General Motors und Peugeot-Citroen streben Kooperation an

Von Dietmar Henning
25. Februar 2012

Die Meldung des französischen Wirtschaftsnachrichtenportals La Tribune über eine kurz bevorstehende Allianz zwischen General Motors und der französischen PSA Peugeot Citroen kündigt Werksschließungen, Massenentlassungen und Lohnkürzungen in Europas Autoindustrie an.

PSA-Vorstandsvorsitzender Philippe Varin habe im Januar am Rande der Detroiter Automobilmesse die Bosse von GM getroffen, so das Portal. Eine namentlich nicht genannte Quelle berichtete, dass sich die Verhandlungen inzwischen „im fortgeschrittenen Stadium“ befänden. Es ginge um eine „Allianz, nicht um eine punktuelle Zusammenarbeit“ zwischen dem weltgrößten Autokonzern GM und Europas Nummer Zwei, PSA Peugeot Citroen.

Die Einzelheiten einer künftigen Zusammenarbeit seien noch nicht klar, sagte die Beraterfirma Brunswick, die derzeit für Peugeot arbeitet und auch schon Opel beriet. „Es gilt unter anderem als wahrscheinlich, dass darüber nachgedacht wird, gemeinsam Automobil-Plattformen zu entwickeln“, erläuterte Brunswick.

Laut Medienberichten ist geplant, bei erfolgreichen Verhandlungen Anfang März auf dem Genfer Autosalon eine Vereinbarung zwischen GM und PSA zu präsentieren.

Peugeot kooperiert zwar auch jetzt schon mit Konkurrenten, darunter Fiat, BMW, Mitsubishi und Toyota. Aber dabei geht es immer nur um Teilbereiche, beispielsweise Motoren oder einzelne Modelle. Die jetzt mit GM angestrebte Allianz soll weit darüber hinaus gehen.

Diese Allianz werde nicht „ohne Schmerzen“ sein, schreibt La Tribune. Sie könnte „eine massive soziale Verwüstung auf dem alten Kontinent verursachen“.

Nachdem General Motors in den USA in den vergangenen Jahren massive Lohnkürzungen von bis zu fünfzig Prozent durchgesetzt und die Arbeitsbedingungen extrem verschlechtert hat, sollen nun die europäischen Autowerke amerikanisiert werden. Im vergangenen Jahr führte bereits die Zusammenarbeit zwischen Fiat und Chrysler zu drastischem Lohn- und Sozialabbau.

Nun sollen die Verluste bei PSA und Opel/Vauxhall auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Letzte Woche verkündete PSA-Chef Varin einen Verlust der Automobilsparte des Konzerns von 92 Millionen Euro im Jahr 2011. Der größte französische Autobauer konnte nur noch rund 3,6 Millionen Fahrzeuge absetzen. Im Vorjahr betrug der Gewinn noch 621 Millionen Euro.

Schon bisher reagierte der PSA-Konzern auf die Verluste durch eine Steigerung der Arbeitshetze und Massenentlassungen. Erst letzte Woche demonstrierten die Autoarbeiter des Werks in Aulnay-sous-Bois östlich von Paris gegen die Schließung ihrer Fabrik, die für 2014 geplant ist. Weit über 3.000 Beschäftigte stellen dort den Citroen C3 her.

Die Managementstrategie namens „Compactage“ (zu deutsch: Verdichtung, Konzentration) sieht auch die Schließung des Werks in Madrid (2.200 Beschäftigte) und des Sevelnord-Werks in Valenciennes im Norden Frankreichs vor, wo PSA mit Fiat kooperiert und über 2.700 Mitarbeiter beschäftigt.

Die geplante Zusammenarbeit von PSA und Opel/Vauxhall bringt zwei europäische Autokonzerne zusammen, die beide hohe Verluste erzielen, weil ihre Autos fast ausschließlich in Europa verkauft werden. Da dort, insbesondere in den südeuropäischen Ländern, die Kosten der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Arbeiterklasse abgewälzt werden und die Wirtschaftsrezession sich verschärft, sind immer weniger in der Lage, sich ein neues Auto zu kaufen.

Opel/Vauxhall verkauft jährlich etwa 1,2 Millionen Autos, der Verlust belief sich im vergangenen Jahr auf 747 Millionen Dollar oder 537 Millionen Euro. Die GM-Spitze in Detroit hat daher eine neue Sparrunde auf Kosten der europäischen Beschäftigten angekündigt. „Wenn Opel wieder auf Kurs gebracht werden soll, dann muss das jetzt passieren, und die Kürzungen werden tief gehen“, zitierte das Wall Street Journal vor etwa zwei Wochen einen namentlich nicht genannten GM-Vertreter.

Zu den Einschnitten gehört auch die Schließung der Werke in Ellesmere Port bei Liverpool und Bochum in Nordrhein-Westfalen. Die europäischen Betriebsräte, die hinter dem Rücken der Belegschaften schon seit Monaten über weitere Einschnitte mit der Opel-Spitze diskutieren, verweisen immer wieder auf eine Vereinbarung mit GM, die angeblich Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2014 ausschließe.

In Wirklichkeit soll dies die Arbeiter nur ruhigstellen, während der schleichende Arbeitsplatzabbau fortgesetzt wird und die Betriebsräte alle möglichen Verschlechterungen akzeptieren. Ein Beispiel ist Opel-Bochum. Dort unterschrieb der Betriebsrat Ende Januar eine Betriebsvereinbarung, in der unter anderem festgelegt ist, dass neunzig Arbeitskräfte aus dem polnischen Opel-Werk in Gliwice vorläufig für drei Monate in Bochum beschäftigt werden. Sie werden nur nach ihren polnischen Löhnen bezahlt und erhalten brutto ca.770 Euro, plus 42 Euro Aufwandsentschädigung pro Tag.

Spätestens in knapp zwei Jahren verlieren dann mehr als 5.000 Opel- und Vauxhall-Arbeiter sowie mehrere zehntausende Arbeiter in der Zulieferindustrie ihren Arbeitsplatz.

Dies bestätigt auch ein Besuch des nordrheinwestfälischen Wirtschaftsministers Harry Voigtsberger (SPD) bei Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke. Eine Schließung des Werks in Bochum könnte inklusive Zulieferindustrie fast 20.000 Arbeitsplätze kosten. Der Minister der rot-grünen Landesregierung hätte daher gerne ein Zeichen für den möglichen Erhalt des Bochumer Werks über 2014 hinaus erhalten, denn er fürchtet um den sozialen Frieden in der Region. Dass Stracke ihm bewusst keinerlei Zugeständnisse, nicht einmal unverbindliche Andeutungen machte, legt nahe, dass die Entscheidung über Bochum schon gefallen ist.

Die Börse reagierte genauso wie viele Medien positiv auf die bevorstehende Allianz von GM und PSA Peugeot Citroen, ungeachtet der damit einhergehenden „sozialen Verwüstung“ (La Tribune). Die Süddeutsche Zeitung schrieb am Donnerstag: „Anders als die Amerikaner haben es viele europäischen Hersteller versäumt, die Krise für einen Neuanfang zu nutzen.“ Diese seien zu groß und unbeweglich.

Die Zeitung stellt sich damit auf den Standpunkt der amerikanischen Auto-Bosse und folgt den Argumenten des US-Präsidenten. Nachdem GM für 2011 mit 7,6 Milliarden Dollar den höchsten Profit aller Zeiten verkündete, nahm Obama diesen Rekord umgehend für sich in Anspruch. Er hätte mit seinem Eingreifen die amerikanische Autoindustrie – und hier vor allem GM – gerettet. Was er, genau wie die hiesigen Medien, verschweigt: Die Autoindustrie wurde durch die Obama-Regierung „gerettet“, indem diese auf einer fünfzigprozentigen Lohnkürzung bei Neueinstellungen bei Chrysler und General Motors sowie der Kürzung von Gesundheitsleistungen für Beschäftigte und Rentner bestand. Zudem sind mehrere Auto-Fabriken geschlossen worden.

Diese Art „Neuanfang“ soll nun auch in Europa durchgesetzt werden. Die geplante Allianz von GM und Peugeot Citroen leitet damit heftige Klassenkämpfe ein, in denen die Zusammenarbeit der europäischen und amerikanischen Autoarbeiter große Bedeutung gewinnt.