Arbeitskampf in Ohio: Belegschaft seit fünf Wochen ausgesperrt

Von James Brewer und Jerry White
3. Januar 2012

Seit fünf Wochen stehen die 1.050 Arbeiter der Cooper Tire Factory in der Kleinstadt Findley im US-Bundesstaat Ohio streikend vor ihren Werkstoren. Das Management des Autoreifen-Herstellers hat sie am 28. November ausgesperrt. Derzeit wird der Betrieb von kurzfristig angeheuertem Zeitarbeitspersonal aufrechterhalten. Seit dem 13. Dezember hat es keine Verhandlungen mehr gegeben, bis heute ist keine Wideraufnahme von Gesprächen geplant.

Die Arbeiter, Mitglieder der Gewerkschaft United Steel Workers (USW), sind erbost, dass die Firmenleitung ihnen nach jahrelangen Zugeständnissen, einem Lohnverzicht in Millionenhöhe und der Preisgabe von Arbeitsplätzen noch weitere Zugeständnisse abverlangt. Cooper, Tire & Rubber Co. hat in den letzten Jahren Rekordprofite erzielt, das Vergütungspaket von Firmenchef Roy V. Armes wurde gegenüber dem Vorjahr um fast fünfzig Prozent auf 4,7 Millionen US-Dollar aufgestockt.

Das Cooper-Management verlangt die Einführung eines neuen „flexiblen“ Vergütungssystems. Es sieht vor, den Lohn jedes einzelnen Arbeiters von seiner Produktivität abhängig zu machen. Das würde zu Lohnkürzungen von bis zu vierzig Prozent führen. Die Aussperrung begann nur wenige Tage, nachdem die Arbeiter diese Regelung abgelehnt hatten.

Die Firma wirft der Gewerkschaft vor, als Verhandlungspartner versagt zu haben. Die Firmenleitung sagte der Online-Zeitung Toledo Blade, man habe ein Angebot unterbreitet, den ausgelaufenen Tarifvertrag entweder bis zum 26. Februar oder bis zum Abschluss eines neuen Vertrags mit der Fabrik in Texarkana im Bundesstaat Texas weiterlaufen zu lassen.

Firmensprecherin Michelle Zeisloft behauptet, das Angebot sei den Gewerkschaften sieben Mal vorgelegt worden, zuletzt am 20. Dezember. Die Gewerkschaft habe ihre Mitglieder darüber aber nicht informiert. „Wir glauben nicht, dass die Gewerkschaft ihren Mitgliedern all diese Angebote vorgelegt hat. Wir glauben auch nicht, dass sie sie in ganzem Umfang den Medien mitgeteilt hat. In diesem Fall träte nämlich das Motiv, warum sie die Mitgliedschaft auf den Streikposten halten, kristallklar zutage“, schrieb Frau Zeisloft in einer Email an den Toledo Blade.

Die Unterstellungen von Frau Zeisloft sind vollkommen aus der Luft gegriffen. In Wahrheit hat die Gewerkschaft bis heute gar nichts unternommen, um den Arbeitern eine Perspektive zu weisen oder ihren Kampf voranzutreiben. Stattdessen kuschen sie vor der „öffentlichen Meinung“ und verweisen auf eine mögliche negative „Reaktion der Medien“, um den Kampf der Arbeiter auf allen Ebenen zu blockieren.

Dabei genießt der Streik der Cooper-Arbeiter in Findley erhebliche Sympathie. Das zeigt sich tagtäglich an den Streikposten und an der Reaktion der Einwohner. Um den Kampf zu gewinnen, müsste diese Unterstützung allerdings ganz gezielt mobilisiert werden. Das aber verweigert die USW. Ihr Ziel ist es – wie bei vorangegangenen Arbeitskämpfen – jegliche Mobilisierung und Solidarisierung der Bevölkerung und anderer Arbeiter zu vermeiden und den Streik so auf den einzelnen Betrieb zu begrenzen.

Diese Isolation des Streiks birgt große Gefahren. Schon der zwölfwöchige Streik bei der Reifenfabrik Goodyears 2006 – 2007 wurde von der USW sabotiert, weil er die engen Beziehungen und finanziellen Verbindungen ihrer Spitzenfunktionäre zu den Konzernen und zur Regierung gefährdete. Bei Cooper Tire verweigert die USW-Führung einmal mehr jeglichen ernsthaften Kampf. Stattdessen fordert sie die Arbeiter auf, sich auf staatliche Schlichter, lokale demokratische Politiker und auf die Obama-Regierung zu verlassen.

Ein solcher Weg führt direkt in die Niederlage. Die Offensive der Konzerne gegen die Arbeiterklasse hat die volle Rückendeckung der beiden großen amerikanischen Parteien und aller offiziellen Einrichtungen des Staates. Die Lohnkürzungen unter Industriearbeitern begannen, nachdem die Obama-Regierung von den General-Motors- und Chrysler-Arbeitern nie dagewesene Zugeständnisse bei Löhnen und Zusatzvergütungen verlangt hatte.

Um ihren Kampf zu gewinnen, müssen die Arbeiter unbedingt in die Offensive gehen. Im Jahr 1936 hatte sich die Belegschaft der Gummifabrik in Akron, ebenfalls im Bundesstaat Ohio, Lohnkürzungen der Firmenleitung und einem Angriff der Polizei entgegen gestellt, die Fabriken besetzt und die Produktion zum Stillstand gebracht. Diese Traditionen des Klassenkampfes müssen jetzt wieder aufgenommen werden.

Die Verhandlungsführung und die Organisation von Kampfmaßnahmen müssen den Händen der USW entrissen und von den Arbeitern selbst übernommen werden. Die Belegschaft von Cooper sollte ein Basiskomitee wählen, das aus den militantesten und vertrauenswürdigsten Arbeitern besteht. Es sollte Forderungen aufstellen wie die Rücknahme aller Zugeständnisse bei Lohnzahlungen und die Abschaffung des zweigleisigen Lohnsystems. Darüber hinaus sollte es auf einer Garantie aller Arbeitsplätze und der Schaffung sicherer Arbeitsbedingungen bestehen.

Alle Arbeiter – ob gewerkschaftlich organisiert oder nicht, ob beschäftigt oder arbeitslos, ob jung oder alt – müssen angehalten werden, die Streikposten tatkräftig zu unterstützen und den Streikbrechern in Findley ihr schändliches Handwerk zu legen.

Gleichzeitig sollte das Basiskomitee Verbindung zu den Cooper-Tire-Arbeitern in Arkansas und Mississippi wie auch zu anderen Arbeitern aus Gummi-, Auto- oder Zulieferbetrieben aufnehmen, um für gemeinsame Demonstrationen, Streiks und Fabrikbesetzungen und die Verteidigung von Arbeitsplätzen und den Erhalt des Lebensstandards zu kämpfen.

Die Reifenherstellung ist eine der global am engsten verflochtenen Industrien. Zu ihr gehören weltweit mehr als ein halbe Million Arbeiter. Von China bis Indien und von Europa bis Lateinamerika nehmen diese Arbeiter derzeit wegen der Verschärfung der Wirtschaftskrise den Kampf auf. Unter solchen Bedingungen kann die nationalistische und protektionistische Politik der USW nur dazu führen, die Arbeiterklasse zu spalten und zu schwächen. Die Arbeiter können ihre Situation nur dann verbessern, wenn sie sich in einem gemeinsamen Kampf gegen die globalen Konzerne international vereinigen.

Der Kampf in Findley stellt auf höchst aktuelle Weise die Frage nach den Besitzverhältnissen im Kapitalismus und nach der Kontrolle der Industrie und des Finanzsystems. Arbeiter sind nicht nur der „Gier der Konzerne“ ausgesetzt, sondern mit dem Zusammenbruch des kapitalistischen Systems konfrontiert, das sich auf den Privatbesitz an den Banken und Konzernen und auf die Erwirtschaftung von Profiten durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse stützt.

Privates Eigentum muss durch gesellschaftliches Eigentum ersetzt werden. Nur auf diese Art und Weise können die ungeheuren Produktivkräfte der Gesellschaft und der durch die Arbeiterklasse geschaffene Reichtum genutzt werden, um die zunehmende Armut abzuschaffen und die weltweite soziale Ungleichheit ein für alle Mal zu beenden.

Die Haltung der Cooper-Tire-Arbeiter ist ein deutliches Anzeichen für den wachsenden Widerstand nicht nur in den USA. Der Erfolg ihres Streiks wird allerdings vor allem davon abhängen, ob es ihnen gelingt, sich aus den Klauen der Gewerkschaftsbürokratie zu lösen, ihr den Kampf anzusagen und unabhängig von allen Bürokratien kompromisslos für die eigenen Interessen einzutreten. Auch weltweit stehen die Arbeiter vor diesem Problem: Der Kampf gegen die gewerkschaftlichen Reformisten ist die Vorbedingung für den erfolgreichen Kampf um den Sozialismus – überall und unter allen unterschiedlichen nationalen Bedingungen.