Die Insolvenz von Kodak

21. Januar 2012

Am Donnerstag dieser Woche meldete mit Eastman Kodak ein weiteres bekanntes US-Unternehmen Insolvenz an. Der Antrag setzt den Schlusspunkt unter zwei Jahrzehnte Entlassungen und Sanierungen, die den ehemals führenden Hersteller von Fotoausrüstungen zu einem Schatten seiner selbst gemacht haben.

Wie üblich wird das Unternehmen das gerichtlich überwachte Verfahren benutzen, um seine Angriffe auf die Arbeiter und zehntausende Betriebsrentenempfänger auszuweiten. Deren Gesundheitsleistungen werden zusammengestrichen oder ganz abgeschafft. Nachdem Kodak seit 2003 dreizehn Werke geschlossen und 47.000 Stellen gestrichen hat, beschäftigt es noch 18.800 Arbeiter.

Falls das Unternehmen aus der Insolvenz herauskommt, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach erheblich kleiner und rundum „saniert“ sein, um seinen Großinvestoren ausreichend Gewinn zu sichern.

Der Niedergang von Kodak in den letzten zwei Jahrzehnten lag vor allem daran, dass die Firma im Bereich der digitalen Fotografie nicht mithalten konnte. Aufstieg und Fall von Kodak spiegeln jedoch nicht nur die Krise eines Unternehmens wider, sondern die Krise des ganzen amerikanischen Kapitalismus.

Kodak hat seinen Hauptsitz in Rochester, einer Industriestadt im Staat New York. Es wurde 1880 gegründet und expandierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark. Kodak gehörte zu den Pionieren der massentauglichen Fotografie, die sich ähnlich rasant entwickelte wie die Autobranche und andere amerikanische Massenindustrien. Kodak entwickelte den ersten Film auf einer Rolle, die erste Kamera, die man mit einer Hand halten konnte – die für einen Dollar verkauft wurde – und im Jahr 1935 den ersten 35mm-Farbfilm.

1927 hatte Kodak bereits 20.000 Beschäftigte, 1946 waren es 60.000, 1966 waren es 100.000 und 1973 120.000. Das Unternehmen wuchs bis in die Achtziger, auch wenn die Expansion hauptsächlich durch den Aufkauf von diversen Tochterunternehmen für Druck und medizinische Bildverarbeitung erfolgte. Im Jahr 1988 hatte das Unternehmen mit 145.300 Beschäftigten seinen höchsten Stand. In nur zwei Jahrzehnten sank diese Zahl um fast 83 Prozent.

Mitte der 1980er Jahre geriet Kodak unter heftigen Konkurrenzdruck durch die Filmproduzenten in Asien, insbesondere Fujifilm. In den Neunzigern verlor das Unternehmen immer mehr Marktanteile an die Digitalherstellerfirmen Canon, Sony und Nikon. Der Konzern reagierte auf einen Rückgang der Investitionen, ausgelöst durch seine Unfähigkeit, ausreichende Dividenden zu erwirtschaften, indem er große Teile seiner Produktion verkaufte und Betriebe schloss.

Ungeachtet der Besonderheiten bei Kodak ist die Geschichte des Unternehmens symptomatisch für die der amerikanischen Industrieproduktion überhaupt. Die Zahl der Industriearbeiter in den Vereinigten Staaten lag 1940 bei 10 Millionen und war Ende der siebziger Jahre auf 20 Millionen angestiegen. Dann sank sie trotz des Bevölkerungswachstums rapide auf heute unter 12 Millionen.

Die herrschende Klasse der USA reagierte auf die immer stärkere weltweite Konkurrenz durch heftige Angriffe auf die Arbeiterklasse, wobei ihr die Gewerkschaften halfen. Die großen Vermögen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten aufgehäuft wurden, entspringen nicht der Industrieproduktion, sondern Spekulationsgewinnen, der Plünderung von Firmenvermögen und einer drastischen Senkung des Lebensstandards der Mehrheit der Bevölkerung.

Der Angriff auf die Arbeiterklasse geht unter der Obama-Regierung unvermindert weiter. Heute ist jeder Versuch, die Produktion in den Vereinigten Staaten wiederzubeleben, verbunden mit der EInschränkung von Sozialleistungen, der Ausschaltung von Folgekosten wie Gesundheitsversicherung für Betriebsrentner und der Senkung der Löhne bis zur Armutsgrenze.

Der derzeitige Vorstandschef von Kodak ist übrigens ein Mitglied von Obamas “Rat für Arbeitsplätze und Wettbewerbskompetenz“, dessen Vorsitz der Chef von General Electric, Jeffrey Immelt, innehat. Dieser Rat, der weitgehend aus Konzernvorständen und Gewerkschaftsvertretern besteht, gab letzte Woche ein Strategiepapier mit dem Titel „Der Weg zur Erneuerung“ heraus. Darin wird empfohlen, mehr Beschäftigung durch Deregulierung und das Absenken von Unternehmenssteuern zu erreichen.

Das Modell für diese Art von “Erhohlung” hat die Autoindustrie geliefert. Diese hat unter Anleitung der Obama-Regierung und der Insolvenzgerichte die Löhne für Neueeingestellte halbiert, Betriebsrenten zusammengestrichen und Zehntausende von Arbeitsplätzen vernichtet. Ein winziger Teil von dem, was verlorenging, konnte wiederhergestellt werdem, aber die Profite der Unternehmer und Dividenden der Investoren schossen in die Höhe.

In den letzten drei Jahrzehnten sind einem Artikel der Financial Times vom Mittwoch zufolge die Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe der USA um mehr als 10 Prozent gefallen, während sie in Japan um 3 Prozent und in Deutschland um 41 Prozent stiegen. Die Zeitung zitiert Chad Moutray, den Chefvolkswirt der National Association of Manufacturers: “Ein großer Teil unserer Mitglieder berichtet uns, dass es manchmal billiger ist, in den USA zu produzieren, weil die Lohnkosten dort geringer sind.” Die Regierung benutzt jetzt den Begriff „Insourcing“, um diesen Prozess zu beschreiben.

Die herrschenden politischen Kreise haben auf die Wirtschaftskrise reagiert durch einen massiven Transfer von Kapital an die Banken und die kategorische Ablehnung jeglicher Regierungsprogramme gegen die Massenarbeitslosigkeit. Am Mittwoch lobte Obama den Rat für Arbeitsbeschaffung und betonte, dass „die wirtschaftliche Erholung vom privaten Sektor angekurbelt werden muss.“

Der Niedergang des amerikanischen Kapitalismus und die damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Prozesse werden in dem Insolvenzverfahren von Kodak ganz deutlich. Sie schaffen keine Bedingungen für die „Erholung der Wirtschaft“  – für die arbeitende Bevölkerung ohnehin ein Ammenmärchen – sondern für eine gewaltige Wiederbelebung des Klassenkampfs.

Joseph Kishore