Afghanisch-pakistanischer Krieg:

Ein weiteres Jahr von Tod und Zerstörung

Von James Cogan
4. Januar 2012

Mehr als 140.000 Soldaten der USA und ihrer Verbündeten führten 2011 intensive Militäroperationen in Südafghanistan durch und versuchten, den Aufstand der islamistischen Taliban und anderer Widerstandsorganisationen niederzuschlagen. Die CIA setzte unterdessen ihre illegalen Drohnenangriffe gegen angebliche Ziele der Aufständischen in den Stammesregionen an der Grenze Nordwestpakistans fort.

Der Tod eines britischen Soldaten am 3. Dezember bei einer Explosion in der südlichen Provinz von Helmand erhöhte die Zahl der Opfer unter den Besatzungstruppen in Afghanistan für 2011 auf 566. Nur 2010 starben mehr Soldaten  – dem ersten Jahr von Obamas „Offensive“, die tausende zusätzlicher Soldaten in einige der instabilsten Gegenden des Landes schickte. Insgesamt 711 Amerikaner und Verbündete  kamen damals ums Leben.

Seit dem 11. September 2001 werden terroristische Angriffe als Vorwand benutzt, um tiefer nach Afghanistan einzudringen und die militärische Präsenz der USA in Zentralasien zu hinterlassen. In dieser Zeit sind insgesamt 1864 amerikanische und 723 verbündete Soldaten getötet worden. Mindestens zwanzigtausend sind verletzt worden, nicht zu sprechen von den Zehntausenden, die schwerste psychische Probleme davongetragen haben.

Der bewaffnete Widerstand der Afghanen war 2011 ungebrochen und weitete sich sogar auf Hochsicherheitsbereiche in Kabul und anderen Städten aus. Zu den Anschlagszielen zählten Schlüsselfiguren des von den USA gestützten Marionettenregimes von Hamid Karzai. Zu den Vorfällen, über die berichtet wurde, gehörten die Ermordung von Karzais Halbbruder Ahmed Wali im Juli, der im September erfolgte Angriff auf die US-Botschaft von Kabul und eine Woche später die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhannudin Rabbani bei einem Treffen mit Männern, die sich als Friedensunterhändler der Taliban ausgaben.

Wesentlich weniger Medienaufmerksamkeit erzielte die Tatsache, dass zur Mitte des Jahres mindestens acht afghanische Polizisten pro Tag ihr Leben ließen. Mehr als zweitausend Polizisten wurden 2011 getötet. Außerdem verloren hunderte afghanischer Armeeangestellte ihr Leben.

Wie stark die afghanische Regierung und ihre Sicherheitskräfte durch Aufständische unterwandert sind und wie sehr die Bevölkerung die Besetzung ablehnt, zeigte sich durch eine Reihe von Vorfällen, bei denen afghanische Soldaten ausländische Soldaten auf ihren Stützpunkten verwundeten oder ermordeten.

Obwohl die Taliban hohe Verluste erlitten haben, ist ein Ende der Kämpfe nicht in Sicht. Während es keine genauen Zahlen über afghanische Verluste gibt, schätzt Wikipedia auf Grund von Presseberichten, dass allein in den letzten neun Monaten des Jahres 2011 wenigsten 4275 Menschen ihr Leben ließen. Seit Kriegsbeginn könnte die Zahl der toten afghanischen Kämpfer die Zahl von fünfzigtausend leicht übertreffen.

Die Aufständischen schaffen es noch immer, neue Kämpfer zu rekrutieren. Hintergrund sind der weit verbreitete Hass gegen die Karzai-Regierung und die verzweifelten Lebensbedingungen der Bevölkerung.

Nächstes Jahr wird mit einer weiteren Verschlimmerung von Not und Armut gerechnet. Trotz aller Milliarden für den sogenannten Wiederaufbau des Landes und anderer Hilfen bekommen mindestens zwei Drittel der afghanischen Bevölkerung nicht genug zu essen. Die Arbeitslosigkeit im Land wird auf mindestens fünfzig Prozent geschätzt.

Die Bevölkerung von Kabul ist von knapp einer Million im Jahr 2001 auf heute vier Millionen angewachsen. Menschen, die nicht mehr von der Landwirtschaft leben können, sind in die Hauptstadt geströmt, um an den internationalen Nahrungsmittellieferungen teilzuhaben. Die Slums, die die Stadt umgeben, verfügen weder über Elektrizität, noch über Abwassersysteme oder gesicherte Wasservorräte.

Die vereinten Nationen haben letzten Monat davor gewarnt, dass die Mangelernährung der Bevölkerung im kommenden Jahr rasant zunehmen wird. Die weltweite Finanzkrise hat dafür gesorgt, dass das Welternährungsprogramm drastisch eingeschränkt wurde. Die UN haben 2011 nur knapp die Hälfte der vierhundert Millionen US-Dollar zusammenbekommen, die 2011 ausgegeben wurden, um geschätzten 7,3 Millionen Afghanen mit Lebensmitteln zu helfen.

Die UN werden noch in diesem Monat ihre Schätzung der Anzahl getöteter Zivilisten in Afghanistan veröffentlichen. Berichte sprechen von mehr als 1400 zivilen Toten allein im ersten Halbjahr, die meisten von ihnen Opfer von Bombenattentaten aufständischer Kräfte.

Die Statistiken der UN unterschätzen jedoch ganz erheblich die wirklichen Opferzahlen, insbesondere die der zivilen Opfer durch US-Streitkräfte. Eine Ende November von der Nachrichtenagentur Inter Press News Agency veröffentlichte Analyse des Zahlenmaterials von US-Militär und Nato, besagte, dass 2010 und Anfang 2011 innerhalb von weniger als zehn Monaten mehr als 1500 Zivilisten durch nächtliche Angriffe starben – was „die amerikanischen Nachtangriffe zur weitaus größten Ursache menschlicher Opfer im Afghanistankrieg macht“.

Hunderte von Menschen, viele von ihnen Zivilisten, sind auch in Nordwestpakistan durch Drohnenangriffe der USA ums Leben gekommen. Pakistanische Militäroperationen gegen islamistische Stammesrebellen, die afghanischen Widerstandskämpfern Unterschlupf und Hilfe gewährt haben, haben in den vergangenen Jahren Tausende das Leben gekostet und Millionen von Menschen vertrieben.

Der öffentliche Widerstand in Pakistan gegen die Besetzung Afghanistans und die Untätigkeit der pakistanischen Regierung angesichts der andauernden Grenzverletzungen durch die USA haben die politische Krise im Land verschärft. Als Vergeltungsmaßnahme für die Ermordung von 26 pakistanischen Soldaten durch einen Luftangriff der USA im November sah sich das Regime in Islamabad gezwungen, die Nachschubwege von Nahrungsmitteln, Treibstoff und anderen Versorgungsgütern für US- und NATO-Streitkräfte zu schließen.

Die einzige „Lösung“ der Obama-Regierung für die verfahrene Situation in Afghanistan ist ein weiteres Jahr militärischer Gemetzel, während sie versucht, ihr Versprechen einzuhalten, die vierzigtausend Mann starke Offensivtruppe vor der Präsidentschaftswahl abzuziehen.

Gleichzeitig nähern sich Obama & Co. den Taliban und anderen aufständischen Führungen an, um mit ihnen in Friedensverhandlungen einzutreten. In den vergangenen Wochen wurde in der internationalen Presse berichtet, im Golfstaat Qatar sei ein talibanisches „Verbindungsbüro“ eröffnet worden, in dem Verhandlungen über eine mögliche Beilegung des Konfliktes stattfinden könnten.

Solch ein „Friedensabkommen“ mit den USA wäre auch nur eine Tragödie für das afghanische Volk. Nach einem Jahrzehnt der Besatzung durch US-geführte Truppen wäre das Ergebnis ein anti-demokratisches Regime in Kabul, das nur ein Ziel hätte: Washingtons strategischen und wirtschaftlichen Interessen zu entsprechen und ein Land zu verwalten, das durch einen Krieg verwüstet und dessen Volk durch ihn in bitterste Armut gestürzt wurde.