Leipzig: Versammlung über Leo Trotzki und die Verteidigung der historischen Wahrheit

Von unserem Korrespondenten
20. März 2012

David North, der Vorsitzende der Internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, sprach am Freitag in Leipzig vor einem großen Publikum, das seinem Vortrag aufmerksam lauschte. Das Thema waren sein kürzlich veröffentlichtes Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ und seine Kritik an der 2009 erschienen Trotzki-Biographie des britischen Autors Robert Service.

David North während seines Vortrags in Leipzig

Die Versammlung an der Universität Leipzig fand während der Leipziger Buchmesse statt, wo der Mehring-Verlag die deutsche Ausgabe von North’ Buch zur Verteidigung der historischen Wahrheit und des Erbes Leo Trotzkis präsentierte. Der Band „Verteidigung Leo Trotzkis“ weckte auf der Messe großes Interesse, wie auch die Kontroverse über die historischen Fälschungen von Service, die North angestoßen hatte.

Das zeigte sich auch an der großen Beteiligung an der Versammlung vom Freitag. Sie wurde vom Mehring-Verlag in Zusammenarbeit mit der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) und den International Students for Social Equality (ISSE) durchgeführt. Mehr als 300 Besucher drängten sich in den völlig überfüllten Hörsaal. Die World Socialist Web Site dokumentiert North’s Rede am heutigen Dienstag.

Wolfgang Weber, Mitglied des Parteivorstandes der PSG, umriss einleitend den Hintergrund der Veranstaltung.

„David North analysiert in seinem Buch die 2009 bei Harvard University Press erschienene Trotzki-Biographie von Robert Service und weist dem Oxforder Professor die Fälschung geschichtlicher Dokumente, den unseriösen Umgang mit Quellenangaben und sehr viele faktische Fehler (falsche Daten, Verwechslung von Namen) nach. Darüber hinaus machen Lügen und Verleumdungen, die ihren Ursprung in der Bürokratie Stalins haben, sowie das Jonglieren mit antisemitischen Vorurteilen das Buch zu einem tendenziösen Machwerk.“

Obwohl „Verteidigung Leo Trotzkis“ bereits 2010 im Mehring-Verlag erschien, wurde die Kritik fast ein Jahr lang totgeschwiegen. „Doch inzwischen wird darüber eine internationale Auseinandersetzung geführt, die seit Ende des letzten Jahres auch die deutschen Redaktionen und Feuilletons der großen Zeitungen in Deutschland erreicht hat“, sagte Weber.

Noch vor einem Jahr habe der Suhrkamp Verlag auf der Leipziger Buchmesse das Erscheinen der deutschen Ausgabe von Services Trotzki-Biografie für den Sommer 2011 angekündigt. Danach bewirkte die von North inspirierte Kritik, dass Services Buch in akademischen und intellektuellen Kreisen auf Widerspruch stieß.

Der renommierte Historiker Bertrand Patenaude von der Stanford University, USA, stellte in der hochangesehenen und sehr alten Zeitschrift American Historical Review (AHR) fest, dass David North‘s Kritik korrekt und keineswegs übertrieben sei. In seinem im Juni 2011 veröffentlichten Beitrag kommt er zum Schluss: „North nennt Services Biografie eine ‚Schmiererei‘. Das ist ein hartes Wort, aber es trifft zu. Harvard University Press hat ein Buch drucken lassen, das den elementarsten Anforderungen an Geschichtswissenschaft nicht entspricht.“

„Im Juli 2011 richteten daraufhin vierzehn Historiker, Politik- und Sozialwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen persönlichen Brief an die Verlegerin und Eigentümerin des Suhrkamp Verlages, Frau Ulla Unseld-Berkéwicz“, fuhr Wolfgang Weber fort. „Zu den Autoren und Unterzeichnern des Briefes gehören Prof. Hermann Weber, Doyen der Kommunismus- und Stalinismus-Forschung, Prof. Oliver Rathkolb, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien, Prof. Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter des Gedenkzentrums Deutscher Widerstand, Berlin, und andere international angesehene Experten. Unter Verweis auf die vernichtenden Urteile von North und Patenaude empfahlen sie der Verlagsleitung nachdrücklich, auf die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe in dem angesehenen und traditionsreichen Wissenschaftsverlag zu verzichten.“

Suhrkamp habe darauf das praktisch druckfertige Buch tatsächlich gestoppt und einen weiteren Gutachter mit der Prüfung der Vorwürfe beauftragt. Am Ende habe der Verlag jedoch – ohne die mehr als einjährige Verzögerung zu erklären – bekannt gegeben, dass er an seinem Vorhaben festhalte und das Erscheinen für 2012 plane.

Inzwischen hätten auch die Redaktionen deutscher Zeitungen eingegriffen, berichtete Weber: „Bezeichnenderweise gehörte die Junge Freiheit, das ‚intellektuelle‘ Sprachrohr der Rechtsradikalen in Deutschland, zu den ersten, die sich zu Wort meldeten. Ihr Kolumnist Dr. Stefan Scheil, äußerte sich höchst erfreut über das Vorhaben von Suhrkamp. Er pries Robert Service dafür, dass er mit seinem Buch, wie er selbst bekannt habe, ‚Trotzki endlich restlos erledigen‘ wolle, was der stalinistische Mörder des Revolutionärs vor 72 Jahren nicht geschafft habe.“

Aber auch große deutschsprachige Tageszeitungen, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung veröffentlichten Artikel über die Kontroverse, die sich entweder auf die Seite von Service und Suhrkamp stellten, oder es vermieden, zur Kritik North’s und der Historiker, die den Brief an den Suhrkamp Verlag unterzeichnet hatten, Stellung zu nehmen.

North begann seinen Beitrag mit einer Frage, die das Publikum sofort in ihren Bann zog: Trotzkis Kampf für eine Einheitsfront von KPD und SPD, der beiden deutschen Arbeitermassenparteien, um den Aufstieg des Nationalsozialismus zu verhindern.

„Zwischen 1931 und 1933 bemühte sich Trotzki, die politisch bewusstesten Teile der deutschen Arbeiterklasse und der sozialistischen Intelligenz gegen die enorme Gefahr des Faschismus wachzurütteln“, sagte North. „Niemand sonst schrieb mit solcher Weitsicht, Präzision und Leidenschaft über die deutschen Ereignisse und deren historische Bedeutung für die Welt.“

North schilderte dann, welchen Einfluss Trotzkis Schriften über den Faschismus auf seine eigene Generation hatten, auf die Arbeiter und Studenten, die sich in den 1960er Jahren radikalisierten. „Trotzkis Schriften stellten klar, dass der Sieg des Faschismus nicht unvermeidbar gewesen war. Hitlers Machtübernahme hätte verhindert werden können. … Der Faschismus, die barbarischste Form bürgerlicher Herrschaft, gelangte als Folge des Versagens und des Verrats der politischen Führung der Arbeiterklasse an die Macht.“

Dabei seien Trotzkis Schriften über Deutschland nur ein Teil seines außerordentlichen politischen Erbes, fuhr North fort. Trotzki müsse „gegen Lügen und Fälschungen, die auch siebzig Jahre nach seinem Tod unvermindert anhalten, verteidigt werden, weil er in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts eine derart zentrale Rolle spielte. Alle kritischen Ereignisse der ersten vier Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts widerspiegeln sich in seinem Lebenswerk.“

Im Weiteren ging North auf Trotzkis Rolle in der russischen Revolution und die Bedeutung der von ihm gegründeten Linken Opposition gegen den Stalinismus ein. „Die Behauptung, der Konflikt zwischen Stalin und Trotzki sei lediglich ein subjektiver Machtkampf zwischen zwei Individuen gewesen, ist historisch absurd und politisch unhaltbar“, sagte er. „Beim Kampf, der Mitte der 1920er Jahre innerhalb der sowjetischen Kommunistischen Partei entbrannte, ging es um zwei unversöhnlich entgegen gesetzte Programme: den nationalistischen Pseudosozialismus der Sowjetbürokratie unter Führung Stalins und den sozialistischen Internationalismus der Linken Opposition unter Führung Trotzkis. Das Ergebnis dieses Kampfs sollte das Schicksal der sozialistischen Revolution im zwanzigsten Jahrhundert bestimmen, und schließlich auch das der Sowjetunion selbst.“

Vor diesem Hintergrund befasste sich North dann mit der Rolle der historischen Fälschungen, mit denen die stalinistische Bürokratie 1923 ihre Kampagne gegen Trotzki begonnen hatte. Sie gipfelten schließlich zwischen August 1936 und März 1938 in den Moskauer Schauprozessen, in deren Verlauf die wichtigsten Führer der bolschewistischen Partei unter falschen Anklagen verurteilt und erschossen wurden.

„Die Lügen des Sowjetregimes waren nicht einfach das Produkt von Stalins krankhafter Persönlichkeit, sondern sie wurzelten in den materiellen Interessen der Bürokratie, deren wichtigster Vertreter Stalin war“, erklärte North. „Die stalinistische Bürokratie nahm zu unverschämten und monströsen Lügen Zuflucht, um zu vertuschen, dass sie die Grundsätze der Oktoberrevolution verraten hatte, und um den schreienden Widerspruch zwischen den wirklichen Zielen des Sozialismus und der Verteidigung der materiellen Interessen der Bürokratie als privilegierte Kaste zu verschleiern.“

Im zweiten Teil seines Beitrags setzte sich North mit der Frage auseinander, weshalb wir uns heute immer noch mit Lügen über die historische Rolle Leo Trotzkis auseinandersetzen müssen.

Die Kampagne gegen Trotzki speise sich aus zwei zusammenhängenden Faktoren historischer und politischer Natur, erklärte er. Historisch hätten bürgerliche Politiker, Akademiker und Journalisten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 versucht, nachzuweisen, dass die Oktoberrevolution von 1917 von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Dazu hätten sie Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus heruntergespielt. Er durfte auf keinen Fall als gangbare Alternative zu Stalin dargestellt werden.

Mit der Verschärfung der ökonomischen und sozialen Krise des Kapitalismus und den imperialistischen Kriegen gegen Afghanistan, Irak und andere Länder sei dann ein politischer Faktor hinzugekommen: Die Angst, dass Trotzkis Schriften wie in den 1960er Jahren zu einer wichtigen Lektüre für radikalisierte Jugendliche würden.

„Das neue Zeitalter des Präventivkriegs brachte eine neue literarische Gattung hervor: die Präventivbiografie“, sagte North. Im Zeitraum von etwas mehr als fünf Jahren seien drei solche Präventivbiografien über Trotzki erschienen, von Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service.

North ging auf einige Fälschungen in diesen Büchern ein. Er schilderte die Auseinandersetzung mit dem Suhrkamp Verlag und setzte sich mit den Artikeln auseinander, die die rechtsextreme Junge Freiheit, die Neue Zürcher Zeitung und die Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Unterstützung von Service veröffentlicht haben. Er wies nach, dass sie Service trotz der Irrtümer, Fälschungen und Verletzungen wissenschaftlicher Standards einzig und allein aufgrund seiner ideologischen und politischen Überzeugungen verteidigen.

North schloss damit, dass der Kapitalismus zwanzig Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion in einer tiefen Krise stecke. „Die Verteidigung von Trotzkis Erbe gegen historische Fälschungen ist ein wesentlicher Bestandteil der politischen Erziehung der Arbeiterklasse und ihrer Vorbereitung auf die politischen Anforderungen einer neuen Epoche revolutionärer Kämpfe.“

Im Anschluss an North‘s Rede entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Mehrere Teilnehmer dankten ihm ausdrücklich für seinen Beitrag und bekundeten Interesse daran, mit der PSG und der ISSE in Kontakt zu bleiben.