Bad as Me - ein neues Album von Tom Waits

Von Hiram Lee
11. Februar 2012
Tom Waits [photo: Jesse Dylan] Tom Waits [photo: Jesse Dylan]

Tom Waits ist mit Bad as Me zurückgekehrt, dem ersten Album mit neuem Material seit Real Gone im Jahr 2004. Als Künstler, der über die Jahre eine kleine, aber loyale Anhängerschar anzieht, ist Waits ein hochangesehener Songschreiber und Interpret. Der Sänger ist bestens bekannt für seine ungewöhnliche, häufig raue Stimme.

Waits (geboren 1949 in Pomona, Kalifornien), der auf Gedeih und Verderb von einer machtvollen Theatralik besessen ist, stilisierte sich zu Beginn seiner Karriere in die Rolle eines Außenseiters und Trinkers. Er prägte für sich das Image eines saufenden Troubadours, der sich mit zwielichtigen Gestalten herumtreibt, eines Geschichtenerzählers, der alles gesehen hat. Er schrieb Popmusik, die vom Jazz geprägt und beeinflusst war. Small Change (1976), mit seiner wunderbaren Verspottung des Werbe-Sprechs „Step Right Up“ zählt zu den bemerkenswertesten Darbietungen aus dieser Phase seiner Karriere.

In den 1980er Jahren erfuhr Waits’ Musik eine bedeutende Veränderung. Der vom Jazz inspirierte Beatnik verschwand und es erschien eine neue halbverstörte Vaudevillefigur. Die Musik von Waits schien jetzt aus einem Fundus an Instrumenten und Gegenständen zu erklingen, die von Schrottplätzen zusammengetragen worden waren. Anstelle des Pianos hörte man jetzt stampfendes Schlagzeug, Marimbaphon, Akkordeon und die klimpernden Gitarren seines regelmäßigen Kollegen Marc Ribot, der auch an Bad as Me beteiligt war. Es wurde zu dieser Zeit nichts Vergleichbares produziert, insofern war es einzigartig. Aus Waits‘ eigentümlichen „Notizen aus dem Untergrund“ erfährt man von solchen Figuren, wie „Edna Million in a drop dead suit“ oder “Uncle Vernon, independent as a hog on ice.” Einer der Liedtitel, “Cemetery Polka“, erfasst diese Musik wahrscheinlich am besten.

Man findet bemerkenswerte und bewegende Lieder in jedem Abschnitt von Waits‘ Karriere, allerdings selten gänzlich überzeugende Alben. Er neigt dazu, am besten zu sein, wenn der Beatnik und der Schrottfetischist gezügelt sind und der Sänger selbst mehr oder weniger ungemischt im Vordergrund steht. Zu häufig allerdings nimmt seine Musik den Charakter von „Lieblingstönen“ an, die der Künstler fernab der Welt, in seinen eigenen vier Wänden ausgearbeitet hat.

Album Tom Waits span

Bad as Me ist ein ungleichmäßiges Werk. Es bietet einige der ernsthaften und bewegenden Aufnahmen von Tom Waits aus der letzten Zeit. Die große Stärke des Albums ist seine Sympathie für die arbeitenden Menschen. Waits ist ganz auf der Höhe und es gelingt ihm, ihre Gefühle und Erfahrungen einzufangen sowie in einer Weise mitzuteilen, die diese sofort zu Leben erweckt und den Hörern greifbar macht.

Die meisten der hier dargebotenen Lieder erzählen die Geschichte von Menschen, die von Not überwältigt wurden und nach irgendwelchen Auswegen Ausschau halten. Vielleicht ziehen sie in eine andere Stadt, wie im Lied „Chicago“, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben zu führen. Vielleicht wenden sie ihr Gesicht einfach der Straße zu und gehen weg, irgendwohin, nur weg von alledem hier. Die Musik macht das Verlangen der einfachen Menschen spürbar, sich dem Joch der Not, das auf ihnen lastet, zu entwinden.

Das möglicherweise beste Lied auf Bad as Me ist “Talking at the Same Time”. In diesem wird von einem Leben erzählt, das vom Bleigewicht unerbittlicher Forderungen und Bedrückungen niedergebeugt wird. In diesem langsamen Lied, das sich beständig vorwärts schleicht, erhält Waits typische raue Stimme Gelegenheit zu einem brüchigen Falsett, das dem Stoff sehr angemessen ist. Er singt:

Such dir eine Arbeit, achte auf dein Geld, höre auf Jane
Jeder weiß, dass Regenschirme bei Regen mehr kosten
Nur schlechte Nachrichten
Gibt es auch andere?
Jeder spricht zur gleichen Zeit

Später singt er einprägsam:

Nun, wir retteten alle Millionäre
Sie bekamen die Frucht
Wir erhielten die Schale
Und jeder spricht zur gleichen Zeit
Jeder spricht zur gleichen Zeit

Am einfühlsamsten ist Waits‘ Gesang im Lied “Face to the Highway”. Wir erfahren, ähnlich wie in “Talking at the Same Time”, von einer weiteren Person, die von der Bedrängnis und den Anforderungen des Lebens überwältigt wurde. Sie ist unfähig, „sich ein Nest zu bauen, das hoch genug ist, die Fluten zu überdauern.“ Diese Figur kehrt ihrer Heimat den Rücken zu und zieht davon. Es drängt sich das Gefühl auf, dass sie in Wirklichkeit keinem einzigen Problem entfliehen konnte, und Waits‘ Darbietung deutet darauf hin, dass die Figur es zuinnerst selbst weiß. Es ist eine tragische, keine triumphierende Story. Waits singt:

Die Krippe verlangt nach einem Baby
Die Küche verlangt nach einer Pfanne
Das Herz verlangt nach einer bestimmten Liebe, wenn es darf

Der Ozean verlangt nach einem Seemann
Die Pistole verlangt nach einer Hand
Geld verlangt nach einem Verschwender
Und die Straße verlangt nach einem Mann

Ich kehrte der Straße mein Gesicht zu
Und ich kehre dir meinen Rücken zu

“Last Leaf” wurde mit Keith Richards von den Rolling Stones an der Gitarre und beim Hintergrundgesang eingespielt. Dieser Song sowie “Back in the Crowd” bringen in Erinnerung, dass Waits ein begnadeter Popsongschreiber ist, wenn er den gekünstelten Schrottplatz außen vor lässt. Beide Songs sind schön vorgetragen und im besten Sinne echt lyrische Popsongs. „Ich bin das letzte Blatt am Baum,“ singt Waits in „Last Leaf.“ „Der Herbst nahm die anderen, aber er wird mich nicht nehmen.“

Andere Songs des Albums sind weniger gelungen. Man spürt, dass Waits beim Porträtieren des bei ihm notorischen Pöbels überzieht, wenn er in „Bad as Me“ singt „Du bist Mutter Oberin nur im Büstenhalter“. Zum Schaden des Albums kehrt hier die Parade des Grotesken aus den 1980er Jahren zurück. Dies ist ein schriller Kontrast zu den einfühlsameren und ehrlichen Werken, die oben genannt wurden.

“Get Lost” ist ein flotter Rock-and-Roll-Song, der aufs Deutlichste Einflüsse der historisch frühesten Musik dieses Genres aufweist. Er bietet ein interessantes Horn-Arrangement und einen aufregenden, obgleich dezenten Gitarreneinsatz von Ribot und David Hidalgo von Los Lobos. Doch Waits versetzt den Song plötzlich in eine nostalgische Vergangenheit und singt:

Lass alle Fenster herunter
Dreh’ Wolfman Jack lauter
Bitte, bitte sei zärtlich zu mir
S’ist nichts Schlechtes daran

Es ist ein musikalisch interessantes, aber letztlich kein substantielles Stück.

Die Melodie der “jazzigen” (aber keineswegs Jazz-) Ballade „Kiss Me“ formt sich niemals ganz aus. Trotz des bemerkenswerten Textes – „Küss mich noch mal wie ein Fremder“ – will diese Geschichte einer verblühten Romanze nicht richtig klappen. Eine Menge Überlegung wurde in die Atmosphäre dieses Songs gesteckt, doch seine Schwächen gegenüber den besseren „Last Leaf“ und „Back in the Crowd“ sind zu offensichtlich.

 „Hell Broke Luce“ kann als Antikriegslied beschrieben werden. Der Text prasselt schnell und melodielos herunter. Es ist ein wütender Song, der ganz zweifellos Waits‘ Opposition gegen die amerikanischen Kriege in Nahen Osten reflektiert. Die schweren Gitarren und das marschierende Schlagzeug werden verstärkt durch den Sound von Maschinengewehrfeuer. Waits‘ raue Stimme wirkt sich hier besonders harsch aus.

Der Song nimmt sich nicht ganz so authentisch aus wie “Talking at the Same Time” oder “Face to the Highway.” Waits bemüht möglicherweise eine Praxis, mit der er noch nicht genug vertraut ist. Der Text hebt sich von den anderen Stücken des Albums dadurch ab, dass er artifiziell und zusammenhanglos daherkommt. Obwohl gut gemeint, ist es schwer, den roten Faden zu finden:

Seit ich hierherkam, habe ich nie gewählt
Ich ließ meinen Arm in meiner Jacke
Meine Mutter, sie starb und schrieb nie
Wir saßen am Feuer und aßen eine Ziege
Kurz bevor er starb, nahm er einen Joint
Jetzt bin ich zu Hause und bin blind
Und ohne Geld
Was kommt als Nächstes

Gewisse künstlerische Probleme bleiben bestehen und zu viel auf der Platte enttäuscht, doch ihre besten Stücke überragen vieles des heutzutage Produzierten. Die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Wirtschaftskrise und die Bankenrettungen, Massenarbeitslosigkeit und die ersten Massenreaktionen auf diese Krisen sind Erfahrungen des vergangenen Jahrzehnts, die im Werk verschiedener Künstler ihren Niederschlag finden; Waits ist einer von ihnen. Es gereicht ihm zur Ehre, dass er nach einer siebenjährigen Unterbrechung ohne neue Aufnahmen, mit einem Album zurückgekehrt ist, das neben ergreifenden Liedern auch Songs über die Kämpfe der arbeitenden Menschen und des Protests gegen soziale Ungleichheit und Krieg enthält. Trotz aller Ungleichmäßigkeiten ist es wahrlich eine Erleichterung, sich mit einem Album beschäftigen zu können, das zumindest nicht trivial ist.