Costa Concordia:

Anzahl der Toten wird weiter steigen

Von Stefan Steinberg
21. Januar 2012

Sieben Tage, nachdem das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der italienischen Küste leck schlug und kenterte, schwindet die Hoffnung noch Überlebende zu finden. Am Mittwoch wurde die Anzahl der Toten mit 11 angegeben. Aber immer noch werden 23 Passagiere und Besatzungsmitglieder vermisst.

Als das Schiff am letzten Freitag nahe der toskanischen Insel Giglio einen Felsen rammte, hatte es 4200 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord.

Experten warnen vor einer Umweltkatastrophe, falls das Schiff auseinanderbricht. In diesem Fall könnten ca. 2400 Tonnen Öl das Meer vor der Insel und der toskanischen Küste verseuchen.

Die bisherigen Berichte lassen vermuten, dass der Schiffskapitän Francesco Schettino schwere Fehler begangen hat. Er soll das Schiff zu nahe an die Küste gesteuert haben, um den Passagieren zu ermöglichen, den Bewohnern der Insel zuzuwinken. Nach Auskunft der Reederei Costa Cruises, unter der die Costa Concordia fuhr, war der Kurs korrekt navigiert. Auf dem Kartenmaterial an Bord sei außerdem die Nähe der gefährlichen Felsen vor der Inselküste verzeichnet gewesen.

Schettino wird darüber hinaus vorgeworfen, er habe den Grundsatz verletzt, dass der Kapitän so lange an Bord eines sinkenden Schiffs bleibt, bis alle Passagiere in Sicherheit sind. Statt auf seinem Posten zu bleiben und die Evakuierung des Schiffs zu leiten, soll Schettino die Passagiere falsch informiert haben, indem er verschwieg, dass der Rumpf des Schiffs aufgeschlitzt wurde. Des Weiteren wird ihm vorgeworfen, er habe das Schiff vorzeitig in einem Rettungsboot verlassen.

Bekannt wurde die Aufzeichnung eines Telefongesprächs mit einer lokalen Küstenwache, die wütend gefordert hatte, dass Schettino sich wieder an Bord begeben und die Kontrolle über das sinkende Schiff übernehmen solle. Schettino steht zurzeit unter Hausarrest und muss mit einer ganzen Reihe schwerer Anklagen, einschließlich Totschlags, rechnen.

In einem Bericht des Spiegels heißt es, dass Schettino nahe an die malerische Insel herangefahren sei, weil er Passagieren und Schaulustigen etwas Besonderes bieten wollte. Dies sei keineswegs zum ersten Mal so gehalten worden. Dem Artikel zufolge dankte der Bürgermeister der Insel Gigli, Sergio Ortell, im August letzten Jahres einem für die Costa Cruises fahrenden Kapitän per E-Mail dafür, dass er so nah an die Ferieninsel herangefahren sei. Der Bürgermeister lobte den Kapitän, weil er ein „beispielloses Schauspiel“ geboten habe, das zu einer „unverzichtbaren Tradition“ geworden sei und das „die schönste Insel des Landes seit Jahren“ genieße.

Nachdem die Reedereidirektion der Costa Cruises zunächst behauptet hatte, Schettino habe angemessen reagiert, teilte sie am Sonntag mit, sie zweifele nicht daran, dass er in hohem Maße für das Unglück verantwortlich sei.

Sollten sich die Berichte über das Verhalten des Kapitäns bestätigen, dann hat er sich zweifellos schwere Pflichtverstöße zuschulden kommen lassen. Die Art und Weise jedoch, wie die Reederei sofort all denen recht gab, die dem Kapitän die alleinige Schuld gaben, deutet darauf hin, dass sie Schadensbegrenzung betreibt, um die tiefer liegenden wirtschaftlichen Ursachen zu verschleiern.

Es geht um gewaltige Summen. Die Entwicklung der US-Firma Carnival Corporation, deren Tochter Costa Cruises ist, veranschaulicht das explosive Wachstum der Ferienkreuzfahrtbranche. Die Gesellschaft wurde 1972 von Ted Arison gegründet und betrieb zunächst nur ein Schiff, das zwischen Miami und Puerto Rico lief. Heute ist Carnival Corporation mit 101 Schiffen und 85.000 Beschäftigten das größte Kreuzfahrtunternehmen weltweit. Seine Schiffe befördern insgesamt acht Millionen Passagiere. 2010 machte die Gesellschaft 14,5 Milliarden Dollar Gewinn.

Nach der Havarie der Costa Concordia fielen die Aktien der Carnival Corporation in den Keller. Die Geschäftsführung fürchtet einen Rückgang der Kreuzfahrtbuchungen in einer für das Unternehmen wichtigen Jahreszeit.

Das Wachstum der Kreuzfahrtindustrie ging einher mit einer rapiden Zunahme der Schiffsgröße. In den letzten Jahren wurde die Größe der Kreuzfahrtschiffe von 80.000 Bruttoregistertonnen auf 160.000 gesteigert. Die jüngste Schiffsgeneration kann mehr als 6000 Passagiere und 1800 Besatzungsmitglieder befördern. Die Anzahl der Decks wurde erhöht, um mehr Kabinen unterzubringen. Umfangreiche Freizeiteinrichtungen wie zahlreiche Swimming Pools verringern die Stabilität und Manövrierfähigkeit der Schiffe.

Viele Fotos der gekenterten Costa Consordia zeigen deutlich, wie sich Deckreihe auf Deckreihe türmt und eine riesige Rutsche in einen der Swimming Pools führt.

Einige der kürzlich gebauten „Mega-Schiffe“ wurden mit relativ geringem Tiefgang konstruiert, um ihnen zu ermöglichen, nah ans Land zu fahren und den Einsatz von Tendern zu vermeiden.

In Expertengremien wurden oftmals Sicherheitsbedenken geäußert. Der Generalsekretär der International Maritime Organisation (der UN-Behörde, die die Sicherheitsstandards für die Schifffahrt festlegt, nannte im Jahr 2000 zwölf Passagierschiffhavarien der vergangenen sechs Jahre und zog den Schluss, dass …„es rückblickend in gewissem Ausmaß Glück war – beispielsweise gutes Wetter, ruhige See und andere Schiffe in der Nähe – dass nur wenige Menschen das Leben dabei verloren.“

Das Internationale Zentrum für Kreuzfahrt registrierte seit Beginn dieses Jahrhunderts fast 30 große Zwischenfälle, an denen Kreuzfahrtschiffe beteiligt waren, darunter das Sinken der Norwegian Crown vor der Küste von Bermuda 2006 (1999 kollidierte ein anderes Schiff der Norwegian Cruise Lines im Ärmelkanal mit einem Containerschiff), ebenfalls 2006 das Feuer an Bord der Star Princess auf der Route nach Jamaica und die Explosion auf der Queen Mary 2 vor der spanischen Küste 2010.

Etliche Seefahrtorganisationen und Websites von Spezialisten haben ebenfalls darauf hingewiesen, wie schwierig es ist, das rasch wachsende Kreuzfahrtgeschäft zu regulieren. Es gibt kaum Gesetze für den Transport von Passagieren auf See, doch die Gesellschaften und Schiffsbesatzungen stehen unter erheblichem Druck, die Kosten zu minimieren.

Die Ausbildung der Kreuzfahrtmannschaften als Ursache für die Unfälle wurde ebenfalls aufs Korn genommen. Schiffsoffiziere, Mannschaften auf Deck und im Maschinenraum werden intensiv ausgebildet. Doch ein großer Teil der Mannschaft, der untergeordnete Tätigkeiten ausübt, erhält nur eine Minimalausbildung, was die Sicherheitsmaßnahmen angeht. Viele dieser gering bezahlten Besatzungsmitglieder stammen aus asiatischen Ländern und beherrschen die Sprache der Passagiere nur unzureichend. Wiederholt beklagten Passagiere, die sich von der Costa Concordia retten konnten, dass Teile der Mannschaft nicht ausreichend in der Lage waren, im Notfall angemessen Hilfe zu leisten.

Unabhängig von der Rolle des Kapitäns legt eine nähere Untersuchung des Kenterns der Costa Concordia die Vermutung nahe, dass mit einem solchen Unglück zu rechnen war.