Am Streikposten der Berliner Verkehrsarbeiter

Von Clara Weiss und Ernst Wolff
19. Februar 2012

Am Samstag streikten in Berlin tausende Bus-, U-Bahn- und Straßenbahnfahrer der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und der Berlin Transport (BT). Reporter der WSWS besuchten Streikposten und sprachen mit Busfahrern über ihren Stress und die schwierigen Arbeitsbedingungen, denen sie täglich ausgesetzt sind.

Daniel, 43, kommt aus Ungarn und arbeitet seit 2002 bei der BVG. Ihm mache vor allem der ständige Stress im Straßenverkehr und beim Umgang mit den Fahrgästen sowie die hohe Verantwortung in seinem Beruf zu schaffen, für die er nicht angemessen entlohnt werde. Er erzählt, dass trotz der im Vertrag festgelegten Arbeitsplatzsicherung auf Lebenszeit viele Fahrer ab 40 ihren Job verlieren, weil sie an Bluthochdruck oder ähnlichen Krankheiten leiden, mit denen sie ihre Arbeit nicht weiter ausführen dürfen.

Eine Garantie, bei der BVG weiter angestellt zu werden gibt es in einem solchen Fall zumindest für die neu eingestellten nicht und viele von ihnen werden dadurch in die Arbeitslosigkeit geworfen. Daniel berichtet auch, dass die Gewerkschaften in Ungarn, wo der Durchschnittslohn bei 350 Euro im Monat liegt und viele Menschen ohne Arbeit und Wohnung sind, „absolut nichts unternehmen“.

Berufsanfänger bei der BVG erhalten im Durchschnitt einen weit geringeren Lohn und müssen noch mehr lange und ungünstige Schichten fahren, die das Familienleben der Betroffenen oft sehr belasten. Mario, der seit 6 Jahren bei der BVG arbeitet, sagte: „Vor allem zur Jahreswende haben wir permanente Überstunden gemacht, die nicht ausgeglichen wurden, weder finanziell noch zeitlich. Wir müssen oft den so genannten Nebenturnus fahren, d.h. erst 5 Tage arbeiten, 2 freie Tage, dann sechs Tage arbeiten mit nur einem Tag frei. Zum Nebenturnus gehört auch der geteilte Dienst bei dem man erst von 4 bis 9 Uhr früh und dann noch einmal von 13 bis 18 Uhr fährt. Der wird lächerlicherweise auch Familienturnus genannt, aber wo soll da bitte die Familie bleiben? Die meisten Fahrer bleiben da den ganzen Tag am Betriebsbahnhof und fallen zu Hause nur noch ins Bett. Eigentlich war Busfahrer mein Traumberuf, aber bei den Bedingungen macht die Arbeit einfach keinen Spaß.“

Sven, der seit einem Jahr als Busfahrer arbeitet, verurteilte vor allem die Politik der Gewerkschaft Verdi, die ein Jahrzehnt lang den Sozialkahlschlag des rot-roten Senats von Linkspartei und SPD in Berlin mit durchgesetzt hat. „Die Oberen von Verdi tun sich mit der Unternehmerseite zusammen und haben Angst ihre Posten zu verlieren. Die Interessen der Arbeiter vertreten sie nicht.“

Torsten, ein älterer Arbeiter, der seit gut zwei Jahren bei der BVG beschäftigt ist, thematisierte die wachsende soziale Polarisierung in Deutschland. In seiner Jugend habe es in Deutschland noch einen starken Mittelstand gegeben. „Der ist vollkommen weggebrochen. Ein paar von denen wurden reich, aber die unteren Schichten des Mittelstands werden in die Armut getrieben.“ Er sprach sich ebenfalls gegen die Gewerkschaftspolitik aus und zeigte auf eine Gruppe der Verdi-Jugend, die sich gerade von der Presse fotografieren ließ. „Diesen Jubeltrupp haben die vorhin mit Taxis hergefahren. Die ganze Veranstaltung hier ist ja eigentlich ein Witz.“

Die Mehrzahl der rund 120 Demonstranten, die sich am Betriebshof in der Cicerostraße für die Pressekonferenz von Verdi versammelten, waren Gewerkschaftsmitglieder. Ein Großteil der Streikenden kam bemerkenswerterweise nicht zu diesem Pressetermin. Wie in den letzten Jahren verfolgt die Gewerkschaft auch bei diesem Streik die Politik, die einzelnen Standorte voneinander abzusondern. So gingen die Streikenden am Samstag wie gewohnt zum Schichtdienst an ihren jeweiligen Betriebshof, um sich beim Streiklokal als „streikend“ zu melden, sodass es zu keinem Kontakt der Streikenden untereinander kam, weder an ihrem Betriebshof noch in der Stadt. Nicht einmal eine gemeinsame Demonstration der Streikenden wollte die Gewerkschaft organisieren.

Auf die Frage, warum der Streik am Sonnabend, und nicht – was weit effektiver wäre – unter der Woche stattfinde, antwortete bei der Pressekonferenz Lothar Andres, der Verhandlungsführer für Verdi, dass man vor allem auf Schulkinder, aber auch generell auf Berufstätige Rücksicht nehmen wolle. Das ist eine fadenscheinige Ausrede. Ein unbefristeter Streik der unterbezahlten BVG-Arbeiter würde bei Arbeitern in Berlin, die in den letzten Jahren unter dem rot-roten Senat massive Sozialkürzungen erlebt haben, auf große Unterstützung stoßen. In Wahrheit hat die Gewerkschaft Angst vor genau dieser Unterstützung und möchte eine Ausweitung des Streiks auf breite Teile der Arbeiterklasse um jeden Preis verhindern.

In Bedrängnis kam Andres, als ihn Reporter fragten, warum die Verhandlungsergebnisse von Verdi nicht umgehend bekanntgegeben würden. Man habe Stillschweigen vereinbart, um in Ruhe weiter verhandeln zu können, antwortete er. Ein Assistent eilte ihm zu Hilfe. Man habe doch auf der Verdi-Website „summarisch“ über das Ergebnis informiert. Ein Reporter wandte ein, dass er sich an keine derartigen Informationen auf der Website erinnere. Die Antwort des Verdi-Mannes: Die Informationen seien auf der Website „generell angesprochen“. Wer Näheres erfahren wolle, müsse eben anrufen und sich telefonisch bei uns erkundigen.

Die Geheimhaltungspolitik von Verdi ist bezeichnend und kein Einzelfall. Wie schon bei Manroland, als die dortige Gewerkschaft die Kürzungspläne der Unternehmer nicht nur unterstützte, sondern mit ausgearbeitet hat, will die Gewerkschaft bei der BVG einen Kompromiss hinter verschlossenen Türen aushandeln, der auf Reallohnverluste und schlechtere Arbeitsbedingungen hinauslaufen wird.