Nokia entlässt erneut 10.000 Beschäftigte

Von Sybille Fuchs
22. Juni 2012

Der ehemals größte Handy-Hersteller, das finnische Unternehmen Nokia, will erneut mit Massenentlassungen aus seiner Krise kommen. Weltweit sollen 10.000 Beschäftige ihren Arbeitsplatz verlieren. In Deutschland wird der Standort für Forschung und Entwicklung in Ulm geschlossen. Zudem schließt das im kanadischen Burnaby gelegene Nokia-Werk seine Tore. Selbst das finnische Traditionswerk Salo, das seit 1979 besteht und in dem das erste Nokia Windows Phone hergestellt wurde, wird stillgelegt.

Der Abbau soll rund 2,4 Milliarden Euro (3 Mrd. Dollar) einsparen. Wie Nokia-Chef Stephan Elop erklärte, sei ein Umbau des Konzerns notwendig, um Kosten zu sparen und langfristig die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Zu Jahresbeginn vermeldete der Konzern einen Verlust von 929 Millionen Euro. Vor einem Jahr noch hatte Nokia einen Gewinn von 344 Millionen Euro bekanntgegeben, was den Konzern aber nicht daran hinderte, Massenentlassungen durchzuführen und Werke zu schließen.

Bereits Anfang Februar hatte das Unternehmen angekündigt, tausende Stellen zu streichen und den größten Teil der Handy-Produktion in Niedrigstlohnländer nach Asien zu verlagern. Etwa 4.000 Beschäftigte in Finnland, Ungarn und Mexiko sind davon betroffen. Ende letzten Jahres wurde das Werk in Cluj in Rumänien geschlossen. Dieses hatte erst drei Jahre zuvor die Produktion des stillgelegten Werks in Bochum übernommen, in dem nach heftigem Kampf der Belegschaft 2.300 Arbeitsplätze vernichtet worden waren.

Die rumänischen Arbeiter erhielten durchschnittlich nur 220 Euro im Monat. Obwohl der rumänische Staat die Produktion mit 20 Millionen Euro subventioniert hatte, wurde nur ein Bruchteil der versprochenen 4.000 Arbeitsplätze geschaffen. Auch für das Bochumer Werk waren öffentliche Gelder geflossen.

Insgesamt beschäftigt Nokia zurzeit weltweit noch etwa 125.000 Menschen. Der größte Teil davon arbeitet bei dem zu Nokia gehörenden Netzwerk-Ausrüster Nokia-Siemens Network (NSN), der ebenfalls tief in der Krise steckt und bereits im Januar die Streichung von Arbeitsplätzen angekündigt hatte. Weltweit baut NSN etwa 20.000 Arbeitsplätze ab und schließt auch in Deutschland Standorte.

Als Gründe für die jetzt angekündigten Entlassungen und Schließungspläne werden der harte Wettbewerb auf dem Smartphone-Markt und die verlustreiche Sanierung von NSN angegeben. Nokia war 14 Jahre lang Weltmarktführer bei Mobiltelefonen, wurde jedoch inzwischen durch Samsung überholt. Weltweit konnte Nokia in keiner Region seine Gewinne stabil halten. In Europa brachen die Umsätze um 35 Prozent ein und in China sogar um 70 Prozent.

Während der Handy-Absatz weltweit zurückgeht, steigt der von Smartphones beständig. In den Verkaufszahlen von Smartphones ist Nokia jedoch Wettbewerbern wie Apple und anderen Herstellern von Android-Telefonen weit unterlegen. Nokia hat daher beschlossen, die Produktion von Handys stark zurückzufahren.

Daher wird auch das Forschungs- und Entwicklungszentrum in Ulm, das mit seinen 730 Beschäftigten vor allem robuste Handys für den Markt in Entwicklungsländern entwickelte und testete, jetzt für entbehrlich gehalten. Die dort getesteten Geräte werden zwar immer noch in großen Stückzahlen gekauft, werfen aber nicht mehr den gewünschten Gewinn ab. Denn in Indien können die Handys für umgerechnet höchstens 20 Euro verkauft werden. Für Smartphones werden dagegen teilweise über 500 Euro hingeblättert.

Betriebsrat und IG Metall werfen dem Nokia-Konzern vor, von der „New Nokia Strategy“, die erst 2011 auf den Weg gebracht worden war, abzuweichen. Im Rahmen dieser Strategie hatten sie selbst einer Umstrukturierung von Standorten und Personalabbau zugestimmt. In einer Pressemitteilung kritisieren sie nun, dass, bevor diese Strategie überhaupt habe greifen können, die Unternehmensleitung in Finnland Tabula Rasa mache.

In Wirklichkeit liegen die jetzigen Massenentlassungen auf der Linie der neuen Strategie, die Gewerkschaften und Betriebsräte unterschrieben und gegen die Beschäftigten durchgesetzt haben: Durch Stellenstreichungen und die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer soll der Profit der Firma auf Kosten der Arbeiter erhöht werden.

Diese Logik führt unweigerlich zu weiteren Angriffen und setzt eine Abwärtsspirale der Löhne in der gesamten Branche in Gang. Längst hat Nokia angekündigt, auch die Produktion der teureren Smartphones nach Asien zu verlagern. Werke in Ungarn und Mexiko sollen geschlossen werden.

Neben den angekündigten Schließungsplänen und Umbaumaßnahmen verkaufte Nokia auch seine Luxus-Handy-Marke Vertu im britischen Church Crookham für ca. 200 Millionen Euro an den Finanzinvestor EQT, um wieder Geld in die sich leerenden Kassen des Konzerns zu spülen. Die Marke Vertu ist bekannt für mit Edelsteinen besetzte Handys, für die reiche Käufer mehr als 5.000 Euro springen lassen.