Indiens Wirtschaft leidet unter wachsender Krise

Von Deepal Jayasekera und Kranti Kumara
20. Januar 2012

Die indische Wirtschaft leidet zur Zeit unter einer Reihe von miteinander verbundenen Krisen: Das Wirtschaftswachstum ist stark zurückgegangen, Inlands- und Auslandsinvestitionen sinken, die Währung verliert an Wert, Handels- und Zahlungsbilanz haben große Defizite, die Aktienmärkte brechen ein und die Inflation b ewegt sich im zweistelligen Bereich.

Besonders schwerwiegend war der Rückgang der Industrieproduktion von fast fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr, der im Oktober festgestellt wurde.

Diese Entwicklungen insgesamt haben dem Ziel der herrschenden Kongresspartei, ein jährliches Wirtschaftswachstum von neun Prozent zu erzielen, einen vernichtenden Schlag versetzt.

Letzten Monat reduzierte der indische Finanzminister in einem Bericht ans Parlament das Wachstumsziel für dieses Berechnungsjahr (von April 2011 bis März 2012) von 9 auf 7,5 Prozent. Anfang Januar erklärte der indische Premierminister Manmohan Singh dann der Presse, das Wachstum liege nur noch bei 7 Prozent.

In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern wäre ein solches Wachstum phänomenal. Aber die indische Bourgeoisie herrscht trotz ihrer internationalen Ambitionen über ein Land, das in fast jeder Hinsicht arm und rückständig ist. Für das ist ein sinkendes Wirtschaftswachstum ganz einfach eine Katastrophe.

Premierminister Manmohan Singh hat mehrfach gesagt, dass pro Jahr neun Prozent Wirtschaftswachstum benötigt werden, um das Programm der herrschenden Elite aufrechtzuerhalten. Es besteht darin, Indien durch Steuersenkungen, Deregulierung, Privatisierung und andere investorenfreundliche Politik zur Billiglohnplattform für den Weltkapitalismus umzuwandeln. Ohne ein so großes Wachstum werden in Indien, in dem ein Viertel der jugendlichen Bevölkerung der Welt lebt, Millionen von Arbeitssuchenden aus der Arbeiterklasse und der Mittelschicht keine Arbeitsplätze finden.

Die europäische Schuldenkrise hat auch die Gefahren vergrößert, die der indischen Wirtschaft drohen, da die Eurozone Indiens größter Exportmarkt ist. Am 7. Januar bestätigte Finanzminister Pranab Mukherjee dies auf der Eröffnungssitzung des Instituts Organisierter Buchhalter Indiens (ICAI),. „Die Krise in der Eurozone und die langsame Erholung der Weltwirtschaft haben auch auf uns Auswirklungen,“ sagte Mukherjee. „Auch die Unsicherheit der internationalen Warenpreise, vor allem die für Treibstoff, hat unsere kurz- und mittelfristigen Vorgaben negativ beeinflusst.“

Ein weiteres Anzeichen für den wirtschaftlichen Niedergang ist der Rückgang der Investitionen. Laut einem Bericht der Economic Times of India vom 11. Januar gingen die Vorschläge für Neuinvestitionen im Jahr 2011 um 45 Prozent zurück, auf ein Fünfjahrestief von 209,2 Milliarden. Im Jahr 2010 waren es noch 376 Milliarden.

Wichtige Teile der Wirtschaft fordern von der Regierung, die Inflation zu bekämpfen und zu besiegen und schnell das Wirtschaftswachstum durch Zinssenkungen zu stimulieren.

Um die Inflation einzudämmen, erhöhte die indische Zentralbank ihre Leitzinsen zwischen März 2010 und Oktober 2011 dreizehnmal. In den letzten Monaten ist die Gesamtinflation auf neun Prozent gesunken, aber Regierung und Zentralbank haben Hemmungen, die Zinsen zu senken, weil sie den Kursverfall der indischen Rupie und eine Kapitalflucht fürchten.

Von den wichtigen asiatischen Währungen hielt sich die indische Rupie im letzten Jahr am schlechtesten. Sie fiel im Wert um 17 Prozent, ein US-Dollar kostete 55 Rupien. Ein Großteil des Wertverlustes trat in der zweiten Hälfte des Jahres ein, als die Bedenken, es könne in Europa zu einem Staatsbankrott oder zum Zusammenbruch der Eurozone kommen, zu einem großen Ansturm auf den US-Dollar führten.

Indien muss mehr als zwei Drittel seines Ölbedarfs importieren und der Wertverfall der Rupie könnte die Inflation weiter anheizen, durch die die Lebensmittelpreise weiter steigen und die niedrigen Einkommen noch weiter belasten. Drei Viertel der Bevölkerung leben von weniger als zwei US-Dollar am Tag.

Die indische Regierung und die Zentralbank sind auch besorgt wegen des Rückgangs ausländischer Investitonen.

Im Berechnungsjahr April 2010 bis März 2011 erhielt Indien nur 19,4 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen, fast 25 Prozent weniger als im Zeitraum 2009/10 (25,8 Milliarden). Laut Schätzungen der Regierung haben die Direktinvestitionen im derzeitigen Berechnungsjahr stark geschwankt. Nach der Verringerung im September und Oktober warnten Funktionäre, Indien könne nicht einmal den Stand von 2009/10 halten. Nach einem ergiebigen November behaupteten sie, die Summe könne sogar noch größer sein als im Jahr 2008/09 (27 Milliarden Dollar).

Die Aktienkurse sanken im Jahr 2011 stark, der maßgebliche Index Bombay Sensex verlor 25 Prozent an Wert, das bedeutet, dass Investoren etwa vierhundert Milliaden Dollar verloren haben. Aufgrund des gleichzeitigen starken Niedergangs der indischen Währung verzeichneten ausländische Investmentinstitute wie Anlagefonds besonders hohe Verluste, laut der Hindu Business Line etwa 36 Prozent.

Die turbulente Lage der nationalen und der Weltwirtschaft hat zu Bedenken geführt, ob Indien in der Lage ist, ein finanzielles Gewitter auszuhalten, vor allem ein Einbrechen auf dem indischen Aktienmarkt und einen Rückgang der Direktinvestitionen. Indiens Zahlungsbilanzdefizit für April bis September 2011 stieg auf 32,7 Milliarden (3,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes), im Vergleich zu 29,5 Milliarden im Jahr 2010.

Auch wenn die Finanzierung des Zahlungsbilanzdefizits nicht zu den unmittelbaren Problemen gehört, wird Indiens Fähigkeit, solche Defizite zu verkraften, von den Medien infrage gestellt. Diese Sorgen erhalten dadurch Nahrung, dass Indiens Devisenreserven im März 2011 auf 99,5 Prozent der gesamten Auslandsschulden gesunken sind und seither noch weiter, am 30. September, auf 95,4 Prozent, gesunken sind. Analysten haben davor gewarnt, dass ein Rückgang auf zwischen 91 und 92 Prozent ein Grund zur Sorge sein könnte. Denn es könnte zum Druck auf Indiens Kreditwürdigkeit und damit zu höheren Zinsen für die indische Regierung führen.

Als Reaktion auf die wachsenden wirtschaftlichen Probleme fordert die Wirtschaft immer drängender, dass die Koalitionsregierung, die von der Kongresspartei geführt wird, die Einführung neoliberaler Reformen beschleunigt – die allesamt die Gewinne der Wirtschaft auf Kosten der Lebensbedingungen von Arbeitern, Bauern und Kleinhändlern erhöhen würden. Besonders die indische Wirtschaftselite drängt auf die Abschaffung von Hürden bei der Schließung von Fabriken und der Verlagerung von Arbeitsplätzen, verstärkter Privatisierung und Investitionsabbau, die Öffnung des Einzelhandels für große Supermarktketten wie Wal-Mart und die Einführung regressiver Steuern auf Waren und Dienstleistungen.

Die Wirtschaft greift die Regierung auch an, weil sie in ihrer ersten Amtszeit die Sozialausgaben geringfügig erhöht hat und verweist auf die wachsende Kluft zwischen Defizit und Bruttoinlandsprodukt. Die Regierung hat zwar vorhergesagt, dass das Defizit nur 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukt betragen werde, aber jetzt wird es auf 5,6 Prozent geschätzt.

„Mit den Investitionen sieht es schlecht aus, und wenn die Regierung nicht schnell einschreitet, könnten sie zu einem vollständigen Stillstand kommen,“ sagte ein Finanzanalyst der Economic Times of India. „Die Regierung muss schnellstmöglich handeln und Reformen und Politikwechsel in den nächsten zwei bis drei Monaten durchführen, wenn sich die Lage verbessern soll.“

Wie ihre Rivalen im Rest der Welt ist die indische Bourgeoisie entschlossen, die ganze Last der Krise der Arbeiterklasse und der ausgebeuteten Landbevölkerung aufzuhalsen.