Eon, Nokia Siemens Networks und Manroland kündigen massiven Arbeitsplatzabbau an

Von Dietmar Henning
26. November 2011

In der vergangenen Woche haben drei große deutsche Industriekonzerne den Abbau Tausender Arbeitsplätze angekündigt: Der Energiekonzern Eon will weltweit 11.000 Arbeitsplätze streichen, davon 6.500 in Deutschland; der Telefonnetz-Anbieter Nokia Siemens Networks (NSN) plant die Vernichtung von 17.000 Stellen, darunter mehreren Tausend in Deutschland; und der Druckmaschinenhersteller Manroland hat am Freitag Insolvenz angemeldet: 6.600 Beschäftigte in Offenbach, Augsburg und Plauen erhalten schon im November kein Gehalt mehr.

Der angekündigte Arbeitsplatzabbau signalisiert das Ende des kurzen Aufschwungs, den die deutsche Wirtschaft nach der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 erlebte. Die internationale Krise hat nun auch Deutschland erreicht. Während die Bundesregierung für dieses Jahr noch mit einem Wachstum von knapp 3 Prozent rechnet, hat sie die Prognosen für 2012 drastisch nach unten korrigiert. Statt von einem Wachstum von 2,3 Prozent geht sie jetzt nur noch von einem Prozent aus.

Eon

Der größte deutsche Energieversorger Eon war im Jahr 2000 durch die Fusion der Konzerne Viag und Veba unter Vermittlung der bayerischen Landesregierung entstanden.

Eon hatte bereits im Sommer angekündigt, 9.000 bis 11.000 der weltweit knapp 80.000 Arbeitsplätze abzubauen. Nun hat der zuständige Eon-Vorstand Bernhard Reutersberg bestätigt, dass es auf den Abbau von 11.000 Stellen hinauslaufe: „Der Einschnitt ist notwendig geworden, da sich unsere Märkte dramatisch verändert haben.“ Eon habe auf dem europäischen Energiemarkt „Überkapazitäten und einen Preisverfall“ zu verzeichnen.

Auch den Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland führt Reutersberg zur Begründung des Arbeitsplatzabbaus an. Schon im August hatte Eon angekündigt, die Rücknahme der Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke nach der Katastrophe von Fukushima lasse die Gewinnerwartung um mehrere Milliarden sinken. Die Kosten des Atomausstiegs betragen für das erste Halbjahr 2011 laut Unternehmensangaben 1,9 Milliarden Euro. Eon gehören die stillgelegten Kernkraftwerke Isar 1 und Unterweser.

2010 hatte Eon bei einem Jahresumsatz von 93 Milliarden Euro einen Gewinn von 5,8 Milliarden Euro erzielt. Auch für die kommenden Jahre erwartet der Konzernvorstand dank des Personalabbaus weiterhin Milliarden-Gewinne. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen zwar um 45 Prozent gesunken, er betrug aber immer noch 4,3 Milliarden Euro.

Die 11.000 Beschäftigten müssen ihren Arbeitsplatz aufgeben, um diese Milliarden-Gewinne für die Aktionäre zu sichern. Gemäß dem vom Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen vorgegebenen „Effizienzsteigerungsprogramm Eon 2.0“ sollen die Kosten bis 2015 von 11 Milliarden jährlich auf 9,5 Milliarden Euro verringert werden.

Von den weltweit 80.000 Arbeitsplätzen bei Eon befinden über 35.000 in Deutschland, mehr als 16.000 in Großbritannien und 6.500 in Rumänien. Der Rest verteilt sich auf die Länder Ungarn, Schweden, Russland, Tschechien, Bulgarien, Italien, Polen, Spanien und Frankreich.

In Deutschland ist geplant, an den vier Hauptstandorten Hannover, Essen, Düsseldorf und München mindestens 6.500 Arbeitsplätze zu vernichten. In München wird die bisher für das Geschäft mit Zentraleuropa zuständige Tochter Eon Energie mit 400 Beschäftigten geschlossen. Insgesamt will Eon in der bayerischen Landeshauptstadt bis zu 1.000 der bisher 2.500 Arbeitsplätze streichen.

In Hannover sollen sechs von acht Standorten schließen und die Zahl der Beschäftigten von 2.500 auf 1.500 sinken, am Konzernsitz Düsseldorf wird die Belegschaft von 2.600 auf 1.300 halbiert.

Der Abbau der Stellen ist mit einem Umbau des gesamten Konzerns verknüpft. Das Deutschlandgeschäft, seit der Fusion von Veba und Viag aus München geleitet, soll künftig in Essen angesiedelt werden, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns.

Die bisherige Essener Tochter Eon Ruhrgas wird aufgelöst und im Energiehandel in Düsseldorf zusammengeführt und integriert. In der erst vor kurzem in Essen neu bezogenen Zentrale sollen nach den Plänen des Managements künftig bis zu 2.100 Beschäftigte arbeiten, d.h. etwa so viele wie bisher. Viele Ruhrgas-Beschäftigte müssen allerdings gehen und Eon-Beschäftigten Platz machen, die gezwungen werden, aus anderen Standorten nach Essen zu ziehen.

Eon-Vorstand Reutersberg sagte: „Wir gehen mindestens von einer hohen dreistelligen Zahl aus“, die vor allem von München ins Ruhrgebiet nach Essen ziehen müssen. Die Konzernführung wolle über entsprechende Anreize für die Beschäftigten mit den Betriebsräten und Gewerkschaften sprechen. Offensichtlich setzt das Unternehmen darauf, dass viele den Umzug von München ins 800 Kilometer entfernte Essen verweigern.

Nokia Siemens Networks

Der Telefonnetzausrüster Nokia Siemens Networks (NSN) will bis Ende des Jahres 2013 weltweit 17.000 Stellen abbauen, das entspricht jedem vierten Arbeitsplatz. Die jährlichen Ausgaben sollen bis Ende 2013 um eine Milliarde Euro gekappt werden. Auch hier erklärte das Management, der Schritt sei bedauerlich, aber notwendig.

Wie viele Stellen in den einzelnen Ländern gestrichen werden, stehe noch nicht fest, sagte eine Firmensprecherin am Sitz der Konzernzentrale im finnischen Espoo. In Deutschland sind nach Schätzungen der Gewerkschaft IG Metall mehrere tausend Stellen bedroht.

Das Gemeinschaftsunternehmen hatte Siemens und Nokia in den vergangenen Jahren Verluste eingebracht. Erst im September mussten die beiden Konzerne eine Milliarde Euro in das Unternehmen zuschießen.

NSN war 2007 als Joint Venture von Nokia und Siemens entstanden und ist einer der weltweit größten Telefonnetz-Anbieter. NSN ist nach eigenen Angaben in etwa 150 Ländern vertreten. Hauptstandorte befinden sich in Finnland, Portugal, Deutschland, Indien, China, den USA und Italien. Erst im April dieses Jahres hatte NSN für fast eine Milliarde Dollar die Mehrheit der Vermögenswerte im Geschäftssegment Mobilfunknetzinfrastruktur von Motorola gekauft.

Bereits die Fusion von 2007 hatte einen massiven Stellenabbau eingeleitet. Ein damals aufgelegtes Sparprogramm sollte bis 2010 1,5 Milliarden einsparen – durch den Abbau von 9.000 der damals 60.000 Arbeitsplätze. In Deutschland wurden dabei über 5.000 Stellen abgebaut.

Manroland

Der Druckmaschinenhersteller Manroland hat am Freitag Insolvenz angemeldet und bezahlt ab sofort keine Löhne mehr. Die Firmenzentrale befindet sich im bayrischen Augsburg. Außerdem beschäftigt Manroland 1.900 Arbeiter im hessischen Offenbach und 700 im sächsischen Plauen. Sie alle müssen nun um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Manroland ist nach den beiden ebenfalls deutschen Unternehmen Heidelberger Druck und Koenig&Bauer der drittgrößte Druckmaschinenhersteller der Welt. Es handelt sich um die größte Firmenpleite in Deutschland seit der Insolvenz des Handelskonzerns Arcandor im Jahr 2009.

Der Bankrott wurde unausweichlich, nachdem die beiden Gesellschafter, die Allianz-Tochter Allianz Capital Partners (75 Prozent) und die VW-Tochter MAN (25 Prozent), nicht mehr bereit waren, Manroland zu stützen. Die Suche nach einem neuen Investor war vorher ergebnislos verlaufen.

Mitte Juli habe es einen erneuten, dramatischen Einbruch im Auftragseingang gegeben, der sich seither beschleunigt habe, teilte ein Firmensprecher mit. Zudem hätten viele Kunden wegen der Krise Finanzierungsschwierigkeiten. Angesichts sinkender Aufträge habe sich auch der Wettbewerbs- und Preisdruck weiter verschärft.

Nun soll das Insolvenzverfahren genutzt werden, um Arbeitsplätze abzubauen und Löhne zu senken und das Unternehmen so für einen Käufer schmackhaft zu machen – wenn es nicht ganz stillgelegt wird. Man werde das Insolvenzverfahren für einen grundlegenden Umbau nutzen und möglichst viele Einheiten sanieren, hieß es von Unternehmerseite.

Der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall, deren Vorstandsmitglied Jürgen Kerner stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Manroland ist, sind grundsätzlich bereit, diesen „Umbau“ mitzutragen. Sie hatten die Belegschaft weitgehend im Dunkeln gelassen, während der Insolvenzantrag vorbereitet wurde. (Siehe auch: „IG Metall schweigt zu Entlassungsplänen bei Manroland“)

Betriebsräte und Gewerkschaft

Auch bei Eon und NSN können sich die Konzerne auf die enge Zusammenarbeit mit den Betriebsräten und Gewerkschaften verlassen, um die Gewinne auf Kosten der Beschäftigten zu sichern.

Die Belegschaft von Eon war seit August, als der Vorstand den Arbeitsplatzabbau ankündigte, auf die Aufsichtsratssitzung Anfang dieser Woche vertröstet worden. Zahnlose Protestaktionen, die von Ende Oktober bis Anfang November stattfanden, hatten die Aufgabe, aufgestaute Wut abzulassen. In Hannover wurden in der Bevölkerung Unterschriften für einen Appell „Beschäftigung bei E.ON in Hannover“ gesammelt, die Anfang November an den Eon-Vorstand in Düsseldorf übergeben wurden.

Im Sommer hatte der Eon-Betriebsrat die Belegschaft mit der Behauptung hingehalten, es sei noch nicht klar, wo und wie viele Arbeitsplätze dem Sparprogramm zum Opfer fallen. Das war schon damals nicht wahr. Doch obwohl der Eon-Vorstand seine Abbau-Pläne nun konkretisiert hat, bleiben Betriebsrat und Gewerkschaften bei ihrem Kurs. Immer noch seien viele Fragen offen, behauptete der zuständige Verdi-Betreuer für Eon, Jürgen Feuchtmann, am Mittwoch. „Das sind alles nur Nebelaktionen.“ Es sei noch überhaupt nicht klar, welche Stellen wie betroffen seien.

In Wirklichkeit sind die Vertreter von Gewerkschaften und Betriebsrat bei Eon und bei NSN gut über die Sparprogramme informiert. Sie sitzen gemeinsam mit Konzernvertretern in den Aufsichtsräten, bei NSN auch in dem der Muttergesellschaft Siemens. Dort werden die Sparprogramme diskutiert und abgesegnet.

In der Vergangenheit haben Gewerkschaften und Betriebsräte Sanierungsprogramme stets mitgetragen. Dies wird auch in der kommenden Runde des Arbeitsplatzabbaus nicht anders sein. So hat die IG Bergbau Chemie Energie (IGBCE) schon im Sommer eine Erklärung veröffentlicht, in der sie Eon ihre „konstruktive“ Mitarbeit anbietet.

Ähnlich verhält sich die IG Metall bei NSN. Nach Verlusten in den letzten Jahren versuchten Nokia und Siemens ihr Joint-Venture an Finanzinvestoren zu verkaufen. Dieser Plan wurde im Sommer aufgegeben. Die IG Metall war zufrieden. Zusammen mit dem Gesamtbetriebsrat hatte sie gefordert, NSN mit Hilfe der Mütter Nokia und Siemens „noch wettbewerbsfähiger“ zu machen: „Nur dann ist ein Börsengang mittelfristig machbar“, erklärte Michael Leppek, Unternehmensbeauftragter der IG Metall.

Gewerkschaften und Betriebsräte übernehmen die Rolle des mittleren Managements, wenn es um Arbeitsplatzabbau und Sanierungsmaßnahmen geht. Dabei wenden sie stets dieselben faulen Tricks an. Sie wenden sich empört gegen „betriebsbedingte Kündigungen“, um dann den Abbau der Arbeitsplätze über Fluktuation, Abfindungen, Sozialpläne und Beschäftigungsgesellschaften als Erfolg zu verkaufen.

Für die betroffenen Arbeiter macht das oft keinen Unterschied, da sie durch „unwiderstehliche Angebote“ und nackte Erpressung zur „freiwilligen“ Aufgabe des Arbeitsplatzes gedrängt werden. Und für die nachrückende Generation sind keine Arbeitsplätze mehr da.

Siehe auch:

Eon kündigt den Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen an

Nokia Siemens Networks streicht Tausende von Arbeitsplätzen in Finnland und Deutschland

Siemens baut weltweit 7.000 Stellen ab