Kältewelle in Europa fordert über 600 Tote

Von Markus Salzmann
14. Februar 2012

Die Kältewelle, die seit Wochen in weiten Teilen Europas herrscht, hat bisher mindestens 600 Menschenleben gefordert. Am schlimmsten ist Osteuropa betroffen. Grund für die hohe Zahl von Kältetoten sind nicht die extremen Minustemperaturen an sich, sondern die drastischen Sparmaßnahmen der letzten Jahre und die Zerstörung der sozialen Infrastruktur.

Allein in der Ukraine wurden über 150 Tote registriert, in Polen starben bisher 68 Menschen, in Russland 64, in Weißrussland Schätzungen zufolge fast 70. In Rumänien ist die offizielle Zahl der Todesopfer auf 68 gestiegen. Aus Litauen wurden 23, aus Tschechien 24 und aus Lettland zehn Kältetote gemeldet. Mindestens 16 Menschen starben bisher durch die Kälte in Bulgarien, 13 Ungarn. In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wurden insgesamt 50 Tote gezählt.

Auch Italien ist von der Kälte schwer betroffen. Hier starben bisher 40 Menschen in Zusammenhang mit der Kältewelle. In den Abruzzen und in der Emilia Romagna kam die Armee zum Einsatz, um die Bewohner eingeschneiter Berggemeinden zu versorgen und zu bergen. Selbst in der Hauptstadt Rom kam der Verkehr wegen Schnees für einige Tage zum Erliegen. Bei der Gasversorgung kam es zu Engpässen.

Auch die Türkei ist von Schnee, Sturm und Überschwemmungen betroffen. Wegen des schlechten Wetters wurden am Istanbuler Atatürk-Flughafen Dutzende Flüge gestrichen. Fährverbindungen von Istanbul über das Marmara-Meer wurden eingestellt. In Edirne an der Grenze zu Bulgarien traten mehrere Flüsse über die Ufer, nachdem ein Staudamm auf der bulgarischen Seite der Grenze gebrochen war. Auch der wichtigste Grenzübergang zwischen der Türkei und Bulgarien wurde wegen der Überschwemmungen geschlossen.

Die gegenwärtigen Wetterbedingungen sind extrem – in Serbien fiel die Temperatur teilweise auf minus 36 Grad und in Bulgarien wurden an vielen Orten die tiefsten Temperaturen seit hundert Jahren gemessen. Aber zur Katastrophe entwickelte sich das schlechte Wetter erst wegen der jahrelangen Vernachlässigung der technischen und sozialen Infrastruktur sowie der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten. Strom- und Gasversorgung brechen vielerorts zusammen und wo sie noch intakt sind, können sich viele die hohen Energiekosten nicht mehr leisten.

In Serbien wird der Strom bereits sehr knapp. Beim derzeitigen Verbrauch könne eine normale Versorgung ohne Abschaltungen nur noch für wenige Tage gesichert werden, warnte das Energieministerium in Belgrad. Die wegen der Kältewelle in dieser Woche ausgerufenen Schulferien sollen um eine Woche verlängert werden. Im Fernsehen forderten die Behörden die Bevölkerung auf, Strom zu sparen.

Von den Auswirkungen der Kälte besonders betroffen sind vor allem Alte, Familien mit Kindern und Obdachlose.

Die Caritas-Mitarbeiterin Sigried Spindlbeck berichtete der österreichischen Kleinen Zeitung über die Lage in Weißrussland. Dort herrschen derzeit Temperaturen von bis zu minus 35 Grad. Jeden Tag werden rund 40 Menschen mit Erfrierungen in die Krankenhäuser eingeliefert. Dörfer sind teilweise von der Außenwelt abgeschnitten.

Unter der Kälte leiden vor allem Obdachlose, ältere alleinstehende Menschen und Familien mit vielen Kindern. In Kindergärten und Schulen ist teilweise nur ein Raum geheizt, die Kinder sitzen mit Jacken drin. „Obdachlose Menschen schaffen es zum Teil gar nicht in die Armenküchen der Caritas, weil sie keine Schuhe haben und deshalb nicht kommen können“, sagte Spindlbeck.

In Bulgarien ist die Schifffahrt auf der Donau zum Erliegen gekommen. Schnee und Glatteis behindern landesweit den Verkehr. Nach dem heftigen Regen der vergangenen Tage gilt in den südlichen Krisenregionen der Notstand. Dort ist es nach schweren Regenfällen und Schneestürmen zu Überschwemmungen gekommen.

Betroffen ist vor allem die Kleinstadt Swilengrad im Südosten des Landes, wo ein Stadtteil unter Wasser steht. Das Wasser ist bis zu 1,20 Meter tief. 90 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden, mindestens acht Menschen sind vergangene Woche in der südbulgarischen Region Haskowo ertrunken.

Im EU-Mitgliedsstaat Bulgarien werden die Auswirkungen des radikalen Austeritätskurses der rechten Regierung von Premier Bojko Borrisow besonders deutlich. Das katastrophale Krisenmanagement im Umgang mit der Kälte, den Überschwemmungen und einer zeitgleichen Grippewelle ist auch eine Folge der Streichung von Geldern und der Personaleinsparungen im öffentlichen Dienst.

Bereits 2010 wurden die Ausgaben im Öffentlichen Dienst um 20 Prozent gesenkt. 2011 wurden über 4.000 Stellen abgebaut. Seit zwei Jahren werden öffentliche Krankenhäuser geschlossen oder verkleinert. Aufgrund personeller Unterbesetzung und Materialmangel können Patienten häufig nicht aufgenommen oder notwendige Behandlungen nicht durchgeführt werden. Bestechungsgelder für Ärzte und Pflegepersonal sind an der Tagesordnung.

Bulgarien ist das Land mit der geringsten Ausgabenquote für die Gesundheitsfürsorge. Nur acht Prozent des Bruttoinlandproduktes werden dafür bereitgestellt. Die chronische Unterfinanzierung zieht auch einen extremen Ärztemangel nach sich, da jedes Jahr mehr Ärzte wegen der schlechten Bezahlung und den widrigen Arbeitsbedingungen das Land verlassen.

Ein großer Teil der bulgarischen Haushalte ist nicht in der Lage, die Kosten für Gas und Strom aufzubringen. Laut einer Eurostat-Studie aus dem Jahr 2010 haben rund 2,5 Millionen Menschen Schwierigkeiten bei der Zahlung ihrer Schulden aus Strom, Wasser und Fernwärmelieferungen. Gas und Strompreise sind in den vergangenen Jahren im Zuge der Privatisierungen der Versorgungseinrichtungen enorm gestiegen.

Eine im Januar 2012 veröffentlichte Studie der Gewerkschaft KNSB ergab, dass nur noch zwölf Prozent der Haushalte über mehr als das Nötigste verfügen. In der Studie heißt es: „Die Verteuerung von Grundnahrungsmitteln und Brennstoffen weltweit wirkte sich auch auf den bulgarischen Markt aus. Im letzten Jahr gab es eine stufenartige Erhöhung der Preise von Erdgas, Strom und Fernwärme sowie des Verkehrs und der Dienstleistungen. Dazu hat auch die fehlende Regulierung der Preise beigetragen, die zu einer unkontrollierten Situation bei der Preispolitik der Händler und der Zwischenhändler gegenüber den Herstellern und den Kunden geführt hat.“

Ähnlich ist die Situation in Rumänien. In dem ebenfalls 2007 der EU beigetretenen Land haben Sparmaßnahmen und Preisanstiege zu enormen sozialen Verwerfungen geführt. Laut einer Studie der Menschenrechtsorganisation Samusocial sterben allein in der Hauptstadt Bukarest jedes Jahr rund 300 Menschen durch Kälte. Für die geschätzten 5.000 Obdachlosen in Bukarest gibt es nur 300 Plätze in Asylen. Eine 2011 veröffentlichte Studie verzeichnete einen sprunghaften Anstieg der Menschen, die auf Suppenküchen angewiesen sind. In einigen Regionen stieg ihre Zahl um das Dreifache an.

Auslöser der Protestaktionen in Rumänien, die in der vergangenen Woche zum Rücktritt von Premier Emil Boc führten, war der Versuch der Regierung, das Gesundheitssystem des Landes weiter zu beschneiden. Die Pläne sahen die komplette Privatisierung der staatlichen Krankenkasse und eine Ausdünnung des Krankenhausnetzes vor.

Von den landesweit über 400 Kliniken entsprechen bereits jetzt lediglich drei europäischen Standards. Notwendige Medikamente sind Mangelware. In vielen Krankenhäusern bekommen die Patienten weder Besteck noch Becher, oder können nicht einmal ausreichend mit Essen versorgt werden. Tausende Patienten sterben jedes Jahr an Infektionen, die sie sich während ihres Krankenhausaufenthaltes zugezogen haben.