Tausende Arbeitsplätze bei Lufthansa gefährdet

Von Elisabeth Zimmermann
1. Mai 2012

Der Lufthansa-Vorstand hat in einem Rundbrief an die 117.000 Mitarbeiter des Konzerns ein neues Sparprogramm namens „Score“ angekündigt, mit dem bis 2014 mindestens 1,5 Milliarden Euro eingespart werden sollen.

Direkt bei Lufthansa sind 40.000 Menschen beschäftigt. Im gesamten Konzern, einschließlich der Tochterfluggesellschaften und den Technikbereichen, sind es knapp 120.000 Arbeiter und Angestellte.

Laut einem Bericht der Bild-Zeitung vom 26. April, sollen allein in den Verwaltungsbereichen Finanzen, Personal und Buchungen weltweit 3.000 von 6.000 Stellen gestrichen werden. Besonders schwer betroffen ist der Flughafen Frankfurt/Main. Hier droht ein Abbau von 1.500 Stellen. Gleichzeitig sollen die verbleibenden Mitarbeiter in diesem Bereich in eine neue Gesellschaft ausgegliedert werden und dort für weniger Geld länger und mehr arbeiten.

Das Sparprogramm sieht vor, die Personalkosten um fünf Prozent pro Flugstunde zu senken. Das soll für alle Berufs- und Mitarbeitergruppen an Bord und am Boden gelten, heißt es in dem Schreiben von Vorstandsmitglied Carsten Spohr, der für den Passagierbereich zuständig ist. Auch Kündigungen seien im Rahmen des Sparpakets nicht ausgeschlossen, sagte eine Lufthansa-Sprecherin.

Zu den aggressiven Sparmaßnahmen des Lufthansa-Vorstands gehören auch Pläne, mit der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens Leiharbeiterinnen als Stewardessen einzusetzen, ein Modell, das dann mittelfristig auch auf andere Standorte und den gesamten Konzern ausgedehnt werden soll.

Des Weiteren werden im Rahmen von „Score“ alle Prozesse gründlich überprüft. Servicefunktionen verschiedener Abteilungen und Tochterunternehmen sollen weitestgehend zusammengefasst werden. Das erklärte Ziel des Lufthansa-Vorstands ist es, Aufgaben dort erledigen zu lassen, wo dies am kostengünstigsten möglich ist.

Spohr kündigte in dem Brief an die Beschäftigten auch an, dass die konzerneigene Billigfluglinie Germanwings in weiten Teilen mit dem Lufthansa-Geschäft zusammengelegt werde. Unter welchem Namen oder Firmenlogo ist noch offen. Dies betrifft vor allem das dezentrale Europageschäft der Lufthansa. Damit sind alle Flüge innerhalb Europas gemeint, die nicht an den Luftfahrtdrehkreuzen München und Frankfurt starten oder landen.

Eine andere Sparvariation besteht darin, die Tochterunternehmen Germanwings und Eurowings organisatorisch noch enger miteinander zu verknüpfen, und auf diesem Weg Arbeitsplätze zu streichen und Kosten zu senken.

Bis 2014 will Lufthansa keine neuen Flugzeuge betrieben, sondern bestenfalls alte Flugzeuge ersetzten. Unrentable Strecken sollen ersatzlos gestrichen werden. Verbindungen von Frankfurt nach Hyderabad und Kalkutta (Indien) sowie nach Guangzhou in China wurden bereits eingestellt. Ziele wie Nanjing (China) und Bangkok (Thailand) stehen auf dem Prüfstand.

Lufthansa erzielte im Jahr 2010 einen Gewinn von 1,131 Milliarden Euro. 2011 wies sie einen Verlust von 13 Millionen Euro aus. Das erklärte Ziel von Lufthansa-Chef Christoph Franz ist es, mit dem jetzt verkündeten Sparprogramm die Effizienz des Unternehmens so zu steigern, dass Lufthansa zur profitabelsten Fluggesellschaft in Europa wird.

Laut einem Bericht der Rheinischen Post forderte er bereits Anfang Februar dieses Jahres auf einem Treffen von Führungskräften ein langfristiges operatives Rendite-Ziel von acht Prozent. Zuletzt lag die Rendite bei Lufthansa 2,6 Prozent.

Diese Gewinnsteigerung soll mit dem jetzt in Umrissen bekannt gewordenen Sparprogramm mit aller Härte auf Kosten der Beschäftigten durchgesetzt werden. Das neue Sparprogramm schließt direkt an das Sparprogramm „Climb 2011“ an, mit dem Franz’ Vorgänger auf dem Vorstandsposten, Wolfgang Mayrhuber, die Fixkosten bereits in den vergangenen zwei Jahren um eine Milliarde Euro gesenkt hatte.

Das Sparprogramm von Lufthansa ist Bestandteil eines gnadenlosen Verdrängungswettbewerbs in der Luftfahrtindustrie, der seit Jahrzehnten auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Den Auftakt machten die USA, wo Löhne und Arbeitsbedingungen oftmals mittels Insolvenzverfahren zerschlagen wurden. Der einst gut bezahlte Beruf des Piloten oder des Flugbegleiters ist inzwischen ein schlecht bezahlter Knochenjob.

Viele kleine staatliche Fluglinien wie Swissair oder Austrian Airlines sind von Lufthansa und anderen Großen der Branche geschluckt worden, die nun selbst massiv sparen. So hat die australische Qantas erst vor kurzem ein massives Sanierungsprogramm gegen den Widerstand der Belegschaft durchgesetzt.

In Europa wird der Takt durch Billigfluglinien wie Ryanair und Easyjet vorgegeben. Die Lage wird zusätzlich durch die Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise, den konjunkturellen Rückgang mit Einbrüchen beim Frachtverkehr und den scharfen Wettbewerb mit Fluglinien wie Emirates und Etihad auf Langstreckenflügen verschärft.

Lufthansa kann bei der Durchsetzung des Sparprogramms auf die volle Unterstützung der Gewerkschaften zählen. Sie sind seit langem in die Sparpläne eingeweiht und frühzeitig in die Planung einbezogen worden. Alle bei Lufthansa vertretenen Gewerkschaften sitzen auch im Aufsichtsrat. Verdi-Chef Frank Bsirske ist sogar stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Lufthansa.

Auch dem Gesamtbetriebsrat liegt das Vorstandskonzept vom 23. März dieses Jahres, das Grundlage des Vorstandsbriefs an die Beschäftigten ist, laut dem anfangs zitierten Bericht der Bild-Zeitung vor.

Es gehört zum üblichen abgekarteten Ritual, wenn sich die Gewerkschaftsfunktionäre trotzdem „überrascht“ und „schockiert“ zeigen und „Widerstand“ ankündigen. Eine Verdi-Sprecherin erklärte: „Wir befürchten Personalabbau und Lohnkürzungen, und wir werden alles tun, um hier einen Riegel vorzuschieben.“ Ein Sprecher der Unabhängigen Flugbegleiterorganisation (UFO) sagte: „Der Brief des Vorstands kam unerwartet und wir sehen das als ein ernstes Drohszenario.“

UFO-Sprecher Alexander Behrens, der auch Mitglied des Betriebsrats ist, behauptete letzte Woche in der Frankfurter Rundschau, die Vertretungen des Personals in der Kabine, am Boden sowie im Cockpit seien weder gehört noch informiert worden. Das sei kein anständiger Umgang mit der Mitbestimmung.

Gleichzeitig warnte Behrens die Lufthansa-Manager, es sei nicht klug, gleich alle drei Berufsgruppen gegen sich aufzubringen. Behrens ist offenbar der Ansicht, dass sich der laut Kennern der Branche allein in Deutschland zu erwartende Abbau von 5.000 Stellen besser durchsetzen lässt, wenn sich Lufthansa die einzelnen Berufsgruppen getrennt vornimmt.

Über die genaue Umsetzung des Sparprogramms will der Lufthansa-Vorstand am 10. Mai mit Verdi verhandeln. Wie er sich dies vorstellt, hat er gegenüber den Piloten und Flugbegleitern des Tochterunternehmens Austrian Airlines demonstriert, die sich bisher geweigert hatten, Zugeständnisse bei ihren Löhnen und Arbeitsbedingungen zu machen.

Am 19. April beschloss der Aufsichtsrat der österreichischen Fluggesellschaft unter Leitung von Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer, das gesamte fliegende Personal künftig bei der Regionaltochter Tyrolean anzustellen. Damit fallen automatische Gehaltssteigerungen und Pensionsverpflichtungen weg, neu einsteigende Piloten verdienen etwa 25 Prozent weniger und die Gehälter der aktuellen Mitarbeiter werden eingefroren. Austrian-Chef Jaan Albrecht kommentierte das mit den Worten: „Wir haben heute eine Entscheidung getroffen, die Austrian Airlines von strukturellen Altlasten befreit.“

Das knallharte Vorgehen gegen die Piloten und Flugbegleiter von Austrian Airlines muss allen Lufthansa-Beschäftigten eine Warnung sein. Sie können sich nicht auf die Gewerkschaften stützen, um ihre Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen zu verteidigen. Sie müssen unabhängige Aktionskomitees aufbauen, Kontakte zu Luftfahrtbeschäftigten auf der ganzen Welt knüpfen und für eine sozialistische Perspektive kämpfen, die die Interessen der Beschäftigten höher stellt als die Profitinteressen des Konzernvorstands.