Spanische Bankenkrise erschüttert weltweite Finanzmärkte

Von Andre Damon
5. Juni 2012

Die Angst vor einem Zusammenbruch der Eurozone trieb Investoren am Mittwoch in sichere Anlagen. Als Folge davon sanken die Erträge für amerikanische Staatsanleihen auf den tiefsten Stand seit 1946.

Die Investoren flohen aus spanischen und italienischen Staatsanleihen, nachdem die Europäische Zentralbank erklärt hatte, sie werde Spanien kein Kapital zur Verfügung stellen, um Bankia zu rekapitalisieren. Bankia, die viertgrößte Bank des Landes, hatte letzte Woche bei der spanischen Regierung ein Rettungspaket in Höhe von neunzehn Milliarden Euro beantragt.

Als Reaktion auf die Stellungnahme der EZB kündigte die spanische Regierung an, weitere neunzehn Milliarden Euro zur Rettung der Bank aufzutreiben.

Die Zinsen auf spanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit stiegen um 0,23 Prozentpunkte auf 6,64 Prozent. Dieser Wert ist gefährlich nahe an dem Niveau von sieben Prozent, das Griechenland und Portugal dazu zwang, Rettungspakete von der Europäischen Union zu beantragen.

Die Kreditkosten der italienischen Regierung stiegen zum ersten Mal in diesem Jahr auf über sechs Prozent, da Italien sein Ziel nicht erreichte, Anleihen im Wert von 6,25 Milliarden Euro zu verkaufen. Italiens Kreditkosten liegen jetzt um 4,65 Prozentpunkte über denen Deutschlands.

Die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit fielen erstmalig kurzzeitig auf unter null Prozent. Investoren bezahlten die Bundesregierung tatsächlich dafür, sich Geld leihen zu dürfen. Die Zinsen für Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit sanken im Verlauf des Tages um 0,04 Prozent, auf 0,007 Prozent. Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit erreichten ebenfalls ein Rekordtief von 1,261 Prozent.

Bankia forderte am Freitag Unterstützung von der spanischen Regierung, nachdem sie von Standard & Poor’s zusammen mit anderen Banken herabgestuft worden war. Am Mittwoch fielen die Aktienkurse der Bank um 8,6 Prozent. Davor waren sie bereits fünf Tage in Folge gesunken.

Die Summe der Einlagen spanischer Banken sinkt weiterhin. Die Gesamtsumme sank um 31,44 Milliarden, bzw. 2,4 Prozent, auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Eurokrise.

Die Bank von Spanien kündigte am Mittwoch an, dass ihr Chef Miguel Angel Fernandez Ordonez Ende der Woche zurücktreten werde - einen Monat früher als bisher geplant.

Das Land wurde außerdem am Mittwoch, nachdem die Märkte schlossen, durch die Ratingagentur Egan Jones Ratings Co. weiter herabgestuft, und zwar von B auf BB-Minus. Es erhielt außerdem eine negative Prognose.

Als Reaktion auf diese Entwicklungen brachen die Aktienmärkte in ganz Europa ein. Der spanische Index Ibex fiel um 2,5 Prozent, der Stoxx Europa 600 um 1,5 Prozent. Amerikanische Börsen waren von den Verkäufen in Europa ebenfalls betroffen, Standard & Poor’s 500 fiel um 1,43 Prozent, der Dow Jones um 160 Punkte, bzw. 1,28 Prozen.

In den USA wurde der Aktienverkauf von Unternehmen angeführt, die stark von den Fluktuationen der weltweiten Nachfrage betroffen sind. Der Aluminiumhersteller Alcoa verlor 3,43 Prozent, der Baumaschinenhersteller Caterpillar 2,5 Prozent.

Der Euro fiel gegenüber dem Dollar um 0,8 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit zwei Jahren. Er kam zustande, da Investoren sich beeilten, vom Dollar gestützte Wertpapiere als sichere Anlage zu kaufen.

Die Angst davor, dass Spanien einen ähnlichen Wirtschaftszusammenbruch erleidet wie Griechenland – dessen Wirtschaft im vergangenen Jahr um 6,2 Prozent schrumpfte – veranlasste die Europäische Kommission am Mittwoch zu der Stellungnahme, sie „erwäge ernsthaft“, die Frist in der Spanien sein Haushaltsdefizit auf drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes senken muss, auf 2014 zu verlängern.

Die Organisation, die als ausführendes Organ der Europäischen Union auftritt, brachte auch die Möglichkeit einer „Bankenunion“ ins Spiel. Sie würde es ermöglichen, in Notlage geratene Banken gemeinsam zu retten. Spanien wurde dafür als Beispiel genannt.

Die Schuldenkrise ereignet sich vor dem Hintergrund wachsender Anzeichen für einen neuen wirtschaftlichen Abschwung. Der Purchasing Managers‘ Index für die Eurozone fiel laut Zahlen, die diese Woche veröffentlicht wurden, so schnell wie seit drei Jahren nicht mehr. Markit, der Herausgeber dieses Indexes, kam zu dem Schluss, dass die Wirtschaft der Eurozone im zweiten Quartal um 0,5 Prozent schrumpfen wird.

Nach der Ankündigung Großbritanniens, seine Wirtschaft sei im ersten Quartal um 0,3 Prozent geschrumpft, fiel der deutsche Geschäftsklimaindex um den zweithöchsten Wert seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers.

Es herrscht zunehmend Einigkeit, dass das Wirtschaftswachstum der Eurozone dieses Jahr zurückgehen wird, und dass es nächstes Jahr noch schlimmer werden wird.

Durch die wachsenden Schuldenkrisen in Spanien und Italien entsteht die Gefahr, dass auch diese Länder bald nicht mehr in der Lage sein werden, Geld für die Anleihenmärkte aufzutreiben. Griechenland und Portugal sind relativ klein – sie entsprechen nur 1,7 bzw. 1,3 Prozent der Wirtschaft der Eurozone, Spanien und Italien sind jedoch für 8,4 bzw. für zwölf Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung der Europäischen Union verantwortlich.