Über 60 Kälteopfer in Italien

Von Marianne Arens
16. Februar 2012

Von den über 600 Menschen, die in den letzten zwei Wochen in Europa der Kältewelle zum Opfer fielen, lebten die meisten in osteuropäischen Ländern: in Polen, der Ukraine, Rumänien, Bulgarien. Nur ein einziges westeuropäisches Land hatte ebenfalls Dutzende Kälteopfer zu beklagen: Italien. Bis zum vergangenen Wochenende starben dort über sechzig Menschen den Kältetod.

Der Schnee- und Kälteeinbruch war heftig; Schneestürme tobten im italienischen Osten und Nordosten. Züge blieben stundenlang im Schnee stecken. Am Gardasee herrschten minus 25 Graf Celsius, und in den Abruzzen waren ganze Gemeinden von der Versorgung abgeschnitten. Der Schnee lag in Rom hoch aufgetürmt und fiel selbst im Süden. Auf dem Flughafen Fiumicino bei Rom strandeten noch am Wochenende zweitausend Passagiere, weil mehr als hundert Flüge wetterbedingt nicht starten konnten.

Dennoch war nicht das Wetter der Hauptgrund dafür, dass mehrere Dutzend Menschen in der Schnee- und Kältewelle sterben mussten. Schuld waren nicht der Einbruch von Schnee und Eis an sich, sondern die mangelhafte staatliche Vorsorge, die allgemeine soziale Krise und die Auswirkungen der drastischen Sparmaßnahmen der Regierung Monti.

Wie starben diese Menschen? Einige erlagen beim Schneeräumen einem Herzinfarkt oder Schwächeanfall, wurden von einstürzenden Dächern begraben und fielen Unfällen auf eisglatter Straße zum Opfer. Doch jeder zweite erfror, weil er oder sie sich kein geheiztes Obdach leisten konnte. Dreizehn Menschen starben in einer ungeheizten Wohnung oder Baracke, elf im Freien und drei in einem Wagen. Zwei Menschen erlagen einer Kohlenmonoxidvergiftung infolge falsch betriebener Heizungen.

Allein am Montag den 6. Februar starben in Italien zehn Menschen an den Folgen der Kältewelle, fast alles Obdachlose, einige illegale Einwanderer. Ein Blick auf die nördliche Industriestadt Mailand zeigt ihre verheerende Situation.

Am 8. Februar wurde eine 62-jährige Ukrainerin tot vor ihrer Mailänder Unterkunft, einer ungeheizten Baracke, aufgefunden. Am Vortag hatte man einen Ägypter unter einer Straßenbrücke erfroren aufgefunden. Die Zeitung Corriere della Sera berichtete am 9. Februar über die Situation von Mailänder Obdachlosen, die trotz der Kälte auf der Straße campierten. Die meisten von ihnen waren entweder illegale Einwanderer, arbeitslose Arbeiter oder mittellose Rentner.

In Mailand gibt die Mensa dei Frati mittlerweile täglich mehr als dreitausend Essen aus. Die Gemeinde hält die Metro-Zentralstation rund um die Uhr geöffnet, an der Kurie von Mailand werden abends Schlafsäcke ausgegeben, und das Rote Kreuz oder der Zivilschutz bieten Schlafstätten an.

Die Journalisten des Corriere fanden mehrere junge Einwanderer (aus Rumänien, Pakistan und Lateinamerika), welche die Schlafstätten mieden, da sie fürchteten, verhaftet und abgeschoben zu werden. Doch auch Italiener hatten wenig Vertrauen, wie das Beispiel von Giovanni (62) aus Trapani, Sizilien, zeigt, der zuletzt in Mailand als Möbelschreiner gearbeitet hatte. Über die Bemühungen, ihn in ein Obdachlosenheim einzuweisen, sagte Giovanni einem Reporter: „Zum Teufel mit ihnen, krepieren kann ich auch hier. Wer mir helfen will, soll mir Arbeit verschaffen.“

Der 44-jährige Faustin von der Elfenbeinküste hatte mehrere Jahre als Metallarbeiter in einer italienischen Pressenfabrik gearbeitet, bis diese geschlossen wurde. Er berichtete dem Reporter von seiner Arbeit: „Während der Schicht hatte ich keinen Moment Stillstand; ich konnte nicht mal Zucker in den Kaffee tun, denn – mein Freund – ich hatte keine Zeit. Ich musste ganze Tonnen bewegen. Jetzt haben sie die Fabrik verlegt; ich glaube, nach Polen.“

Ein 72-jähriger kalabresischer Maurer aus Rosarno wurde mit den Worten zitiert: „Ich grüße Sie, bleiben Sie gesund. Wenn ich krepiere, wissen Sie, dass ich mein Leben lang gearbeitet habe, um hier zu sterben.“

Die sind nur wenige Beispiele für eine ganze Bevölkerungsschicht, deren Zahl ständig wächst. Die Regierung von Mario Monti tut alles in ihrer Macht Stehende, um große Teile der arbeitenden Bevölkerung in die akute Verarmung zu treiben.

Seit November setzt die Regierung Mario Monti unter dem Druck von EU und Banken ein Sparpaket nach dem andern durch. Am 1. Januar erhöhte sie die Mehrwertsteuer und hob die Energie- und Immobiliensteuern an. Dadurch verteuerten sich Benzin, Gas und Strom, wie auch viele Mieten.

Der Preis von Treibstoff ist stärker gestiegen als je zuvor, einschließlich der Preissteigerungen beim Ölschock von 1973. Ein Liter Benzin kostet über 1,80 Euro, und der Dieselpreis ist um ein Viertel teurer geworden. Dadurch sind viele Pendlerhaushalte stark unter Druck geraten. Die Zeitung La Repubblica hat vorgerechnet, dass ein berufstätiges Ehepaar, das zwei Wagen für den Weg zur Arbeit braucht, jetzt fast hundert Euro mehr im Monat und über tausend Euro mehr im Jahr für Benzin ausgeben muss.

Hinzu kommen Preiserhöhungen für Obst und Gemüse. Bauernhöfe und Agrikulturen sind von Schnee und Kälte betroffen, und die Spekulation hat die Preise regelrecht explodieren lassen. Seit Mitte Januar stieg der Preis für ein Kilo Orangen von einem Euro auf 2,30 Euro, Birnen kosten drei Euro statt ein Euro zwanzig, Zucchini acht Euro statt wie bisher drei Euro, Salat fünf Euro fünfzig statt wie bisher zwei Euro, und so weiter.

Die Teuerung betrifft insbesondere die Rentner. Das Sparpaket hat sie des bisher existierenden Inflationsausgleichs beraubt, was zu einer faktischen Rentenkürzung geführt hat, und hinderte im Dezember 100.000 ältere Menschen, in die Rente einzutreten. Die Rentner machen schon bisher einen Großteil von Italiens Armen aus. Die Rentenreform wird dafür sorgen, dass die Zahl der Armen zusätzlich anschwillt.

Italien liegt im Armutsvergleich mit den 27 Ländern der Eurozone auf dem dritten Platz hinter Griechenland und Portugal, das heißt das Armutsrisiko ist hier am drittgrößten. Schon 2010 verdiente hier jeder Vierte (24,5%), das sind fünfzehn Millionen Menschen, weniger als sechzig Prozent des nationalen Durchschnittseinkommens. Jeder siebente Italiener ist arm, das sind über acht Millionen Menschen. Sie können sich nicht ausreichend ernähren, sind nicht in der Lage, eine Woche Urlaub pro Jahr zu finanzieren, sind mit den Rechnungen im Rückstand und verfügen nicht über eine ausreichend geheizte Wohnung.

Um die Ansprüche der Banken, der Unternehmer und der Reichen zu befriedigen, greift die Regierung sämtliche Errungenschaften an, die sich die arbeitende Bevölkerung in der Nachkriegszeit erkämpft hatte. Vor allem soll der Paragraph 18 des Arbeitsrechts gekippt werden, der bisher in Betrieben mit über fünfzehn Beschäftigten einen relativ weitgehenden Kündigungsschutz bietet.

Bis Anfang März will Monti hier eine neue Regelung finden. Seit Wochen führen der Premier und die Arbeitsministerin Elsa Fornero fieberhafte Verhandlungen mit den so genannten „Sozialpartnern“, vor allem mit der Unternehmerpräsidentin Emma Marcegaglia und der Chefin des größten Gewerkschaftsverbands CGIL, Susanna Camusso.

Vor kurzem provozierte Regierungschef Monti im Fernsehen mit der Bemerkung, ein fester Arbeitsplatz sei „langweilig“. Er sagte: „Wie langweilig ist doch eine Arbeit fürs ganze Leben. Es ist schön, zu wechseln und sich neuen Herausforderungen zu stellen.“ Dies löste eine Flut von Leserbriefen aus. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt auf einem Rekordhoch von über dreißig Prozent und ist im Süden noch viel höher.

Gewerkschaftschefin Susanna Camusso versuchte sofort, zu beschwichtigen. Sie erklärte, man müsse „zwischen positiver und negativer Flexibilität des Arbeitsmarkts“ unterscheiden. Die Gewerkschaften arbeiten in jeder Hinsicht direkt mit der Regierung Monti zusammen und halten ihm den Rücken frei. Ihre momentanen Proteste gegen die Abschaffung des Paragraphen 18 dienen nur dem Zweck, die Arbeiter zu täuschen.