Afghanen belagern US-Basen wegen Koranverbrennung

Von Bill Van Auken
28. Februar 2012

Am Dienstag starben zwei amerikanische Soldaten und mindestens fünfzehn Afghanen, als den dritten Tag in Folge US-amerikanische und Nato-Stützpunkte von Menschenmassen belagert wurden.

In diesen drei Tagen kam es in ganz Afghanistan zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. In zahlreichen Gebieten besetzten Volksmassen die Straßen und überfielen staatliche Einrichtungen, die teils in Flammen aufgingen. In der ostafghanischen Stadt Dschalalabad wurden Tanklastwagen der Nato angezündet.

Die beiden amerikanischen Soldaten wurden am Dienstag erschossen, als in der östlichen Provinz Nangarhar ein Militärstützpunkt von einer wütenden Menge von Afghanen gestürmt wurde. Vier weitere Soldaten wurden verletzt. Ein uniformierter afghanischer Soldat soll Berichten zufolge das Feuer auf die amerikanischen Soldaten eröffnet haben und dann geflohen sein, indem er in den Pulk der Demonstranten eintauchte.

Mindestens zwei afghanische Zivilisten starben außerhalb desselben Stützpunktes, als Sicherheitskräfte auf die Protestierenden schossen, um sie davon abzuhalten, in die Einrichtung einzudringen. Zwei weitere Menschen, darunter ein zwölfjähriger afghanischer Junge, wurden im Batikot-Bezirk, der in derselben Provinz gelegen ist, getötet, wie der afghanische Nachrichtendienst Pajhowk berichtete.

Die Ermordung der US-Soldaten folgte unmittelbar einem öffentlichen Aufruf der Taliban an die afghanischen Truppen und Polizisten, die ausländischen Besatzungsmächte anzugreifen. Die Verlautbarung richtete sich an „die Jugend, die gegenwärtig im Sicherheitsapparat des Kabuler Regimes beschäftigt ist“. Sie wurde aufgefordert „ihre religiöse und nationale Pflicht zu erfüllen…und ihre Waffen gegen die ungläubigen ausländischen Eindringlinge zu richten.“

In der angrenzenden Provinz Laghman wurde mindestens ein Zivilist erschossen, als afghanische Truppen das Feuer auf Steine werfende Demonstranten eröffneten, um die Erstürmung ihres Stützpunktes abzuwehren.

In der zentralafghanischen Provinz Uruzgan wurden mindestens drei Demonstranten getötet und zwölf weitere verwundet. Afghanische Behörden sprachen von einem „Kreuzfeuer“ zwischen Sicherheitskräften und bewaffneten Widerstandskämpfern, die sich den Protestierenden angeschlossen hatten.

Außerdem kam in der nördlichen Provinz Baghlan ein Polizist ums Leben, als Demonstranten, auf die das Feuer eröffnet wurde, einen Gegenangriff mit Steinen und Stöcken auf die Polizei starteten.

Sowohl an diesen als auch anderen Orten, waren die Rufe der Demonstranten „Tod für Amerika“ und „Nieder mit Karzai.“ Gemeint ist der Präsident des US-gestützten Regimes in Kabul, Hamid Karzai.

Mindestens acht Afghanen wurden bei Demonstrationen getötet, die am Mittwoch über das Land hinwegfegten. Viele andere wurden an beiden Tagen verletzt.

Es gibt Befürchtungen innerhalb der Besatzungstruppen und dem Karzai-Regime, dass am Freitag noch gewaltigere Ausbrüche stattfinden könnten, wenn die Gebete in den Moscheen des Landes beendet werden. Die amerikanische Botschaft in Kabul und weitere US-Stützpunkte wurden abgeriegelt. Es wird niemand herein oder heraus gelassen.

Der Funke, der diesen landesweiten Flächenbrand entzündete, war ein Bericht afghanischer Arbeiter, die in einer Müllgrube des amerikanischen Luftwaffenstützpunktes Bagram sahen, wie amerikanische Soldaten Koranexemplare und weitere religiöse muslimische Materialien in einem Abfallstapel verbrannten.

Diese Materialien wurden aus einer Bibliothek des Gefängnisses von Bagram zusammengetragen, in dem die amerikanischen Besatzer Afghanen festhalten, die verdächtigt werden, Mitglieder der Taliban oder anderer Widerstandsgruppen zu sein. Ein Militärbeamter sagte CNN, dass die Materialien zum Verbrennen bestimmt wurden, weil angenommen wurde, sie beinhalteten „extremistische Eintragungen“ und dienten vermutlich dazu, „extremistische Kommunikation zu ermöglichen“.

Die Obama-Regierung und das Pentagon versuchten, die Krise mit einer Entschuldigung des Präsidenten zu entschärfen. Ein Spitzenmilitär erklärte, dass die US-Streitkräfte in Afghanistan eine Ausbildung in sachgerechter Behandlung des Korans und religiöser Materialien erhalten werden.

“Ich möchte mein tiefes Bedauern über den berichteten Zwischenfall aussprechen. Ich richte meine aufrichtige Entschuldigung an Sie und das afghanische Volk“, schrieb Obama in einem Brief, den der amerikanische Botschafter Ryan Crocker Karzai am Mittwoch überreichte. „Der Fehler geschah unbeabsichtigt; ich versichere Ihnen, dass wir die notwendigen Schritte unternehmen werden, um eine Wiederholung auszuschließen. Die Verantwortlichen werden zur Rechenschaft gezogen.“

Für die Massen einfacher Afghanen sind solche Entschuldigungen schlicht bedeutungslos. Die jüngsten Koranverbrennungen gelten lediglich als eine weitere Episode der Unterdrückung und Demütigung durch die amerikanischen Besatzer. Erst vergangenen Monat wurde ein Video veröffentlicht, das amerikanische Marines zeigt, die auf die Leichen gefallener Afghanen urinieren. Auch dieser Vorfall führte zu Protesten. Berichte über Koranschändungen haben zu mindestens schon zwei Mal zu tödlichen Protesten geführt.

“Es geht nicht einfach nur um die Entehrung des Korans. Es geht um die Entehrung unserer Toten und um die Morde an unseren Kindern“, sagte Maruf Hotak, 60, der sich den Protesten in den Außenbezirken Kabuls anschloss, der New York Times. „Sie geben immer ihre Fehler zu. Sie verbrennen unseren Koran und entschuldigen sich dann. Man kann nicht einfach unser heiliges Buch entehren, dann unsere unschuldigen Kinder umbringen und schließlich mit einer kleinen Entschuldigung davonkommen.“

Noch während der Proteste berichteten Beamte aus der Nangarhar-Provinz am Mittwoch, dass ein Nato-Hubschrauber eine Schule angegriffen habe. „An diesem Morgen wurde eine Schule von einem Nato-Hubschrauber beschossen. Neun Kinder, alles Mädchen, und der Schulhausmeister wurden verletzt“, sagte ein Sprecher der Provinzregierung. Mindestens fünf der Schulmädchen müssen im Krankenhaus verbleiben.

Dieser Angriff folgte auf das Eingeständnis der Nato in der letzten Woche, dass am 8. Februar bei einem Luftangriff in der nordöstlichen Provinz Kapisa acht Kinder ums Leben kamen.

Zusätzlich zu diesen fortgesetzten Tötungen heizen die sich verschlechternden sozialen Bedingungen in Afghanistan die Verbitterung und Wut der Massen an, die sich in den Korandemonstrationen entluden.

Am Dienstag gab Amnesty International einen Bericht heraus, der die entsetzliche Situation schildert, in der sich eine halbe Million Afghanen befindet, die durch den amerikanischen Krieg aus ihren Wohnungen vertrieben wurde und in Slums ums Überleben kämpft.

“Tausende Menschen leben unter Bedingungen, die sie Erfrierungen und Hungertod aussetzen. Die afghanische Regierung indessen schaut weg oder verhindert sogar, dass Hilfe von außen diese Menschen erreicht“, sagte Horia Mosadiq, der afghanische Rechercheur für Amnesty International. Achtundzwanzig Kinder sind in den vergangenen Wochen in den provisorischen Lagern rund um Kabul entweder erfroren oder verhungert.

Die landesweiten Proteste kamen zur äußersten Unzeit für die Obama-Regierung. Sie versucht gerade, ein Abkommen mit dem Karzai-Regime zu schließen, das erlauben würde, US-Truppen über das Jahr 2014 hinaus in Afghanistan zu stationieren. Der formelle Stichtag für den Natoabzug ist für Ende 2014 vorgesehen.

Gemäß Associated Press erwägen Washington und das Karzai-Regime einen Deal, der die Verhandlungen über umstrittene nächtliche Überfälle amerikanischer Spezialeinheiten auf afghanische Häuser und über die Übergabe von Gefängnissen unter amerikanischer Oberhoheit an die afghanischen Behörden voneinander separieren würde. Dies soll eine weitgehende Übereinkunft über den fortgesetzten Betrieb der amerikanischen Militärstützpunkte ermöglichen.

Karzai verlangte, dass die nächtlichen Überfälle, die massiven Zorn über die Besatzer und ihr Marionettenregime entfachten, entweder eingestellt oder unter afghanischer Leitung durchgeführt werden. Die amerikanische Militärführung hat beide Optionen kategorisch abgelehnt. Vielmehr plant sie, sich noch weit mehr auf die Spezialeinheiten sowie auf Luftangriffe zu stützen, wenn die regulären Einheiten aus dem Land abgezogen werden.

Die amerikanischen Behörden haben außerdem befunden, dass die Afghanen nicht in der Lage seien, die US-geführten Gefängnisse, in denen sich Häftlinge über Folter beklagen, zu übernehmen. Beamte des afghanischen Regimes pochen darauf, dass die gegenwärtige Krise um die Koranverbrennungen nicht ausgebrochen wäre, wenn sie die Betreiber der Einrichtung in Bagram wären.

Einerseits sind Karzai und seine Kohorten bestrebt, einige der ungeheuerlichsten Praktiken der amerikanischen Okkupanten zu beenden, weil sie fürchten müssen, dass die öffentliche Empörung nur den afghanischen Widerstand stärkt; andererseits dämmert ihnen, dass ihr Regime innerhalb kürzester Zeit davon gefegt würde, sobald die amerikanischen Truppen das Land verlassen haben.

Sowohl Washington als auch Karzais Regime haben angedeutet, dass sie noch vor dem Nato-Gipfel im Mai in Chicago eine Verlängerung der amerikanischen Militärpräsenz in Afghanistan vereinbaren wollen.