Schlecker wird zerschlagen

Von Ernst Wolff
2. Juni 2012

Am Freitag hat der Gläubigerausschuss das Aus für die insolvente Drogeriemarktkette Schlecker beschlossen. Nachdem bereits Ende März 11.200 Mitarbeiterinnen ihren Arbeitsplatz verloren, erhalten noch in diesem Monat oder Anfang Juli rund 14.000 weitere die Kündigung. Am kommenden Dienstag findet in Ulm eine Gläubigerversammlung statt, auf der die bereits getroffene Entscheidung formal abgesegnet werden soll.

Verdi-Kundgebung vor dem Kanzleramt Verdi-Kundgebung vor dem Kanzleramt

Dem endgültigen Aus für Schlecker war ein dramatisches viermonatiges Tauziehen vorausgegangen, das auf dem Rücken und den Nerven der Belegschaft ausgetragen wurde. Die Gewerkschaft Verdi hat dabei eine üble Rolle gespielt.

Verdi hatte nie die Absicht oder ein Konzept, alle Arbeitsplätze zu verteidigen. Stattdessen sah die Gewerkschaft ihre Aufgabe darin, das Unternehmen durch die Schließung eines Teils der Filialen und Lohneinbußen für die Mitarbeiter für einen Finanzinvestor schmackhaft zu machen. Zu diesem Zweck deckte Verdi der Insolvenzverwaltung und den Gläubigern monatelang den Rücken, traf geheime Absprachen und hielt Informationen zurück.

Kaum war das Insolvenzverfahren in Gang, da begann Verdi, hinter verschlossenen Türen mit den milliardenschweren Gläubigern Markant Finanz und Euler-Hermes zu verhandeln. Obwohl es gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, verpflichtete sich Verdi zur Geheimhaltung aller Gespräche und beließ die Mitarbeiterinnen so über die für sie lebenswichtigen Verhandlungen im Dunkeln.

Der anderen Seite gegenüber verhielt Verdi sich erheblich großzügiger: Im Gegensatz zu den Schlecker-Mitarbeitern wurde der Bank Rothschild im Gläubigerausschuss ohne Umschweife Beobachterstatus zugestanden.

Als im März fast die Hälfte der 6.000 Schlecker-Filialen geschlossen wurden, trafen Verdi und die ihr nahestehenden Betriebsräte die Auswahl, wer gehen musste und wer seinen Job behalten durfte. Die Betriebsräte wurden dabei dank Kündigungsschutz bevorzugt. Das schuf jede Menge böses Blut und bedeutete für viele unerträglichen Stress und nervliche Anspannung – umsonst, wie sich jetzt zeigt, da trotzdem alle entlassen werden.

Wer damals um seinen Arbeitsplatz bangte, kann es nur als blanken Hohn empfinden, wenn Verdi-Vertreter Achim Neumann die jüngste Entwicklung gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Der Handel mit den Worten kommentiert: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“

Nach der ersten Kündigungswelle konzentrierte Verdi seine Anstrengungen dann darauf, die entlassenen Mitarbeiterinnen von Kündigungsschutzklagen abzuhalten. Verkäuferinnen, die teilweise jahrzehntelang für Schlecker gearbeitet hatten, sollten so freiwillig auf eine Abfindung verzichten, damit die Drogeriekette für Finanzhaie interessant bleibt.

Ursprünglich wollte Verdi zu diesem Zweck eine Transfergesellschaft gründen. Für die Mitarbeiterinnen wäre eine solche Gesellschaft nichts weiter als ein Verschiebebahnhof in die Arbeitslosigkeit gewesen. Sie hätten aber mit dem Eintritt in die Transfergesellschaft automatisch alle Ansprüche an Schlecker aufgegeben.

Der Plan scheiterte schließlich am Widerstand der FDP, die aufgrund ihrer marktradikalen Ideologie jede Art staatlicher Unterstützung kategorisch ablehnte.

In den letzten Wochen war Verdi dann in die geheimen Verhandlungen involviert, die der Konkursverwalter Geiwitz und der Gläubigerausschuss mit möglichen Investoren führten. Am Schluss waren nur noch zwei Investoren im Gespräch, der Hedgefonds Cerberus und der US-Milliardär und Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen. (Siehe: „Schlecker droht Zerschlagung“)

Noch am Mittwoch dieser Woche bot Verdi an, die Einkünfte bei Schlecker für drei Jahre um 10,5 Prozent zu senken und auf das Urlaubsgeld zu verzichten. Unter dem Druck der Gewerkschaft hatten sich 75 Prozent der Mitglieder in einer Umfrage zu einem solchen Schritt bereit erklärt.

Doch am Freitag erklärte Insolvenzverwalter Gleiwitz, die Angebote von Cerberus und Berggruen seien für den Gläubigerausschuss „schlichtweg nicht akzeptabel“. Zum konkreten Inhalt der Angebote und den Bedingungen des Gläubigerausschusses äußerten sich weder Gleiwitz noch Verdi.

Nun versucht Verdi letzte Hoffnungen in die Bundesregierung und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu wecken. Kaum war das Aus für Schlecker bekannt, zogen etwa 150 Verdi-Funktionäre und Schlecker-Betriebsräte, die Parallel zum Gläubigerausschuss in Berlin getagt hatten, vor das Kanzleramt und forderten in Sprechchören: „Merkel lass das Glotzen sein, setz‘ dich für Schleckerfrauen ein.“

Merkel verwies sie ans Arbeitsamt und auf die angeblich gute Lage am Arbeitsmarkt. „Wir werden über die Bundesagentur für Arbeit und natürlich vor allem über die regionalen Arbeitsämter sicherlich alles daran setzen, dass die Beschäftigen die Chance bekommen, schnell wieder eine Arbeit bekommen“, sagte sie. Da sei im Augenblick sicherlich vieles möglich.

Die Absage von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) war weniger diplomatisch. „Grundsätzlich gilt in der sozialen Marktwirtschaft, dass es nicht Aufgabe des Staates ist, Unternehmen zu retten“, erklärte er. „Dies wäre wettbewerbsverzerrend und würde an anderer Stelle viele Arbeitsplätze kosten.“

Während Verdi alles tat, um die Belegschaft hinzuhalten und jeden Kampf gegen die Vernichtung von 25.000 Arbeitsplätzen zu verhindern, stellte die Gewerkschaft das Vermögen der Familie Schlecker, das sich 2008 noch auf 3,8 Milliarden Euro belief, nie wirklich in Frage.

Firmenpatriarch Anton Schlecker behauptet zwar, er habe das Vermögen zur Deckung der Firmenverluste „aufgebraucht“. Es ist aber bekannt, dass er zumindest Teile davon auf seine Kinder übertragen hat. Verdi hat sich nie ernsthaft dafür eingesetzt, aufzuklären, wo bei drei Jahresverlusten in Höhe von insgesamt 600 Millionen Euro die restlichen 3,2 Milliarden geblieben sind.

Das Manager Magazin meldete im März, dass den Schleckers Aufgrund der bekannten Vermögenswerte ein monatliches Einkommen von 70.000 Euro im Monat verbleibe. Dass wohl auch noch unbekanntes Vermögen vorhanden ist, zeigt eine Meldung des Wirtschaftsmagazins Gewinn und des property magazine vom vergangenen Mittwoch. Danach haben Anton Schleckers Kinder Lars und Meike für den Spottpreis von 2,5 Millionen Euro ein 24.000 m² großes Logistikcenter der Drogeriekette in Pöchlarn in Niederösterreich erworben. Den Kaufvertrag mit dem offiziellen Datum vom 29. Februar hatte noch Anton Schlecker als Geschäftsführer unterschrieben, obwohl das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits Insolvenz angemeldet hatte.

Das Logistikzentrum ist nicht das einzige Filetstück, das aus der Insolvenzmasse herausgepickt wurde. Dasselbe geschah mit den Tochtergesellschaften IhrPlatz GmbH (490 Filialen, ca. 4.000 Mitarbeiter) und Schlecker XL (342 Filialen, ca. 1100 Mitarbeiter). Die profitable tschechische Schlecker-Sparte ist bereits an den Investor PK Solvent gegangen und 139 ebenfalls gewinnbringende französische Läden wurden vergangene Woche an den Investor Système U verkauft. Obwohl dieser stückweise Ausverkauf der besten Teile des Unternehmens den Kampf um die verbleibenden Arbeitsplätze zusätzlich erschwerte, protestierte Verdi in keinem Fall.

Um zu verhindern, dass nun all die milliardenschweren Gläubiger bedient werden, die Arbeiterinnen aber leer ausgehen, müssen die Beschäftigten bei der Gläubigerversammlung am Dienstag Verdi das Verhandlungsmandat entziehen. Bevor ein Cent an die Gläubiger ausgezahlt wird, müssen alle ausstehenden Löhne beglichen und für jeden entlassenen Mitarbeiter eine Abfindung in Höhe von mindestens 25.000 Euro gezahlt werden.

Um diese Forderung und das weitere Vorgehen zu diskutieren, hat die WSWS in Zusammenarbeit mit der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) ein Diskussionsportal im Internet eingerichtet, in dem sich Mitarbeiterinnen unabhängig von Verdi austauschen und organisieren können.