Europäische Wirtschaft schrumpft

Von Stefan Steinberg
25. Februar 2012

Mehrere neue Berichte bestätigen, dass die europäische Wirtschaft schrumpft. Jahrelange Sparpolitik hat mehrere Länder in tiefe Rezessionen gestürzt, Einkommen verringert und Konsumausgaben auf dem ganzen Kontinent gesenkt. Ganz Europa weist infolgedessen jetzt ein negatives Wachstum auf.

Am Donnerstag revidierte die Europäische Kommission ihre Wachstumserwartungen für die Eurozone für 2012 nach unten. Sie erwartet jetzt ein Schrumpfen der europäischen Wirtschaft um mindestens 0,3 Prozent. Im Herbst letzten Jahres hatte die Kommission noch ein positives Wachstum erwartet.

Die Zahlen für das vierte Quartal 2011 zeigen, dass die europäische Wirtschaft in dem Zeitraum um 0,3 Prozent geschrumpft ist. Zudem bewegte sich der Einkaufsmanagerindex im Februar im negativen Bereich und ging auf 49,7 Punkte zurück. Notierungen unter 50 Prozent werden allgemein als Indikator für negatives Wachstum angesehen.

Die europäischen Aktienmärkte hatten in den ersten beiden Monaten des Jahres generell eine aufsteigende Tendenz. Besonders Bankaktien profitierten. Das hat allerdings wenig mit dem tatsächlichen Zustand der europäischen Wirtschaft zu tun. Der Anstieg der Bankaktien hat eher damit zu tun, dass die Europäische Zentralbank die Finanzmärkte seit Dezember mit billigem Geld geflutet hat. Ein zweiter Faktor sind die fieberhaften Bemühungen der Europäischen Union, den Banken die günstigsten Bedingungen für ihre Investitionen in griechischen Regierungsanleihen zu verschaffen.

Die Angabe eines negativen Wachstums von allgemein 0,3 Prozent in Europa verschleiert große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Die Europäische Kommission erwartet für dieses Jahr ein starkes Schrumpfen der italienischen Wirtschaft von 1,3 Prozent und von 1,0 Prozent in Spanien. Die letzte Voraussage der Kommission hatte für die spanische Wirtschaft noch ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet.

Griechenland wird den schwersten wirtschaftlichen Einbruch in Europa erleiden. Die Banken und die Europäische Union haben das Land als Testfeld für ihre Strategie der sozialen Konterrevolution in Europa ausgesucht.

Anfang des Monats hatte das griechische Wirtschaftsministerium revidierte Zahlen für den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das letzte Quartal 2011 bekannt gegeben. Statt des erwarteten Rückgangs von 5,5 bis sechs Prozent fiel das BIP um ca. sieben Prozent. Seit 2009 ist das griechische BIP damit um dramatische dreizehn Prozent gefallen. Die jüngsten Zahlen für 2011 bestätigen, dass diese Tendenz nach unten sich noch beschleunigt und die griechische Wirtschaft in den freien Fall übergeht.

In der Großen Depression der 1930er Jahre erlebten starke Volkswirtschaften wie Großbritannien einen Einbruch von insgesamt ca. zehn Prozent. Ende dieses Jahres wird das griechische BIP doppelt so stark geschrumpft sein.

Auch wenn das Auge des Sturms über Südeuropa liegt, werden die nordeuropäischen Volkswirtschaften ebenso in den Strudel hineingezogen.

In Großbritannien hat eine neue Umfrage unter Managern (des Institute of Directors) ergeben, dass 35 Prozent der Befragten glauben, dass in Großbritannien für 2012 ein hohes Risiko für eine Rezession bestehe. 53 Prozent halten das Risiko für mäßig. Die drohende Rezession veranlasste die Bank von England, die britische Regierung aufzufordern, fünfzig Milliarden Pfund in die Wirtschaft zu pumpen.

Die schwedische Wirtschaft war 2010 die am schnellsten wachsende Wirtschaft der Europäischen Union. Jetzt gab der schwedische Finanzminister bekannt, dass die Regierung die wirtschaftliche Wachstumsprognose für 2012 stark zurücknehme. Der schwedischen Zentralbank zufolge „hat das zögerliche Wachstum in der Eurozone die Nachfrage nach schwedischen Produkten gedämpft, was den Export 2011 merklich verlangsamt hat. Die schwächeren Aussichten bedeuten, dass die Privathaushalte weniger ausgeben und Firmen Investitionen hinauszögern“.

Einem ähnlichen Trend unterliegen die beiden größten europäischen Volkswirtschaften, Deutschland und Frankreich. Die Einkaufsmanagerindices dieser beiden Länder zeigten im Februar einen Rückgang gegenüber den vorherigen Monaten. In beiden Ländern ging die Beschäftigung in der Privatwirtschaft zurück.

Infolge der schlechteren wirtschaftlichen Lage verringerten sich die Steuereinnahmen in Deutschland im Januar zum ersten Mal seit 2010. Große Konzerne wie Siemens planen umfangreiche Umstrukturierungen, was mit Tausenden Stellenstreichungen einhergehen wird. Vor Kurzem erklärte der bedeutende Druckmaschinenhersteller manroland die Insolvenz und entließ Tausende Beschäftigte. In Zentraleuropa glitt die Tschechische Republik in die Rezession, die enge Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland unterhält.

In Frankreich gab der zweitgrößte europäische Autohersteller Peugeot vergangene Woche Pläne bekannt, eine Billion Euro an Kosten einzusparen, um massive Verluste von 2011 aufzufangen.

Deutschland hat in den letzten Jahren seinen Marktanteil in asiatischen Ländern, besonders in China, erhöht. Neueste Zahlen aus China zeigen allerdings einen merklichen Rückgang der Exporte. Das wird deutliche Auswirkungen auf Deutschland und Europa insgesamt haben. Europa ist Chinas größter Exportmarkt.

Die statistischen Zahlen über den wirtschaftlichen Niedergang haben unmittelbare Auswirkungen auf das Leben von Millionen Arbeitern in Europa. In vielen Ländern steigt die Arbeitslosigkeit wie seit den 1930er Jahren nicht mehr.

In Griechenland hat die offizielle Arbeitslosigkeit zwanzig Prozent erreicht, in Spanien 23 Prozent und im Nachbarland Portugal vierzehn Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit ist noch viel höher und liegt in den erwähnten Ländern bei 35 bis 50 Prozent. In anderen Ländern steigt sie ebenfalls auf Rekordniveau.