Weltwirtschaft vor weiterem Abschwung

Von Nick Beams
21. Januar 2012

Die Weltbank hat einen düsteren Ausblick für die Entwicklung der Weltwirtschaft veröffentlicht. Es bestehe das Potenzial für eine größere Krise als nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008, heißt es warnend in einem Bericht vom 18. Januar.

Die Voraussagen basieren auf einem Bericht der Vereinten Nationen. Darin heißt es, die Weltwirtschaft „stehe vor einem gewaltigen Abschwung“. Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich 2011 „beträchtlich“, für 2012 und 2013 werde nur „blutarmes Wachstum“ erwartet.

Die Weltbank verweist auf eine bedeutende Eintrübung wirtschaftlicher Aussichten. Diese setzte im August 2011 ein, als die Finanzkrise der Eurozone sich zu verschlimmern begann. Das hatte großen Einfluss auf die sogenannten Schwellenmärkte, wo der Zinssatz für Kreditausfallversicherungen (CDS) anstieg. Das ist ein Anzeichen für die Angst vor einem Zahlungsausfall.

Dies war aber bei weitem nicht das einzige Warnzeichen. „In den Schwellenländern existieren viele Voraussetzungen für eine Ansteckung“, heißt es in dem Bericht. „Schwellenmärkte haben seit Ende Juli 8,5 Prozent ihres Wertes verloren. Zusammen mit dem 4,2prozentigen Rückgang bei hochwertigen Aktienmarkt-Bewertungen hat dies zu Wertverlusten in Höhe von 6,5 Billionen US-Dollar oder 9,5 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes geführt.

Noch bedeutender war der scharfe Rückgang von Kapitalflüssen in Schwellenländer. Investoren haben in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres erhebliche Summen abgezogen. „Die gesamten Brutto-Kapitalflüsse in Schwellenländer sind in der zweiten Hälfte von 2011 um 170 Milliarden US-Dollar zurückgegangen. Das sind nur 55 Prozent der 309 Milliarden US-Dollar, die im gleichen Zeitraum von 2010 geflossen sind.“

Dem Bericht zufolge “ist die Weltwirtschaft in eine gefährliche Phase eingetreten”. Denn die finanziellen Turbulenzen in Europa weiten sich auf Schwellenländer und andere hochentwickelte Länder aus, die bisher nicht davon betroffen waren.

Die Wachstumsvoraussage der Weltbank sei gegenüber ihrer Einschätzung von vor sechs Monaten “in bedeutendem Maß zurückgestuft” worden. Es wird nun erwartet, dass die Weltwirtschaft 2012 und 2013 nur um 2,5 bzw. 3,1 Prozent wächst, verglichen mit einer früheren Voraussage von 3,6 Prozent für beide Jahre.

Ein Wachstum von unter drei Prozent wird generell als Rezession für die Weltwirtschaft als Ganzes angesehen. Europa befinde sich jetzt in einer Rezession und in hochentwickelten Ländern werde ein Wachstum von nur 1,4 Prozent erwartet.

Selbst diese schwachen Ergebnisse werden vielleicht nicht erreicht. „Der Abschwung in Europa und das langsame Wachstum in den Schwellenländern könnten einander gegenseitig stärker beeinflussen als erwartet“. Das könnte zu noch schlechteren Ergebnissen führen und „die Bemühungen, das Vertrauen der Märkte wieder herzustellen, weiter erschweren.“

Gleichzeitig ist das “mittelfristige Problem durch hohe Verschuldung und langsame Wachstumstendenzen in anderen hochentwickelten Ländern nicht gelöst und könnte unvorhergesehene Schocks auslösen.“

Die Folgen könnten schwerer wiegen als die des Zusammenbruchs des weltweiten Finanzsystems nach dem September 2008.

“Obwohl momentan eingegrenzt, bleibt das Risiko eines weiteren Einfrierens der Kapitalmärkte und einer weltweiten Krise von der Größe der Lehman-Krise bestehen. Insbesondere kann die Bereitschaft der Märkte, die Defizite und fällig werdenden Schulden der hochentwickelten Länder zu finanzieren, nicht als gesichert angesehen werden.“

“Sollte weiteren Ländern eine solche Finanzierung versagt werden, kann eine größere Finanzkrise, die auch private Banken und andere Finanzinstitutionen auf beiden Seiten des Atlantiks umfasst, nicht ausgeschlossen werden.“

Anders ausgedrückt: Trotz der Milliarden von Dollar, die den Banken und Finanzinstitutionen in den vergangenen drei Jahren von den Regierungen in aller Welt ausgehändigt wurden, ist kein einziges Problem gelöst.

Die Weltwirtschaft könnte jederzeit in eine Katastrophe rutschen. Dies unterstreicht die Tatsache, dass es sich bei der Krise von 2008 nicht um einen konjunkturellen Abschwung handelte, nach dem es wieder eine Erholung geben könnte, sondern um den Anfang des Zusammenbruchs der kapitalistischen Weltwirtschaft, der die Arbeitsplätze und die Lebensgrundlage von Milliarden von Menschen bedroht.

In dem Bericht heißt es: “Im Fall einer größeren Krise kann der Abschwung sehr wohl länger dauern als 2008 / 2009, da hochentwickelte Länder nicht mehr über die Steuer- oder Geldmittel verfügen, um das Bankensystem zu retten oder die Nachfrage im gleichen Maß wie 2008 / 2009 anzukurbeln.“

“Obwohl die Schwellenländer über finanzielle Manövriermasse verfügen, könnten sie gezwungen sein… die Ausgaben zu kürzen – insbesondere wenn die Finanzierung von Staatsschulden ausbleibt.“

Die Folgen der finanziellen Turbulenzen in Europa drücken sich im Welthandel aus – ein sicherer Indikator für den Zustand der Weltwirtschaft. Der Bericht erwähnt, dass der Handelsumfang während der Monate August, September und Oktober 2011 aufs Jahr umgerechnet um acht Prozent abgenommen habe und einen „aufs Jahr hochgerechneten 17prozentigen Niedergang europäischer Importe widerspiegele.“

Exporte sogenannter Entwicklungsländer fielen im dritten Quartal des vergangenen Jahres aufs Jahr hochgerechnet um 1,7 Prozent und setzten ihre Talfahrt im November fort. Die Länder Südostasiens traf es mit am härtesten. Nach rapidem Exportwachstum in der ersten Jahreshälfte kam es zu heftigen Einbrüchen.

Exporte aus Südostasien fielen aufs Jahr hochgerechnet um zweistellige Prozentbeträge.  Während ein Teil dieses Rückgangs auf die Folgen der Flut in Thailand zurückzuführen ist, drückte sich in den Zahlen auch das Schrumpfen europäischer Märkte und der Märkte hochentwickelter Regionen aus.

Der Chefökonom der Weltbank, Justin Lifu Liu, sagte, China bleibe noch ein heller Fleck auf der Landkarte. Seine Wachstumsrate, obwohl mit 8,4 Prozent in diesem Jahr niedriger als die 9,1 Prozent des vergangenen Jahres, sei nach wie vor relativ hoch. „Wenn China es schafft, sein Wachstum beizubehalten, dann ist das gut für die Welt und unterstützt Warenmärkte und Wachstum in anderen Ländern.“

Er warnte, dass Chinas Exporte zwar durch den weltweiten Abschwung negativ beeinflusst würden, die chinesische Regierung aber eine der am wenigsten verschuldeten in der Welt sei und über “relativ viel Raum für Manöver zur Ankurbelung der Wirtschaft” verfüge.

Angesichts der jüngsten Berichte aus Beijing über den Zustand der chinesischem Wirtschaft und die wachsenden Probleme, vor denen die Regierung und die Finanzbehörden stehen, klingen derartige Kommentare wie das fröhliche Pfeifen von jemandem, der an einem Friedhof vorbeigeht.

Diese Woche kündigte die chinesische Regierung an, dass die aufs Jahr hochgerechnete Wachstumsquote im letzten Quartal von 2011 bei 8,9 Prozent lag. Das ist die niedrigste Quote seit zehn Quartalen. Das gesamte Wachstum für 2011 betrug 9,2 Prozent, das schwächste seit 2009, als China unter den Folgen des Lehman-Zusammenbruches litt.

Ein Sprecher der nationalen Statistik-Behörde sagte, 2012 werde ein Jahr “von großer Komplexität und Herausforderungen” sein. Die Financial Times berichtet, dass seine Bemerkungen „durch Worte wie ‚düster‘, ‚kompliziert‘ und ‚ernsthaftbesorgniserregend‘“ gekennzeichnet waren.

Huang Yiping, Chefökonom der Barclays Bank, die gerade eine Studie über Chinas Blase auf dem Immobiliensektor erstellt hat, sagte der Financial Times, dass die Wahrscheinlichkeit eines großen Ankurbelungsprogramms heute viel geringer sei, da die Regierung noch immer mit den Auswirklungen des letzten zu kämpfen habe.

“China hat stark verschuldete Regionalregierungen. Es hat eine außergewöhnliche Ausweitung der Kreditvergabe gegeben, die in den vergangenen Jahren zu großen Vermögensblasen geführt hat, insbesondere auf dem Haussektor. Über-Investitionen bereiten ebenfalls große Sorgen und dies sind alles Probleme, die in der Vergangenheit zu dem Zusammenbruch in anderen Schwellenländern geführt haben“, sagte er.

Eine ernsthafte Wirtschaftskrise in China wird größere soziale und wirtschaftliche Konsequenzen haben. Die Regierung rechnet damit, dass zur Erhaltung der sozialen Stabilität und zur Erhaltung ihrer Macht mindestens acht Prozent jährliches Wachstum nötig sind.

Es wird auch erhebliche Auswirkungen auf warenexportierende Länder wie Kanada, Australien und Brasilien geben, die bisher durch hohe Preise und den Umfang ihrer Warenexporte nach China in gewissem Maße von den vollen Konsequenzen der Finanzturbulenzen verschont geblieben sind.