China:

Protestierende Foxconn-Arbeiter drohen mit Suizid

Von John Chan
19. Januar 2012

Hunderte protestierende Arbeiter des Foxconn-Werks in Wuhan drohten Anfang Januar mit kollektivem Selbstmord durch Sturz vom Fabrikdach. Das ist eine erneute Anklage gegen die extreme Ausbeutung durch den chinesischen Elektronikriesen. Bei dem brutalen Vorgehen gegen ihre Arbeiter ist sich die Firma der Unterstützung des Polizeiknüppels des Regimes in Bejing sicher.

Der Foxconn-Konzern befindet sich in taiwanesischen Besitz und ist der weltweit größte Hersteller elektronischer Bauteile für Firmen wie Apple, Sony und Dell. In China beschäftigt er eine Million Arbeiter. Die Fabrik in Wuhan produziert vor Allem die Microsoft Konsolen Xbox 360.

Im Jahr 2010 führte der unerträgliche Kasernenhof-Drill bei Foxconn zu 18 Suizidversuchen; 14 junge Arbeiter und Arbeiterinnen kamen beim Sprung von Fabrikgebäuden zu Tode. Wegen der Empörung, die dies in China und international auslöste, brachte Foxconn Sicherheitsnetze an einigen Arbeiterwohnheimen an und versprach, die Hungerlöhne der Arbeiter zu anzuheben.

Keine der angekündigten Verbesserungen wurde jedoch umgesetzt. Stattdessen wurde der Betrieb in Städte im Binnenland, wie z.B. Wuhan verlagert, wo die Arbeit noch billiger ist. Außerdem gibt es ein Projekt, nach dem sehr viele Arbeiter von Robotern ersetzt werden sollen. Wegen unzureichender Belüftung kamen im letzten Mai bei einer Explosion in der Politur-Abteilung einer iPads-Fabrik in Chengdu drei Arbeiter ums Leben.

Die jüngsten Proteste begannen, nachdem die Manager der Fabrik in Wuhan beschlossen hatten, am 2. Januar 600 Arbeiter auf eine neue Fertigungsstraße zu versetzen, bei der Gehäuse für die Computerfirma Acer aus Taiwan hergestellt werden. Ein nicht namentlich genannter Streikender sagte dem britischen Telegraph, die Arbeiter seien ohne Einweisung an die Arbeit gestellt worden, bei der sie nach Stückzahl entlohnt werden. „Das Fließband lief sehr schnell, wir hatten alle nach nur einem Morgen Blasen und die Haut an unseren Händen wurde schwarz. Außerdem staubte es so in der Fabrik, dass man es nicht aushalten konnte“, sagte der Arbeiter.

Die Arbeiter streikten, weil die Arbeitsbedingungen unerträglich waren. „Es war nicht wegen des Geldes, man ließ uns einfach keine andere Wahl“, erklärte der Arbeiter. Etwa 100 Arbeiter forderten Lohnerhöhungen, das Management reagierte darauf mit dem Ultimatum, dass die Arbeiter entweder an die Arbeit zurückkehren oder mit einem Monatslohn Entschädigung pro Arbeitsjahr den Betrieb verlassen müssen.

Ein anderer Arbeiter berichtete der New York Times, dass einige der Beschäftigten ursprünglich aus der Küstenstadt Shenzhen kamen, jedoch gezwungen wurden nach Wuhan zu ziehen, wo man ihnen einen Monatslohn von 450 Dollar zusicherte. Stattdessen erhielten sie bei viel schlechteren Arbeitsbedingungen ein Drittel weniger.

Als sich die meisten Arbeiter für die Kündigung entschieden, zog das Management das Entschädigungsangebot zurück und trieb die Arbeiter so zu ihrem Verzweiflungsakt. Etwa 300 Arbeiter gingen in die Fabrik zurück und hielten eine Protestversammlung ab, bei der viele ankündigten, vom Dach der Fabrik zu springen. Um das zu verhindern, sahen sich daraufhin der Bürgermeister von Wuhan, Tang Liangzhi und andere Beamte zum Eingreifen gezwungen,

Wegen der internationalen Beunruhigung über die Selbstmorde bei Foxconn gab Microsoft, Eigner des Markennamens Xbox 360, eine Stellungnahme heraus, in der behauptet wurde, „einer fairen Behandlung und der Sicherheit der Arbeiter unserer Handelspartner verpflichtet zu sein und eine Anpassung an das Geschäftsgebaren von Microsoft zu gewährleisten.“ In der Zeit der Suizide bei Foxconn im Jahr 2010 gab Microsoft ähnlich zahnlose Kommentare ab und verteidigte Foxconn zugleich als „verantwortungsbewusstes Unternehmen.“

Bedeutende westliche Firmen wie Microsoft und Apple hängen von skrupellosen Ausbeuterbetrieben, wie Foxconn in China ab. Der steigende Absatz von iPads und iPhones hat den operativen Profit von Apple in den letzten Jahren um 30 Prozent gesteigert – bei Foxconn waren es gerade mal 1,25 Prozent. In der ersten Hälfte von 2011 verzeichnete Foxconn einen Nettoverlust von 17,65 Millionen Dollar, wohingegen Apple den Erdölmulti Exxon Mobil hinsichtlich Marktkapitalisierung als weltgrößten Konzern überholte.

Die jüngsten Proteste bei Foxconn sind Teil der um sich greifenden Streikwelle chinesischer Arbeiter, die im letzten November mit Arbeitsniederlegungen bei Schuh- und Elektronikbetrieben in der Provinz Guangdong begannen. Die zunehmenden Arbeiterunruhen sind auf die Reaktionen der Unternehmer auf sich verschlechternde Exportaussichten zurückzuführen: Eine sich abzeichnende Immobilienblase und verschärfte Kreditbedingungen für kleine und mittlere Betriebe – all das Ergebnisse des zunehmenden globalen wirtschaftlichen Chaos.

In den vergangenen 14 Tagen sind weitere Streiks ausgebrochen, so berichtet das in Hong Kong erscheinende China Labour Bulletin. In Chengdu in der Provinz Sichuan streikten 10.000 Stahlarbeiter auf Grund niedriger Löhne und blockierten ab dem 4. Januar drei Tage lang eine große Autobahn. Wiederholt kam es zu Zusammenstößen mit der Bereitschaftspolizei, die Tränengas einsetzte, um die Streikenden zu zerstreuen (siehe: Streikausbruch in der Provinz Sichuan vom 10.01.2012).

Nach der Übernahme ihres Betriebs durch den belgischen Brauereikonzern AB InBev stellten am 5. Januar mehr als 1.000 Arbeiter der früher staatlichen Bierbrauerei Daxue ihre Arbeit wegen schlechter Löhne und Arbeitsbedingungen ein. Als die Arbeiter tagelang Sitzstreiks durchführten, wurden alle fünf Abteilungen geschlossen.

In einer Spielzeugfabrik in der Stadt Wuzhou in der südwestlichen Provinz Guangxi, die sich in Hong Kongs Besitz befindet, legten 1.300 Arbeiter wegen ausstehender Löhne die Arbeit nieder. Durch einen Polizeieinsatz sollte verhindert werden, dass die Arbeiter auf die Straße gingen.

In einer Fabrik in taiwanesischem Besitz, die in der Stadt Dongguan in Guangdong Computerkabel herstellt, organisierten tausende Arbeiter eine Arbeitsniederlegung, als sie im Essen beim Neujahrsbankett eine Maus entdeckt hatten. Bei dem Vorfall entlud sich die angestaute Wut über die miserable Qualität des Kantineessens. Ein älterer Arbeiter erzählte der Yangcheng Evening Post, dass Schaben, Mäuse und Sand im Essen entdeckt wurden, nachdem die Küche letztes Jahr an einen privaten Betreiber übergeben worden war.

Die vereinten Angriffe der Großkonzerne auf die jetzt schon elenden Löhne, Arbeitsbedingungen und Arbeitsplätze der Arbeiter zeigen, dass seit 2010 eine Kehrtwende stattgefunden hat. Nach den Streiks von Autoarbeitern bei Honda und der allgemeinen Empörung über die Suizide bei Foxconn war es noch zu Zugeständnissen in Form höherer Löhne gekommen.

Die Selbstmorddrohungen der Foxconn-Arbeiter weisen darauf hin, dass eine Schicht unter den Arbeitern erkennt, dass sie nichts mehr zu verlieren hat. Ein sicheres Anzeichen, dass die Klassenwidersprüche den Siedepunkt erreichen.