Massenentlassungen bei Müller-Brot

Von Aaron Götz
19. April 2012

Letzte Woche wurden bei der bayerischen Großbäckerei Müller-Brot in Neufahrn unweit von München 845 von 1.280 Arbeitern entlassen und 82 der 230 eigenen Filialen verkauft oder geschlossen. Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens am 1. April bedeutet somit den größten Arbeitsplatzabbau des Unternehmens in seiner Geschichte.

Betroffen sind neben den Beschäftigten auch 151 Pächter von Verkaufsfilialen, die als Franchisenehmer tätig waren und in den letzten Wochen Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent hinnehmen mussten. Viele von ihnen haben kaum Aussicht auf eine Rückzahlung ihrer zum Teil mehrere Zehntausend Euro teuren Kaution, die sie an Müller-Brot entrichtet hatten. Außerdem hat die Speditionsfirma HDM Transportlogistik Insolvenz angemeldet. Sie erwirtschaftete mit 168 Beschäftigten ihren Hauptumsatz durch Aufträge der Großbäckerei.

Wie in den vergangenen Wochen bereits bei Manroland und Schlecker dient auch die Insolvenz bei Müller-Brot der Verwirklichung lange geplanter Angriffe auf die Beschäftigten. Und ebenso wie bei Manroland und Schlecker spielt die zuständige Gewerkschaft – in diesem Fall die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) eine Schlüsselrolle, diese Angriffe gegen die Interessen der Beschäftigten durchzusetzen.

Müller-Brot war zu Beginn des Jahrhunderts noch der viertgrößte Backwarenhersteller Europas. Das Unternehmen beschäftigte 3.000 Mitarbeiter und gab Umsatzzahlen von 425 Millionen Euro sowie ein Verkaufsnetz von 387 Filialen an. Doch seit 2004 sanken die Umsätze von Müller-Brot stetig und das Unternehmen begann, massiv Arbeitsplätze abzubauen, Produktionsstandorte zu schließen und die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern.

Mit der Insolvenz sollte nun das Unternehmen auf Kosten der Beschäftigten massiv umstrukturiert und dadurch wieder profitabel gemacht werden. Anfang dieses Jahres wurde Müller-Brot wieder in eine GmbH umgewandelt. Diese Rechtsform macht eine Insolvenz für die Gesellschafter wesentlich einfacher, da sie nur mit ihrer Einlage von 25.000 Euro haften. Am 16. Februar meldete die Geschäftsführung dann die Insolvenz an, nachdem die Umsatzzahlen infolge eines anhaltenden Hygieneskandals eingebrochen waren.

Der bestellte Insolvenzverwalter Hubert Ampferl machte sich umgehend daran, mit möglichen Käufern zu verhandeln, und stellte von vornherein klar, dass er eine Verkleinerung der unrentablen Produktionskapazitäten anstrebe. Die Anlagen seien bisher für einen Jahresumsatz von 120 bis 150 Millionen Euro dimensioniert gewesen, wovon man aber sehr weit entfernt sei. „Man wird auch in Zukunft das Unternehmen nur auf Basis einer handwerklichen Größenordnung von etwa 40 Millionen Euro fortführen können”, so Ampferl. Für dieses Ziel kam der Hygieneskandal gut gelegen.

Am 30. Januar hatte das zuständige Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf Grund von eklatanten Mängeln bei den Hygienekontrollen einen Produktionsstopp bei Müller-Brot verhängt. Obwohl derartige Mängel bereits 2009 bekannt geworden waren, hatten die Kontrolleure bis dahin nie ernsthaft eingegriffen. Vor dem Hintergrund der geplanten Massenentlassungen weigerten sie sich jedoch selbst nach aufwendiger Reinigung und Schädlingsbekämpfung, in deren Folge nur noch sehr geringe Mängel außerhalb des Produktionsbereichs festgestellt werden konnten, die Stilllegung der Produktion wieder aufzuheben.

Diese Entscheidung wurde vom Insolvenzverwalter wie von der Gewerkschaft dazu benutzt, das düstere Szenario einer vollständigen Zerschlagung des Unternehmens an die Wand zu malen. Diese Drohkulisse lieferte für sie dann wiederum den Vorwand, den Verkauf der profitablen Filetstücke des Unternehmens als einen Erfolg für die Beschäftigten darzustellen. Die fortgesetzte Sperrung der Fabrik lieferte somit bedeutende Unterstützung für den Angriff auf die Arbeitsplätze.

Zehn Tage später wurde der bisherige Geschäftsführer und Mehrheitsanteilseigner Klaus Ostendorf als potentieller Käufer ins Spiel gebracht. Ostendorf, der angeblich zu den 250 reichsten Männern Deutschlands gehört, kam 2003 zu Müller-Brot. Bis dahin war er drei Jahrzehnte lang Manager und Mitgesellschafter der Großbäckerei Wendeln gewesen, die im Jahr 2000 von der Kamps AG aufgekauft wurde, welche wiederum zwei Jahre später von der Barilla-Gruppe übernommen wurde.

Der Gläubigerausschuss, in dem auch die Gewerkschaft saß, fällte dann auch mit der Zustimmung des Betriebsratsvorsitzenden die Entscheidung für Ostendorf als Käufer. Zu einem Abschluss des Kaufvertrags, mit dem sich Ostendorf mit der Insolvenz in billiger Weise aller Hindernisse für die weitere Profitanhäufung entledigt hätte, kam es aufgrund eines angeblich fehlenden Finanzierungskonzepts und öffentlicher Kritik dann jedoch nicht.

Stattdessen kaufte schließlich Evi Müller, die Tochter des ehemaligen Besitzers, zusammen mit der Münchener Bäckerei Höflinger die profitablen Teile des Unternehmens auf. Das Bieterpaar übernahm 148 Filialen und 435 zum größten Teil in diesen Filialen angestellte Mitarbeiter – allerdings nicht die unrentable Backfabrik.

Die an der Abwicklung beteiligte Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten gab sich während dieses ganzen Schauspiels nicht einmal die Mühe, einen ernsthaften Kampf gegen die Angriffe auf die Arbeitsplätze und die Rechte der Arbeiter vorzutäuschen. Stattdessen sah sie ihre Aufgabe darin, mit dem Unternehmen zusammenzuarbeiten und die Beschäftigten auf ihren Arbeitsplatzverlust vorzubereiten.

Mitte Februar, noch bevor das Unternehmen Insolvenz anmeldete, hieß es in einem Artikel der Gewerkschaft: „Das Management von Müller-Brot hat offenbar jahrelang schwerste Fehler gemacht. Die Leidtragenden waren und werden wohl die Beschäftigten sein. Es ist leider kaum vorstellbar, dass diese schwere Krise ohne (weiteren) Stellenabbau zu überwinden ist. [...] Es bleibt zu hoffen, dass es Müller-Brot schafft, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Gelingt das nicht, sind vor allem die Beschäftigten die Leidtragenden – nicht die (mangelhafte) Geschäftsführung.”

Eine Woche später, nachdem die Gesundheitsbehörden die Freigabe der Fabrik ein zweites Mal untersagt hatten, stellte der stellvertretende Vorsitzende der NGG Claus-Harald Güster fest: „Was für Schlecker gilt, muss auch für Müller-Brot gelten. Wenn es zum Äußersten kommt, dürfen die Beschäftigten nicht alleine gelassen werden. Wir fordern eine Auffanggesellschaft und staatliche Unterstützung.” Auch der DGB-Vorsitzende in Bayern, Mathias Jena, beschränkte sich auf die Forderung an die bayerische Staatsregierung, sich an einer Transfergesellschaft zu beteiligen.

Die einzige Aktion, welche die Gewerkschaft organisierte, fand am 29. März statt und bestand aus einem erniedrigenden Schauspiel vor dem bayrischen Wirtschaftsministerium und der Staatskanzlei. Die Beschäftigten durften sich bei dieser Gelegenheit des Mitgefühls von Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) versichern, dem ein mit Wunschzetteln behangenes Bäumchen überreicht wurde. Dieser teilte ihnen allerdings unverblümt mit, dass der Steuerzahler nicht für die Misswirtschaft der Geschäftsleitung gerade stehen könne.

Die Gewerkschaft hat in keinem Moment für die Offenlegung der Geschäftsbücher von Müller-Brot mobilisiert oder dafür, dass die bisherigen Eigentümer, Gläubiger und Geschäftsführer für den angerichteten Schaden haftbar gemacht werden. Ein solcher Kampf hätte zweifellos Unterstützung auch bei den Filialpächtern und der Bevölkerung gefunden, der über Jahre unhygienisch produzierte Backwaren aufgetischt wurden

Letzten Donnerstag begrüßte die NGG dann ausdrücklich die Entscheidung des Gläubigerausschusses, 148 Filialen mit 435 Mitarbeitern an Müller und Höflinger zu verkaufen. „Wir freuen uns, dass die beiden das übernehmen”, sagte dazu der Münchener NGG-Geschäftsführer Freddy Adjan. Endlich herrsche Klarheit für die Beschäftigten. „Wir werden mit Frau Müller und Herrn Höflinger in den nächsten Tagen Kontakt aufnehmen und unsere Zusammenarbeit anbieten, da wir der Überzeugung sind, dass ein erfolgreicher Neuanfang nur dann gelingen wird, wenn [...] alle Seiten an einem Strang ziehen.” Möglich seien zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle.

Ein Sorgenkind habe man aber noch, und das sei die Produktion. Adjan hoffe, dass Müller und Höflinger auch dafür eine Lösung fänden. Die zuvor abgegebenen Erklärungen, es müsse „dringend verhindert werden, dass das ‘Filetstück’, nämlich die unternehmenseigenen Bäckereifilialen, verkauft werden und die momentan nicht rentable Produktion als ‘einsame Insel’ zurückbleibt”, „eine Zerpflückung des Unternehmens dürfe es nicht geben” und „die NGG verlangt eine Verpflichtung der Investoren, umgehend nach der Freigabe der Behörden die Produktion aufzunehmen und die Stammbelegschaft wieder einzustellen”, waren schnell vergessen.