IWF warnt vor globaler Rezession

Von Nick Beams
31. Januar 2012

Der Internationale Währungsfond (IWF) hat sich der Weltbank und den Vereinten Nationen angeschlossen und vor einer globalen Rezession und zunehmenden finanziellen Risiken wegen der Eurokrise gewarnt.

Der IWF revidierte seine Voraussage für das weltweite Wirtschaftswachstum für 2012 auf 3,3 Prozent – 0,7 Prozent weniger als im September vorausgesagt – und warnte vor einer flächendeckenden Rezession in Europa. Die wirtschaftliche Erholung sei durch „zunehmende Belastungen in der Eurozone und andere Unsicherheiten“ gefährdet. Das Wachstum habe im vierten Quartal von 2011 nachzulassen begonnen, „als die Eurokrise in eine gefährliche neue Phase eintrat“.

Zwar habe es in den Volkswirtschaften der fortgeschrittenen Länder höheres Wachstum als erwartet gegeben, doch man rechne nicht damit, dass diese Entwicklung ihnen nachhaltigen Auftrieb verleihen werde. Angesichts der oft wiederholten Behauptung, die „Schwellenländer“ würden die Grundlage für eine neue Expansion der Weltwirtschaft liefern, waren die Aussagen des IWF zu diesem Thema besonders bedeutsam.

Das Wachstum dieser Volkswirtschaften, so heißt es in dem Bericht des IWF, habe sich “stärker verlangsamt als vorausgesagt”. Grund hierfür sei die Kombination von geringeren Staatsausgaben und einem „schwächeren Wachstum.“

Der Bericht warnt, dass “Abwärtsrisiken” sich “verschärft” hätten und sieht das bedeutendste Risiko in der „Intensivierung von ungünstigen Wechselwirkungen zwischen dem Druck der Staaten und der Banken in der Eurozone.“ Gemeint sind steigende Zinssätze bei Staatsanleihen hoch verschuldeter Staaten, die zu einem Wertverlust jener Anleihen führen, die von Großbanken gehalten werden. Sie schwächen die finanzielle Position dieser Banken und führen zur Notwendigkeit weiterer Bankenrettungsprogramme durch die Regierungen.

Die Risiken sind jedoch nicht auf Europa beschränkt. Der IWF lenkte die Aufmerksamkeit auf die Situation der „Schwellenländer“, die „lebhaftes Wachstum im Kreditbereich und bei Vermögenswerten wie auch zunehmende finanzielle Verletzbarkeit“ gezeigt hätten.

“Dies hat die Nachfrage erhöht und möglicherweise zur Überschätzung tendenzieller Wachstumsraten in diesen Wirtschaften geführt”, heißt es in dem Bericht. „Sollte sich die Dynamik des Immobiliensektors und der Kreditmärkte abschwächen… wären die Folgen für wirtschaftliche Aktivitäten sehr schädlich“.

Obwohl kein Name genannt wurde, trifft diese Beschreibung exakt auf die chinesische Wirtschaft zu. Es gibt wachsende Sorgen angesichts der potenziellen Folgen eines Zusammenbruchs von Chinas überzogenem Immobilien- und Bausektor, der bei der Aufrechterhaltung der Wachstumsraten seit dem Beginn der globalen Finanzkrise 2008 eine wichtige Rolle gespielt hat.

Der Bericht fasste die gegenwärtige Situation folgendermaßen zusammen: “Das derzeitige Umfeld – charakterisiert durch zerbrechliche Finanzsysteme, hohe öffentliche Defizite und Schulden sowie Zinsen in der Nähe der Nullmarke – liefert die Grundlage für andauernden Pessimismus und die Ausbreitung von Schockwellen, von denen die kritischste die Verschlimmerung der Eurokrise ist.“

Vor der Veröffentlichung des IWF-Berichtes hatte Christine Lagarde, geschäftsführende Direktorin des IWF, am Montag in Berlin eine Rede gehalten. Sie wies dabei auf die zurückgestuften Voraussagen hin und sagte, sie erforderten „eine konstruktive Politik“, die aber keinesfalls gesichert sei. Mit anderen Worten: die Voraussagen basieren auf der unrealistischen Annahme, dass die europäischen Regierungen die Finanzkrise der Eurozone in den Griff bekommen.

Lagarde sagte, dass die Unsicherheit in vielen Bereichen die Nachfrage und die Bereitschaft zur Kreditvergabe schwäche. Das Jahr 2012 müsse ein „Jahr der Heilung“ sein. „Andernfalls könnten wir leicht in eine Situation wie in den 1930er Jahren hineinrutschen. Eine Situation, in der Vertrauen und Zusammenarbeit zusammenbrechen und sich die Länder auf sich selbst zurückziehen. Eine Situation, die schlussendlich in eine Abwärtsspirale führen würde, die die ganze Welt betreffen könnte.“

Lagarde warnte, dass eine solche Situation durch Passivität, Inseldenken und rigide Ideologie entstehen könne. Ihre Kommentare zielten klar auf die deutsche Regierung und deren Finanzpolitik ab. Der IWF drängt Berlin, seinen Widerstand gegen die Bereitstellung von mehr Liquidität aufzugeben und darauf, dass die EZB eine aktivere Rolle in der Krise spielt. Während es ihr hauptsächlich um Effekthascherei ging, lässt sich nicht leugnen, was Lagarde im Grunde antreibt: Das europäische Finanzsystem steht auf Messers Schneide.

Lagarde drängt auf einen Rettungsfond in Höhe von einer Billion Dollar und warnt, dass Länder wie Spanien und Italien ohne diesen “Schutzwall möglicherweise durch überhöhte Finanzierungskosten in eine Zahlungskrise geraten könnten“, die „katastrophale Folgen“ für die Stabilität des globalen Finanzsystems haben könnte.

Lagardes Aufruf lief darauf hinaus, Deutschland zur Übernahme größerer Verantwortung beim Kampf gegen die Krise aufzufordern. Sie sagte, der Euroraum brauche „eine Art Risikoteilung, die eine allgemeine Unterstützung ermögliche, bevor das ökonomische Ungleichgewicht eines Landes sich zur kostenträchtigen Krise für den gesamten Euroraum entwickelt.“

Mit einem Seitenhieb auf die Gegner zusätzlicher Geldspritzen wies Lagarde auf die “bedauerliche Tendenz” hin, “Fiskalpolitik als ein moralisches Abwägen zwischen Verschwendung und Verantwortung zu betrachten.“

Während der IWF seine neuen Zahlen veröffentlichte, deuteten Nachrichten aus Japan auf die kontinuierliche Verlangsamung der Wirtschaftsleistung der großen Industrienationen hin. Es wird erwartet, dass Japan als Ergebnis der Eurokrise, der Aufwertung des Yen und der Naturkatastrophen – dem Erdbeben des vergangenen Jahres und der Flut in Thailand – sein erstes Handelsbilanzdefizit seit 1980 bekannt geben wird

Die meisten Voraussagen gehen davon aus, dass Japan schnell wieder ein Handelsplus aufweisen wird, aber andere warnen davor, dass die jüngsten Zahlen den Beginn eines Trends anzeigen könnten, wenn die Weltwirtschaft weiter lahmt.

Die Bank von Japan sieht keine grundlegende Verbesserung der Lage voraus und warnte vorgestern, die Finanzmärkte seien “schwer belastet”. Die Bank erwartet, dass Japans reales Bruttoinlandsprodukt Ende März auf das Jahr gerechnet um 0,4 Prozent schrumpft und nicht, wie bisher vorausgesagt, um 0,3 Prozent wächst. Für das Jahr bis zum März 2013 werden nur zwei Prozent Wachstum erwartet. Diese Schätzung könnte sehr wohl noch nach unten korrigiert werden, insbesondere, wenn sich der Rückgang in der Handelsbilanz fortsetzt.