Alcoa-Arbeiter protestieren in Rom gegen geplante Werkschließung

Von Mike Jobson
20. September 2012

Am Montag, den 10. September, fuhren etwa fünfhundert Alcoa-Arbeiter aus Sardinien zu einer Demonstration nach Rom. Vor dem Ministerium für Wirtschaftsentwicklung protestierten sie gegen die Entscheidung des US-Multis Alcoa, das Aluminiumwerk in Portovesme zu schließen. Wie ernst die Lage dieser und anderer Arbeiter der Region ist, unterstreicht mittlerweile eine ganze Welle von wütenden Protesten. Drei Arbeiter haben den höchsten Turm ihrer Fabrik besetzt und ein Transparent mit der Aufschrift: „disposti a tutto“ (zu allem bereit) entrollt. Die Besetzung endete nach drei Tagen, weil einer der Besetzer ernstlich erkrankte.

Am 11. September, einen Tag nach der Demonstration in Rom, kaperte eine Gruppe von Alcoa-Arbeitern das Schiff Tirrenia für zwei Stunden, um deutlich zu machen, dass der Kampf nicht vorüber sei. Mit dem Ergebnis der Gespräche über ihr weiteres Schicksal waren sie in keiner Weise zufrieden.

Wenn das Alcoa-Werk, wie angekündigt, geschlossen wird, haben die Arbeiter auf Sardinien keinerlei Aussicht mehr auf einen Arbeitsplatz. Die Werksschließung ist die jüngste in einer langen Reihe von Stilllegungen, wobei die bekannteste die Grube Nuraxi Figus in der gleichen Region (dem Sulcis) ist. Dort haben vierzig Bergarbeiter eine Woche lang in 373 Meter Tiefe ihren Schacht besetzt.

Die Alcoa-Schließung wird über tausend Familien zu Armut und Obdachlosigkeit verurteilen, einschließlich derer, die für Zulieferbetriebe von Alcoa arbeiten. So haben viele Arbeiter die Befürchtung ausgedrückt, dass sie ihr Haus verlieren, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlen können.

Alcoa will das Werk schließen, um die Produktion nach Saudi-Arabien zu verlagern, wo die Kosten für Treibstoff und Löhne wesentlich niedriger als in Italien sind.

Am 8. September wurde an einem Strommast auf dem Werksgelände eine Sprengstoffattrappe entdeckt. Obwohl niemand deshalb beschuldigt wurde, dient der Zwischenfall doch seither als willkommener Anlass, um unter dem Vorwand stärkerer „Sicherheit“ den Polizeiapparat aufzurüsten. Ministerin Anna Maria Cancellieri nannte den Zwischenfall „beunruhigend“. Mehrere Mitglieder der italienischen Technokratenregierung haben ihre tiefe Sorge über das Anwachsen von – wie sie es nennen – „Populismus“ in ganz Europa geäußert.

Was die Regierung des italienischen Premiers Mario Monti und ihre internationalen Partner in Wirklichkeit fürchten, ist die Entwicklung des Klassenkampfs als Folge der brutalen Sparmaßnahmen, die sie der Bevölkerung aufoktroyieren. In diesem Zusammenhang zerstören sie Arbeitsplätze, greifen Löhne und Renten an und treten demokratische Grundrechte mit Füßen.

Als die Arbeiter am 10. September in Rom eintrafen, um vor dem Ministerium für Wirtschaftsentwicklung zu protestieren (viele in schwarzen T-Shirts mit der gleichen Aufschrift „zu allem bereit“ wie auf dem Transparent am Alcoa-Turm), sahen sie sich mit einem gewaltigen Polizeiaufgebot konfrontiert. Die Spannungen zwischen den Arbeitern und der Polizei stiegen, als wütende Arbeiter Flaschen auf die Polizisten warfen. Bei den Zusammenstößen zwischen Arbeitern und Polizisten gab es mehrere Verletzte.

Stefano Fassina, Wirtschaftssprecher der Demokratischen Partei (PD), der auf demselben Platz ein Interview gab, wurde von den Arbeitern mit Rufen wie „Hau ab“, „Bastard“, „Geh arbeiten“ und „Aasgeier“ angegangen (siehe video).

Das Werk auf Sardinien hatte früher unter dem Namen Efim dem Staat gehört und war 1995 an Alcoa verkauft worden, als zahlreiche staatliche Unternehmen an private Investoren ausverkauft wurden. Dies geschah damals in vollkommenem Einverständnis beider großer politischer Lager, sowohl des rechten wie des „linken“. Bis 2009 konnte Alcoa dann von einer Energiekosten-Rückerstattung profitieren, deren Kosten über Strompreiserhöhungen wiederum der arbeitenden Bevölkerung Italiens aufgebürdet wurden.

Am Ende unterband die EU mit ihren Regeln diese Politik der staatlich subventionierten Kostenrückerstattung (die sich auf die gewaltige Summe von über drei Milliarden Euro belief).

2008 hatte das Alcoa-Management sich über die hohen Arbeitskosten in Europa beschwert, sie mit jenen in anderen Weltregionen verglichen und behauptet, es mache keinen Sinn mehr, auf Sardinien produzieren zu lassen. Kurz darauf folgte die Ankündigung, die Werksanlage in Portovesme im November 2009 zu schließen.

Am 4. September 2012 bezeichnete der Minister für Wirtschaftsentwicklung und Ex-Banker Corrado Passera die Situation als „nahezu unmöglich“, als er auf einem Kongress der Demokratischen Partei in Reggio Emilia sprach. Mit dem kaltschnäuzigen Zynismus des bürgerlichen Politikers erklärte er: „Wir werden die Suche nach zahlungskräftigen Käufern fortsetzen, aber wir können nicht leugnen, dass dies eine nahezu unmögliche und für Investoren wenig interessante Situation ist.“

Die nationale Sekretärin der „militanten“ Gewerkschaft Fiom, Laura Spezia, sagte nicht weniger zynisch: „Die Situation ist dramatisch und die Regierung kann sich bei der Suche nach einer Lösung nicht hinter den Schwierigkeiten verschanzen.“ Diese hohlen Worte unterstreichen die Tatsache, dass die Gewerkschaften bereit sind, mit dem bürgerlichen Staat zusammenzuarbeiten und Bedingungen zu schaffen, die eine weitere Unterordnung der Arbeiterklasse unter die Konzerne sicherstellen. Das bedeutet, dass die Löhne halbiert und wenn nötig die Belegschaft verringert wird, um die Profite zu maximieren.

PD-Sekretär Pierluigi Bersani ließ die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen, seine arbeiterfeindliche Haltung zur Schau zu stellen. Er sagte: „Sparmaßnahmen sind notwendig, aber wenn die produktive Kapazität eingeschränkt wird, können wir den [Staats]-Haushalt nicht im Gleichgewicht halten.“

Die Gespräche zwischen Passera, dem sardischen Regionalvertreter und den Gewerkschaften haben keine Lösung herbeigeführt. Was „erreicht“ wurde, war eine leichte Verzögerung bei der Schließung, welche die vor dem Ministerium versammelten Arbeiter zu Recht mit Verachtung aufnahmen.

Die Arbeitsministerin Elsa Fornero sagte am 6. September mit unverfrorener Heuchelei, die Regierung stehe „an der Seite der Arbeiter“, um im nächsten Satz zu erklären: „Es wäre falsch, zu behaupten, dass wir eure Arbeitsplätze sichern könnten.“

Für eine mögliche Übernahme käme entweder der Schweizer Rohstoffriese Glencore, oder die Industriegruppe Klesch in Frage. Beide prüfen, ob sie von der Not der Arbeiter profitieren und eine vorteilhafte Übernahme tätigen können, bei der sie von der Belegschaft hohe Zugeständnisse verlangen werden. Diese Option würde von den Gewerkschaften sicherlich unterstützt.

Am 10. September sagte der nationale Sekretär der Gewerkschaft Fim-Cisl, Marco Bentivogli, der an den Gesprächen im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung teilgenommen hatte, voller Begeisterung: „Alcoa hat sich für Verhandlungen mit Klesch fit gemacht, die einzige Partie, die eine offizielle Interessenserklärung an Portovesme abgegeben hat.“ Das bedeutet einen Ausverkauf des Werks unter Bedingungen, wo die Arbeiter gezwungen werden, Lohnverzicht zu üben und alle Kosten zu tragen. So sieht die Perspektive aus, welche die Gewerkschaften als „Lösung“ präsentieren.