Kurzarbeit bei Opel

Von Dietmar Henning
1. September 2012

Letzte Woche feierte der Opel-Konzern seinen 150. Geburtstag. Am 23. August 1862 hatte Adam Opel in Rüsselsheim mit der Produktion von Nähmaschinen begonnen. Seit 1899 baute Opel dann Autos und seit 1929 ist es Teil des US-Unternehmens General Motors (GM). Es ist fraglich, ob Opel jemals ein weiteres Jubiläum feiern wird. Die Zukunft ist unsicherer denn je zuvor.

Am Tag des Jubiläums kündigte Opel in Deutschland Kurzarbeit an, um einem massiven Absatzeinbruch zu begegnen. Betroffen sind fast 7.000 Beschäftigte in Rüsselsheim (3.500 in der Produktion und 3.300 in der Verwaltung) und 2.500 in Kaiserslautern, wo bis zum Ende des Jahres jeweils an 20 Tagen die Arbeit ruhen soll. In Eisenach sollen allein im September zehn Schichten wegfallen. Dort wird der Kleinwagen Corsa produziert, der neben dem deutschen Markt vor allem auf dem südeuropäischen Markt verkauft wird.

Die Kurzarbeit ist aber nur der Auftakt zu einer weiteren Welle von Massenentlassungen. Das behauptet ein Bericht der Bild-Zeitung, der von der Konzernspitze und der Gewerkschaft IG Metall heftig dementiert wurde. Bild meldete unter Berufung auf einen anonymen „Insider“, die Kurzarbeit sei „erst der Anfang eines gewaltigen Personalabbaus, an dessen Ende fast jeder dritte Opelaner seinen Job verlieren soll“.

Nächster Schritt der „mit der US-Mutter General Motors besprochenen Geheimstrategie“ sei „die Schreckensnachricht, dass Kurzarbeit nicht reicht, um Opel zu retten. Es müssen Leute entlassen werden.“ Es gebe die „klare Vorgabe aus den USA: 30 Prozent Personalabbau. Fast jeder Dritte soll deutschlandweit gehen.“ Das wären mehr als 7.000 Arbeiter.

Stephen J. Girsky, der derzeit bei GM für Opel verantwortlich ist, dementierte umgehend. „Es gibt keine solche Geheimstrategie. Es ist unwahr, dass Opel einen derartigen Jobabbau in Deutschland plant.“

Der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Schäfer-Klug nannte den Bericht „Unsinn, eine Ente”. Es gebe Verträge, die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2014 ausschlössen. Derzeit werde mit Opel und der US-Mutter GM über eine Verlängerung bis 2016 verhandelt.

Der hessische IG-Metall-Bezirksleiter Armin Schild sprach von „verantwortungsloser Effekthascherei“. Er behauptete: „Die IG Metall kennt keine Geheimpläne, verhandelt nicht über Geheimpläne und wird das auch zukünftig nicht tun.“

In Wirklichkeit verhandeln Betriebsrat, IG Metall und GM-Spitze seit Monaten hinter geschlossenen Türen über Lohnkürzungen und Arbeitsplatzabbau. Dazu treffen sich die Betriebsratsvorsitzenden der einzelnen Werke seit Monaten mit den Opelmanagern vor Ort. Schild und Schäfer-Klug kommen außerdem regelmäßig mit der GM-Spitze zusammen. Über Inhalt und Stand der Verhandlungen schweigen sich alle Beteiligten aus.

GM-Manager Girsky hat aber bestätigt, dass es dabei um Rationalisierungsmaßnahmen geht. „Es ist richtig, dass wir daran arbeiten, unsere Strukturen zu verschlanken, um schneller aus der Verlustzone zu kommen und wieder zur alten Stärke zurückzukehren. Alle dazu nötigen Maßnahmen nehmen wir in enger Abstimmung mit der IG Metall und dem Betriebsrat vor“, sagte er der Bild-Zeitung.

Der „anonyme Insider“ hat Bild auch verraten, wie der von Schäfer-Klug beschworene Vertrag über den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen ausgehebelt werden kann: „Man wird mit dem Gespenst der Insolvenz drohen.“

Bereits vor drei Jahren hatte GM mit Insolvenzdrohungen den Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen durchgesetzt, die Hälfte davon in Deutschland. Das Werk im belgischen Antwerpen mit 2.500 Arbeitsplätzen wurde damals geschlossen, und die verbliebenen Arbeiter in den europäischen Werken verzichteten jährlich auf 265 Millionen Euro Lohn und Gehalt. Schäfer-Klugs Vorgänger Klaus Franz und die IG Metall hatten mitgespielt und den Personal- und Lohnabbau unterstützt.

Es ist daher nicht auszuschließen, dass der „Insider“-Bericht der Bild-Zeitung direkt aus der Chefetage von GM oder des Betriebsrats stammt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Betriebsrat und Gewerkschaft ein Schreckensszenario an die Wand malen, um dann die Verwirklichung eines nicht ganz so schlimmen Szenarios als großen „Erfolg“ zu feiern.

Betriebsrat und IG Metall wissen, dass Opel wegen der Eurokrise Absatzschwierigkeiten hat, und sind – wie schon in der Vergangenheit – bereit, die Krise auf die Rücken der Arbeiter abzuwälzen.

Der Absatz von Opel und Vauxhall brach in Europa im ersten Halbjahr 2012 um 15 Prozent ein. Der Verlust betrug 500 Millionen Euro. Laut Stern summierten sich damit die Verluste der letzen zwölf Jahre auf 13 Milliarden Euro – wobei solche Zahlen mit Vorbehalt zu genießen sind, da sich die Bilanzen in einem globalen Konzern wie GM leicht manipulieren lassen.

Der europaweite Absatzrückgang hat eine Rabattschlacht auf dem Automarkt ausgelöst. Laut Meldungen der Fachpresse waren der Opel Astra und der Ford Fiesta im August mit einem Nachlass von 35 Prozent zu haben, gefolgt vom Opel Corsa und dem Fiat Punto mit 30 Prozent. Die durchschnittliche Ersparnis bei allen Neuwagen lag bei 21 Prozent. Laut einer Studie des „Center Automotive Research“ (CAR) der Universität Duisburg-Essen macht Opel pro verkauftem Neuwagen fast 1.000 Euro Verlust.

Gewerkschaft und Betriebsrat sagen bisher nicht, über welche Maßnahmen sie mit GM verhandeln. Die Richtung ist allerdings klar. Im Juni hatte die IG Metall mit ihrem so genannten „Deutschlandplan“ ein eigenes Sanierungskonzept für Opel vorgelegt, das umfassende Rationalisierungsmaßnahmen einschließlich Arbeitsplatzabbau, Sozialkürzungen und Lohnsenkung vorsieht. (Siehe: „IG-Metall und Betriebsräte bereiten weitere Kürzungen bei Opel vor“)

GM hat in den letzten Monaten deutlich gemacht, dass Opel/Vauxhall eine Rosskur nach amerikanischem Vorbild bevorsteht. In den USA hat GM in den letzten zwei Jahren in enger Zusammenarbeit mit der Autoarbeitergewerkschaft UAW mehrere Werke geschlossen und die Löhne sowie Gesundheits- und Rentenleistungen drastisch gesenkt.

Stephen J. Girsky und der Vorsitzende der UAW, Bob King, sind von GM in den Opel-Aufsichtsrat entsandt worden, um gemeinsam mit IG Metall und Betriebsratsspitze dies auch in Europa Deutschland durchzusetzen.

Auch die kürzlich erfolgte Benennung des bisherigen Strategievorstands Thomas Sedran zum neuen Opelchef weist in diese Richtung. Sedran gilt als enger Vertrauter Girskys und hat wie dieser den Ruf eines knallharten Sanierers.

Sedran hatte zuvor jahrelang für die US-Unternehmensberatung Alix Partners gearbeitet. Für diese hatte er 2008/2009 ein Sparkonzept für Opel entwickelt, das den Ausschlag dafür gegeben haben soll, dass GM Opel in eigener Regie weiter führte und nicht wie ursprünglich geplant verkaufte. Seither sind 8.000 Arbeitsplätze abgebaut und das Werk in Antwerpen geschlossen worden.

Sedran gilt auch als Initiator der Allianz zwischen Opel und PSA Peugeot Citroën, die ebenfalls dazu führen wird, über „Synergieeffekte“ Arbeitsplätze abzubauen. Der neue Opel-Chef genießt die ungeteilte Unterstützung von Betriebsrat und IG Metall. Diese haben die Aufgabe übernommen, die Abwärtsspirale bei Arbeitsplätzen und Löhnen gegen die Beschäftigten durchzusetzen.