Afghanistan:

Aufstand gegen die US-Besetzung

28. Februar 2012

Die Massenproteste der vergangenen Woche gegen US- und Nato-Einrichtungen in ganz Afghanistan, ausgelöst durch die Verbrennung von Koranbüchern auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram, verdeutlichen den tiefen Hass der afghanischen Bevölkerung gegen die US-geführte Besetzung, die jetzt in ihr elftes Jahr geht.

Nachdem afghanische Arbeiter Zeugen der Entweihung der Koranbücher wurden, verbreitete sich die Nachricht von dem Vorfall wie ein Lauffeuer durch das Land. US-Stützpunkte und UN-Einrichtungen wurden in Städten wie Kundus angegriffen, die weitab der Zentren der Taliban-Operationen im südlichen Afghanistan liegen. Die Presse berichtet von einem überwältigenden Hass der Bevölkerung gegenüber den Besatzern, selbst unter der Polizei und den Soldaten des afghanischen Marionettenregimes von Präsident Hamid Karzai.

Die Washington Post zitierte zwei afghanische Polizisten an einer Straßensperre in Kabul. „Afghanen und Moslems in aller Welt sollten sich gegen die Ausländer erheben. Unsere Geduld ist am Ende“, sagte einer, während sein Partner hinzufügte: „Wir beide werden die ausländischen Militärkräfte angreifen.“

Ein besonders enthüllender Vorfall war die Ermordung eines Obersts und eines Majors der US-Streitkräfte im Kommando- und Kontrollzentrum des afghanischen Innenministeriums – angeblich eine der sichersten Einrichtungen in Kabul. Die beiden amerikanischen Offiziere machten sich über den Koran lustig und stritten sich mit einem afghanischen Beamten namens Abdulk Saboor, 25 Jahre alt. Saboor schoss achtmal auf die Soldaten und tötete beide.

Berichten zufolge verließ Saboor nach der Tat ungehindert das schwer bewachte Ministerium - ein deutliches Anzeichen, dass sein Handeln weitgehend auf Sympathie stieß.

Der Ausbruch von Massenprotesten gegen die Besetzung Afghanistans hat die Besatzungsmächte erschauern lassen. Alle US-Militärberater wurden Hals über Kopf aus den afghanischen Ministerien abgezogen; Deutschland und Frankreich schlossen sich an. Die Strategie der Obama-Regierung, die den Übergang der Hauptrolle im Anti-Taliban-Krieg auf die Karzai-Regierung vorsieht, liegt in Scherben.

Karzai selbst, der nach der US-geführten Invasion von 2001 als Präsident eingesetzt wurde und seit langem als „Bürgermeister von Kabul“ verspottet wird, steht entblößt als Werkzeug der verhassten ausländischen Besatzer da, als jemand, der sogar von den eigenen Polizisten verachtet wird.

Die Entweihung des Korans in Bagram ist ein unvermeidliches Ergebnis des reaktionären Charakters der amerikanischen Besetzung Afghanistans. Dieser Aggressionskrieg gegen das afghanische Volk wird trotz breiter Opposition gegen den Krieg in der amerikanischen und europäischen Arbeiterklasse geführt.

Ein solcher Krieg konnte den Bevölkerungen der Nato-Länder und den an den Kämpfen beteiligten Soldaten nur auf der Grundlage von Lügen verkauft werden. Den US-Soldaten wurde erzählt, der Krieg gegen den Volksaufstand in Afghanistan sei Teil des „Krieges gegen den Terror“ und sie würden Terroristen bekämpfen, die für die Angriffe vom 11. September verantwortlich seien.

Ein solch krimineller neokolonialer Krieg führt unvermeidlich zu barbarischen Zwischenfällen. Beispiele dafür sind ein Video, auf dem US-Marines auf die Leichen zuvor getöteter Afghanen urinieren, oder der Fall der Soldaten der Stryker-Brigade, die afghanische Zivilisten ermordeten und ihre Finger und andere Körperteile als Trophäen von ihren Leichen abschnitten.

Solche Vorgänge sind Teil der alltäglichen Verbrechen und Gräueltaten mit denen die imperialistische Besetzung Afghanistans aufrecht erhalten wird. Nato-Luftschläge setzen routinemäßig Dutzende unschuldiger Zivilisten in Brand, US-Sonderkommandos brechen in nächtlichen Razzien in Häuser ein und terrorisieren ganze Familien, während Nato-Kräfte die Verhaftung, Einkerkerung und Folter von tausenden Afghanen überwachen.

Einen ordentlichen Teil Verantwortung für diese andauernden Verbrechen tragen die politischen Kräfte, die die Anti-Kriegs-Stimmung der Massen desorientiert und zugunsten der Demokratischen Partei kanalisiert haben. Barack Obama führte seinen Präsidentschaftswahlkampf 2008 als angeblicher Gegner des Krieges im Irak, während er versprach, den Krieg in Afghanistan fortzuführen. Seitdem hat er die Anzahl der in Afghanistan stationierten US-Soldaten verdreifacht. Die Zahl der Opfer unter afghanischen Zivilisten ist mit jedem Jahr, seit Obama ins Weiße Haus einzog, gestiegen.

Der Afghanistan-Krieg zeigt, dass die Demokratische Partei genauso eine Partei imperialistischer Aggression ist wie die Republikanische Partei. Der Krieg ist eine Anklage nicht nur der Obama-Regierung, sondern all jener Organisationen der liberalen und pseudo-sozialistischen „Linken“, die Obama als „Anti-Kriegs“-Alternative zu Bush und den Republikanern darstellten und die sich jetzt hinter Obamas Wiederwahlkampagne für 2012 stellen.

Die soziale Grundlage für einen Kampf gegen Krieg lässt sich nicht im politischen Establishment finden, sondern nur in der internationalen Arbeiterklasse – der Kraft, deren Kämpfe im vergangenen Jahr die Diktatoren in Ägypten und Tunesien stürzten.

Arbeiter in den Vereinigten Staaten und in aller Welt müssen den sofortigen und bedingungslosen Rückzug der amerikanischen und Nato-Truppen fordern, müssen verlangen, dass alle Verantwortlichen für die Verbrechen bei der Invasion und der Besetzung Afghanistans vor Gericht gestellt werden, und sich für massive Reparationen gegenüber dem afghanischen Volk einsetzen.

Patrick Martin