Massenentlassungen bei Schlecker

Von Dietmar Henning
3. März 2012

Die insolvente Drogeriemarkt-Kette Schlecker schließt fast jede zweite ihrer zuletzt rund 5.500 Filialen in Deutschland. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz erklärte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main, dass rund 12.000 von über 25.000 Beschäftigten – in der großen Mehrzahl Frauen – ihren Job verlieren.

Die 5.200 Angestellten der ebenfalls insolventen Schlecker-Tochter „Ihr Platz“ sollen in den nächsten Tagen erfahren, was ihnen bevorsteht. Die Auslandstöchter Schleckers sind bislang nicht insolvent.

Die Schlecker-Beschäftigten wurden von der Hiobsbotschaft überrascht. Die meisten hörten davon erst aus dem Radio. Andere, wie auch der Betriebsrat, erhielten wenige Minuten vor der Pressekonferenz ein Fax mit dem angekündigten Arbeitsplatzabbau und den geplanten Filialschließungen.

„Wenn diese tiefen Einschnitte nicht passieren, hat Schlecker keine Überlebenschance“, erklärte Diplom-Kaufmann und Wirtschaftsberater Geiwitz. Im Jahr 2011 habe Schlecker einen Verlust von 200 Millionen Euro verzeichnet, in den letzten Monaten vor der Insolvenz sollen es jeweils zweistellige Millionenverluste und drastische Umsatzeinbrüche gewesen sein. Viele Probleme seien von der Unternehmensführung um Firmengründer und Alleinbesitzer Anton Schlecker zu spät angegangen worden. Schlecker selbst, dessen Privatvermögen noch vor zwei Jahren auf rund 3 Milliarden Euro taxiert worden ist, soll angeblich pleite sein.

Daher werde er, Geiwitz, nun im Rahmen der Planinsolvenz mit Filialschließungen und Entlassungen sowie der Suche nach Investoren die „Wettbewerbsfähigkeit“ der Drogeriekette wieder herstellen.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hilft dabei tatkräftig mit. Geiwitz, Verdi, Banken, Vermieter und Lieferanten seien alle der Meinung, „dass wir die Voraussetzungen geschaffen haben, dass Schlecker diese Zukunft hat“, sagte Geiwitz am Donnerstagmorgen im ARD-Morgenmagazin.

Schon im Dezember vergangenen Jahres hatte Verdi mit Schlecker einen Sanierungstarifvertrag abgeschlossen. Dafür öffnete das Unternehmen der Gewerkschaft entgegen seinen üblichen Gepflogenheiten seine Bücher. Experten prüften daraufhin für Verdi die Geschäftszahlen von Schlecker und waren somit schon früh über die sich abzeichnende Insolvenz im Bilde, die dann am 23. Januar angemeldet wurde. Auch damals hörten die meisten Beschäftigten davon aus den Medien.

Wenn Stefanie Nutzenberger vom Verdi-Bundesvorstand nun nach der Bekanntgabe von 12.000 Entlassungen ankündigt, die Gewerkschaft werde „um jede einzelne dieser Existenzen kämpfen, darauf können sich die Schlecker-Frauen verlassen“, ist das schlicht gelogen.

Von Anfang an war Verdi bei den Verhandlungen mit Lieferanten und Gläubigern eingebunden, womöglich auch bei Treffen mit Banken und Investoren. Verdi hielt es nicht für notwendig, den Betriebsrat und schon gar nicht die Beschäftigten im Vorfeld über die Insolvenz oder jetzt den Job-Kahlschlag zu informieren.

Auch jetzt gehen die Geheimhaltung und die Verhandlungen hinter dem Rücken der Schlecker-Beschäftigten weiter. Schon an diesem Mittwoch sprach der Insolvenzverwalter mit der Gewerkschaft Verdi. Noch im März soll der Sozialplan für die Beschäftigten verabschiedet werden, und Ende März soll Schlecker operativ schwarze Zahlen schreiben, wie Geiwitz unter Bezug auf das Insolvenzrecht betonte.

Während die Schlecker-Frauen erst Ende März erfahren sollen, welche Filiale geschlossen wird und wer seinen Arbeitsplatz verliert, erklärte Geiwitz am Mittwoch, die Auswahl sei schon gelaufen. „Wir haben es uns sehr schwer gemacht, die Filialen auszusuchen, die zu schließen sind“, klagte der Insolvenzverwalter. Wen Geiwitz mit dem „Wir“ gemeint hat und ob Verdi schon eine Liste der zu schließenden Filialen besitzt, sagten weder er noch Verdi.

Verdi-Vorstandsmitglied Nutzenberger bezeichnete Geiwitz’ Aussage, es gebe – nach den Entlassungen und Filialschließungen – eine „nachhaltige Überlebensbasis für das Unternehmen“, als „wichtiges Signal“.

Um die Filialschließungen inklusive Entlassungen reibungslos umsetzen zu können, spielen die Verdi-Funktionäre auf Zeit. Verdi-Chef Frank Bsirske forderte ebenfalls im ARD-Morgenmagazin, schnell eine Transfergesellschaft für die Tausenden von Arbeitslosigkeit bedrohten Frauen einzurichten. Die Insolvenz treffe „Frauen im untersten Einkommensbereich“, sagte Bsirske und verlangte „Initiativen aus der Politik, um Zeit zu gewinnen“. Diese Zeit könne für die Investorensuche genutzt werden.

Laut Spiegel Online schaut sich schon eine international tätige Investmentbank im Unternehmen um. Auch Gespräche mit vermögenden Privatinvestoren seien gelaufen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb, sie habe Hinweise, die aber nicht offiziell bestätigt wurden, dass die Unternehmensberatung McKinsey in die „Sanierung“ eingebunden sei. Die für ihre Kahlschlagsanierungen berüchtigte Firma genießt die Unterstützung Verdis. Spiegel Online zitiert einen Gewerkschafter mit den Worten: „Im Falle Schlecker begrüßen wir McKinsey, die bringen Linie rein in diesen verfahrenen Laden.“

Während Geiwitz, Investoren, Verdi und womöglich McKinsey den Umbau Schleckers auf Kosten der Arbeiterinnen planen, dient die Einrichtung einer Transfergesellschaft dazu, den Arbeitsplatzabbau durchzusetzen und die Frauen über diesen Umweg in die Arbeitslosigkeit zu entlassen.

Denn die Chancen der Schlecker-Beschäftigten, in anderen Unternehmen unterzukommen, sehen eher schlecht aus. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit gibt es zwar in der Branche bundesweit 25.000 freie Stellen. Aber auf eine freie Stelle kommen 12 Arbeitslose in diesem Bereich, insgesamt 300.000 Frauen und Männer.

Bernhard Franke, Verdi-Landesfachbereichsleiter für den Handel in Baden-Württemberg (die Schlecker-Zentrale befindet sich im dortigen Ehingen), hat angekündigt, ab kommenden Dienstag mit Geiwitz Tarifverhandlungen führen zu wollen. Erste Themen seien die Umsetzung der Filialschließungen und des Personalabbaus sowie die Gründung von Transfergesellschaften. Verhandlungen über Abfindungen hätten einen „nachgelagerten Stellenwert“.

Über den Erhalt der Arbeitsplätze verhandelt Verdi mit Geiwitz offenbar nicht. Im Gegenteil, Franke bekräftigte: „Wir sind auch bereit, unkonventionelle Wege zu gehen.“ So würde Verdi beispielsweise erwägen, eine Kapitalbeteiligung der Belegschaft anzubieten, etwa über ein Genossenschaftsmodell. Im Gegenzug bot der gut verdiendende Verdi-Funktionär an, den gering verdienenden Schlecker-Arbeiterinnen tarifvertragliche Leistungen zu streichen.