Schlecker: „Wir dürfen die Lohnkürzung nicht akzeptieren“

Von einer Schlecker-Mitarbeiterin
19. April 2012

An dieser Stelle veröffentlichen wir von nun an regelmäßig Beiträge und Briefe von Schlecker-Mitarbeitern, die sich an die World Socialist Web Site gewandt haben. Wir wollen auf diese Weise die Verständigung zwischen den Kollegen über die Konzernleitung, die Insolvenzverwaltung und die Gewerkschaft ermöglichen und die Erfahrungen zugleich anderen Arbeitern auf der ganzen Welt zugänglich machen.

Wir rufen alle Schlecker-Mitarbeiter auf, sich unter „wsws [at] gleichheit [punkt] de“ an die Redaktion zu wenden, um eigene Beiträge einzureichen. Außerdem wollen wir helfen, von Verdi unabhängige Strukturen in Form von Aktionskomitees aufzubauen. In solchen Aktionskomitees können sich Kollegen treffen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, die politischen Zusammenhänge zu diskutieren und schließlich eigene Arbeitskampfmaßnahmen vorbereiten.

Weil wir die betreffenden Mitarbeiter vor Entlassung und Repression schützen wollen, veröffentlichen wir die Beiträge anonymisiert. Die Namen sind der Redaktion bekannt. Den Anfang machen wir mit dem Statement einer Mitarbeiterin, die seit mehr als anderthalb Jahrzehnten für das Unternehmen tätig ist.

„Wir dürfen die Kürzungen von 15% Lohnzahlung, Urlaubs- und Weihnachtsgeld nicht akzeptieren. Wir erbringen die selbe Arbeitsleistung, häufig wird immer mehr gefordert und wir haben höhere Kosten für Anfahrtswege in unsere Filialen.

Ich arbeite seit über 15 Jahren bei der Firma A. Schlecker, wurde mit 38 Stunden eingestellt und darf durch die laufende Kürzungen momentan noch 18 Stunden arbeiten. Selbst die Überstunden werden seid mehreren Jahren nicht mehr zum vollen Stundenlohn ausbezahlt. Durch das laufende Wechseln der Früh- und Spätschichten (zwecks Ladenschlüssel) ist die Aufnahme einer Nebentätigkeit nicht möglich und ich musste die 7,00 Euro pro Überstunde akzeptieren. Momentan werden 9,10 Euro pro Stunde bezahlt.

Die Firma hat schon genug an uns gespart. Die letzten acht Jahre war ich in einer kleinen Filiale auf dem Dorf (gut zehn Kilometer Anfahrtsweg) beschäftigt. Man kannte die Kunden mit Namen, wusste über Ihre Probleme und Wehwehchen Bescheid. Sie kauften gerne bei uns ein und die Umsatzvorgaben wurden von uns erfüllt.

Doch vor ca. drei Jahren wurden unsere Sortimente nur noch reduziert, statt 15 Sorten Weichspüler gab es nur noch sieben Sorten, gern gekaufte Artikel waren ausgelistet. So begann sich das Rad zu drehen. Als nächstes kamen die Preiserhöhungen und Lieferschwierigkeiten vieler Artikel. Unsere Kunden wurden unzufriedener und die Umsatzeinbußen ließen nicht lange auf sich warten. Wir gaben unser Bestes, aber mussten trotzdem hilflos zusehen und uns mit dem Gedanken der Ladenschließung vertraut machen. Im Juni letzten Jahres war es dann soweit: wir räumten den Laden aus, weinten und verabschiedeten uns von den liebgewonnenen Kunden. Unsere Aushilfen wurden zum Jahresende gekündigt.

Nach Absprache mit unserer Bezirksleiterin fuhr ich nun sechs Wochen lang mit meiner Kollegin fast 50 Kilometer Anfahrtsweg in die nächste Filiale, zur Vorbereitung der Schließung. Die Kolleginnen dieser Filiale waren schon gekündigt, hatten Zwangsurlaub und eröffneten vier Wochen später, direkt gegenüber eine andere Filiale mit neuen Arbeitsverträgen. Eine unschöne Situation, für uns und die Kolleginnen.

Nun bekam ich meine neue Stammverkaufsstelle mitgeteilt. Anfahrtsweg knapp 20 Kilometer, neues Klima, neue Kollegen und Kunden. Es war eine schöne Filiale mit super Umsatz und nach zwei Monaten Eingewöhnung, fuhr ich wieder gern zur Arbeit. Doch die böse Überraschung kam im November und Dezember. Die Lieferungen der bestellten Ware wurden immer weniger, die Firma A. Schlecker musste finanzielle Probleme haben. Ein Weihnachtsgeschäft 2012 gab es nicht. Jeden Tag warteten wir auf neue Informationen, um unseren meist verständnisvollen Kunden die Situation erklären zu können.

Die Nachricht der Insolvenz hatte ich schon erwartet, aber dass unsere Filiale mit der Kundenanzahl und Umsatz auf der Schließungsliste stand, kam für uns unerwartet. Vor allem, weil Filialen in der Umgebung mit weniger Umsatz und ohne Parkmöglichkeiten erhalten blieben. Es folgten die Einladungen zur Informationsveranstaltung der Transfergesellschaft und somit die Kündigungen vieler liebgewonnener und langjähriger Kolleginnen.

Auch meine neuen Kolleginnen waren betroffen – ich durfte bleiben, aber freuen konnte ich mich nicht. Man war so machtlos und die Frage, wie es weiter gehen wird, stellte sich nun weiterhin. Aber es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Nun musste der Ausverkauf mit 30 Prozent und die Ladenschließung bewältigt werden. Mittlerweile bin ich wieder in einer neuen Verkaufsstelle (etwa 30 Kilometer Anfahrt) untergebracht. Der Umsatz ist sehr gut, die Kolleginnen sind auch sehr nett. Wie es weitergeht, werden wir sehen, aber wir dürfen uns nicht alles bieten lassen.

Es deutet vieles darauf hin, dass Herr A. Schlecker und Familie diese Insolvenz über Jahre geplant und das Vermögen gesichert haben. Mit der Transfergesellschaft wollten sie nur Klagen und Abfindungszahlungen verhindern. Sie denken in keinster Weise an ihre Mitarbeiter, die jahrelang alles für diese Firma gegeben haben. Immer einsatzbereit, Überstunden ohne Bezahlung, Urlaub verschoben oder bei Inventuren, Renovierungen oder Krankheit in andere Filialen gefahren sind. Eine Kürzung von 15% Lohnzahlungen und Urlaubs- und Weihnachtsgeld muss verhindert werden.“