Robert Service findet Unterstützung bei der extremen Rechten in Deutschland

Von Wolfgang Weber
4. Februar 2012

Die Wochenzeitung Junge Freiheit hat sich in der Auseinandersetzung um die deutsche Ausgabe der Trotzki-Biographie von Robert Service mit einem Artikel zu Wort gemeldet. Sie nimmt uneingeschränkt für Robert Service Stellung und gegen vierzehn Geschichts- und Politikwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich im letzten Sommer mit einem Brief an den Suhrkamp Verlag gegen die dort geplante Veröffentlichung gewandt hatten.

Die Junge Freiheit ist das „intellektuelle“ Sprachrohr rechtsradikaler Tendenzen in Deutschland im Dunstkreis von NPD und DVU. Gegenüber dem meist polternden und vulgären Auftreten dieser Parteien legt die Zeitung Wert auf ein seriöses Erscheinungsbild und akademischen Ton bei der Verbreitung rassistischer und nationalistischer Propaganda.

Unter der Überschrift „Trotzki und der bundesdeutsche Konsens“ beginnt der Artikel damit, das Ziel zu preisen, das sich Robert Service mit der Biographie gesetzt habe, nämlich speziell das Ansehen Leo Trotzkis als revolutionärer Politiker und als Mensch zu zerstören. Der Artikel stellt fest, dass es immer noch Menschen und Tendenzen gibt, bei denen Trotzki hoch im Ansehen steht, und fährt dann beifällig fort: Robert Service … „weiß um diese Tendenzen und will ihnen bewusst entgegentreten. Es sei noch Leben in der Figur Trotzki, meinte er 2009 beim Erscheinen der englischen Originalausgabe. Entsprechend sei seine Biographie abgefasst: ,Da ihn der Eispickel‘ – bei seiner Ermordung 1940 durch Stalins Agenten Ramon Mercader – ,nicht völlig erledigt hat, wird es hoffentlich mein Buch nun tun.‘“

Stefan Scheil, der Verfasser des Artikels, begrüßt das Buch von Robert Service, weil es in sein politisches Programm passt, die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts im Sinne einer Rehabilitierung des Nationalsozialismus umzuschreiben. So erhofft er sich von Robert Service und einer deutschen Ausgabe seiner Trotzki-Biographie, dass sie helfen würden, endlich ein „Nachkriegstabu“ in Deutschland, einen „bundesdeutschen Konsens“ zu brechen. Unter diesem Konsens, der überwunden werden müsse, versteht Scheil die Verurteilung des Nationalsozialismus und des Überfalls der Nazi-Armee auf die Sowjetunion.

Scheil nimmt die Autoren und Unterzeichner des Briefs an Suhrkamp namentlich aufs Korn: „Darunter finden sich mit Peter Steinbach und Hermann Weber zwei Professoren der Universität Mannheim, die als Widerstands- und Kommunismusforscher den gegenwärtigen Konsens geprägt haben. Aber auch Heiko Haumann, Professor aus Basel, und Mario Kessler, Professor aus Potsdam haben sich eingereiht.“

Scheil ist seit 10 Jahren häufiger Autor, seit 2009 regelmäßiger Kolumnist der Neuen Freiheit und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, die den sogenannten „Geschichtsrevisionismus“ vertreten. Diese außerhalb der Geschichtswissenschaft im rechtsradikalen Lager angesiedelte Tendenz behauptet, die wissenschaftlich anerkannte Darstellung der Geschichte des 20. Jahrhunderts müsse revidiert werden. Hitler-Deutschland habe die Sowjetunion nicht unprovoziert überfallen, um „Lebensraum im Osten“ für den deutschen Kapitalismus zu schaffen. Es sei vielmehr gezwungen gewesen, sich durch einen Präventivkrieg gegen einen Angriff der Sowjetunion zu schützen. Das „Urteil von Nürnberg über die deutsche Kriegsschuld“ sei „manipuliert“.

Öffentlich hervorgetreten ist Scheil vor etwa 10 Jahren auch mit seinen Angriffen auf die Wehrmachtsausstellung, welche die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Er vertritt die These von der „sauberen Wehrmacht“, die nichts mit der Nazi-Ideologie zu tun gehabt und mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion auch keine Verbrechen begangen habe.

Die Junge Freiheit ist dafür bekannt, dass sie Vertretern solcher geschichtsrevisionistischen Thesen eine Plattform bietet. Gleichzeitig aber legt sie auch hier großen Wert darauf, den Anschein von Respektabilität zu wahren, und bevorzugt deshalb Leute mit Doktorhut wie Stefan Scheil als Autoren. Der sorgfältig aufgebaute Schein der akademischen Würde und politischen Seriosität soll den Grundpfeiler ihrer Geschichtsinterpretation und Politik verbergen: die Lüge. Die den geschichtsrevisionistischen Thesen zugrundeliegende Methode ist das Fälschen der Geschichte, das Zurechtbiegen historischer Fakten und Dokumente nach den Bedürfnissen politischer Ziele. Dokumente werden falsch zitiert, verdreht oder überhaupt nicht zu Kenntnis genommen. Mit einem Wort, es sind dieselben Methoden, die auch der Arbeit von Robert Service zugrunde liegen.

Auch in dem Artikel in der Jungen Freiheit über den Brief der Historiker an den Suhrkamp Verlag bleibt die Wahrheit auf der Strecke. So schreibt Scheil, den Autoren und Unterzeichnern des Briefes ginge es bei ihren Bedenken gegen das Buch „… nicht um einige missliebige Passagen, sondern um die Gesamttendenz. Eine besondere Begründung geben sie daher nicht.“ In Wirklichkeit haben die Historiker für ihre Stellungnahme gegen die Veröffentlichung bei Suhrkamp mehrere gewichtige Gründe angeführt.

Zum einen hatten sie sich explizit der sehr umfangreichen Kritik von David North angeschlossen, welche in dem Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ veröffentlicht und von dem amerikanischen Historiker Patenaude in der angesehenen Fachzeitschrift The American Historical Review uneingeschränkt bekräftigt worden ist. North hatte nicht nur zahlreiche faktische Fehler wie Namensverwechslungen, falsche Lebensdaten von wichtigen Personen usw., sondern irreführende Quellenangaben, ja die Fälschung von Quellen detailliert nachgewiesen. Wie North und Patenaude vertreten die Briefautoren den Standpunkt, dass Service selbst grundlegende Standards und Regeln der Geschichtswissenschaft nicht erfüllt.

Dass die Historiker sich zum anderen gegen die „Gesamttendenz“ des Buches wenden, wie Scheil schreibt, ist allerdings richtig. Sie wenden sich gegen die von Service selbst bestätigte Tendenz, Trotzki „restlos vernichten“ zu wollen und, wie die Historiker schreiben, „dabei auf Formeln zurückzugreifen, die aus der stalinistischen Propaganda bekannt sind.“ Alle diese knapp und sachlich formulierten Begründungen in dem Brief unterschlägt Scheil, um die Lüge in die Welt setzen zu können: „Eine besondere Begründung geben sie nicht.“

Auch den Vorwurf der Historiker, dass Service mit antisemitischen Vorurteilen hantiert, versucht Scheil durch Lüge und Unterschlagung unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Wörtlich: „Den Vorwurf des Antisemitismus lassen sie durchblicken, erheben ihn aber nicht ausdrücklich. Schließlich wäre es kaum zu begründen, warum eine Trotzki-Biographie nicht auch die feindlichen Angriffe der Zeitgenossen auf Trotzkis jüdische Herkunft zum Thema haben sollte.“

Wohlweislich zitiert Scheil nicht einen einzigen Satz aus dem Brief, geschweige denn das ganze Dokument, sonst könnte er diese Lüge nicht auftischen. In dem Brief an Suhrkamp werden über mehr als eine halbe Seite lang Passagen antisemitischen Inhalts aus dem Buch von Service zitiert. Aus den zitierten Passagen geht auch hervor, dass Service nicht, wie Scheil behauptet, „die feindlichen Angriffe der Zeitgenossen auf Trotzkis jüdische Herkunft“ thematisiert, sondern die antisemitischen Vorurteile einschlägiger Kreise seiner eigenen Zeitgenossen bedient. Von den zahlreichen angeführten rassistischen Vorurteilen behauptet er nur, sie seien damals, zu Trotzkis Zeiten „allgemein verbreitete“, „gängige“ Ansichten oder die Haltung seiner Gegnern gewesen, wie z.B. der deutschen Delegationsmitglieder bei den Verhandlungen von Brest-Litowsk. Irgendwelche Quellen als Beweis dafür legt er nirgendwo vor, kann er auch nicht vorlegen, da es sich schlicht um Erfindungen handelt.

Bei der einzigen rassistischen Hetze oder Formulierung aus jener Zeit, die nicht seine eigene Erfindung ist, handelt es sich um eine antisemitische Karikatur Trotzkis. Service druckt sie ohne ersichtlichen Grund und Zusammenhang ab – und verschweigt die Quelle: das Nazi-Hetzblatt „Russlands Totengräber“ aus dem Jahre 1921, verfasst von Hitlers Mäzen und Lehrer der frühen 20er Jahre, Dietrich Eckart. Es war damals tatsächlich wütender Antisemitismus aufgekommen, in Deutschland nach der Kriegsniederlage, in Russland nach der Oktoberrevolution. Aber „allgemein verbreitet“ und „gängig“ war er nicht in der gesamten Gesellschaft, sondern in ganz bestimmten, nämlich rechtsradikalen, nationalistischen und faschistischen Kreisen.

Meeting

Die Tatsache, dass Robert Service in Deutschland Gesinnungsgenossen bei der Jungen Freiheit findet, sagt sehr viel aus über den Charakter seines Buches. Sie bedeutet eine nachdrückliche Bestätigung der vierzehn Wissenschaftler, die ihren Brief an den Suhrkamp Verlag mit den Worten schlossen: „Wir denken, dass das Buch von Service in Ihrem hochangesehenen Verlag fehlplatziert ist, und bitten Sie, Ihre Option noch einmal zu überdenken.“

Es bestätigt auch, worauf der Autor dieser Zeilen in einem Brief vom 28. Oktober 2011 an die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlages hingewiesen hat: „Es geht nicht darum, ob Service ein Antisemit ist oder nicht. Auch wenn er keiner ist, hat er viele Passagen so geschrieben, dass sie bei rechtsextremen, antisemitischen Kreisen in Deutschland oder auch in Russland nur Begeisterung auslösen können. Es wäre sehr bedauerlich und fatal, wenn ein renommierter wissenschaftlicher Verlag mit einer Geschichte und Autorität wie Suhrkamp solche zynischen und leicht durchschaubaren Manöver mittragen würde. Rücksicht auf die Traditionen des eigenen Hauses und Rücksicht auf die Problematik einer solchen Veröffentlichung ausgerechnet in Deutschland legen es eigentlich nahe, dem wohl begründeten Einspruch von 14 renommierten Historikern gegen die Veröffentlichung des Buches von Robert Service in Ihrem Verlag Rechnung zu tragen.“