IG Metall schweigt zu Entlassungsplänen bei Manroland

Von Gustav Kemper
24. November 2011

Während Zeitungsberichte den bevorstehenden Verkauf des Druckmaschinenherstellers Manroland melden und auch eine mögliche Insolvenz der Firma nicht ausschließen, üben sich die Gewerkschaft IG Metall und der Betriebsrat in Schweigen. Nach einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am 15. November teilte die IG Metall offiziell mit, es sei eine „Verschwiegenheitspflicht vereinbart“ worden.

Auf der Aufsichtsratssitzung war laut Angabe der IG Metall über ein Sanierungsgutachten und die „daraus hervorgehende Neuausrichtung“ diskutiert worden. „Die Arbeitnehmerseite prüft nun das zugrundeliegende Konzept und berät die zur Umsetzung notwendigen Maßnahmen“, heißt es in der Mitteilung der Gewerkschaft weiter. An einem weiteren Termin in dieser Woche solle dann „die weitere Vorgehensweise entschieden“ und erst anschließend die Belegschaften informiert werden.

Obwohl es ganz offensichtlich um massive Einschnitte geht, wirft die IG Metall den Medien vor, sie heizten „die Stimmung zusätzlich an“ und vermischten „in unverantwortlicher Weise Information, Gerücht und Spekulation“. „Die Unsicherheiten sowohl bei den Mitarbeitern von Manroland wie auch bei unseren Kunden werden dadurch natürlich noch zusätzlich geschürt und keinem ist dadurch wirklich geholfen“, beschwert sich die IG Metall.

Der Gewerkschaft geht es offensichtlich nur darum, die Belegschaft ruhig zu halten, damit das Unternehmen seine Pläne ungestört durchführen kann. Deshalb soll die Belegschaft erst informiert werden, wenn IG Metall und Betriebsrat den Sanierungsplänen bereits zugestimmt haben. Kein Wunder, dass ein Leserkommentar der Offenbach Post den Schluss zieht: „Gewerkschaften sitzen doch sowieso im Boot der Unternehmer.“

Das Handelsblatt meldete einen Tag nach der Aufsichtsratssitzung, der drittgrößte Druckmaschinenhersteller der Welt stehe kurz vor dem Verkauf. Ein Sprecher des Großaktionärs und früheren Mutterkonzerns MAN habe entsprechende Gespräche bestätigt. Anvisiert werde laut Informationen aus Branchenkreisen „eine Komplettübernahme durch einen größeren europäischen Maschinenbaukonzern, der bislang nicht im Druckmaschinensegment aktiv ist“. Alternativ seien auch eine Beteiligung und spätere Komplettübernahme durch diesen Konzern denkbar. In den kommenden Wochen sollten die Modalitäten geklärt werden.

MAN ist derzeit noch mit 25 Prozent an Manroland beteiligt. 75 Prozent der Anteile sind im Besitz von Allianz Capital Partners, einer Tochter des weltgrößten Versicherungskonzerns Allianz. Beide Eigentümer versuchen seit längerem, ihre Anteile loszuwerden. Ein Börsengang scheiterte dabei ebenso wie eine Fusion mit dem Marktführer Heidelberger Druck. Um Manroland loszuwerden, halten die beiden Besitzer deshalb eine „Marktbereinigung“ für unvermeidlich, „da es erhebliche Überkapazitäten gibt“, wie das Handelsblatt berichtet.

Bereits in der jüngsten Krise hat Manroland 2.200 Arbeitsplätze abgebaut, 400 davon im Werk Augsburg, wo bis Ende 2012 nach bereits beschlossenen Plänen von den einst 3.000 Beschäftigten nur noch 2.050 auf den Gehaltslisten des Unternehmens stehen sollen.

Außerdem befindet sich ein großer Teil der Belegschaft in Kurzarbeit. In Augsburg arbeiten 1.000 Beschäftigte kurz, in Plauen 300 und in Offenbach, wo die Kurzarbeit erst am 1. Juli nach fast drei Jahren beendet worden war, sind seit Oktober erneut 500 der 1.900 Beschäftigten betroffen. Im März 2012 wird die Grenze der gesetzlich erlaubten Kurzarbeitsperiode erreicht, und spätestens dann wird mit weiteren Entlassungen gerechnet.

Die gesamte Druckindustrie befindet sich weltweit im Niedergang. Ursache sind zum einen die Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise (Kürzungen von Werbeausgaben in Printmedien, Knappheit an Bank-Krediten für Druckereien, usw.), zum anderen das rasante Wachstum der digitalen Medien, die den Druckerzeugnissen Konkurrenz machen. Die Krise in der Druckindustrie schlägt wiederum zurück auf die Druckmaschinenhersteller.

Ausgetragen wird diese Krise ausschließlich auf dem Rücken der Beschäftigten. So wurden in den letzten zwei Jahren in der Druckmaschinen-Branche bereits massiv Arbeitsplätze abgebaut:

Der Weltmarktführer Heidelberger Druckmaschinen AG (HDM) hat ein Viertel der Belegschaft entlassen, etwa 4.500 Arbeiter und Angestellte. Trotzdem stecken bei HDM derzeit über 5.000 Arbeiter und Angestellte in Kurzarbeit.

Nach schlechten Geschäftszahlen hat der Vorstand am 8. November dieses Jahres verkündet, dass „sämtliche Bereiche, Produkte und Prozesse ohne Tabus auf den Prüfstand gestellt“ werden. Das heißt im Klartext: weitere Entlassungen, während der Konzern im Billiglohnland China expandiert. Bei Schanghai hat HDM am 3. September den dritten Bauabschnitt eines neuen Werkes mit einer gesamtfläche von 45.000 m2 eingeweiht.

Manroland hat mehr als 2.200 Stellen in Mainhausen, Offenbach und Augsburg gestrichen.

König & Bauer (KBA) hat in den Werken Würzburg, Trennfeld (Landkreis Main-Spessart), Frankenthal (Rheinland-Pfalz) und Radebeul (Sachsen) insgesamt etwa 2.000 Arbeiter entlassen.

Goss International hat mit 300 Stellen etwa die Hälfte der Belegschaft in Montataire/Frankreich sowie mehrere Hundert in Durham/Dover in den USA gestrichen.

Die japanischen Hersteller Komori in Tsukuba/Ibaraki und Mitsubishi in Mihara/Hiroshima haben ebenfalls hunderte Arbeiter entlassen.

Die Gewerkschaften treten diesen Entlassungen nicht entgegen. Sie haben von Anfang an den Standpunkt vertreten: „Vielleicht werden wir den Arbeitsplatzabbau nicht verhindern können. Dazu fehlen uns erstens die Mittel, denn in unserem Wirtschaftssystem haben die Eigentümer nunmal die Verfügungsgewalt“, wie Helga Schwitzer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, am 9. Mai 2011 den Arbeitern von König & Bauer in Frankenthal zurief.

Stattdessen sehen die Gewerkschaften ihre Aufgabe darin, den Arbeitsplatzabbau möglichst reibungslos über die Bühne zu bringen. Zu diesem Zweck handelt die IG Metall Sozialpläne aus oder beschäftigt die Entlassenen für ein Jahr in gewerkschaftseigenen „Transfergesellschaften“, wie es in Heidelberg im vergangenen Jahr der Fall war. Dort sollen sie für neue Arbeitsplätze umgeschult werden. In der Regel findet aber nur ein Teil eine neue Stelle, meist zu wesentlich geringeren Löhnen.

Die Verteidigung der Arbeitsplätze erfordert einen Bruch mit den Gewerkschaften und den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees. Die Betroffenen müssen sich international zusammenschließen und für ein sozialistisches Programm kämpfen, das die gesellschaftlichen Bedürfnisse über die Profitinteressen der Finanzinvestoren und Konzerne stellt.