Wegen Widerstands gegen Lohnsenkungen:

Amerikanische und kanadische Arbeiter ausgesperrt

Von Andre Damon
10. Januar 2012

Kaum hatte das neue Jahr begonnen, da kam es in Kanada zur ersten Aussperrung protestierender Arbeiter. Zugleich ging der Kampf der ausgesperrten Arbeiter des Cooper-Tire-Werks in Findlay, Ohio, weiter.

Am Silvesterabend sperrte Electro-Motive Diesel (EMD), ein Tochterunternehmen des Fahrzeugherstellers Caterpillar, in kanadischen London (Provinz Ontario) 425 Arbeiter aus und forderte von ihnen den Verzicht auf 55 Prozent ihres Lohns – das entspricht einer Lohnsenkung von 35 Dollar auf 16,50 Dollar Stundenlohn – und außerdem größere Zugeständnisse bei Zusatzleistungen. Am gleichen Wochenende sperrte Rio Tinto Alcan 750 Arbeiter aus einer Eisenschmelze in Alma in der Provinz Quebec aus. Das Unternehmen forderte Zugeständnisse bei Löhnen und Zusatzleistungen und das Recht auf einen eigenen Tarifvertrag.

Inzwischen stehen in Findlay, Ohio 1.050 Arbeiter bereits seit sieben Wochen im Streik gegen Cooper Tire. Das Unternehmen hatte sie am 28. November ausgesperrt, weil sie seine Forderungen nach umfassenden Zugeständnissen abgelehnt hatten, da sie bereits 2008 Zugeständnisse gemacht hatten.

Rio Tinto und Caterpillar sind zwei der größten Konzerne der Welt, ihr Wert beläuft sich auf zweistellige Milliardensummen. Sie sind auf allen Kontinenten aktiv, beuten Arbeiter und Rohstoffe aus und machen dabei riesige Gewinne. Alleine in der ersten Hälfte des Jahres 2011 machte Rio Tinto 7,5 Milliarden Dollar Gewinn, Caterpillar machte im gesamten Jahr vierzehn Milliarden Dollar Gewinn. Auch Cooper Tire ist ein multinationales Unternehmen; es besitzt Werke in den USA, Mexiko, Europa und Asien.

Diese Aussperrungen sind Teil eines Angriffs der Unternehmen auf die Arbeiterklasse in Nordamerika und der ganzen Welt. Das Ziel dieses Angriffs ist es, alle Errungenschaften rückgängig zu machen, die die Arbeiter im vergangenen Jahrhundert durch erbitterte und blutige Klassenkämpfe erstritten haben. Alle Regierungen, auch die Obama-Regierung in den USA und die konservative Regierung von Stephen Harper in Kanada, unterstützen den Angriff, ebenso die liberalen Provinzregierungen in den kanadischen Provinzen Ontario und Quebec.

Bei allen Aussperrungen ist der Hintergrund der gleiche: Arbeiter lehnen einen Tarifvertrag ab, durch den sie Lohnsenkungen hinnehmen müssten. Das Unternehmen sperrt sie aus und organisiert Streikbrecher, bzw. droht damit. Die Gewerkschaften beschränken sich auf sinnlose Appelle an Regierungen und tun auch sonst ihr Bestes, um die Arbeiter isoliert und machtlos zu halten.

Hinter den Kulissen versuchen Gewerkschaftsfunktionäre, einen faulen Kompromiss auszuhandeln, bei dem ein Großteil oder sogar alle Forderungen des Unternehmens erfüllt werden – und das, nachdem die Arbeiter wochenlang in der Kälte gestanden und höchstens ein geringes Streikgeld bekommen haben!

In jedem Fall überließen die Gewerkschaften den Unternehmen die Initiative, weigerten sich, einen offenen Streik zu beginnen und ließen zu, dass den Arbeitern die Werkstore vor der Nase zugeschlagen wurden.

EMD hat auf beiden Seiten der amerikanisch-kanadischen Grenze Werke, nur ein paar hundert Kilometer weit voneinander entfernt. Dennoch werden die Arbeiter völlig isoliert gehalten und von ihren jeweiligen Gewerkschaften daran gehindert, miteinander in Kontakt zu treten.

Die CAW verbreitet kanadischen Nationalismus und fordert die Arbeiter auf, Druck auf Harpers Regierung auszuüben, um den Verkauf von EMD an „das US-Unternehmen Caterpillar“ zu untersuchen. Gleichzeitig fordern die United Auto Workers und die Steelworkers ihre Arbeiter auf, „amerikanisch zu kaufen“, obwohl beide Länder dieselben Produkte bauen.

Letztes Jahr eröffnete die Eisenbahnabteilung von Caterpillar ein Fertigungswerk in Muncie, Indiana, in der Stundenlöhne von nur zwölf bis vierzehn Dollar gezahlt wurden – etwa ein Drittel so viel wie die Stundenlöhne im kanadischen London, Ontario. Berichten zufolge hat Caterpillar gedroht, die Produktion aus London nach Indiana zu verlagern, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden.

Mit ihrem Nationalismus und ihrer Klassenkollaboration tragen die amerikanischen Gewerkschaften dazu bei, die Löhne in den USA auf Armutsniveau herabdrücken. Mit diesen Niedriglöhnen wird in anderen Industrienationen wie Kanada, Deutschland, Italien und Frankreich Druck auf die Arbeiter ausgeübt, um weitere Lohnsenkungen zu erzwingen, da die Produktionen andernfalls verlagert werden. Ein EMD-Arbeiter in London sagte der World Socialist Web Site: „Das ist ein Unterbietungswettbewerb.“

Daran zeigt sich deutlich, dass im Kampf zur Verteidigung von Löhnen und Lebensbedingungen eine internationale Perspektive nötig ist. Die Arbeiter müssen das Programm der Gewerkschaften zurückweisen und sich mit ihren Brüdern und Schwestern in anderen Ländern vereinen um gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen: Die Konzerne und ihre Vertreter in den politischen Parteien.

Die Arbeiterschaft beginnt zu begreifen, dass sich ihr Kampf nicht nur gegen ein Unternehmen oder nur gegen ein Werk, sondern gegen die bestehende wirtschaftliche und politische Ordnung richtet. Wenn Arbeiter beginnen, um ihre Arbeitsplätze und ihren Lebensstandard zu kämpfen, stehen sie sofort bestimmten grundlegenden Tatsachen gegenüber: Die diversen Regierungen erhalten ihre Anweisungen von den Konzernen und die Gewerkschaften agieren als Polizeitruppe der Konzerne bei der Durchsetzung von Zugeständnissen. Die Arbeiter kämpfen gegen riesige Konglomerate, die in vielen Ländern aktiv sind und die Arbeiter des einen Landes gegen die der anderen ausspielen.

Die Arbeiter müssen begreifen, dass es nur einen Weg gibt, ihre Lebensgrundlagen zu verteidigen: Durch einen entschlossenen und unablässigen Kampf gegen den Kapitalismus. Die Gewerkschaften und ihre pseudolinken Anhängsel behaupten, man könne gegen die Gier der Konzerne kämpfen, ohne gegen das kapitalistische System zu kämpfen. Sie verteidigen und stärken das räuberische Vorgehen der Wirtschaftsoligarchen und tragen zu dem Versuch bei, die Arbeiterklasse zu entwaffnen.

Die Alternative heißt Sozialismus – die Neuordnung der Wirtschaft durch die Arbeiterklasse mit dem Ziel, nicht länger das Gewinnstreben der Milliardäre zu befriedigen, sondern endlich die sozialen Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung zu erfüllen.

Die Arbeiter müssen in allen Fabriken und an allen Arbeitsplätzen gegen Lohnsenkungen und Zugeständnisse mobilisiert werden. Die ausgesperrten Arbeiter in Kanada und Amerika sollten Basiskomitees gründen, um ihre Arbeitskämpfe selbst zu leiten und mit denen der Arbeiter aus anderen Branchen, Regionen und Ländern zu koordinieren. Diese neuen Kampforganisationen müssen von den Gewerkschaften unabhängig sein, da diese alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um eine internationale Massenbewegung gegen das Profitsystem zu verhindern.

Arbeiter dürfen den Kampf zur Verteidigung ihrer Interessen nicht auf die Arbeitsplätze beschränken. Sie brauchen ihre eigene sozialistische Partei, deren Ziel es ist, eine Arbeiterregierung zu errichten, Konzerne wie Cooper, Caterpillar und Rio Tinto zu verstaatlichen und in öffentliches Eigentum umzuwandeln, das von der arbeitenden Bevölkerung demokratisch kontrolliert und im Interesse der Gesellschaft geleitet wird.