Der Film „Joschka und Herr Fischer“

Mythenbildung als politisches Manifest

Von Ute Reissner
1. Juni 2011

In einer alten Fabrikhalle flackern auf herabhängenden Monitoren Videos mit Szenen aus der Nachkriegsgeschichte und aus Joschka Fischers Leben, die in der Reihenfolge ihrer Chronologie von ihm selbst kommentiert werden. Das ist das Setting für den neuen Dokumentarstreifen des Regisseurs Pepe Danquart. Über ein Jahr hinweg zeichnete er Gespräche mit seinem Idol von insgesamt 20 Stunden Dauer auf und schnitt sie schließlich zu 138 Filmminuten "Fischer über Fischer" zusammen.

Unterbrochen wird der Monolog des Protagonisten durch gelegentliche Interviews mit Daniel Cohn-Bendit, Johnny Klinke und anderen Personen aus Fischers Entourage.

Joschka Fischer, von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister und Vizekanzler der rot-grünen Koalition, ist heute als Unternehmensberater für bedeutende Großkonzerne und Lobbyist für die Energiewirtschaft tätig. Er verkehrt in den höchsten Kreisen der herrschenden Elite in den USA und Europa.

Der Film betreibt Geschichtsklitterung und Mythenbildung. Alles wirkt oberflächlich, plakativ und gestanzt. Der Form nach konzentriert sich Fischer ganz auf seinen eigenen Bauchnabel. Inhaltlich aber verbirgt er die wirkliche Persönlichkeit hinter Klischees, um ein Geschichtsbild zu zeichnen, das nicht nur seine besondere eigene Rolle, sondern ganz allgemein eine Politik im Interesse der herrschenden Klasse in Deutschland rechtfertigt.

60 Jahre werden auf diese Weise in Anekdoten aufgelöst: Die Vertriebenenfamilie Fischer aus Ungarn, die Fünfzigerjahre in der Enge eines kleinen Dorfes, die Studentenrevolte, die Entstehung der Grünen, die politische Karriere in der Bundesrepublik und dann im wiedervereinigten Deutschland.

Fischer fragt nicht nach historischen Zusammenhängen, stellt keine theoretischen Erklärungsversuche an und bemüht sich nicht um verallgemeinernde Reflexion. Das gilt insbesondere für die Frage nach den Ursachen des deutschen Faschismus. Welche Gedanken machte sich der junge Joschka Fischer? Machte er sich überhaupt Gedanken? Man erfährt es nicht. Es ist ein Thema, das offenbar nicht hinterfragt werden soll.

Die Ereignisse vom Mai-Juni 1968 in Frankreich tauchen in Form von Aufnahmen umgestürzter Autos auf Pariser Straßen auf. Das wichtigste Ergebnis aus Fischers Sicht war offenbar die Ankunft des bekannten Studentenführers Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt nach seiner Ausweisung aus Frankreich. Die Arbeiterklasse in Frankreich, die 1968 in einen Generalstreik getreten war und den Regierungschef zur Flucht getrieben hatte, kommt ebenso wenig vor wie die große Streikwelle 1969 in Deutschland.

Zu den eindrücklichen Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg fällt Fischer nichts ein, was irgendwie darauf hindeutet, dass er sich mit den Hintergründen auseinandergesetzt hätte. Und so geht es weiter. Die Notstandsgesetze, die große Koalition, die Rolle der Brandt-Regierung – keine Erwähnung.

Lauscht man den wenigen "theoretischen" Überlegungen, die Fischer unter Bezugnahme auf den Begriff "Revolution" anstellt, windet man sich gequält auf dem Kinosessel. Er wiederholt im Wesentlichen die Argumentation, mit der er 2001 in einer Fragestunde des Bundestags zu seiner Vergangenheit als Sponti aufwartete. Er habe sich vom "Revolutionär" zum "Demokraten" gewandelt. Dabei setzt er "Gewalt" in Form von Steineschmeißen und Prügeleien mit der Polizei mit "revolutionär" gleich und meint, zum Extrem habe sich das in Form der RAF herausgebildet, deren Methoden er wiederum mit denen der Nazis (da sie Hanns-Martin Schleyer durch einen Genickschuss töteten) gleichsetzt. So entsteht die logische Kette: revolutionär = gewalttätig = terroristisch = faschistisch.

Bestätigt wird im Laufe der Dokumentation auch, dass Fischer mit den Grünen zunächst nichts verband und ihr Thema, der Umweltschutz, ihn eigentlich nicht interessierte. Partei wie Thematik dienten ihm lediglich als Steigbügel für die eigene Karriere. Er schildert, wie die Frankfurter Sponti-Szene diskutiert habe, ob man in die Grünen eintreten solle oder nicht, und sich schließlich entschied, auf diesen Zug aufzuspringen. Er beschreibt offenherzig, dass er nach seinem Amtsantritt als hessischer Umweltminister 1985 überhaupt nicht wusste, was er eigentlich machen sollte. Die Filmdokumente zeigen Daniel Cohn-Bendit, wie er seinen Schützling gegen wütende Vorwürfe der grünen Basis verteidigt, dass er nun als Minister "nichts tut".

Ausführlich schwadroniert Fischer an dieser Stelle darüber, dass er in dieser Position erst vieles hätte lernen müssen, in erster Linie, wie wichtig es sei, in Beamtenapparaten Zuständigkeiten zu klären, dies gehöre überhaupt zum Wichtigsten, was er in seinen ersten 16 Monaten als Landesumweltminister gelernt habe. Als Ausgleich für diese doch recht magere Bilanz hebt er die "unglaubliche" Symbolkraft der Turnschuhe hervor, die er auf Druck der Basis bei seiner Vereidigung angelegt hatte.

Das Ende der DDR und der Sowjetunion, ein entscheidender historischer Einschnitt, entlockt ihm kaum eine Stellungnahme. Er merkt an, wie wichtig die Verankerung Deutschlands in der EU sei, um nicht den "Versuchungen der Mittellage", sprich aggressiver deutscher Großmachtpolitik zu erliegen.

Das Thema DDR bietet ansonsten Anlass zu einem kleinen Lichtblick in der Dokumentation, nämlich Katharina Thalbachs nachdenkliche Äußerungen, die aus dem Rahmen des übrigen Films herausfallen, da sie sich nicht über die Hauptperson äußert und einen Kontrapunkt gegen den plumpen Antikommunismus Fischers setzt.

Zu seinem Werdegang als Außenminister der rot-grünen Koalition 1998-2005 und zu seinen Konflikten mit Bundeskanzler Schröder (SPD) erfährt der Zuschauer nur wenig – wie überhaupt in diesem Film alle Ereignisse nur gestreift werden und als Anlass für selbstzufriedene Kommentare dienen.

Der entscheidende Dienst, den Joschka Fischer in dieser Zeit der herrschenden Klasse in Deutschland erwies, war die Beteiligung der Bundeswehr am Kosovo-Krieg 1999. Darüber ist er sich natürlich klar und rühmt sich, den Kosovo-Einsatz gegen die Opposition innerhalb der Grünen durchgesetzt zu haben. Die "Unerklärbarkeit" der nationalsozialistischen Verbrechen hat sich jetzt zur Rechtfertigung für den ersten Auslandseinsatz der deutschen Armee seit 1945 gemausert.

Verpackt in die peinlich anmutende Selbstbeweihräucherung der Person transportiert der Film eine politische Botschaft. Er ist ein regelrechtes politisches Manifest des 63-Jährigen, der als möglicher Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl im Mai 2012 mit guten Erfolgschancen gehandelt wird. Der jungen Generation, die diese Zeit nicht miterlebt hat, soll der Film ein Geschichtsbild vermitteln, das mit den neuen Interessen des deutschen Kapitalismus, bzw. mit der Rückkehr zu seinen alten Interessen, vereinbar ist.

Es soll der Eindruck erweckt werden, dass das von den Grünen gestellte politische Führungspersonal durch einen politischen und persönlichen Reifungsprozess eine neue politische Kultur und ein neues Land geschaffen habe, das mit dem alten, hässlichen Deutschland aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nichts mehr zu tun habe. Dies sei das Ergebnis der von Fischer beispielhaft repräsentierten Läuterung auf einem Weg, der von einer Rebellion mit jugendlichen Exzessen über bewegte Lebenserfahrungen (Fabrikarbeit, Taxifahren usw.) bis hin zum Meistern der parlamentarischen Demokratie führte.

Bis auf die Super-8-Aufnahmen aus Fischers schwäbischem Heimatdorf, die ihn u.a. als katholischen Ministranten zeigen, kommen dem Zuschauer viele der Filmdokumente (Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke, der kleine jüdische Junge mit erhobenen Händen aus dem Warschauer Ghetto, das vietnamesische Mädchen, das nackt vor einem Napalm-Angriff flieht...) bekannt vor. Damit wird der Anspruch des Films unterstrichen, die Allgemeingültigkeit von Fischers Biografie für eine ganze Generation herauszuarbeiten. Doch das Ganze wirkt unglaubwürdig und schablonenhaft, weil die wirkliche Beziehung zwischen Fischer und seiner Generation komplexer ist.

Er verkörperte alles, was am damaligen Aufbegehren eines Teils der Jugend gegen die alte Gesellschaft beschränkt, von theoretischer Konfusion geprägt und mit kleinbürgerlichen Vorurteilen behaftet war. Diese Schwächen konnten wohl ursprünglich zum Teil mit der Krise der Führung in der Arbeiterbewegung wenn nicht gerechtfertigt, so doch erklärt werden. Doch Fischer gehörte zu denjenigen, die sich nie bemühten, diese Probleme zu lösen. Er nutzte sie vielmehr als Grundlage für seinen persönlichen Aufstieg. Dabei schlug er Wurzeln in der herrschenden Klasse und verband seine beschränkte Weltsicht fest mit deren Interessen. Und unter den Bedingungen eines allgemeinen politischen und theoretischen Niedergangs, der mit der Abkehr von der Reformpolitik der Siebzigerjahre unter der Kohl-Regierung begann, konnte bornierte Gerissenheit durchaus als Überlegenheit erscheinen. Auf diesem Wege wurde Fischer zu dem Vertreter des deutschen Imperialismus, als der er sich heute geriert.

Siehe auch:

Der Außenminister: Joseph Fischer