ThyssenKrupp: Verkauf der Edelstahlsparte vernichtet 1.500 Arbeitsplätze

Von Elisabeth Zimmermann
15. Februar 2012

ThyssenKrupp hat seine Edelstahlsparte Inoxum Ende Januar an den finnischen Konkurrenten Outokumpu verkauft. Outokumpu wird damit zum Marktführer für Edelstahl in Europa.

Der Zusammenlegung der beiden Unternehmen wird mindestes 1.500 Arbeitsplätze kosten, 850 davon in Deutschland und weitere 650 in Schweden sowie in anderen Ländern. Inoxum hatte zuletzt mit weltweit 11.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von 6,7 Milliarden Euro und Outokumpu mit weltweit 8.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von 3 Milliarden Euro erzielt. Weitere Einsparungen und Werkschließung werden befürchtet.

Am 23. Januar hatten Arbeiter von ThyssenKrupp Inoxum in Krefeld und Bochum spontan die Arbeit niedergelegt und Proteste und Mahnwachen abgehalten, als sie von den Verkaufsverhandlungen erfuhren. Vier Tage später riefen IG Metall und Betriebsräte zu einer Demonstration in Bochum auf, an der sich über 3.000 Arbeiter beteiligten. Unter den Teilnehmern befanden sich auch Arbeiter von ThyssenKrupp Inoxum in Dillenburg (Hessen) und von anderen Stahlstandorten.

Vertreter von IG Metall und Betriebsrat folgten einem inzwischen gut bekanntem Ritual. Sie wetterten gegen den Verkauf und den damit verbundenen Arbeitsplatzverlust, um ihn hinterher zu unterstützen. Bertin Eichler, IG Metall-Vorstandsmitglied und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei ThyssenKrupp, drohte, gegen den Verkauf zu stimmen, falls Outokumpu keine vertraglichen Arbeitsplatzgarantien zusichere. Trotzdem stimmten die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat dann am 31. Januar dem Verkauf zu. Sie rechtfertigten ihre Zustimmung damit, dass Outokumpu zugesagt habe, bis Ende 2015 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Dies sei ein großer Erfolg.

Die Realität sieht anders aus: Die Edelstahlproduktion (Stahlschmelze) in Krefeld soll schrittweise bis Ende 2013 eingestellt und nur die Weiterverarbeitung im Kaltwalzwerk zunächst erhalten werden. Auch im Werk Bochum wird die Stahlproduktion eingestellt, aber das Werk soll mindestens bis 2016 erhalten bleiben. Der Rohstahl für beide Werke soll aus Finnland angeliefert werden.

Die Arbeiter sind misstrauisch, was die Versprechungen von Outokumpu angeht. Ein Teil des Krefelder ThyssenKrupp Nirosta-Werks war bereits 2003 an Outokumpu verkauf und drei Jahre später stillgelegt worden.

Durch die Einstellung der Edelstahlproduktion in Krefeld und Bochum fallen 850 Arbeitsplätze weg. ThyssenKrupp will 600 Ersatzarbeitsplätze in anderen Teilen des Konzerns anbieten, 250 Arbeiter sollen über Vorruhestandsregelungen und Abfindungen von ihren Arbeitsplätzen verdrängt werden. Mittelfristig sind beide Standorte vollständig gefährdet.

Weitere Arbeitsplätze sollen in Werken von Outukumpu in Schweden wegfallen. Dies ist aber wohl nur der Anfang. Mittelfristig soll die Fertigung von Edelstahl an Standorten in Finnland und Italien konzentriert werden. Die Auslastung dieser Werke soll durch die Stilllegung der anderen Standorte verbessert werden.

Der Verkauf von Inoxum ist Bestandteil eines Programms, die Profitabilität des ThyssenKrupp-Konzerns zu steigern. Vorstandschef Heinrich Hiesinger, der diesen Posten vor einem Jahr von Ekkehard Schulz übernommen hat, hatte bereits im Mai letzten Jahres angekündigt, dass er den Edelstahl-Bereich verkaufen wolle.

Hiesinger will ThyssenKrupp von der starken Konjunkturschwankungen unterliegenden Stahlproduktion unabhängiger machen und mehr in Technologiesparten wie Aufzüge, Maschinen sowie Rüstungsproduktion und den Bau von U-Booten investieren. Insgesamt sollen Bereiche mit einem Umsatz von zehn Milliarden Euro und 35.000 Mitarbeitern verkauft werden.

Als weiterer Grund für den Verkauf der Edelstahlsparte wird die hohe Schuldenlast des Konzerns angegeben, die durch die Explosion der Kosten beim Bau von Stahlwerken in Brasilien und Alabama in den USA vergrößert worden ist. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Edelstahlsparte sollen ein Teil dieser Schulden abgebaut und Mittel für Investitionen und Neuerwerbungen in anderen Bereichen freigestellt werden.

Mit dem Verkauf der Edelstahlsparte Nirosta (Inoxum ist ein Kunstname, den der Unternehmensbereich erst im September letzten Jahres erhalten hat, um ihn auf seine Ausgliederung vorzubereiten) beendet ThyssenKrupp eine fast hundertjährige Tradition in der Stahlproduktion.

Die Firma Friedrich Krupp hatte 1912 einen neuartigen Stahl patentieren lassen, der besonders widerstandsfähig gegen Korrosion ist. 1922 erhielt die Innovation den Namen Nirosta, eine Abkürzung für nicht rostenden Stahl. Es wurde zu einem der größten Erfolgsprodukte in der Stahlproduktion. Der nichtrostende Edelstahl kommt unter anderem bei der Herstellung von Besteck, Kühlgeräten, Waschmaschinen, Auspufftöpfen für Autos und Rohren für die chemische Industrie zum Einsatz.

Inoxum wird nun zunächst in ein Gemeinschaftsunternehmen eingebracht, an dem ThyssenKrupp für mindestens ein Jahr mit einen Anteil von 29,9 Prozent beteiligt ist. Outukumpu bezahlt für seinen Anteil an Inoxum, das mit 2,7 Milliarden Euro bewertet wird, einen Barbetrag von 1 Milliarde Euro und übernimmt Schulden in Höhe von 420 Millionen Euro vor allem für Pensionszahlungen.

Die Übernahme muss noch durch die Kartellbehörden genehmigt werden. Outokumpu erwartet durch die Übernahme und damit verbundene Umstrukturierungen Einsparmöglichkeiten von 250 Millionen Euro im Jahr. Durch weitere Stilllegungen und Zusammenschlüsse sollen derzeitige Überkapazitäten auf dem globalen Edelstahlmarkt auf Kosten der Arbeiter abgebaut werden.

Die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter zum Verkauf von Inoxum im Aufsichtsrat zeigt, dass sich ThyssenKrupp und Outokumpu dabei auf die Unterstützung von IG Metall und Betriebsrat stützen können. Die Stahlindustrie ist dabei keine Ausnahme. Auch andere Konzerne arbeiten eng mit den Gewerkschaften zusammen, um Angriffe auf Arbeitsplätze und soziale Errungenschaften durchzuführen.

Die Frankfurter Rundschau berichtete am 9. Februar unter der bezeichnenden Überschrift „Guter Rat vom Betriebsrat“ über „Berliner Thesen zur Betriebspartnerschaft“, die demnächst von Managern und Betriebsräten führender Unternehmen veröffentlicht werden sollen. Dazu gehören der Geschäftsführer Personal der Deutschen Bahn Dienstleistungen, der Arbeitsdirektor von Novartis Deutschland, die Personalleiterin von Globetrotter, Vertreter von Lufthansa und Betriebsratsmitglieder von SAP und Manpower.

In dem Thesenpapier heißt es: „Eine konstruktive Betriebspartnerschaft führt zur Steigerung der Effektivität. Sie bedeutet einen wirtschaftlichen Mehrwert für Unternehmen.“ Bahn-Manager Niemann wird mit den Worten zitiert, natürlich seien die Verhandlungen mit Betriebsräten manchmal zäh und bürokratisch. Gerade bei schwierigen Konzernumbauten gelte jedoch die Regel: „Wenn sich die Manager mit dem Betriebsrat geeinigt haben, dann haben sie es geschafft, dann können sie die Beschlüsse sofort umsetzen. Der Betriebsrat muss die Entscheidungen seinen Leuten erklären.“