150 Jahre nach der Emanzipations-Proklamation

Von Tom Mackaman
26. September 2012

Am 22. September 1862 veröffentlichte US-Präsident Abraham Lincoln die Emanzipations-Proklamation. Mit ihrem Inkrafttreten am 1. Januar 1863 wurden etwa vier Millionen Sklaven in den konföderierten amerikanischen Südstaaten rechtlich befreit.

Durch die Emanzipations-Proklamation wurde der Amerikanische Bürgerkrieg zu einer sozialen Revolution. Sie verwandelte den Kampf des Nordens, der bisher geführt wurde, um die Union, wie sie im Jahr 1860 existiert hatte zu erhalten, in einen Krieg zur Abschaffung der Sklaverei und der sozialen und politischen Ordnung zu verwandeln, auf der sie basierte.

Angesichts ihrer weitreichenden Folgen und Lincolns verdientem Ruf als Meister der Prosa mag der unscheinbare und juristische Stil des Dokumentes überraschen. Die entscheidende Stelle kommt erst in der Mitte, wo Lincoln schreibt: „Am ersten Tag des Januars im Jahre des Herrn Eintausendachthundertdreiundsechzig werden alle, die in einem Bundesstaat oder einem Teil eines Bundesstaat, der gegen die Vereinigten Staaten rebelliert, als Sklaven gehalten werden, fortan und für immer frei sein.“

Der bescheidene Stil verringerte nicht den revolutionären Inhalt der Proklamation. „Lincolns Figur ist ‘sui generis’ in den Annalen der Geschichte“, schrieb Karl Marx am 9. Oktober 1862 in Die Presse. „Die furchtbaren, geschichtlich ewig merkwürdigen Dekrete, die er dem Feind entgegenschleudert, sehen alle aus und bestreben sich auszusehen, wie alltägliche Ladungen, die ein Anwalt der Gegenpartei zustellt.“

Die „vorläufige“ Emanzipations-Proklamation, wie sie manchmal genannt wird, stellte die Möglichkeit in Aussicht, dass den rebellischen Staaten die Enteignung erspart bliebe, wenn sie innerhalb der 100 Tage vom 22. September bis zum 1. Januar 1863 und einem Plan zustimmten, die Sklaven nach und nach freizulassen. Lincoln erwog in der ursprünglichen Version sogar, die befreiten Sklaven für ein Kolonisierungsprojekt „auf diesem oder einem anderen Kontinent“ einzusetzen.

Lincoln glaubte nicht, dass Angebote die rebellischen Staaten wieder in die Union zurückbringen würden. Ihre Erwähnung in dem Dokument (in der endgültigen Version erwähnte Lincoln das Kolonialisierungsprojekt nicht) sollte die Sklaven haltenden Grenzstaaten, die noch in der Union waren (Missouri, Kentucky, Delaware, West Virginia und Maryland) und einen Teil der Wähler im Norden beschwichtigen, wo die Bevölkerung von der Presse der Demokratischen Partei und deren Politikern unnachgiebig mit Propaganda über „Rassenvermischung“ und den Zielen der „schwarzen Republikaner“ aufgehetzt wurde, einen Aufstand der Sklaven zu entfesseln.

Lincoln erließ die Emanzipations-Proklamation als militärischen Befehl in seiner Position als Oberbefehlshaber. Dabei nutzte er seine Vollmachten in der Kriegszeit, um die Opposition der Demokratischen Partei gegen die Sklavenbefreiung zu umgehen. Deshalb, und wegen Verfassungszusätzen, die Sklaverei erlaubten, galt die Proklamation nur für das Gebiet der Konföderierten. Damals gab es jedoch kaum Zweifel, dass das Dokument das Ende der Sklaverei bedeuten würde. Der konföderierte Präsident Jefferson Davis nannte es erbost, eine „Einladung zur Ermordung der Sklavenhalter.“

Tatsächlich wurde der 13. Zusatzartikel zur Verfassung, durch den die Sklaverei in den Vereinigten Staaten abgeschafft wurde, von beiden Häusern des Republikanisch dominierten Kongresses noch vor dem Ende des Krieges verabschiedet und trat im Dezember 1865 in Kraft.

Lincolns persönliche Ablehnung der Sklaverei war allgemein bekannt. Freund und Feind sahen ihn als politischen Gegner der Sklaverei – wenn auch nicht als Abolitionisten. „So wie ich kein Sklave sein wollte, wollte ich auch kein Herr sein. Das ist meine Vorstellung von Demokratie“, erklärte er.

Dennoch gewannen die Republikaner die Wahl von 1860 mit dem Versprechen, die Sklaverei dort, wo sie bereits existierte, nicht abzuschaffen; sie sollte nur in neuen Territorien verboten werden. Obwohl die Elite der Südstaaten diese Position ablehnte, indem sie sich von den USA trennte und den Krieg begann, führte die Lincoln-Regierung den Bürgerkrieg von 1861-62 als Kampf für die Wiederherstellung des Status Quo Ante.

Noch am 22. August 1862 veröffentlichte Lincoln einen Brief in Horace Greeleys sklavereifeindlicher Zeitung The New York Tribune, in der er diese Haltung zu bestätigen schien. Er schrieb die berühmten Worte: „Wenn ich die Union retten könnte, ohne einen Sklaven zu befreien, würde ich es tun; wenn ich sie retten könnte, indem ich alle Sklaven befreie, würde ich es auch tun; und wenn ich sie retten könnte, indem ich einige befreie und andere nicht, würde ich auch das tun.“

Teilweise wurden diese Worte als Beweis gewertet, dass Lincoln sich wenig für die Sklaverei interessierte, und noch weniger für die Sklaven. Dabei wird aber der Schluss des Briefes übersehen: „Ich habe hier meine Haltung gemäß meiner offiziellen Pflicht erklärt, und ich habe nicht vor, meinen oft geäußerten persönlichen Wunsch zu ändern, dass alle Menschen überall frei sein sollten.“

Außerdem übersehen sie, dass Lincoln die Emanzipations-Proklamation schon etwa zwei Monate zuvor entworfen hatte. In diesem Licht betrachtet, gewinnt Lincolns Brief an Greeley eine ganz andere Bedeutung. Er war jetzt dazu bereit, „die Union zu retten“, indem er „alle Sklaven befreit“. Mit diesem Brief bereitete er die Bevölkerung auf die Proklamation vor, mit der er das tun sollte.

Aber Lincoln hielt seine Proklamation zurück und wartete auf einen militärischen Sieg im Sommer 1862, einem Tiefpunkt im langen Krieg der Union. Die militärischen Niederlagen der Unionsarmee während des ersten Jahres des Krieges überzeugten Lincoln von der Position der Abolitionisten, dass es nicht möglich sein werde, die Konföderation zu besiegen ohne die Sklaverei abzuschaffen. „Wir müssen die Sklaven befreien, oder wir werden selbst unterworfen werden“, erklärte Lincoln abschließend.

Teilweise hatten die Sklaven selbst das Thema gesetzt. Das zeigt sich an anderen Teilen der Proklamation. Wo immer die Unionsarmee hinging, nutzten die Sklaven ihre Anwesenheit zur Flucht. Der Verlust der Arbeitskräfte gefährdete die ganze Wirtschaft der Südstaaten. Daher verbot das Dokument Generälen der Union, geflohene Sklaven zu ihren konföderierten Herren zurückzubringen und bestätigte die Confiscation Acts, die der Kongress zuvor bereits verabschiedet hatte.

Die Emanzipations-Proklamation veränderte die Kriegsführung noch in anderer Weise: Sie fiel zusammen mit der Abberufung und Degradierung von Generälen wie George McClellan durch Lincoln, der den Süden kompromisslerisch und sogar auf versöhnliche Art bekämpft hatte, und bereitete den Boden für den Aufstieg von Figuren wie Ulysses S. Grant, Philip Sheridan und William Tecumseh Sherman. Der Unterschied war deutlich. McClellan schrieb den Plantagenbesitzern in den Südstaaten, sie müssten nicht um ihr Eigentum oder ihre Sklaven fürchten, Sherman erklärte, sein Ziel sei es, „Georgia aufheulen zu lassen.“

Die Proklamation hatte immense internationale Folgen. Die Niederlage von Lees Armee in der Schlacht am Antietam am 17. September hatte kurzzeitig die Gefahr beseitigt, dass Großbritannien oder Frankreich auf der Seite des Südens eingreifen würden. Am Morgen vor der Schlacht hatte der britische Premierminister Lord Palmerston eine Note an seinen Außenminister geschickt, laut der es Zeit sei, Verhandlungen in dem Konflikt anzubieten, „deren Ziel die Anerkennung der Konföderation“ sein sollte, deren Sieg die herrschenden Klassen Frankreichs und Großbritanniens erhofften.

Aber erst die Emanzipations-Proklamation, die fünf Tage nach Antietam veröffentlicht wurde, machte es Frankreich und Großbritannien politisch unmöglich, offen auf der Seite des Südens zu intervenieren. Gleichzeitig machte sie die Sache der Union zu einer Sache der europäischen Arbeiterklasse.

In England fanden Massendemonstrationen zur Unterstützung der Union statt, obwohl die Union durch ihre Blockade eine „Baumwollnot“ und Massenarbeitslosigkeit in den britischen Textilwerken ausgelöst hatte. Auf einer dieser Demonstrationen wurde eine Resolution mit dem Titel „Die arbeitende Bevölkerung von Manchester“ verabschiedet, in der es hieß, durch die Befreiung der Sklaven wird „der Name Abraham Lincolns von der Nachwelt mit Ehre und Ehrfurcht bedacht werden.“

Lincoln schrieb schnell zurück und bedauerte „die Leiden, die die arbeitende Bevölkerung in Manchester und ganz Europa in dieser Krise zu erdulden gezwungen ist.“ Er bedankte sich bei den Arbeitern von Manchester für ihre „entschlossene Haltung in der Frage.“ Der Brief wurde von Charles Francis Adams, dem Botschafter in Großbritannien und Enkel des Gründervaters John Adams zugestellt.

Marx nannte die Proklamation treffend „das bedeutendste Aktenstück der amerikanischen Geschichte seit Begründung der Union.“ Lincoln selbst berief sich immer wieder auf das Gründungsdokument der amerikanischen Republik, die Unabhängigkeitserklärung, und seine revolutionäre Feststellung, alle Menschen seien gleich – das bekannteste Beispiel war seine Rede in Gettysburg.

Der Widerspruch zwischen diesen Worten und der Institution der Sklaverei belastete die neue Republik und führte unweigerlich zum Bürgerkrieg – der Zweiten Amerikanischen Revolution – und, wie Lincoln es 1863 nannte, zur „Geburt einer neuen Freiheit.“

Der zugrundeliegende Widerspruch zwischen den revolutionären demokratischen Konzepten der Emanzipations-Proklamation und einem wirtschaftlich-politischen System auf der Grundlage der Ausbeutung der Klassen manifestierte sich schnell nach dem Ende des Bürgerkriegs. Nur zwölf Jahre später, 1877, beschlossen die Republikaner, die Wiedereingliederung des Südens zu beenden und die politische Macht wieder in die Hände der alten Plantagenbesitzer-Aristokratie zu legen. Im gleichen Jahr zogen Republikaner und Demokraten Truppen zusammen, um Arbeiter zu erschießen, die sich im ganzen Land zum Großen Eisenbahnerstreik erhoben hatten.

Die amerikanische herrschende Klasse trampelt schon seit langem auf den revolutionären und demokratischen Traditionen der amerikanischen Revolution und des Bürgerkriegs herum. Die heutige Bourgeoisie ähnelt bei ihrer Plünderung und Unterdrückung zur Steigerung ihres Reichtums und der Vergrößerung der Kluft zwischen Reich und arm, ihrer Gier und Unverschämtheit, der alten Sklavenhalter-Elite.

Wer die derzeitige Präsidentschaftswahl zwischen Obama und Romney betrachtet, sieht den ätzenden Hass der herrschenden Klasse für Gleichheit. Romney, ein schwerreicher Finanzparasit, äußert sich höhnisch über die „47 Prozent“ der Bevölkerung, die glaubt, sie habe ein Recht auf „Gesundheitsversorgung, Nahrung, Wohnung.“ Er greift Obama an, weil er ein angeblich völlig neues und fremdes Konzept in die amerikanische Politik eingeführt hat – die „Umverteilung“ von Reichtum. Obama, der tatsächlich Billionen Dollar von der Arbeiterklasse zur Finanzelite umverteilt habe, lehnt jedoch jede Unterstützung für Umverteilungspolitik zugunsten der Arbeiterklasse und der Armen stillschweigend ab.

Die Behauptung, „Umverteilung“ von oben nach unten sei der amerikanischen Geschichte und Kultur fremd, ist so falsch wie ignorant. Die Emanzipations-Proklamation war die größte Enteignung von Privateigentum der Weltgeschichte bis zur Russischen Revolution.

Die amerikanische Finanzaristokratie dominiert beide Parteien und kontrolliert alle Institutionen der Regierung. Genau wie die ehemaligen Sklavenhalter wird sie die Bühne der Geschichte nicht freiwillig verlassen. Die Sklaven mussten befreit werden, um die Sklavenhalter-Elite zu zerstören. Um die Macht der Finanzaristokratie zu brechen, muss sich zuallererst die Arbeiterklasse politisch befreien.