Syrien als "unheimliche Parallele zu Afghanistan" und die pro-imperialistische Linke

Von Johannes Stern
12. September 2012

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Washington Post einen Kommentar ihres Kolumnisten David Ignatius unter dem Titel „Syriens unheimliche Parallele zum Afghanistan der 1980er Jahre“. Ignatius, ein bestens informierter bürgerlicher Journalist mit Beziehungen zu den höchsten Staatsrängen, zieht in dieser Kolumne eine enthüllende Parallele zwischen der CIA-Operation in Afghanistan in den 1980er Jahren, die den Sturz der pro-sowjetischen Regierung zum Ziel hatten, und den gegenwärtigen Entwicklungen in Syrien.

Freiweg diskutiert Ignatius die Strategie des US-Imperialismus, die vorsieht, das Regime von Baschar al-Assad zu beseitigen und eine pro-amerikanische Regierung einzusetzen. Er nimmt den Klassenstandpunkt der amerikanischen Bourgeoise ein, und versucht, der Obama-Regierung Ratschläge zu erteilen. Er beschreibt die amerikanische Operation in Syrien und spricht einige der Probleme an, mit denen das Weiße Haus bei der Gestaltung seiner imperialistischen Politik in Syrien konforntiert ist.

Ignatius schreibt: “Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten bewegen sich in Syrien in Richtung eines Unterstützungsprogramms für die Rebellen, das – im Guten wie im Schlechten – stark dem ähnelt, was Amerika und seine Freunde in den 1980er Jahren in Afghanistan taten.

Die Parallelen sind gespenstisch. Ebenso wie in Afghanistan, operieren CIA-Beamte an den Grenzen (in diesem Fall hauptsächlich in Jordanien und der Türkei) und helfen sunnitischen Aufständischen dabei, ihre Kommunikationsstränge zu verbessern. Daneben stehen andere Aktivitäten. Waffen kommen über dritte Parteien (in Afghanistan kamen sie hauptsächlich aus China und Ägypten; in Syrien werden sie überwiegend auf dem schwarzen Markt gekauft). Und schließlich war ein Hauptfinanzier beider Aufstände Saudi-Arabien.

Es gibt sogar eine schillernde Persönlichkeit die in Verbindung mit beiden Kampagnen steht: Prinz Bandar bin Sultan. Er war in den 1980ern saudischer Botschafter in Washington und kümmerte sich um die Finanzierung und Unterstützung der CIA in Afghanistan. Jetzt ist er das Haupt des saudischen Geheimdienstes und fördert Operationen in Syrien.“

Ignatius’ Kommentar bekräftigt die Analyse der World Socialist Web Site, dass Washington und seine Verbündeten am Golf ihre Stellvertreter innerhalb Syriens bewaffnen und finanzieren. Diese, und zu ihnen zählt auch Al Kaida, sollen das Assad-Regime bekämpfen. All dies ist Teil von Washingtons Unterwerfungsstrategie für den gesamten Nahen Osten.

Die von Ignatius identifizierte “unheimliche Parallele” zwischen Syrien und Afghanistan deutet die Größenordnung des Verbrechens an, die der US-Imperialismus in Syrien in Ggang setzt. Die drei Jahrzehnte währende Vergewaltigung Afghanistans durch den amerikanischen Imperialismus zählt neben den Kriegen gegen Korea, Vietnam und den Irak zu den größten Gräueltaten des vergangenen Jahrhunderts.

In der Tat sind die Parallelen zwischen Afghanistan und Syrien überwältigend. Der US-Imperialismus setzte in Afghanistan zunächst Terrorkräfte ein und entflammte religiöse und Stammesfehden, um das Land zu destabilisieren. Anschließend wurde das Land, das für die wirtschaftlichen und strategischen Interessen des amerikanischen Imperialismus kritisch ist, angegriffen und besetzt.

Die Vernichtung der afghanischen Gesellschaft durch den US-Imperialismus begann im Jahr 1979, als die Carter-Regierung eine verdeckte CIA-Operation durchführte, um islamistische Mudschaheddin für den Kampf gegen die 1978 an die Macht gelangte Regierung zu bewaffnen und zu finanzieren, die von der Sowjetunion unterstützt wurde. Ziel dieser Operation war es, eine sowjetische Intervention zu provozieren und die UdSSR in einen blutigen Sumpf in Afghanistan hineinzuzerren, und den amerikanischen Einfluss in der strategisch wichtigen und rohstoffreichen zentralasiatischen Region auszubauen.

Ebenso wie heute in Syrien bewaffneten und finanzierten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten die reaktionärsten islamistischen Kräfte, um Afghanistan zu destabilisieren, darunter auch das Netzwerk Osama bin Ladens. Damals wie heute stellte Washington seine Terrorverbündeten als „Freiheitskämpfer“ dar, selbst als sie Afghanistan mit einen furchtbaren Krieg überzogen, der bis zu zwei Millionen Menschleben forderte und Millionen weitere zu Flüchtlingen machte.

Nachdem die Sowjetunion 1989 ihre letzten Einheiten aus Afghanistan abgezogen hatte, intensivierten die Vereinigten Staaten ihre kriminelle Kampagne in dem Land. Mitte der 1990er Jahre unterstützten die USA und ihre pakistanischen und saudischen Verbündeten ein islamistisches Regime, das von den Taliban geführt wurde. Nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 entschieden sich die Vereinigten Staaten für eine direkte militärische Intervention und Okkupation Afghanistans, um ihre Interessen in Zentralasien zu sichern.

In betrügerischer Weise wurde dieser Angriff unter der Flagge eines „Kriegs gegen den Terror“ ausgeführt. Er richtete sich gegen jene islamistischen Kräfte, die Washington zuvor finanziert und bewaffnet hatte. In Syrien stützen sich die Vereinigten Staaten einmal mehr auf ebendiese Kräfte.

Ignatius schreibt: “Es ist nicht ganz geheuer, dass Al Kaida zu hunderten bereits in Syrien kämpft. Zellen in Mosul und in anderen Teilen des Nordiraks entsenden Kämpfer über die syrisch-irakische Grenze. Die dschihadistische Pipeline funktioniert diesmal in die entgegengesetzte Richtung.“

Ebenso wie in Afghanistan betrachtet Washington die terroristischen Kräfte als taktische Verbündete, solange sie den amerikanischen Interessen dienlich sind. Zynisch schreibt Ignatius: „Die Rebellen, die gegen Assad kämpfen, verdienen beschränkte amerikanische Unterstützung, genauso wie seinerzeit die anti-sowjetischen Mudschaheddin.“ Darauf erfolgt eine Warnung an die Obama-Regierung: „Doch seien Sie vorsichtig: Auf diesem Weg liegen Chaos und Extremismus. Es kann eine Generation dauern, den vorherigen Zustand wiederherzustellen, wenn die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten nicht klug handeln.“

Ignatius stellt Überlegungen an, die die abgrundtiefe Kriminalität der amerikanischen Politik reflektieren. Er schlägt den Vereinigten Staaten vor, in Syrien die Strategie zu wiederholen, die sie im besetzten Irak angewandt hatten und die islamistischen Terroristen durch das Schüren von Stammeskonflikten in Grenzen zu halten.

Er schreibt: ”Die Vereinigten Staaten sollten geschickt die Stammeskarte ausspielen, was genauso entscheidend werden könnte, wie im Irak.“ Er fährt fort: „Die Führer vieler syrischer Stämme haben Assad blutige Rache geschworen. Ihre Macht ist einer der Gründe, warum die Maschine des Aufstandes bäuerlich, konservativ und sunnitisch ist. Doch der Irak hat gezeigt, dass die Stammesführer das beste Bollwerk gegen das Wachstum von Al Kaida und anderer Extremisten sein können.“

Ignatius’ Kommentar reißt die Behauptungen in Stücke, die verschiedene pseudo-linke Organisationen vorbringen (wie die amerikanische International Socialist Organization (ISO), die britische Socialist Workers Party (SWP), die französische Neue Antikapitalistische Partei (NPA), die australische Sozialistische Alternative, die ägyptischen Revolutionären Sozialisten und die syrische Revolutionäre Linke), dass die Ereignisse in Syrien eine „Volks-„ oder „soziale Revolution“ seien.

Um ihre Behauptungen rechtfertigen zu können, sind die pseudolinken Gruppen gezwungen, die CIA-Operation, die in Syrien stattfindet, entweder zu vertuschen oder offen zu begrüßen.

Es gibt jene wie Alex Callinicos, den Führer der SWP, und Richard Seymour von der ISO, die einfach leugnen, dass der Imperialismus in Syrien irgendeine Rolle spiele. Callinicos erklärt in einem Kommentar vom 28. Juli, es liege „kein Beweis dafür vor“, dass „Syrien ‚rekolonisiert‘ werde“ und dass es eine „Priorität des Westens“ sei, „ das Assad-Regime zu entfernen.“

In einem der jüngsten Artikel der ISO zu Syrien schreibt Richard Seymour (am 13. August), dass „die wichtigsten Volkstruppen der syrischen Opposition weder Marionetten noch Stellvertreter sind, sie stehen auch nicht unter der Dominanz von Marionetten und Stellvertretern. Das bewaffnete Kontingent ist zu breitgefächert, zu lokalgebunden und zu zerstückelt um eine Stellvertreterarmee oder einfach eine reaktionäre Kraft zu sein, wie manche behaupten.“

Andere, wie Corey Oakley von der Sozialistischen Alternative, geben zu, dass eine imperialistische Operation in Syrien stattfindet. In einem Artikel unter der Überschrift „Die Linke, der Imperialismus und die syrische Revolution“, der zuerst am 16. August und anschließend, ins Arabische übersetzt, am 22. August von der syrischen Revolutionären Linken publiziert wurde, erklärt Oakley: „nur ein Narr würde bestreiten, dass imperialistische Kräfte in Syrien intervenieren oder dass äußerst reaktionäre Elemente unter den Rebelleneinheiten präsent sind.“

Darauf macht er deutlich, dass er dessen ungeachtet bereit ist, die Operation zu unterstützen. Oakley fragt, ob es „für die syrischen Revolutionäre falsch sein kann, bei den Imperialisten, ihren Verbündeten oder wem auch immer nach Waffen zu fragen und zu akzeptieren?“ Er gibt eine eindeutige Antwort: „Natürlich nicht.“

Pham Binh, ein Aktivist des Occupy Wall Street Class War Camp ist sogar noch deutlicher, wenn er die wesentlich pro-imperialistische Position zusammenfasst, die von allen pseudolinken Gruppen vorgebracht wird. In einem Artikel, betitelt „Libyen und Syrien: Wenn der Anti-Imperialismus auf Abwege gerät“, greift er jene als konterrevolutionär an, die den Imperialismus ablehnen und erklärt den US-Imperialismus zu einer fortschrittlichen Kraft.

Binh schreibt: “der linke Instinkt, allem gegenüber in Opposition zu treten, was die amerikanische Regierung im Ausland macht, wurde alles andere als fortschrittlich, als der arabische Frühling sich in Libyen und Syrien erhob (…) In dem Augenblick, als die syrische und die libysche Revolution imperialistische Luftschläge sowie Waffen verlangten, um den militärischen Vorteil zu neutralisieren, den die Regierungen über die revolutionären Völker hatten, wurde der Anti-Interventionismus konterrevolutionär, denn er bedeutete Opposition gegen Hilfe für die Revolution.“

Binhs Darlegungen sind ebenso zynisch wie falsch. Der Krieg der Vereinigten Staaten gegen Libyen, wie auch die CIA-Operation in Syrien, beabsichtigte nicht die Unterstützung des Kampfes der arabischen Massen für Demokratie und soziale Gleichheit, sondern eine Intensivierung von Washingtons konterrevolutionärer Offensive gegen die Massenkämpfe der Arbeiterklasse, die zu Beginn des Jahres 2011 die von den Vereinigten Staaten unterstützen Diktatoren Tunesiens und Ägyptens gestürzt hatten.

Indem sie die konterrevolutionäre Strategie von Krieg und Terror, die der US-Imperialismus verfolgt, als „revolutionär“ unterstützen und befördern, dienen die pseudolinken Gruppen denselben Klasseninteressen wie ruchlose Ratgeber des US-Imperialismus vom Schlage eines Ignatius, der Washingtons Operationen geradeheraus als Mittel beschreibt, imperialistische Dominanz über ein weiteres ehemaliges Kolonialland und schließlich über den gesamten Nahen Osten zu errichten.