Deutschland: Einmal arm, immer arm

Von Dietmar Henning
15. Oktober 2011

Armut und soziale Ungleichheit steigen in Deutschland weiter an. Insbesondere Migranten sind von dieser Entwicklung betroffen. Für die Armen wird es immer schwieriger, sich aus ihrer Situation zu befreien. Den Wohlhabenden gelingt es dagegen, ihre einmal erreichten Spitzeneinkommen dauerhaft zu sichern. Das belegt der neue Datenreport, den das Statistische Bundesamt gemeinsam mit führenden Wissenschaftlern in der letzten Woche vorstellte.

2008 waren 15,5 Prozent der Bevölkerung Deutschlands arm (2007: 15,2Prozent), das sind fast 13 Millionen Menschen. Als arm – bzw. armutsgefährdet, wie es im wissenschaftlichen Sprachgebrauch euphemistisch heißt – gelten Menschen, die einschließlich ihrer Sozialleistungen weniger als 929 Euro im Monat zur Verfügung haben.

Da diese Zahlen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise noch nicht berücksichtigen, ist davon auszugehen, dass die Armut inzwischen noch weiter angestiegen ist. Denn in der Krise haben die Gewerkschaften Reallohnsenkungen vereinbart, wie die Forscher in einem Exkurs berichten.

Die Armut hat große Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Dabei geht es nicht nur um Urlaubsreisen oder größere Anschaffungen, für die die Armen kein Geld aufbringen können. Fast jeder dritte Arme (30 Prozent) gab an, er sei nicht in der Lage, wenigstens jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit zu bekommen, sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler. 16 Prozent können ihre Wohnung nicht angemessen warm halten.

„Junge Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren waren überdurchschnittlich häufig arm“, schreiben die Wissenschaftler, „ebenso Arbeitslose, Alleinlebende und Personen in Haushalten von Alleinerziehenden.“ Die Armutsquote liegt bei den 11- bis 30-Jährigen über 18 Prozent. Über 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche sowie 1,8 Millionen junge Erwachsene sind arm.

In Ostdeutschland ist die Armut noch höher. Sie lag in den Jahren 2007 bis 2009 bei 18,8 Prozent und somit um sechs Prozentpunkte über dem Durchschnitt. 2000 bis 2002 lag sie nur etwa drei Prozentpunkte über dem gesamtdeutschen Niveau.

Neben den Ost-West-Unterschieden existieren auch gewaltige Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund. Erste sind „einem doppelt so hohen Armutsrisiko ausgesetzt wie die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund“. In Ostdeutschland ist sogar jeder Dritte Migrant arm.

Im Jahr 2009 gab es in Deutschland erstmals mehr als 16 Millionen Menschen, die selbst oder deren Eltern, Groß- und Urgroßeltern eingewandert sind. Ihr Armutsrisiko ist überproportional hoch, „was stark mit einer niedrigen oder fehlenden schulischen und beruflichen Qualifikation zusammenhängt“. Sie waren 2009 etwa doppelt so häufig arbeitslos wie Menschen ohne Migrationshintergrund oder gingen ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung nach, z. B. einem Minijob (12 Prozent).

Jeder vierte Haushalt, in dem der Haupteinkommensbezieher einen Migrationshintergrund hatte, war 2009 arm. Das monatliche Nettoeinkommen lag bei 18 Prozent dieser Haushalte unter 900 Euro.

Zu den Gruppen, die besonders stark von Armut betroffen sind, gehören auch Alleinerziehende. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Frauen. Im Schnitt ist jede dritte Alleinerziehende arm, bei Frauen mit Migrationshintergrund sind es sogar 40 Prozent.

Auch die Anzahl der Niedriglöhner ist gestiegen. Leider präsentieren die Forscher hier nur fünf Jahre alte Zahlen. Die definierte Niedriglohngrenze lag 2006 bei 9,85 Euro brutto je Stunde. Jeder fünfte Erwerbstätige – rund 8 Millionen Menschen – erhielt einen Verdienst unterhalb dieser Grenze.

„Bei den so genannten atypisch Beschäftigten (Teilzeitbeschäftigte mit weniger als 20 Stunden, geringfügig Beschäftigte, befristet Beschäftigte sowie Zeitarbeiter) war es sogar jeder Zweite“, schreiben die Sozialforscher. Neuere Zahlen aus anderen Studien belegen, dass es im letzten Jahr allein 8 Millionen Männer und Frauen gab, die sich in diesen atypischen Beschäftigungsverhältnissen befanden.

„Dabei unterschieden sich die Anteile der Niedrigentlohnten je nach Beschäftigungsform deutlich“, heißt es im Report. Vier von fünf geringfügig Beschäftigten (81 Prozent) und zwei von drei Zeitarbeitern (67 Prozent) arbeiteten 2006 für einen Niedriglohn. Für befristet Beschäftigte (36 Prozent) und Teilzeitbeschäftigte (20 Prozent) waren die Anteile zwar geringer, aber immer noch deutlich über dem Niveau für so genannte „Normalbeschäftigte“ (11 Prozent). Als „Normalarbeitsverhältnisse“ gelten unbefristete, voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen mit über 20 Wochenstunden.

In den vergangenen zehn Jahren haben sich alle Armut-Indizes vergrößert. „Das Ausmaß an Niedrigeinkommen und Armut ist auf eines der höchsten Niveaus der letzten beiden Jahrzehnte angestiegen“, heißt es im Datenreport.

Auch die soziale Ungleichheit hat deutlich zugenommen. Das monatliche Gesamteinkommen der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung („des untersten Quintils“) sank deutlich. „Nach dem Jahr 2000 ging der Einkommensanteil des ärmsten Quintils stetig zurück und lag dann im Jahre 2009 bei 9,4 Prozent.“ Der Anteil des obersten Quintils stieg von 34,3 Prozent im Jahr 1997 auf 36,3 Prozent im Jahr 2009. „Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen im Haushalt“, folgern die Autoren, „hat sich damit deutlich erhöht, die Schere zwischen arm und reich hat sich weiter geöffnet.“

Das Risiko, arm (im untersten Quintil) zu bleiben, hat sich über die Jahre hinweg deutlich erhöht, nämlich von 57 in den 1980er Jahren auf 65 Prozent 2009. „Der Satz: ‚Einmal arm, immer arm‘ gilt“, sagte die Soziologin Jutta Allmendinger bei der Präsentation des Berichtes. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Reicheren ihr hohes Einkommen sichern können, ist ebenfalls gestiegen, und zwar von 38 Prozent in den 1980er Jahren auf 51 Prozent 2009.

In einem Kapitel zeigt der Report auf, wie Einkommen und „Klassenpositionen nach sozialer Herkunft“ vererbt werden. So besetzen die Söhne der oberen Angestellten zu über 40 Prozent ähnliche Positionen wie ihre Väter. Im letzten Jahrzehnt hatte ungefähr die Hälfte der Facharbeiter in Westdeutschland (50 Prozent) auch einen Facharbeiter zum Vater. Dieser Anteil sei in der Tendenz über die letzten Jahrzehnte angewachsen.

Die Forscher fassen zusammen: „Die Herkunft aus einer bestimmten sozialen Klassenlage hat trotz der Betonung von Chancengleichheit im Bildungswesen und der Hervorhebung des Leistungsgedankens in der Berufswelt nach wie vor einen starken Einfluss auf die spätere Klassenposition von Männern und Frauen in Deutschland.“

Die wachsende und sich verfestigende Armut habe auch zum Anwachsen der Überschuldung geführt. Seitdem 1999 eine neue Insolvenzordnung eingeführt wurde, nach der auch Privatpersonen eine Insolvenz anmelden können, taten dies bis Ende 2009 rund 600.000 Privatpersonen. Allein 2009 gab es rund 101.000 Verbraucherinsolvenzen. Als Hauptgründe für die Überschuldung ermittelten die Forscher im Jahre 2009 Arbeitslosigkeit (28 Prozent), Trennung bzw. Scheidung (14 Prozent) und Erkrankung bzw. Sucht (11 Prozent). Die durchschnittliche Schuldenlast (ohne Personen mit Hypothekenverbindlichkeiten und ehemaligen Selbstständigen) betrug rund 22.000 Euro.

Die Autoren des Datenreports weisen auch ausdrücklich auf die Auswirkungen der Hartz-Gesetze hin, die 2005 in Kraft traten. Die langjährig zu beobachtende Zunahme der Ungleichheit gehe zunächst in erster Linie auf eine „zunehmende Spreizung der Markteinkommen“ zurück, schreiben sie. „Ab 2005 allerdings wirken sich darüber hinaus offenbar auch die Reformprozesse im Bereich der sozialstaatlichen Sicherung aus.“

Die Hartz-Gesetze haben die Ungleichheit deutlich erhöht. Der jüngste Bericht der Bundesagentur für Arbeit vom September zählt 6,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger, darunter 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren. Diese gesetzlich verordnete Armut wirkt gleichzeitig als Hebel, um die Löhne der Beschäftigten zu drücken.

Der 448-seitige Datenreport, den das Statistische Bundesamt zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Wissenschaftszentrum Berlin und dem SOEP am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung herausgibt, sei „nicht nur ein Sozialbericht über den Zustand der Republik“, heißt es in der Einleitung, sondern auch ein wichtiges Instrument politischer Bildung. Der Datenreport „ermöglicht es den Nutzern, sich ein eigenes, begründetes Urteil zu bilden“.

Die Zahlen des Datenreports sprechen in der Tat eine deutliche Sprache. Sie sind eine Anklage an die Gesellschaft und damit an diejenigen, die mit ihrer Politik der Lohnsenkungen, Niedriglöhne und Sozialkürzungen viele Millionen Menschen zu einem Leben in Armut verdammt haben – inmitten wachsenden Reichtums, Boni in Millionenhöhe und explodierender Gewinne der Unternehmen.