Dietrich Fischer-Dieskau, einer der großen Sänger des 20. Jahrhunderts, starb im Alter von 86 Jahren

Von Dorian Griscom
26. Mai 2012

Dietrich Fischer-Dieskau, der deutsche lyrische Bariton, dessen Aufnahmen und Aufführungen zahlreiche Generationen in die Lieder Schumanns, Schuberts und Brahms‘ eingeführt haben und dessen glänzende Karriere als Liedersänger und Opernbariton sich über vier Jahrzehnte erstreckte, starb am 18. Mai, nur zehn Tage vor seinem 87. Geburtstag.

Die Bedeutung seines Beitrags zur weltweiten Musikkultur kann zum Teil aus dem gewaltigen Lobeserguss über seine Errungenschaften ermessen werden, der seinen Niederschlag in Nekrologen, Internetbeiträgen und privaten Konversationen zu der Nachricht über seinen Tod fand. Fischer-Dieskau wurde von den Kommentatoren frei von jeder Übertreibung der einflussreichste Sänger des vergangenen Jahrhunderts genannt.

 Dietrich Fischer-Dieskau

Er war ebenso einer der am häufigsten eingespielten. Seine Diskographie umfasst fast 500 Aufnahmen. Fischer-Dieskaus Aufnahmen von Franz Schuberts bedeutenden Liederkreisen Winterreise und Die schöne Müllerin, sowie Robert Schumanns Dichterliebe und Liederkreis, ebenso wie seine Komplettaufnahme der Schubert-Lieder für Männerstimme sind der Standard, an dem sich jeder künftige Versuch in diesem Repertoire messen muss.

Seine Einspielungen der Kindertotenlieder, der Lieder eines Fahrenden Gesellen und von Des Knaben Wunderhorn von Gustav Mahler – zusammen mit der Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf – sind Klassiker. Ein weiterer Meilenstein ist seine genau 50 Jahre alte Einspielung gemeinsam mit Schwarzkopf, Nikolai Gedda, Christa Ludwig, Walter Berry und Peter Pears von Bachs Matthäuspassion unter dem Dirigat von Otto Klemperer.

Fischer-Dieskau arbeitete mit vielen der schillerndsten und bedeutendsten Musikpersönlichkeiten seiner Zeit. Er hatte unvergessliche Partner in solchen Pianisten wie Gerald Moore, Swjatoslaw Richter, Jörg Demus und Daniel Barenboim. Er sang unter den Dirigenten Otto Klemperer, Wilhelm Furtwängler, Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Karl Böhm und Carlos Kleiber und gemeinsam mit zahllosen Koryphäen der Opernwelt jener Ära, darunter Schwarzkopf, Gedda, Carlo Bergonzi und Brigitte Fassbänder, nur um einige wenige aufzuzählen.

Obwohl Fischer-Dieskau seine Berühmtheit vor allem seinen Interpretationen von Schumann, Brahms und besonders Schubert verdankte, umfasste sein Repertoire auch Musik des 20. Jahrhunderts. Er führte Kompositionen von Alban Berg, Ernst Krenek, Benjamin Britten und anderen auf.

Dietrich Fischer-Dieskau kam 1925 in Berlin zur Welt und wuchs unter dem Nazi-Regime heran. Kaum nachdem er sein Studium an der Berliner Musikakademie begonnen hatte, wurde er 1943 in die Wehrmacht eingezogen und an die russische Front geschickt, wo er Militärpferde beaufsichtigte. Während dieser Zeit verhungerte sein psychisch kranker Bruder in einer Einrichtung des Regimes.

Kurz darauf wurde die Wohnung seiner Mutter bombardiert. Fischer-Dieskau wurde gestattet nach Hause zu fahren, um seiner Mutter zu helfen, doch er wurde bald darauf wieder eingezogen und diesmal nach Italien versetzt. Kurz vor Kriegsende kam er dort in Gefangenschaft und verbrachte nach der Kapitulation der Nazis über ein Jahr in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager, wo er Soldaten und Offiziere der Alliierten mit seinen Kunstdarbietungen unterhielt. Er sagte später: „Ich hatte eine scheußliche Aversion gegen die Nazis, schon gegen das Jungvolk. Deshalb habe ich mich in mich selbst zurückgenommen, den Kopf eingezogen.“ (Die Welt, 27. Mai 2000)

Ein Aushilfseinsatz in letzter Minute im Jahr 1947 bei einer Aufführung von Brahms’ Requiem katapultierte den 22-jährigen Fischer-Dieskau praktisch über Nacht in den Ruhm. Er sang in den Opernhäusern ganz Europas und bereiste als Liedvortragender ausgiebig die Vereinigten Staaten. Er zog sich 1978 von der Oper zurück und gab 1992 seinen letzten Liederabend. Nach Beendigung seiner Gesangskarriere widmete er sich intensiv der Ausbildung jüngerer Sänger und dirigierte reichlich. Gelegentlich trat er als Rezitator auf und rezitierte Dichtkunst, die in Musik gesetzt wurde, beispielsweise Richard Strauss‘ Melodram Enoch Arden, das auf Alfred Tennysons gleichnamige Ballade zurückgeht. Die Malerei war eine weitere seiner Beschäftigungen und entwickelte sich über das reine Hobby hinaus.

Fischer-Dieskau besaß eine einzigartig schmelzende und farbenreiche Stimme, die am besten unter Klavierbegleitung zur Geltung kam. Der Angelpunkt seiner Stimmtechnik lag in einer äußerst gebündelten Klangerzeugung, die vor allem von der fanatischen Beachtung begleitet war, die er der Ausdrucksweise schenkte. In seinem Tagebuch beklagte Swjatoslaw Richter sich, als die beiden Brahms‘ Fünfzehn-Lieder-Zyklus Die schöne Magelone (diese Platte gewann 1973 einen Grammy-Musikpreis) aufnahmen, darüber dass „Dieters Beharren auf jeden Vokal und jeden Konsonanten häufig mit dem freien Fluss der Musik kollidierte und ich unfähig war, mich anzupassen.“ (Diese momentane Frustration berührte indessen nicht Richters Meinung über Fischer-Dieskau, den er für „den größten Sänger des Jahrhunderts“ hielt.)

Die naturgegebene Neigung seiner Stimme zur differenzierteren Palette des Kunstgesangs hielt Fischer-Dieskau nicht davon ab, große Erfolge als Opernbariton zu feiern. Seine imposante Erscheinung, seine Kommunikationsfähigkeit und seine praktisch unüberbietbare Ausdrucksweise kompensierten überreichlich für die relative Helligkeit seiner Stimme. Er sang fast alle Hauptrollen für Bariton in Wagners, ebenso diejenigen in Mozarts bedeutendsten Opern. Er sang den Don Giovanni und den Papageno in der Zauberflöte und er war an Aufführungen aller bedeutenden Opern von Richard Strauss beteiligt. Neben vielen weiteren sang er auch eine Reihe von Rollen in Opern Verdis und Puccinis.

Manche Stimmen gaben zu bedenken, dass dieser Teil seiner Karriere ihm nicht gut tue und sogar gefährlich für seine Stimme sei. Tatsächlich aber war es bereichernd zu sehen, wie der Sänger seine Kräfte der Opernbühne anzupassen verstand und einzigartige Ergebnisse erzielte, die vor allem eher seinem dramatischen und musikalischen Ausdrucksvermögen zu verdanken waren, denn seiner bloßen Stimmkraft.

Stanislawski sagte einmal: “Die Allgemeinheit ist der Feind aller Kunst.” Trotz seiner umfangreichen Produktionsmenge als aufführender und einspielender Künstler, darunter gewaltige und stilistisch einheitliche Liederzyklen von Schubert und Schumann, glitt Fischer-Dieskau niemals in Allgemeinheit ab. Er besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, den einmaligen und wesentlichen Charakter jeder Melodie, die er sang und jeder Dichtung, die mit ihr im Einklang stand, herauszustellen.

An keiner Stelle führte dies jedoch zu einer puren Anhäufung schöner, aber beziehungsloser Momente. Im Gegenteil: Fischer-Dieskaus Interpretationen bilden, Satz für Satz und Abschnitt für Abschnitt, eine fesselnde, fast zwangsläufige, doch niemals vorhersagbare Erzählung, die ihre dramatische Intention und logische Geschlossenheit von der ersten bis zur letzten Note bewahrt. Als Künstler verkörperte er die Aussage des großen Musikwissenschaftlers Hans Keller: „Die Kunst erscheint dort, wo das Beliebige und Vorhersagbare von unvorhersehbarer Unvermeidlichkeit verdrängt wurde.“

Dies alles wurde erreicht mit einer bemerkenswerten Wirksamkeit der Mittel. Fischer-Dieskau versuchte nicht zu überwältigen, zu beeindrucken oder ein Spektakel zu bieten, weder mit seiner Stimme noch mit Körpergesten. Er nahm beide so vollkommen in Dienst für die Werke, die er in seiner Darbietung nachempfand, dass der Zuschauer beinahe den Sänger und sein Können aus dem Bewusstsein verliert und sich stattdessen in vollkommene und direkte Gemeinschaft mit der Musik und dem Text selbst gebracht findet.

Fischer-Dieskau war in der Lage, mit seinen Augen und seiner Körperhaltung und ohne eine einzige nicht zur Sache gehörende Bewegung, sofort die emotionale Atmosphäre der Musik darzustellen, die er aufführte. Es ist mindestens ebenso einnehmend, seinen Bewegungen während musikalischer Zwischenspiele zuzuschauen, wenn er nicht singt, wie dann wenn er singt. Seine Auftritte waren direkt, authentisch und ungekünstelt.

Dies waren zugleich äußerst fundierte Aufführungen, in denen Stil, Form und Tradition Respekt gezollt wurde. Er war ein Künstler, der in jedem Sinne verstand, was er sang und welche kulturellen Traditionen er damit repräsentierte.

Denjenigen, die sich mit Dietrich Fischer-Dieskaus Leben und Werk bekannt machen wollen, sei zum Einstieg die hervorragende Dokumentation Dietrich Fischer Dieskau - Die Stimme der Seele (1995) von Bruno Monsaingeon empfohlen, der ebenso ausgezeichnete Filme drehte über die Karrieren von Swjatoslaw Richter (Richter - Der Unbeugsame (1998)) und des Violinisten David Oistrach (David Oistrakh: Artist of the People? (1998)). Natürlich sei der Leser auch ermutigt, einige seiner vielen Aufnahmen, von denen ein paar auf YouTube verfügbar sind anzuschauen oder zu hören:

http://www.youtube.com/watch?v=m_7-KEelaLw

http://www.youtube.com/watch?v=jC1ZJT6ZD6w