Löhne der Arbeiter sinken trotz „Aufschwung“

Von Barry Grey
12. Oktober 2011

Die Proteste gegen die Wall Street, gegen soziale Ungleichheit und die Tyrannei der Finanzoligarchie breiten sich über die ganzen Vereinigten Staaten aus. Am Montag wurde eine neue Studie veröffentlicht, die den verheerenden Niedergang der Lebensstandards der Arbeiterklasse in den vergangenen vier Jahren dokumentiert.

Diese Studie wurde von zwei ehemaligen Mitarbeitern des Statistischen Bundesamtes verfasst. Sie zeigt, dass im Zeitraum vom Dezember 2007, dem offiziellen Beginn der Rezession, bis Juni 2011, das Medianeinkommen inflationsbereinigt um 9,8 Prozent gesunken ist. Außerdem sanken die Haushaltseinkommen während der „Erholung“ unter Obama seit Juni 2009 doppelt so schnell wie in der offiziell achtzehn Monate dauernden Rezession.

Laut den Autoren Gordon W. Green Jr. und John F. Coder fiel das reale Medianeinkommen während der offiziellen Rezession um 3,2 Prozent. Das ist zwar bereits ein starker Fall, aber von Juni 2009 bis Juni 2011 fiel er um mehr als das Doppelte, um 6,7 Prozent.

Der Bericht nennt den nahezu zehnprozentigen Niedergang innerhalb von dreieinhalb Jahren „eine deutliche Reduzierung des amerikanischen Lebensstandards“ und zeigt auf, dass die Lohnsteigerungen während der Rezession höher waren als die Inflationsrate, wohingegen sie während der „Erholung“ nicht mit der Inflation Schritt halten konnten. (Nachzulesen auf: www.sentierresearch.com)

Green und Coder nennen als Hauptursache für das gesunkene Haushaltseinkommen für die Mehrheit der Amerikaner hauptsächlich die andauernde Massenarbeitslosigkeit. Die New York Times meldet in einem Artikel auf der ersten Seite, dass die durchschnittliche Zeit der Arbeitslosigkeit stark angestiegen ist.

Bei „Beginn“ der Rezession im Dezember 2007 lag sie bei 16,6 Wochen. Im Juni 2009, dem angeblichen Ende der Rezession, war sie auf 24,1 Wochen gestiegen. Laut einem Bericht des Arbeitsministeriums, der letzten Freitag veröffentlicht wurde, liegt die durchschnittliche Zeit der Arbeitslosigkeit mittlerweile bei 40,5 Wochen, so hoch wie seit 63 Jahren nicht mehr.

Die Times erwähnt eine andere Studie von Henry S. Farber, Ökonom der Universität Princeton. Laut dieser Studie erhalten Arbeiter, die während der Rezession ihre Arbeitsplätze verloren und wieder Arbeit gefunden haben, durchschnittlich 17,5 weniger Lohn als an ihrer alten Arbeitsstelle.

Im gleichen Zeitraum sind Banker und Konzernchefs reicher geworden als je zuvor. Der Grund dafür sind die billionenschweren, aus Steuergeld finanzierten Bailouts, unbegrenzte billige Darlehen von der US-Notenbank und Obamas Untätigkeit, die Kriminellen vor Gericht zu bringen, die für den Finanzzusammenbruch verantwortlich sind; oder eine echte Bankenreform durchzuführen.

Die wachsende Zahl von Menschen, die an den Wall Street-Protesten teilnehmen, und die Millionen in den Vereinigten Staaten und der Welt, die mit ihnen sympathisieren, müssen erkennen, dass die Verarmung der Mehrheit und die weitere Bereicherung des obersten Prozentes nicht nur das Ergebnis von unpersönlichen wirtschaftlichen Kräften sind, sondern das Ergebnis einer berechnenden und vorsätzlich betriebenen Politik der herrschenden Klasse Amerikas und ihrer ergebenen Diener in der Obama-Regierung.

Seit er an die Macht gekommen ist, hat Obama den Reichtum der Finanzelite geschützt und vermehrt. Er hat sich geweigert, Programme aufzulegen, um Arbeitslose einzustellen oder den Opfern der Depression zu helfen – denjenigen, deren Häuser zwangsversteigert wurden, oder deren Einkommen durch Arbeitslosigkeit gesunken sind, oder den Studenten, die mit einer erdrückenden Schuldenlast und steigenden Studiengebühren geschlagen sind, usw.

Er hat sich auch geweigert, Städten und Bundesstaaten, die von der wirtschaftlichen Flaute in den Bankrott getrieben wurden, echte Hilfe zukommen zu lassen. Dadurch förderte er den großflächigen Abbau von Stellen im öffentlichen Dienst und von Sozialleistungen, vor allem bei der Bildung, und einen brutalen Angriff auf Gehälter, Renten und Gesundheitsleistungen. Jetzt will er an staatlichen Sozialprogrammen, darunter auch an den Gesundheitsprogrammen Medicare und Medicaid, hunderte Milliarden Dollar einsparen.

Zusammen mit den Gewerkschaften hat er bewusst die Arbeitslosigkeit hochgehalten, um sie als Druckmittel gegen die Arbeiter einzusetzen, damit sie Lohnkürzungen akzeptieren. Es ist kein Zufall, dass die Löhne der Arbeiter seit Juni 2009 stärker gefallen sind als in den Monaten davor.

Im Juni 2009 meldete General Motors Konkurs an. Dies war Teil eines Sanierungskonzeptes für die amerikanische Autoindustrie, das von Obamas Auto Task Force diktiert wurde. Zu den Bedingungen, denen die Gewerkschaft United Auto Workers zustimmte, gehörte eine Ausweitung der Zweistufenlöhne (Billiglöhne) auf alle neueingestellten Arbeiter, die nur vierzehn Dollar die Stunde verdienen – halb soviel wie das traditionelle Lohnniveau. Die massiven Lohnsenkungen bei GM und Chrysler waren der Startschuss für Angriffe auf die Löhne in allen Zweigen der amerikanischen Wirtschaft.

Durch die Politik der Obama-Regierung und der beiden Wirtschaftsparteien wurden alle Teile des Haushaltseinkommens – Social Security (staatliche Rente), Sozialhilfe, Firmenrenten – ausgeblutet. Sie nutzen die Krise für eine Konterrevolution gegen die sozialen Bedingungen und den Lebensstandard der Arbeiterklasse.

Die Konzerne streichen bereits ihren Lohn in Form von steigenden Gewinnen ein und reiben sich in Erwartung weiterer Geldregen die Hände. Hohe Arbeitslosigkeit, Lohnsenkung und Leistungssteigerungen sind die zentralen Voraussetzungen für das Versprechen der Regierung, die amerikanischen Exporte in fünf Jahren zu verdoppeln. Obamas Gerede über die Wiederbelegung der amerikanischen Industrie läuft darauf hinaus, die USA zu einem Billiglohnland zu machen, von dem aus in die ganze Welt exportiert wird.

Am Freitag brachte das Wall Street Journal zwei Artikel, in dem es mit den ersten Erfolgen bei der Steigerung der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit durch die Etablierung von Armutslöhnen prahlte. „Kopf hoch, Amerika, China wird zu teuer“, war die Schlagzeile des einen, der andere lautete „Otis verlagert Produktion näher an Heimat.“

Der erste Artikel beschrieb den Anfang einer Bewegung, durch die mittels niedrigen Löhnen und mehr „Flexibilität“ die Produktion aus China wieder in die USA zurückgeholt werden soll. Er berief sich auf einen vor kurzem veröffentlichten Bericht der Boston Consulting Group mit dem Titel: „(Wieder) hergestellt in Amerika“; als Grund für die Rückverlagerung bestimmter Produktionen in die USA wurden dort genannt: „Mehr Flexibilität einiger Gewerkschaften, dadurch weniger Regulierung und geringere Kosten.“ In dem Artikel über den Aufzughersteller Otis Co. hieß es, das Unternehmen verlagere die Produktion aus Mexiko zurück in die USA.

Als Beispiel für diesen Trend nennt die Boston Consulting Group die Entscheidung von Ford, nach einem „günstigen Tarifvertrag mit den United Auto Workers“ zweitausend Stellen in den USA zu schaffen. Dieser Tarifvertrag ermöglicht es dem Unternehmen, neue Arbeiter für vierzehn Dollar Stundenlohn einzustellen. In dem Bericht heißt es weiter, „bestimmte Bundesstaaten, wie South Carolina, Alabama und Tennessee, werden noch die billigsten Produktionsstandorte in der industrialisierten Welt werden.“

Die Obama-Regierung, die Demokraten und die Republikaner, sowie die Konzernmedien sind allesamt Werkzeuge des amerikanischen Kapitalismus und stehen den Interessen der arbeitenden Bevölkerung und der Jugend in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Ein Kampf gegen soziale Ungleichheit und die Herrschaft der Wall Street kann nicht erfolgreich sein ohne einen politischen Kampf gegen diese Kräfte und das Profitsystem, das sie verteidigen.

Den Versuchen der Gewerkschaften und ihrer pseudolinken Verbündeten wie der International Socialist Organization, sozialistische Politik von den Wall Street-Protesten fernzuhalten, muss eine Absage erteilt werden. Das ist nichts weiter als ein Versuch, die Bewegung ihren größten Feinden unterzuordnen: Der Obama-Regierung, der Demokratischen Partei und dem kapitalistischen Zweiparteiensystem.

Die derzeitige Krise zeigt, dass der Kapitalismus im Weltmaßstab gescheitert ist. Die Verteidigung von grundlegenden sozialen und demokratischen Rechten erfordert den Aufbau einer sozialistischen Massenbewegung, um den Griff der Finanzoligarchie zu brechen und die Banken und Konzerne unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse zu bringen.