirigiert, dem Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker.

In diesem Jahr findet der 100. Todestag von Gustav Mahler statt, letztes Jahr wäre er 150 Jahre alt geworden. Bisher wurden nur wenige Hundertjahrfeiern gehalten, aber Mahlers berühmte Sinfonien und seine ebenfalls berühmten Liederzyklen (wie „Des Knaben Wunderhorn“ und „Lieder eines Fahrenden Gesellen“) werden das ganze Jahr über oft in Konzertprogrammen vorgetragen.

Mahlers Neunte Sinfonie nimmt einen besonderen Platz in seinem Oeuvre ein. Obwohl er zu dem Zeitpunkt, als er sie schrieb, erst 49 Jahre war, scheinbar bei guter Gesundheit und sehr aktiv, wurde ihm einige Jahre davor eine Herzkrankheit diagnostiziert, und das Werk hat etwas Schwermütiges an sich. Dass ein Stück aus Beethovens berühmtem Werk „Les Adieux“ („Abschied“) zitiert wird, ist sicher kein Zufall.

Mahler hat die Neunte Sinfonie, den berühmten Liederzyklus „Das Lied von der Erde“ und die unvollständige Zehnte Sinfonie alle in seinen letzten drei Lebensjahren komponiert. Innerhalb dieser drei Jahre war er zuerst an der New Yorker Metropolitan Opera, danach bei den Philharmonikern.

Nach einem produktiven, aber turbulenten Jahrzehnt als Dirigent der Wiener Philharmonie setzte Mahler im Jahr 1907 seine Karriere als Dirigent in den USA fort. Er unterschrieb zuerst einen Vertrag mit der Oper. Nach einem Jahr an der Metropolitan Opera wandte er sich wieder dem Dirigieren eines Orchesters zu, diesmal der New Yorker Philharmoniker. Den Rest seines Lebens war er die Hälfte der Zeit in New York, die andere Hälfte in Österreich, wo er einen Großteil seiner Arbeit als Komponist erledigte.

Alle Sinfonien Mahlers sind gewaltig, selbst nach den Maßstäben der typischen spätromantischen Werke von Bruckner und anderen Komponisten. Die Neunte ist die längste, sie dauert bei einer üblichen Aufführung neunzig Minuten. Allein der erste Satz dauert fast eine halbe Stunde. Die Sinfonie ist zwar wie immer in vier Sätze aufgeteilt, aber sonst ist sie in vieler Hinsicht nicht traditionell. Die beiden äußeren Sätze sind langsam, anders als bei allen großen Sinfoniekomponisten vor Mahler.

Der gebürtige deutsche Dirigent Bruno Walter, ein ergebener Schüler Mahlers, sagte später, die Neunte stelle einen Bruch mit den traditionellen Sinfonien des 19. Jahrhunderts dar. Sicherlich artikulierte der Komponist damit die sozialen, intellektuellen und kulturellen Umwälzungen in der ersten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Entwicklung war ihrerseits mit dem wirtschaftlichen und politischen Sturm verbunden, der sich über Europa, und besonders über Wien, zusammenbraute. Drei Jahre nach Mahlers Tod versank Europa im ersten Weltkrieg, und noch ein paar Jahre später war das Kaiserreich Österreich-Ungarn für immer verschwunden.

Man kann nicht sagen, dass Mahlers Musik das Ende der traditionellen Sinfonien verkörpere. Das trifft auch nicht auf die sieben Sinfonien von Prokofjew zu, und auch nicht auf die fünfzehn von Schostakowitsch, die alle lange nach Mahlers Tod geschrieben wurden, ganz abgesehen von den Werken von Vaughan Williams, Strawinski und vielen anderen. Aber Mahlers Neunte verabschiedet sich aus dem neunzehnten Jahrhundert; während die Werke von Prokofjew und Schostakowitsch (außer Prokofjew Erster, der „Klassischen“ Sinfonie) eindeutig aus der Epoche nach dem Ersten Weltkrieg stammen.

Der erste Satz der Neunten Sinfonie zeigt alle Konflikte und Widersprüche, die für Mahler charakteristisch sind, in der Dynamik, Stimmung und Klangfarbe. Liebevolle Beschwörungen der Schönheit der Natur wechseln sich mit Spannung und Dissonanz ab. Der zweite Satz, dessen Melodien einem Bauerntanz und dann einem Walzer ähneln, wurde als Abschiedsgruß an die österreichische Bauernkultur gesehen. Der Marsch artige dritte Satz klingt wie Musik des zwanzigsten Jahrhunderts; in manchen Momenten scheint er ähnliche Passagen bei Schostakowitsch vorweg zu nehmen, der offen zu seiner Bewunderung für Mahlers Musik stand. Und der vierte und letzte Satz drückt die Thematik des Abschieds fast offen aus, mit einer Stimmung, die sich zu stiller Akzeptanz entwickelt.

Die Musiker der Juilliard School wurden dem Werk vollkommen gerecht. Die letzten Minuten der Sinfonie, die in einem der längsten Pianissimi aller Orchesterwerke ausklingen, wurden großartig dargeboten.

Wenn man bedenkt, welchen Platz Mahlers letzte Sinfonie in der Musikgeschichte einnimmt, ist ein genauerer Blick auf Mahlers New Yorker Jahre ebenfalls aufschlussreich.

Seine zehn Jahre in Wien waren eine schwierige Zeit, trotz vieler Triumphe als Dirigent und Komponist. Viele von Mahlers Werken, die heute geliebt werden, wurden bei ihren Erstaufführungen nicht gerade begeistert aufgenommen. Gleichzeitig wurde der Dirigent andauernd für sein als ungewöhnlich empfundenes Programm kritisiert. Zusätzlich wurde er von Seiten österreichischer Antisemiten ständig wegen seiner jüdischen Herkunft angefeindet.

In New York stieß Mahler nicht auf offenen Antisemitismus, aber die anderen Probleme bestanden weiterhin. Die New Yorker Philharmoniker hatten finanzielle Probleme und waren von Spendern wie J.P. Morgen, Joseph Pulitzer und Andrew Carnegie abhängig. Diese reichen Geldgeber sicherten ihre Macht, wie Jonathan Kramer in seinem Buch „Listen to the Music“ berichtet.

Einige Förderer und die Kritiker bemängelten die Aufführungen von zeitgenössischen Komponisten wie Richard Strauss, Bruckner und Debussy. Als Vorstandsmitglieder eine Aufführung von Beethovens Kaiserkonzert besuchten, „mochten einige Damen die ungewöhnliche Herangehensweise nicht. (…) Harte Worte fielen, und eine der Damen sagte tatsächlich zu dem besten Beethoven-Interpreten der Welt: ‚Nein, Mahler, so wird das nie was!‘“

Nachdem man sich, wie Kramer schreibt, mit deutlichem Widerwillen dazu entschieden hatte, Mahler für die Saison 1910 weiter zu beschäftigen, „griff der Vorstand tatsächlich zu hinterhältigen Mitteln, und er tat das, wofür man heute ein Abhörgerät verwenden würde: Ein Anwalt wurde hinter einem Vorhang versteckt, um jedes Wort von Mahlers erboster Rede aufzuzeichnen, nachdem er – wieder einmal – gezwungen war, sein künstlerisches Vorgehen zu rechtfertigen. Er musste sich geschlagen geben. (…) Er gab dem Vorstand das Recht, sein Programm gutzuheißen oder abzulehnen. Die Damen hatten gewonnen. Unwissenheit hatte Genie besiegt, der Kampfgeist eines großen Mannes war gebrochen.“

Mahlers Zeit in New York endete kurz nach diesem Vorfall, weil er krank wurde und seine Auftritte absagen musste. Er starb ein paar Monate später.

Ein Jahrhundert später betrachtet die Wirtschafts- und Finanzaristokratie den Bereich der klassischen Musik wieder als ihr privates Lehen. Im zweiten goldenen Zeitalter, in dem sie inmitten einer wirtschaftlichen Depression ihren verschwenderischen Konsum zur Schau stellt, fordern wohlhabende Vorstände der Sinfonieorchester, dass professionelle Musiker tiefe Einschnitte bei ihren Gagen und Arbeitsbedingungen hinnehmen.

Die Musiker des Detroiter Sinfonieorchesters mussten erst vor kurzem nach einem sechsmonatigen Streik massive Gehaltskürzungen hinnehmen. Ihre Kollegen in Philadelphia sehen sich mit maßlosen Forderungen nach Zugeständnissen konfrontiert, und das Orchester ist in Insolvenz geraten.

Am Lincoln Center Plaza, genau gegenüber der Avery Fisher Hall und der Metropolitan Opera, steht das David H. Koch Theater, ehemals bekannt als New Yorker Stadttheater. Dieses ist Heimat der New York City Opera. Es wurde unter dem liberalen New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia als „Volksoper“ gegründet. Heute trägt das Theater, in dem das Orchester spielt, den Namen seines Hauptgeldgebers, eines Anhängers der Tea Party.