Schlecker-Insolvenz bedroht 47.000 Arbeitsplätze

Von Elisabeth Zimmermann
24. Januar 2012

Die Drogeriemarktkette Schlecker hat am Montagmorgen beim Amtsgericht Ulm Insolvenz beantragt. Betroffen sind rund 47.000 Arbeitsplätze, davon 30.000 in Deutschland. Schlecker verfügt derzeit noch über knapp 7.000 Läden in Deutschland und 3.000 weitere Filialen in Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien, Polen und Portugal.

Das Drogerieimperium, dass sich im Privatbesitz von Firmengründer Anton Schlecker befindet, strebt eine sogenannte Planinsolvenz an. Bei diesem Verfahren bleibt das Unternehmen erhalten, erhält aber Gläubigerschutz und kann geltende Verträge vorzeitig kündigen. Das gilt nicht nur für Verträge mit Lieferanten und Vermietern, sondern auch für Arbeits- und Tarifverträge.

Schlecker hatte erst vor zehn Jahren einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi abgeschlossen, nachdem das Unternehmen zuvor wegen seinen miserablen Löhnen und Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen geraten war. Bis Mitte dieses Jahres gilt außerdem noch ein Beschäftigungssicherungspakt, der es dem Unternehmen verbietet, durch Filialschließungen überflüssig gewordene Kassiererinnen zu kündigen.

Aus beiden Verträgen hofft Schlecker, dessen Privatvermögen auf drei Milliarden Euro geschätzt wird, durch die Planinsolvenz auszusteigen. Er könnte dann unrentable Läden abstoßen und die Beschäftigten auf die Straße werfen, während die profitablen Läden bei wesentlich niedrigeren Löhnen weitergeführt werden.

„Das Unternehmen kann sich von allen nicht lukrativen Geschäften trennen, die lukrativen aber kann es behalten“, erläuterte der Bremer Insolvenz-Anwalt Klaus Klöker die Vorteile einer Planinsolvenz gegenüber dem Spiegel.

Jörg Funder, Management-Professor an der Fachhochschule Worms, schätzt, dass etwa jede zweite der noch bestehenden Filialen schließen wird. „Aber ohne große Einschnitte wird das nicht abgehen, ich rechne mit einer großen Entlassungswelle“, sagte er Zeit-Online.

Es ist allerdings nicht sicher, ob es zur Planinsolvenz kommt, da die Gläubiger einem solchen Verfahren zustimmen müssen. Der Einkaufsverbund Markant, dem Schlecker Berichten zufolge eine zweistellige Millionensumme schuldet, hat Vorbehalte geäußert. Bei einem normalen Insolvenzverfahren droht die völlige Zerschlagung des Unternehmens. Experten gehen davon aus, dass nur ein Bruchteil der 7.000 Schlecker-Filialen von anderen Drogerieketten übernommen würde.

Dirk Rossmann von der konkurrierenden Rossmann-Kette äußerte Interesse an maximal 50 bis 80 Schlecker-Filialen. „Ich wage die Prophezeiung, dass der Insolvenzverwalter nicht viele Läden weiter betreiben wird können“, sagte er dem Focus. Die allermeisten der bundesweit 7.000 Märkte müssten schließen, weil sie nicht mehr zeitgemäß seien.

Schlecker hat bereits vor dem Insolvenzantrag hunderte Filialen stillgelegt oder zu sogenannten XL-Märkten in verkehrsgünstiger Lage umgebaut, die einen wesentlich höheren Umsatz garantieren. Laut einer Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI liegt aber Schlecker in dieser Hinsicht immer noch hinter seinen Konkurrenten zurück. Schlecker erzielte 2010 nur 2.200 Euro Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche, während Rossmann auf 5.000 Euro und die dm-Märkte auf 6.500 Euro Umsatz kamen.

Mithilfe der Planinsolvenz soll dieser Abstand nun auf einen Schlag überwunden werden – auf Kosten der Beschäftigten. Schlecker arbeitet dabei eng mit der Gewerkschaft Verdi zusammen, die schon in der Vergangenheit den Arbeitsplatzabbau begleitet hat.

Im Dezember vergangenen Jahres bat Schlecker Verdi um die Zustimmung zu einem Sanierungstarifvertrag. Das für seine Geheimhaltung berüchtigte Unternehmen öffnete der Gewerkschaft als Gegenleistung seine Bücher. Seither prüfen Experten für Verdi die Geschäftszahlen von Schlecker, während gleichzeitig Verhandlungen mit den Banken über eine Umstrukturierung des Unternehmens liefen und neue Investoren gesucht wurden.

Die Verdi-Zentrale war also voll über die sich anbahnende Insolvenz informiert, wenn sie nicht sogar an den Verhandlungen mit Banken und Investoren beteiligt war. Die betroffenen Mitarbeiter erfuhren dagegen erst am Freitag aus den Medien oder von Kunden über die bevorstehende Insolvenz, nachdem Schlecker den Gang zum Konkursrichter öffentlich angekündigt hatte.

Verdi hat bisher höchst verhalten auf die sich abzeichnenden Massenentlassungen reagiert. Außer der Forderung, Firmengründer Anton Schlecker müsse sich mit seinem eigenen Vermögen an der Sanierung des Unternehmens beteiligen und in der Sache „klar und offen“ kommunizieren, war von der Gewerkschaft bisher kein Vorschlag zur Verteidigung der Arbeitsplätze zu hören.

Schleckers Auf- und Abstieg

Anton Schlecker, ein Metzgermeister aus Ehingen in Baden-Württemberg, hatte 1975 den ersten Drogeriemarkt eröffnet, nachdem im Jahr zuvor die Preisbindung für Drogerieartikel abgeschafft worden war. Es folgte eine atemberaubende Expansion. 1977 gab es schon hundert Schlecker-Drogeriemärkte, 1984 tausend und so ging es weiter. Ab 1994 galt Schlecker als Marktführer für Drogerieartikel in Deutschland.

1987 begann Schlecker europaweit zu expandieren, erst in Österreich, zwei Jahre später in den Niederlanden und Spanien. 1991 fasste Schlecker durch die Übernahme des Unternehmens Superdrug auch in Frankreich Fuß, 1999 in Italien. 2004 wurden weitere Drogeriemärkte in Polen und Dänemark eröffnet, 2005 in Tschechien und Ungarn und im Jahr 2006 in Portugal. Neben Österreich mit 970 Niederlassungen und etwa 3.000 Beschäftigten hatten sich vor allem Spanien, Italien, Tschechien und Polen zu wichtigen Auslandsmärkten für Schlecker entwickelt. 2008 besaß das Unternehmen europaweit 14.000 Filialen mit 50.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 7 Milliarden Euro.

Das Unternehmenskonzept war relativ einfach. Es beruhte auf einer miserablen Bezahlung und brutalen Ausbeutung der Mitarbeiter. In der Regel musste eine einzige fest angestellte Kassiererin mit ein bis zwei Teilzeitkräften eine ganze Filiale betreuen; sie musste kassieren, Kunden beraten, Regale ein- und ausräumen usw. Über viele Jahre verfügten die teils abgelegenen Filialen noch nicht einmal über ein Telefon. Im Falle eines Überfalls konnten die Mitarbeiter keine Hilfe rufen. Später wurden sie mit Telefonen ausgerüstet, von denen die Beschäftigten aber nicht anrufen konnten.

Die Arbeitsbedingungen waren derart schlecht, dass sie in den 1990er Jahren einen öffentlichen Skandal auslösten. Mitarbeiter wurden nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch bespitzelt und durch den häufigen Einsatz von Testeinkäufern schikaniert. 1998 wurde das Ehepaar Schlecker vom Amtsgericht Stuttgart zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt und verpflichtet, zwei Millionen Deutsche Mark für gemeinnützige Zwecke zu zahlen, weil das Unternehmen jahrelang gegen den allgemein verbindlichen Manteltarifvertrag verstoßen hatte.

Mit diesen Geschäftsmethoden häufte Anton Schlecker ein gewaltiges Vermögen an. Er belegt Platz 26 auf der Liste der reichsten Deutschen. Das Vermögen der Familie Schlecker wurde vom Manager Magazin 2009 auf 2,75 Milliarden Euro beziffert.

Lange Zeit gab es auch keine gewerkschaftliche Interessenvertretung. Erst ab 1996 lies Schlecker die Wahl von Betriebsräten zu. Im Jahr 2001 schloss Schlecker mit der Gewerkschaft Verdi einen Anerkennungstarifvertrag. Doch für die Beschäftigten von Schlecker änderte sich nur wenig.

Seit 2009 versuchte Schlecker, sich mit der Schaffung von größeren Schlecker-Filialen, sogenannten XL-Märkten, neu aufzustellen, was mit der Schließung vieler kleinerer Filialen im Umkreis der XL-Märkte einherging. Den Beschäftigten in den kleineren Filialen wurde aufgrund der Schließungen gekündigt. Teilweise wurde ihnen eine neue Beschäftigung in den XL-Märkten angeboten.

In diesen rechtlich selbstständigen Schlecker XL-Märkten galten aber nicht mehr die vorher abgeschlossenen Tarifverträge. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten wurden als Leiharbeitskräfte von der eigens dafür gegründeten Leiharbeitsfirma Meniar („Menschen in Arbeit“) an die Schlecker XL GmbH vermittelt. Da das Leiharbeitsunternehmen seinen Sitz in Zwickau hat, zahlt es auch den Mitarbeiterinnen in westdeutschen Filialen nur die niedrigeren Ost-Stundenlöhne von teilweise unter 7 Euro.

Aufgrund der öffentlichen Empörung über diese Zustände versprach das Unternehmen 2010, keine neuen Verträge mit der umstrittenen Leiharbeitsfirma Meniar mehr abzuschließen. Im Juni 2010 vereinbarte Schlecker drei neue Tarifverträge mit Verdi: Einen Sozialtarifvertrag und einen Beschäftigungssicherungstarifvertrag für die Beschäftigten der alten Schlecker-Märkte sowie einen Vertrag zur Tarifbindung der neuen Schlecker-XL-Märkte.

Der für Schlecker zuständige Verdi-Funktionär Achim Neumann äußerte sich im November 2010 gegenüber dem Manager Magazin voll des Lobes über die neuen Verträge: „Schlecker ist geradezu Vorreiter der Branche.“ Verdi-Chef Frank Bsirske bekräftigte diese Einschätzung im September letzten Jahres auf dem Bundeskongress der Gewerkschaft, obwohl sich die Probleme von Schlecker bereits abzeichneten. Mit der Insolvenz sind diese Verträge nun Makulatur.