Arabisches Filmfestival Berlin

No More Fear

Von Johannes Stern
19. November 2011

Vom 2. bis zum 10. November fand das dritte Arabische Filmfestival Berlin statt. Ein Schwerpunkt des Festivals waren die Revolutionen in Ägypten und Tunesien. Nachdem wir in den vergangenen Tagen die Filme 18 Days (diverse Regisseure, Ägypten 2011)und Forbidden (Amal Ramsis, Ägypten 2011) besprochen haben, widmet sich der abschließende Teil dem Film No More Fear (Mourad Ben Cheikh, Tunesien 2011).

No More Fear ist eine Dokumentation über die tunesische Revolution von Ben Mourad Cheikh, einem tunesischen Filmemacher, der in Italien und Tunesien lebt. Cheikh war bei Ausbruch der Proteste in Tunesien und nahm mit Freunden an den Demonstrationen teil. Nach eigener Aussage hatte er zunächst nicht vor eine Dokumentation zu drehen, als die ersten Aufnahmen nur wenige Tage vor der Flucht des langjährigen Diktators Zine Abedine Ben Ali begannen.

No More Fear, Filmplakat No More Fear, Filmplakat

Im Film gibt es teilweise eindrucksvolle Bilder, die die Macht und Entschlossenheit der Massenproteste gegen das verhasste Regime vermitteln. Mit festem Gesichtsausdruck skandieren Arbeiter und Jugendliche auf Demonstrationen Sprechchöre gegen die Regierung und Ben Ali und fordern Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Die ganze Brutalität des Regimes wird sichtbar, wenn Protestierende verletzte oder getötete Demonstranten durchs Bild tragen.

Der Schwerpunkt der Dokumentation liegt nicht auf dem Ablauf und den politischen und sozialen Hintergründen der Revolution, sondern auf drei Protagonistinnen und Protagonisten, die Cheikh begleitet und interviewt.

Eine ist Radhia Nasraoui, eine bekannte Richterin und Menschenrechtlerin und die Frau von Hamma Hammami, dem Führer der tunesischen Workers Communist Party (PCOT), der im Film ebenso zu Wort kommt. Die Zweite ist die aus einer sehr wohlhabenden tunesischen Familie stammende Lina Ben Mhenni, die mit ihrem Blog „A Tunisian Girl“ bekannt geworden ist. Und der dritte Hauptcharakter ist ein Journalist, der während der Revolution in einem Nachbarschaftskomitee aktiv war und laut Cheikh „seinen Füller gegen einen Schlagstock ausgetauscht hat“.

Eingerahmt werden die Gespräche und Szenen mit den Hauptpersonen von einem vierten Charakter, der wie ein Kommentator seine Meinung zur Tunesischen Revolution einbringt. Man erfährt, dass er ein Professor ist, der sich seit Jahren unter psychologischer Betreuung befindet, da er die gesellschaftlichen Bedingungen unter Ben Alis Herrschaft nicht mehr aushalten konnte. Während er die Ereignisse kommentiert, baut er aus Zeitungsschnipseln Collagen, um auf diese Weise die revolutionären Ereignisse zu verarbeiten und zu deuten.

Cheikh kommentiert selbst nicht, aber als Zuschauer hat man den Eindruck, dass der Professor gewissermaßen für ihn spricht und dessen Einschätzung der Revolution auch die seine ist. Am Ende des Films sagt der Professor bezeichnenderweise: „Diese Revolution ist nicht das Ergebnis von Armut, sondern vielmehr ein Schrei der Verzweiflung einer Generation der Graduierten. Es ist weder eine Brotrevolution noch die Jasminrevolution, es ist eine Revolution der Graduierten. […] Es ist die Revolution der Hingabe des Volks. Wir werden nie wieder Angst haben um dieses neue Tunesien.“

Das ist auch die zentrale Botschaft, die der Film zu vermitteln versucht: Die treibenden Kräfte der Revolution seien vor allem die gebildeten Vertreter der oberen Mittelschicht gewesen, also Blogger, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionspolitiker. Der Film erwähnt zwar die Selbstverbrennung des Gemüseverkäufers Mohamed Bouazizi und die ersten Proteste in Sidi Bouzid, aber für Cheikh sind es weniger die sozialen Gründe, die zur Revolution geführt haben, als moderne Kommunikationsmedien wie Facebook und Twitter. Diesen widmet er große Aufmerksamkeit.

Natürlich ist nicht zu leugnen, dass sie eine große Rolle bei der Vernetzung und dem Austausch von Informationen gespielt haben. Aber sie gewissermaßen als die Initiatoren einer Revolution zu sehen, wie es in bürgerlichen Kreisen immer wieder getan wird, ist schlicht oberflächlich.

No More Fear, Lina Ben Mhenni No More Fear, Lina Ben Mhenni

Dass Cheikh gerade Lina Ben Mhenni in seinem Film einbezieht, ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich. Ben Mhenni ist als die Bloggerin der Tunesischen Revolution bekannt geworden und wird in den Medien als „die Stimme der Jasmin-Revolution“ bezeichnet. Ben Mhenni ist sicherlich eine mutige junge Frau und war eine der ersten, die auf ihrem Blog über die Proteste in Sidi Bouzid berichtete. Ihre politischen Konzeptionen sind jedoch sehr schwach. Sie ist eine typische Vertreterin der sogenannten Cyberaktivisten, wie sich selbst bezeichnet.

In einem Interview mit Welt Online erklärte Ben Mhenni, dass sie über den Ausbruch der Revolution überrascht gewesen sei, und ergänzte: „Bei Protesten in den Jahren zuvor sprang der Funke noch nicht auf die große Masse über, weil die Menschen in Tunesien noch nicht so vernetzt waren.“ Passend zur Thematik veröffentlichte sie in diesem Jahr eine programmatische Streitschrift mit dem Titel „Vernetzt Euch!“, in der sie dazu aufruft, dass Internet und soziale Netzwerke wie Facebook als Mittel gegen Repression und für eine „direkte, bürgernahe Demokratie“ zu nutzen.

Einige der Interviews mit Ben Mhenni sind im Haus ihrer wohlhabenden Familie in Tunis gedreht. Auch ihr Vater, der als „ehemaliger Linker“ vorgestellt wird und nun in der Verwaltung des Transportministeriums arbeitet, kommt zu Wort. Er berichtet ausführlich von der Krankheit seiner Tochter, die nierentransplantiert ist, und den Sorgen, die er sich mache.

Wenn Cheikh Ben Mhenni bei Protesten begleitet, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie nicht so recht zu der Mehrheit der Demonstranten passen will. Im Gegensatz zu der im Film vertretenen Position erwecken die Aufnahmen nämlich durchaus den Eindruck, dass es sich um eine Revolution der hungrigen Massen handelt.

Manche Aktivisten aus der oberen Mittelschicht wie Ben Mhenni mögen zwar betroffen sein von der Armut und dem sozialen Elend, das sie umgibt. Sie sind trotzdem mehr auf sich selbst und den neuen „demokratischen Spielraum“ fokussiert, den ihnen die Regimes zugestehen, um ihre Macht zu stabilisieren.

Nur kurz nach dem Sturz Ben Alis erklärte sich Ben Mhenni bereit, in einem sogenannten Komitee zur Reform der tunesischen Medien mitzuarbeiten. Übergangspräsident war in dieser Zeit Fouad Mebaza, ein ehemaliges Mitglied des Politbüros des herrschenden Rassemblement Constitutionnel Démocratique (RCD), der wie kein Zweiter die herrschende Elite Tunesiens repräsentiert und bereits unter Ben Alis Vorgänger Habib Bourgiba Minister war.

Im Juni trat Ben Mhenni mit der Begründung, dass „keine Ergebnisse erkennbar wurden“, zwar wieder aus der Kommission zurück, aber die Episode macht deutlich, welche Rolle junge Blogger wie Ben Mhenni in der Tunesischen Revolution spielen. Obwohl sich für Arbeiter und Jugendliche wenig bis nichts verändert hat, sind sie bereit, mit der Übergangsregierung, die größtenteils aus alten Ben-Ali-Leuten besteht, zusammenarbeiten und so das alte Regime an der Macht zu halten.

Eine bewusstere Rolle in dieser Hinsicht spielen etablierte oppositionelle Aktivisten und Politiker wie Radhia Nasraoui und Hamma Hammami. Diese sind zwar immer wieder in Konflikt mit dem Ben-Ali-Regime geraten und deshalb teilweise eingesperrt worden, den revolutionären Jugendlichen und Arbeiter haben sie jedoch nichts anderes anzubieten als wohlklingende Phrasen, hinter denen sich eine enge Zusammenarbeit mit den Kräften des alten Regimes verbirgt.

Hamma Hammami ist der Führer der Kommunistischen Arbeiterpartei Tunesiens (PCOT), einer stalinistisch-maoistischen Gruppierung, die sich ideologisch auf die Lehre des früheren albanischen Diktators Enver Hoxha beruft. Mit revolutionär-sozialistischer Politik hat diese obskure Gruppierung nicht das Geringste zu tun. Hammami und die PCOT betrachteten es von Anbeginn der Proteste als ihre wichtigste Aufgabe, diese politisch zu desorientieren und sicherzustellen, dass der tunesische Kapitalismus und die Herrschaft der Bourgeoisie nicht gefährdet wurden.

Als sich abzeichnete, dass Ben Ali auf Grund der mächtigen Bewegung der Massen kaum mehr zu halten war, forderte Hammami am 11. Januar dessen „Rücktritt, die Auflösung des Marionettenregimes und die Installation einer Nationalen Übergangsregierung, die freie und transparente Wahlen organisiert“. Hammami wurde daraufhin am 12. Januar von Sicherheitskräften Ben Alis festgenommen, aber nach dessen Flucht am 14. Januar wieder frei gelassen.

Die Forderung Hammamis nach Bildung einer Nationalen Übergangsregierung wurde nun umgesetzt. Hammami selbst trat dieser zwar nicht bei, arbeitete aber mit seiner PCOT seit 2005 im Rahmen der sogenannten „Koalition des 18.Oktober“ eng mit der Demokratischen Fortschrittspartei (PDP) und der sozialdemokratischen Etakkatol zusammen, die beide Minister in der Übergangsregierung stellten.

Hintergründe wie diese und politische Fragen im Allgemeinen werden in dem Film weder von Cheikh noch von Hammami oder Nasraoui angesprochen. Stattdessen geht es vor allem um das Privatleben und persönliche Anekdoten. An einer Stelle erzählt Hammami belustigt, manche Tunesier diskutierten darüber, ob seine Frau in den Himmel komme, da sie doch einerseits so viel Gutes tue, andererseits aber auch eine Linke sei.

Geht es in einer Szene dann doch mal kurz um Politik, geschieht dies sehr oberflächlich, wobei es über die politische Haltung der beiden mehr aussagt, als ihnen vermeintlich lieb ist. Bei einem gemeinsamen Mittagessen mit Hammami in einem Restaurant bemerkt Nasraoui, Ben Ali sei sogar noch schlimmer gewesen als sein Vorgänger Bourgiba. Man solle dies jedoch nicht falsch verstehen, natürlich sei Bourgiba „trotz allem auch ein Diktator gewesen“.

Hört man Nasraoui reden und erzählen, schwingt bei ihr immer das Selbstverständnis mit, dass sie sich als eine Trägerin der Revolution sieht, die unendlich viel Leid auf sich genommen habe und nun endlich belohnt werde. In einem Interview mit dem Onlinejournal Magharebia sagt sie: „Aktivisten bleiben trotz ihres moralischen und physischen Leidens immer optimistisch. Trotz alledem was wir unter Ben Ali erleiden mussten, stehen wir noch und feiern mit unserem Vaterland.“

Es mag hart klingen, aber es ist ein typisches Merkmal der oberen Mittelschichten, dass sie sich mehr mit sich selbst und ihren „Gefühlen“ beschäftigen als mit dem Schicksal der Massen. Über den Film von Cheikh sagte Nasraoui, dass ihr vor allem gefallen habe, wie dieser ihre warmherzige Art zeige, wenn sie mit ihrer Familie zusammen sei.

Es soll hier nicht darum gehen, Nasraoui und Hammami persönlich anzugreifen, aber sie sind Vertreter eines Teils der herrschenden Elite in Tunesien, der zwar im Konflikt zu Ben Ali und seiner Clique stand, aber genauso wie diese eine revolutionäre Offensive der Arbeiterklasse fürchten. Diese Schichten sind nun dabei, sich in das System zu integrieren und die Machtpositionen zu übernehmen, die von denen geräumt werden mussten, die zu eng mit dem Ben Ali Regime kooperiert hatten. Nasraoui und Hammami kritisieren zwar weiterhin die schlimmsten Auswüchse des Systems – aber um dafür zu sorgen, dass es umso reibungsloser funktioniert.

Dabei bekommen sie Unterstützung von den westlichen Regierungen, die ebenso mit allen Mitteln das Ziel verfolgen, die tunesische Revolution einzudämmen und ihre imperialistischen Interessen in der Region zu verteidigen. Es ist kein Zufall, dass Radhia Nasraoui in diesem Jahr in die engere Auswahl der Kandidaten für den Friedensnobelpreis kam.

In einem Interview sagte Cheikh, dass seine Dokumentation über die „Teilnahme an der Revolution“ gehe. Dass er dabei lediglich Vertreter aus den wohlhabenden Oberschichten zu Wort kommen lässt, ist die große Schwäche des Films, der so einen recht einseitigen und unkritischen Blick auf die Ereignisse wirft. Die Hauptbotschaft, die der Film vermittelt, deckt sich dabei mit der politischen Meinung, die von der Leitung des Arabischen Filmfestivals vertreten wurde – nämlich dass die Revolutionen in Tunesien und Ägypten Revolutionen einer gebildeten (und jungen) oppositionellen Mittelschicht waren, die nun durch Wahlen erfolgreich abgeschlossen werden könnten.

In Wirklichkeit wurden und werden die Ereignisse jedoch vor allem von den verarmten Massen getragen, die nicht länger bereit sind, kapitalistische Ausbeutung und die Vorherrschaft des Imperialismus in der Region hinzunehmen. Es bleibt zu hoffen, dass sich in dem Maße, wie sich die Kämpfe der Jugendlichen und Arbeiter in Ägypten, Tunesien und weltweit zuspitzen, auch Filmemacher finden, die den wirklichen Trägern der Revolution eine Stimme geben und sich kritischer mit politischen Fragen auseinandersetzen.