Die Atomkatastrophe von Fukushima – drei Monate danach

Von Peter Symonds
21. Juni 2011

Drei Monate nach dem Erdbeben und Tsunami, die den Norden Japans verwüsteten, ist die Nuklearkrise in dem Kraftwerk Dai-ichi in Fukushima längst nicht ausgestanden. Aber die schlimmste Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl ist so gut wie aus den Medien verschwunden. Ihre Wirkung wird systematisch heruntergespielt und die tieferen Ursachen verschleiert.

2.500 Arbeiter und Ingenieure kämpfen immer noch darum, die drei zerstörten Reaktoren in den Zustand einer “kalten Abschaltung“ zu versetzen. Optimistische Schätzungen erwarten ein solches Ergebnis frühestens für Anfang nächsten Jahres. Der volle Umfang des Schadens ist noch immer nicht bekannt, aber der Kraftwerksbetreiber TEPCO gab vergangenen Monat endlich zu, dass die Kerne von drei Reaktoren zumindest teilweise geschmolzen seien. Die genaue Position der geschmolzenen Brennstäbe und das Ausmaß der Lecks in den Reaktorhüllen ist unklar. Daher besteht die Gefahr weiterer Strahlungslecks.

Immer noch wird mit provisorischen Kühlsystemen gearbeitet. Sie wurden kurz nach dem Erdbeben und Tsunami installiert, weil die Ersatzsysteme nach der Überflutung nicht mehr funktionierten. In die Reaktoren gepumptes Wasser wird nicht wiederaufbereitet, sondern versickert und verstrahlt immer größere Mengen Abwasser. Im Moment befinden sich mehr als 100.000 Tonnen hoch verstrahltes Wasser in den provisorischen Lagerbehältern, Kellern und Kanälen. Diese Menge wird sich bis Ende des Jahres wahrscheinlich verdoppeln.

Eine Zwanzig-Kilometer-Zone um das Kraftwerk herum wurde vollständig evakuiert, außerdem einige Städte und Ortschaften, die weiter entfernt liegen. Letzte Woche wurden weitere Strahlungs-HotSpots entdeckt. Wie die Erdbeben- und Tsunami-Opfer hausen viele „Nuklearflüchtlinge“ in Notunterkünften, leben bei Freunden und Verwandten oder in angemieteten Unterkünften. Ihre Leben ist besonders düster, weil wenig Aussicht besteht, dass sie in absehbarer Zukunft in ihre Wohnungen zurückkehren und ihre Arbeit wiederaufnehmen können.

Die arbeitende Bevölkerung in Japan und international zeigte großes Mitleid und Hilfsbereitschaft für die Opfer der Katastrophe. Die herrschenden Kreise – TEPCO, die Medien, die Regierung und die nuklearen Kontrollbehörden, inklusive der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO – bemühen sich dagegen vor allem um Schadensbegrenzung.

Aber trotz nachlassenden Medieninteresses sickern weiterhin beunruhigende Informationen über das Ausmaß der Katastrophe durch. Vergangene Woche verdoppelte die japanische Nuklearbehörte NISA ihre Schätzung darüber, wie viel Radioaktivität in den ersten Wochen der Krise ausgetreten sei, von 370.000 auf 770.000 Terabequerel. Sie gab auch zu, dass die Reaktorkerne stärker geschmolzen seien als ursprünglich angenommen.

NISA berichtete über stark radioaktive Jod- und Caesium-Strahlung. Vergangene Woche bestätigte die Nuklearbehörde dann, dass im Seewasser nahe der Nuklearanlage und im Grundwasser in der Nähe der Reaktoren 1 und 2 radioaktives Strontium gemessen worden sei, das die erlaubte Strahlendosis 240 Mal überschreite. Die japanischen NHK-Nachrichten berichteten, in der Präfektur Fukushima sei an elf Stellen Strontium-90 gemessen worden, das Knochenkrebs und Leukämie verursachen kann.

Trotz der langen Bilanz von Sicherheitsmängeln und Verschleierungsaktionen von TEPCO wurden die Maßnahmen zur Stabilisierung der Fukushima-Reaktoren ganz dem Konzern überlassen. Dieser behandelt seine Beschäftigten in der Anlage mit offensichtlicher Verachtung. Die große Mehrheit der Beschäftigten sind Leiharbeiter. Sie haben wenig oder keine Ausbildung und Erfahrung, müssen die besonders gefährlichen Arbeiten erledigen und erhalten nur ein Drittel des Lohnes der fest Beschäftigten. Acht Arbeiter der Anlage in Fukushima haben eine Strahlung von mehr als 250 Millisievert abbekommen. Das gesetzliche Limit wurde nach dem 11. März von 100 auf 250 Millisievert angehoben.

Das vorrangige Interesse von TEPCO ist sein finanzielles Überleben, nicht die Sicherheit seiner Beschäftigten oder der Bevölkerung. Die Aktien des Energiekonzerns, der zu den größten in Asien gehört, sind auf 148 Yen (1,85 Dollar) gefallen, was bedeutet, dass sie im Vergleich mit dem Niveau vor der Krise 93 Prozent ihres Werts verloren haben. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat TEPCO-Aktien auf Ramsch-Status heruntergestuft. TEPCO rechnet mit einer Rettungsaktion der Regierung, um den Zehntausenden Privatpersonen und Firmen, die von der Katastrophe betroffen sind, Entschädigung zahlen zu können.

Für Ministerpräsident Naoto Kan geht es ums politische Überleben. Seine Umfragewerte sind im Keller, und sein Umgang mit der Nuklearkrise wird scharf kritisiert. In seiner eigenen Partei gibt es Bestrebungen, ihn loszuwerden. Vergangene Woche gab die Regierung eine Umorganisation der nuklearen Aufsichtsbehörden bekannt. Die NISA soll aus dem Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (MITI) herausgelöst werden, das auch für die Förderung der Nuklearindustrie zuständig ist.

Diese kosmetischen Veränderungen werden wenig dazu beitragen, die inzestuösen Beziehungen zwischen den japanischen Aufsehern und den Energiegiganten wie TEPCO aufzulösen. Hohe NISA- und MITI-Beamte finden häufig ihren Weg aus der Staatsbürokratie in die Vorstände der Energiekonzerne. Die Reaktion der NISA auf die jüngsten Enthüllungen, dass acht TEPCO-Angestellte zu hohe Strahlendosen abbekommen hatten, war typisch. Die Behörde erklärte die Lage für „außerordentlich bedauerlich“ und erteilte TEPCO eine offizielle Verwarnung, d.h. sie gab dem Konzern einen Klaps, wie schon bei früheren Gelegenheiten.

Die Verschleierungstaktiken sind allerdings nicht auf Japan beschränkt. Am 1. Juni gab die IAEO einen Zwischenbericht zur Fukushima-Katastrophe heraus, der die offensichtlichsten Sicherheitsmängel bei TEPCO auflistet, die staatliche Reaktion aber in hohen Tönen lobt. Es heißt dort, die Regierung, die Behörden und die Firma hätten Informationen „äußerst bereitwillig“ ausgetauscht. Das TEPCO-Management in der Anlage habe unter sehr schwierigen Bedingungen einen „beispielhaften“ Job gemacht. Die Regierung habe die Öffentlichkeit „eindrucksvoll und bestens organisiert“ geschützt.

Der Zweck dieser Verschleierungsaktion der IAEO wurde vom stellvertretenden Generaldirektor gegenüber den Medien recht offen ausgesprochen. „Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung muss wiederhergestellt werden, wenn die Regierungen entschieden haben, Atomenergie zu nutzen.“ Wie die Aufsichtsbehörden in Japan ist die IAEO eng mit der Atomindustrie verbunden, die international ausgebaut wird. Ihre Aufgabe ist es, Energiegiganten zu regulieren, die dem Profitprinzip folgen und nicht dem Wohlergehen der Bevölkerung.

Die Katastrophe in Fukushima hat wieder einmal die gefährlichen Konsequenzen einer Situation enthüllt, in der die gesellschaftlichen Bedürfnisse dem privaten Profit untergeordnet werden. Die Nuklearindustrie ist zudem eng mit den militärischen Interessen des kapitalistischen Staates verbunden. Nicht die Nuklearindustrie an sich ist die Gefahr, sondern das Profitsystem, in dem sie arbeitet. Um die Atomenergie eventuell sicher handhaben zu können, müsste sie in öffentliches Eigentum überführt und unter die demokratische Kontrolle der Bevölkerung gestellt werden, – was die Einführung von Sozialismus bedeuten würde.