Arabisches Filmfestival Berlin

18 Days

Von Johannes Stern
17. November 2011

Vom 2. bis zum 10. November fand das dritte Arabische Filmfestival Berlin statt. Ein Schwerpunkt des Festivals waren die Revolutionen in Ägypten und Tunesien. Gezeigt wurden Dokumentationen, Kurzfilme und Spielfilme, die die Zustände vor, während und nach dem Sturz der Diktatoren Hosni Mubarak und Zine Abedine Ben Ali thematisieren.

Im Folgenden sollen Filme besprochen werden, die sich direkt mit der Thematik der Revolution beschäftigen: 18 Days (diverse Regisseure, Ägypten 2011), Forbidden (Amal Ramsis, Ägypten 2011) und No More Fear (Mourad Ben Cheikh, Tunesien 2011).

Trotz aller Stärken, Schwächen (es überwiegen Letztere) und Unterschieden eint die Filme, dass sie sich ihrem Stoff alle aus einem ziemlich begrenzten Blickwinkel nähern. Den Regisseuren gelingt es zumeist nicht, über den Tellerrand ihrer eigenen Mittelklasse-Perspektive hinauszublicken und ein umfassenderes Bild der revolutionären Ereignisse und Gesellschaften zu geben.

Die Filme tragen so weniger zu einem objektiven Verständnis der Revolutionen und der vorrevolutionären Gesellschaften bei, als dass sie über die Denk- und Sichtweisen der Filmemacher und das soziale Milieu Aufschluss geben, in dem sich diese bewegen und in dem teilweise sehr definitive politische Standpunkte vorherrschen.

Dass es bei den Filmen über die Revolutionen nicht einfach nur um Kunst, sondern vor allem auch um Politik ging, wurde bereits am ersten Tag des Filmfestivals deutlich.

Der Leiter des Arabischen Filmfestivals Berlin ist Dr. Issam Haddad, der lange Zeit das Internationale Büro der Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas (DFLP), einer Mitgliederorganisation der PLO, geleitet hat. In seiner Begrüßungsrede vor dem Eröffnungsfilm 18 Days feierte er die Anerkennung Palästinas durch die UNESCO als „kleinen aber wichtigen Schritt zum Frieden“ und zu einer Beendigung der Konflikte und Kriege in der Region.

Daneben stellte er die „erfolgreichen Ereignisse“ auf dem Tahrir-Platz und in Tunesien in eine Reihe mit den Protesten der „Empörten“, die sich nun weltweit ausbreiteten und das Potential hätten, „die Welt zu verändern“. Dieser Vergleich wird nicht selten in offiziellen politischen Kreisen bemüht. Er dient dazu, den Charakter der Revolutionen in Ägypten und Tunesien zu verharmlosen und zu verfälschen. Immer wieder wurde bei Filmankündigungen von Sprechern des Festivals betont, dass die Revolutionen ihr Ziel erreicht hätten und vor allem von einer gebildeten Mittelschicht getragen worden seien.

In Wirklichkeit wurden und werden die revolutionären Bewegungen in Tunesien und vor allem Ägypten hauptsächlich von der Arbeiterklasse geführt und vorangetrieben. Diese gerät zunehmend in Konflikt mit den Führern der gut betuchten Mittelschichten, die vor allem das Ziel verfolgen, ihren eigenen demokratischen Spielraum zu erweitern und selbst die Stellung der alten Eliten einzunehmen. Dies eint sie mit den Führern der sogenannten „Empörten“, die unter dem Deckmantel „Keine Politik“ ebenfalls jeden radikalen Wandel ablehnen und behaupten, die Ereignisse auf dem Tahrir Square in Kairo hätten bewiesen, dass man ohne politische Führung und allein mit friedlichem Protest zum Erfolg kommen könne.

Die Revolutionen in Ägypten und Tunesien waren jedoch keineswegs friedlich, und für Arbeiter und Jugendliche hat sich nichts verändert. Die alten Regimes sind nach dem Austausch einiger Führungspersönlichkeiten weiterhin an der Macht und führen mit Unterstützung der westlichen Mächte die undemokratische und unsoziale Politik der gestürzten Diktatoren gewaltsam fort. In beiden Ländern stehen die Massen vor der Aufgabe, den revolutionären Kampf weiter zu führen und ihre eigenen unabhängigen Massenorganisationen aufzubauen; dabei sind sie auf die Unterstützung der Arbeiter weltweit angewiesen.

Eine solche Perspektive wird von Haddad und den Förderern des Festivals – darunter die Rosa-Luxemburg Stiftung der Linkspartei und die ägyptische Botschaft Berlin – strikt abgelehnt. Der Versuch der Festivalleitung, die Aufstände vor allem als mehr oder weniger abgeschlossene „Facebook-Revolutionen“ darzustellen, die von einer gebildeten Mittelschicht durchgeführt wurden, hat sich offensichtlich auch auf die Auswahl der Filme niedergeschlagen.

18 Days (Regie: diverse, Ägypten 2011, 125 Min.)

18 Days besteht aus zehn Kurzfilmen von größtenteils etablierten Filmemachern, die sich mit den 18 Tagen von Beginn der Ägyptischen Revolution am 25. Januar 2011 bis zum Fall Mubaraks am 11. Februar beschäftigen. Alle Filme haben einen sehr begrenzten Fokus auf die Geschehnisse. Der Film schafft es nicht, die mächtigen revolutionären Ereignisse adäquat zu fassen und darzustellen.

Zunächst wird die ägyptische Revolution ausschließlich als nationales Ereignis betrachtet. Keiner der Kurzfilme thematisiert auch nur am Rande internationale Fragen. Die tunesische Revolution wird genauso wenig angesprochen wie die Rolle des Westens, der bis zuletzt Mubarak die Treue hielt und die brutale Unterdrückung der Aufstände unterstützte. Auch dass die revolutionäre Bewegung der Massen die direkte Folge eines langjährigen Prozesses der Umverteilung des Reichtums von unten nach oben ist, der sich mit der Weltwirtschaftskrise noch einmal verschärft hat, findet keine Beachtung.

Insgesamt vermittelt der Film den Eindruck, dass eigentlich alle Ägypter recht überrascht waren von der Revolution und teilweise nicht einmal verstanden, dass es sich um eine solche handelt.

18 Days - Szene aus Revolution Cookies 18 Days - Szene aus Revolution Cookies

Am deutlichsten wird dies in Revolution Cookies von Khaled Marei. Der Film handelt von der Geschichte eines Schneiders (gespielt vom ägyptischen Starkomiker Ahmed Helmi), der am Morgen des 28. Januar aus dem Krankenhaus zurück in seine Werkstatt in der Nähe des Tahrir-Platzes kommt. Von den Demonstrationen hat er bislang nichts mitbekommen, und als die ersten Kämpfe am Freitag des Zorns beginnen, schließt er sich in seinen Laden ein, wo er bis zum 11. Februar ausharrt. In völliger Isolation beginnt er seine Gedanken und Ängste auf Tonbänder aufzunehmen. Erst am letzten Tag begreift zu seiner großen Überraschung, auf Grund der Sprechchöre, die immer deutlicher werden, dass es sich um eine Revolution handelt. Zuvor war er der festen Überzeugung gewesen, es handle sich um eine Invasion Israels.

Überhaupt schien niemand so richtig gewusst zu haben, wie er sich verhalten sollte. Wenn sich jemand doch entschied, an den Demonstrationen teilzunehmen, dann eher durch Zufall (God's Creation von Kamla Abu Zikry) oder auf Grund von rein persönlichen Motiven, z.B. aus Liebe zu einer Frau (Window von Ahmad Abdallah).

Ein weiteres großes Defizit des Films ist die oberflächliche, und man muss auch sagen, nicht der Wahrheit entsprechende Darstellung der sozialen Schichten und Klassen und ihrer jeweiligen Haltung zur Revolution. Der Film vermittelt insgesamt die Vorstellung, dass vor allem die besser gestellten Mittelschichten, die Revolution initiiert und getragen haben.

Die Rolle der ärmeren Bevölkerungsschichten wird vor allem negativ dargestellt; sie sind entweder als Pro-Mubarak Schläger angeheuert worden (#Tahrir 2/2 von Mariam Abou Ouf) oder versuchen, an der Revolution Geld zu verdienen, indem sie Flaggen und Poster an Mubarak-Gegner und Befürworter gleichermaßen verkaufen (When the Flood Hits You von Mohamed Ali).

18 Days - Szene aus 1919 18 Days - Szene aus 1919

Das heißt nicht, dass es nicht auch einige ernsthaftere Beiträge in 18 Days gibt. So zeigt der Film 1919 die Brutalität des Mubarakschen Folterregimes. Einen Tag vor Beginn der Proteste wird ein junger Mann von der ägyptischen Staatssicherheit festgenommen, der als einer der Rädelsführer der Proteste gilt. Es stellt sich heraus, dass er ein junger Geschäftsmann und der Leiter von Intel Middle East ist. Dies ist offenbar eine Anspielung auf den ägyptischen Aktivisten und Manager von Google Middle East, Wael Ghonim, der elf Tage lang an einem unbekannten Ort vom Mubarak Regime verhört wurde. Der Aktivist, der die Nummer 1919 erhält, verrät seinen Peinigern nichts, was er am Ende mit dem Tod bezahlen muss.

#Tahrir 2/2 thematisiert die Geschehnisse rund um die sogenannte „Kamelschlacht“ vom 2. Februar, als mit Schwertern und Prügeln bewaffnete pro Mubarak Schläger die Protestierenden auf dem Tahrir-Platz auf Kamelen und Pferden angriffen. Es werden die Geschichten zweier Männer erzählt, die in die Kämpfe verwickelt waren. Der eine ist ein junger Protestierender, der an dem Tag auf dem Platz war und traumatisiert von den Ereignissen berichtet. Der andere kommt aus einem Slum in Kairo und wird von einem NDP-Schläger Mubaraks angeworben, ihm und dem Regime für 50 Pfund einen Dienst zu erweisen. Da er völlig ohne Einkommen ist und eine Frau und ein Kind zu ernähren hat, willigt er in den Deal ein. Am Abend kommt er blutüberströmt und völlig unter Schock stehend nach Hause zurück und übergibt seiner Frau einen bluttriefenden Geldschein.

Der Film #Tahrir 2/2 beleuchtet damit zwar einen durchaus erwähnenswerten Aspekt. Die soziale Not in Ägypten ist so groß, dass Teile der ärmeren Schichten immer wieder vom Regime für seine Interessen mobilisiert werden konnten. Das Hauptproblem ist jedoch, wie oben bereits bemerkt, dass in 18 Days die Massen auf diese Rolle reduziert werden.

Die Rolle der Arbeiterklasse, die von Anfang an die führende revolutionäre Kraft war und mit ihren Massenstreiks ab dem 7. Februar schließlich Mubarak zum Rücktritt zwang, wird in 18 Days völlig ausgeblendet. Genau so wenig spielen die Ursachen der Revolution – weit verbreitete Armut, Perspektivlosigkeit und Unterdrückung – eine Rolle. In den Filmen geht es vor allem um Gefühle von Individuen, die in den meisten Fällen noch dazu komplett isoliert von den revolutionären Ereignissen sind, die um sie herum passieren. In den Kurzfilmen wird auch vermieden, eine Haltung zur Revolution einzunehmen.

Nach dem Screening war einer der Regisseure, Sherif Bendary (Curfew) anwesend. Es wurde deutlich, dass die Schwäche der Kurzfilme eng mit deren Haltung zur Revolution zusammenhängt. So erklärte Bendary, die Ideen für das Projekt seien entstanden und die Dreharbeiten hätten begonnen, als man noch gar nicht von einer Revolution gesprochen habe. Es sei vor allem darum gegangen, „wichtige Momentaufnahmen“ zu machen. Auch wenn dieser Ansatz vielleicht „etwas naiv“ sei, „denken wir, dass es wichtig ist, auch so was aufzuzeigen“. Der ganze Film sei eine „Dokumentation der Gefühle“, bei der es keine Wertung und keine Positionierung gebe. Es gehe einzig um die „Aufnahme der Gefühle, die wir als Ägypter gehabt haben“.

Man sollte hinzufügen, dass dies vor allem die Gefühle einer relativ gut situierten Mittelklasse sind. Die Haltungen, Ängste und Sichtweisen auf die Revolution und die ägyptische Gesellschaft in den Filmen geben einen guten Einblick in die Gemütslage dieser Schichten, die geprägt war von Unsicherheit, Angst, Zurückhaltung und Opportunismus. Dass mit Marwan Hamed (19 19) und Sherif Arafa (Retention) zwei der Regisseure im Jahr 2005 Wahlspots für Mubaraks Nationaldemokratische Partei (NDP) gedreht haben, zeigt nur zu deutlich, wohin es führen kann, wenn man keine „Haltung“ hat und keine „Position“ einnimmt und sich lediglich auf sein „Gefühl“ verlässt.

Auf Grund der Propagandaarbeit der beiden Regisseure für die NDP hatte es vor dem Filmfestival in Cannes, wo 18 Days seine Premiere feierte, eine Petition von ägyptischen Aktivisten gegeben. Sie forderten, den Film nicht auszustrahlen und den Tag des Festivals zu boykottieren, an dem Ägypten im Namen der Festivalleitung von Cannes offiziell geehrt werden sollte. Ähnlich wie in Cannes hatte die Festivalleitung in Berlin kein Problem damit, den Film auszustrahlen und ihn sogar zum Eröffnungsfilm zu machen.

Verwunderlich ist das nicht, wenn man bedenkt, dass eine der Unterstützerinnen des Festivals die ägyptische Botschaft Berlin ist. Diese wird seit September 2008 von Ramzy Ezzeldin Ramzy geleitet, der selbst für den nahtlosen Übergang vom Mubarak Regime in die Nach-Mubarak-Zeit steht.

Wird fortgesetzt