Neue Angriffe auf Belegschaft von Opel

Von unseren Korrespondenten
16. Februar 2012

Die Anzeichen mehren sich, dass bei Opel und Vauxhall eine neue Runde von Entlassungen und Lohnsenkungen bevorsteht. Welt Online berichtete am 11. Februar von einem vertraulichen Papier des Mutterkonzerns General Motors, laut dem Opel zur Regionalmarke werden und zugleich massiv schrumpfen soll.

„Wenn es nach den GM-Strategen geht, werden die Kapazitäten in Europa runtergefahren, Stellen gestrichen, die derzeit schmale Modellpalette soll nicht mehr, wie ursprünglich geplant, deutlich ausgeweitet werden, und selbst die Schließung von ein oder zwei Werken ist kein Tabu mehr“, schreibt Welt Online. „Mit erheblich geringeren Kosten soll es leichter werden, endlich Geld zu verdienen.“ Die Umsetzung des Konzepts werde ungeachtet der bereits vorgenommenen drastischen Einschnitte weitere 1.600 Arbeitsplätze kosten.

Laut einem Bericht des Wall Street Journals ist die Zahl der geplanten Entlassungen weit höher. General Motors drohe das Opel-Werk in Bochum und das Vauxhall-Werk in Ellesmere Port bei Liverpool zu schließen, meldete das Wirtschaftsblatt. In Bochum arbeiten derzeit noch 3.100 Beschäftigte, in Ellesmere Port 2.100.

2009 hatte GM noch versucht, Opel zu verkaufen, sich dann aber anders entschieden und beschlossen, in ganz Europa 8.300 Arbeitsplätze zu streichen und das Werk im belgischen Antwerpen zu schließen.

In den USA schreibt der Konzern inzwischen wieder schwarze Zahlen, nachdem er im Rahmen von Präsident Obamas Umstrukturierung der Autoindustrie Löhne und Sozialleistungen drastisch gesenkt hat. In den nächsten Tagen wird er voraussichtlich einen Rekordgewinn von acht Milliarden Dollar für 2011 melden.

In Europa erzielt GM aber weiterhin Verluste. Deshalb bemüht sich das Management, den europäischen Arbeitern ähnliche Zugeständnisse abzupressen wie den amerikanischen. Der PKW-Absatz in Europa ist in den letzten vier Jahren um 15 Prozent auf 12,8 Millionen Fahrzeuge gefallen. Analysten erwarten für 2012 einen weiteren Umsatzrückgang von 5,9 Prozent auf 12,05 Millionen Personenkraftwagen und Nutzfahrzeuge.

„Die Unzufriedenheit mit Opel wächst und viele haben den Eindruck, die Kürzungen vor zwei Jahren seien nicht annähernd tief genug gegangen“, zitiert das Wall Street Journal einen namentlich nicht genannten GM-Vertreter. „Wenn Opel wieder auf Kurs gebracht werden soll, dann muss das jetzt passieren, und die Kürzungen werden tief gehen.“ GM verliere die Geduld. Der Konzern habe in Europa in den ersten neun Monaten des Jahres 2011 580 Millionen Dollar verloren und erwarte für das vierte Quartal weitere „horrende“ Verluste.

Angeblich verhandeln GM und IG Metall über die Möglichkeit, als Gegenleistung für weitere Sparmaßnahmen Teile der Chevrolet-Fertigung von Korea nach Deutschland zu verlegen. Das berichten sowohl das Wall Street Journal wie die Financial Times Deutschland. Letztere schrieb am 12. Februar unter der Überschrift „Kuhhandel um Opel“: „Ich gebe Dir mehr Aufträge, und Du sagst ja zum Sparkurs. Auf diese Aussage ließe sich das Geschacher reduzieren, das aktuell zwischen der US-Mutter und Gewerkschaftern läuft.“

Ein solcher Deal, für den die Arbeiter in Korea mit dem Arbeitsplatz und ihr Kollegen in Deutschland mit weiteren Lohnsenkungen bezahlen müssten, hat sein Vorbild in den USA. Dort hat die Autogewerkschaft United Auto Workers (UAW) weitgehende Zugeständnisse gemacht, damit GM einen Teil der Produktion von China und Mexiko in die USA zurückholte.

GM gibt sich zuversichtlich, dass die deutsche Metallgewerkschaft, die schon in der Vergangenheit eng mit dem Opel-Management zusammengearbeitet hat, zu ebenso weitgehenden Zugeständnissen bereit ist wie die UAW. „Das neue Management-Team pflegt eine produktive Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft, und beide haben versprochen, die Herausforderungen, mit denen das Unternehmen konfrontiert ist, gemeinsam zu lösen“, sagte GM-Sprecher Selim Bingol über die IG Metall.

In diesem Zusammenhang ist eine weitere Meldung interessant, die letzte Woche in mehreren Zeitungen erschien. Danach wird UAW-Chef Bob King im März in den Aufsichtsrat von Opel einziehen. Die Einzelheiten habe er mit Wolfgang Schaefer-Klug ausgehandelt, der Klaus Franz Anfang des Jahres an der Spitze des Opel-Betriebsrats abgelöst hat.

Für die Belegschaft von Opel ist das eine schlechte Nachricht. Bob King spielte eine Schlüsselrolle dabei, die amerikanischen Autokonzerne General Motors und Chrysler auf Kosten der Belegschaft zu sanieren. Er setzte dabei Lohnkürzungen bis zu 50 Prozent für Neueingestellte durch. Die Gewerkschaft wurde dafür mit Unternehmensaktien entschädigt, die den Funktionären unabhängig von der schrumpfenden Mitgliederzahl ein hohes Einkommen garantieren.

King ist ein erklärter Gegner von Kampfmaßnahmen. In einer Rede, die er im Sommer 2010 vor einer Unternehmerversammlung in Michigan hielt, verkündete er das „Ende der UAW des 20. Jahrhunderts“.

Die UAW des 21. Jahrhunderts anerkenne, „dass Flexibilität, Innovation, schlanke Produktion und ständige Kostensenkungen auf dem globalen Markt von höchster Bedeutung sind“, verkündete King unter dem Applaus der versammelten Manager. „Die UAW des 21. Jahrhunderts betrachtet die Führung der Unternehmen nicht mehr als Gegner oder Feinde, sondern als Partner bei Innovation und Qualität. Unsere neue Beziehung zu den Unternehmern beruht auf Respekt, gleichen Zielen und einer gemeinsamen Mission.“

Gemeinsam mit King nehmen mehrere weitere Führungskräfte von GM im Aufsichtsrat von Opel Platz, die Erfahrung bei der Streichung von Arbeitsplätzen und Angriffen auf den Lebensstandard der GM-Arbeiter in den USA haben: der Vize-Vorstandvorsitzende Steve Girsky, der enge Verbindungen zu der UAW hat, Finanzchef Dan Ammann, Produkt-Chef Maria Barra und der Chef für internationale Geschäftsaktivitäten Tim Lee.

King wird bei Opel eng mit seinen deutschen Kollegen zusammenarbeiten, um das neue Spardiktat von GM durchzusetzen. Als Gegenleistung verspricht er sich die Unterstützung der IG Metall in den Werken von VW, Daimler und BMW im Süden der USA, wo die UAW bisher nicht Fuß fassen konnte. Die IG Metall unterhält die besten partnerschaftlichen Beziehungen zur Chefetage der großen deutschen Autokonzerne.

Bei Opel haben sich Betriebsrat, IG Metall und Vorstand bereits im Dezember darauf verständigt, „gemeinsam an einem Strang zu ziehen, um 2012 drohende Verluste abzuwenden“, wie Welt Online am 12. Januar berichtete. „Vor der Verständigung mit der Konzernspitze hatte sich die Arbeitnehmerseite darauf zurückgezogen, dass die mit GM bei der zurückliegenden Sanierung ausgehandelten Verträge bis 2014 gelten und weitere Einschnitte ausschließen“, heißt es in dem Artikel weiter. Offenbar ist dies nach der Verständigung nicht mehr der Fall.

Der Bochumer Betriebsratchef Rainer Einenkel zeigte sich jedenfalls äußerst verärgert, als in der Presse Berichte über die neuen Schließungspläne für das Bochumer Werk erschienen – über die er durch die seit Dezember stattfindenden Gespräche bestens im Bilde war. Er schimpfte, diese Gerüchte würden „immer wieder in die Welt gesetzt. Das brauchen wir nicht, wir brauchen Ruhe, um gute Autos zu bauen” … und um alle Spar- und Arbeitsplatzabbau-Maßnahmen mit der Konzernleitung sorgfältig abstimmen und vorbereiten zu können: Öffentlichkeit schadet da nur.