Pablo Picasso in der Art Gallery of Ontario

Von Lee Parsons
1. September 2012
Autoportrait (Self Portrait), 1906. Oil on canvas
Musée National Picasso, Paris
© Picasso Estate SODRAC (2012)
© RMN/ RenéGabriel Ojéda

Pablo Picassos Name gilt praktisch als Synonym für moderne Kunst. Während die öffentliche Meinung aus den verschiedensten Gründen recht unterschiedlich ausfällt, blickt die Welt im Allgemeinen ehrfurchtsvoll auf den gigantischen Korpus seines Werkes. Ungeachtet der Hochachtung, die er nach wie vor abnötigt, bleiben Fragen zu seinem Erbe und zu der Entwicklung der modernen Kunst allgemein offen. Es stellt sich auch die Frage nach Picassos politischer Rolle, über die häufig Stillschweigen bewahrt oder die unkritisch behandelt wird.

Die laufende Ausstellung in der Art Gallery of Ontario (AGO) ist die umfangreichste Werkschau von Picasso in Kanada seit fast 50 Jahren. Sie bringt fast 150 Malereien, Skulpturen und Drucke aus seinem eigenen Bestand von über 5000 Werken, die das Pariser Musée National Picasso beherbergt. Auf ihrem einzigen Halt in Kanada wird die weltweite Tournee in Toronto gemeinsam mit dem Picasso-Werk gezeigt, das die AGO dauerhaft besitzt. All dies zusammen stellt eine beeindruckende und repräsentative Ausstellung von Picassos Produktion dar.

Einerlei, welche Meinung man hegt, Umfang, Breite und Virtuosität seines Werkes, von dem diese Ausstellung Zeugnis gibt, spotten jeden Vergleichs mit irgendeinem anderen Maler des vergangenen Jahrhunderts. Gleichzeitig machen der mystifizierend-stilisierende Geniekult um ihn, die ungezügelt irrationale Wertsteigerung seiner Werke, die sich dem Spekulantentum auf dem Kunstmarkt verdankt sowie die miteinander konkurrierenden politischen Interessen, eine sachliche Einschätzung von Leben und Werk schwierig…aber nicht unmöglich.

Jenen, die vorgeben, Picasso nicht zu mögen, muss man die Frage stellen: welchen Picasso speziell? Der Künstler selbst mied während seiner gesamten Karriere die Identifikation mit bestimmten Schulen und wechselte bereitwillig von Stil zu Stil. Zusammen mit Georges Braque (1882-1963) gilt er als Begründer des Kubismus, mit dem er in der öffentlichen Wahrnehmung stark identifiziert wird. Der dramatische Gebrauch von Flächen und geometrischen Formen, wie in zahlreichen Exponaten der Schau dokumentiert, wurde zu einem Wendepunkt sowohl in der Entwicklung der modernen Kunst als auch innerhalb der Geisteshaltung ihr gegenüber.

Obwohl ich den Künstler stets für sein unübertreffliches Können und seine unvergleichliche Vielseitigkeit bewundert habe, wird die tiefer gehende künstlerische Bewertung seines Werks durch diese Verdienste zu sehr in den Schatten gestellt. Selbstverständlich finden sich hier zahlreiche Beispiele außerordentlicher und wichtiger Leistungen, doch vielen in der Ausstellung gezeigten Kunstwerken kommt man näher, indem man den Geist aufspürt, aus dem sie vermutlich geschaffen wurden: als experimentelles Spiel.

Virtuosität in Aktion

Wohl kein anderes Kunstschaffen irgendeines Künstlers hat zu mehr Kommentaren und Analysen im vergangenen Jahrhundert angeregt als das Werk Picassos. Weitere künstlerische Beurteilungen scheinen deshalb überflüssig. Dessen ungeachtet möchte ich meine besondere Bewunderung für einige der hier ausgestellten Skulpturen bekennen, etwa für den „Frauenkopf (Fernande)“ aus dem Jahre 1909, eine kraftvolle und sogar martialische Darstellung der Weiblichkeit, die mit Picassos häufiger sexueller Faszination für seine weiblichen Motive kontrastiert.

Seine lebensgroße Bronzestatue “Ziege” (1950) ist ein Klassiker der modernen Skulptur und eine Variation auf jenes Tier, das der Künstler während seiner gesamten Karriere in verschiedenen Medien abbildete. Ursprünglich zusammengeflickt aus gefundenen Objekten, fängt sie auf bemerkenswerte Weise das Wesen des Tieres ein, jedoch als menschliches Konstrukt. Anders als Künstler, die den Objekten, die sie in ihrem Werk verwendeten, bedeutungsvolle Bezüge verliehen, nutzte Picasso, der sich über so etwas keine Sorgen machte, eher Objekte des Alltages, wenn sie die passende Form hatten: etwa einen Korb als Bauch der Skulptur oder tönerne Urnen als Euter.

Deux femmes courant sur la plage (La Course) (Two Women Running on the Beach [The Race]), 1922. Gouache on plywood
Musée National Picasso, Paris
© Picasso Estate SODRAC (2012)
© RMN/JeanGilles Berizzi

Obwohl er oft als selbstbezogener Egoist angesehen wurde, war Picasso laut einigen Leuten, die ihn besser kannten, zu einem Gutteil auch ein Bilderstürmer und Schelm. Im Kontrast zu dem typisch teilnahmslosen Ausdruck der auf vielen seiner Porträts erscheint, gibt es auch zahlreiche Gemälde – wie „Zwei rennende Frauen am Strand“ (1922) –, die den mehr verspielten Aspekt seines Charakters bekunden.

Im Gegenzug – und ungeachtet einiger gewaltiger Qualitäten sowie zahlreicher historischer Bezüge – erwuchs manches in seinem Werk aus seinen persönlichen Problemen, die hier ihren Ausdruck fanden. Seine Radierung „Minotauromachie“(Der Kampf des Minotaurus) (1935), die als Vorläufer seines berühmten “Guernica”-Gemäldes (1937) gilt, und in der Ausstellung gezeigt wird, ist ein komplexes Stück, das viele mythologische Themen umfasst, darunter den Minotaurus und die Kreuzigung. Dieses gewalttätige und schreckenerregende Projekt bereitete seine politische Radikalisierung vor, doch war es zugleich eine Antwort auf die Schwierigkeiten seiner persönlichen Liebesbeziehungen wie auch der Ereignisse im damaligen Spanien.

Portrait de Dora Maar (Portrait of Dora Maar), 1937.
Oil on canvas
Musée National Picasso, Paris
© Picasso Estate SODRAC (2012)
© RMN/JeanGilles Berizzi

Das verwirrende Porträt von Dora Maar in dieser Sammlung verdient einen besonderen Hinweis, sowohl wegen seines brillanten doppelten Gesichtsausdrucks als auch aufgrund der Beziehung des Künstlers zu seinem Gegenstand. Maar war selbst Künstlerin und Fotografin. Sie hatte sowohl im Guten wie im Schlechten beachtlichen politischen Einfluss auf Picasso.

Die menschgewordene Moderne

Bereits als Heranwachsender beschäftigte Pablo Ruiz Picasso (geboren 1881 in Malaga, Spanien) sich mit klassischer und akademischer Kunst. Er erlernte Zeichenfertigkeiten mit aufsehenerregender malerischer Befähigung indem er Raphael nachformte und Delacroix sowie seinesgleichen imitierte. Picassos Vater, Kunstlehrer von Beruf und hingebungsvoller Lehrer seines Sohnes, soll angeblich gesagt haben, dass der Schüler bereits als 13-jähriger seinen Meister überflügelte.

In seinen frühen Zwanzigern, die später als seine „blaue Periode“ bezeichnet wurden, entwickelte er eine eigenständige Meisterschaft in dunklen lyrischen Bildern. Meiner Meinung nach stellen diese Bilder, die von den tragischen Umständen des mittellosen gesellschaftlichen Außenseiters zeugen, sein erfolgreichstes und am meisten aufwühlendes Schaffen dar. Eines der überzeugendsten Bilder in dieser Ausstellung ist “La Célestine” (1904), ein würdevolles und zugleich eindringliches Porträt einer auf einem Auge erblindeten Frau in dunkelblauen Tönen, nach denen diese Periode benannt wurde.

La Célestine (La Femme à la taie) (Celestina), 1904.
Oil on canvas
Musée National Picasso, Paris
© Picasso Estate SODRAC (2012)
© RMN/ Rights reserved

Im Unterschied zu mancher modernen Malpraxis arbeitete Picasso unermüdlich daran, sich die Fundamente des Malerhandwerks und des Ausdrucks anzueignen, bevor er in unbekanntes Terrain vorstieß. Es war wahrscheinlich zu seinem Vorteil, dass er sich nicht den bahnbrechenden Entwicklungen der Impressionisten und Postimpressionisten des späten 19. Jahrhunderts öffnete, bevor er über technische Reife verfügte, was in seinem Fall in jungem Alter eintrat.

Bevor er in Paris, das er erstmals um die Jahrhundertwende besuchte, in Kontakt mit höchst abstrakter Malerei kam, war Picasso stark beeinflusst von dem Kunstschaffen, das er im Madrider Prado wahrnahm und zu dem er sich hingezogen fühlte, seitdem er 16 Jahre alt war. Besonderes Interesse zeigte er für die Gemälde von El Greco (1541-1614) und Goya (1746-1828). Aus sehr unterschiedlichen Gründen werden diese beiden als Pioniere, als Wegbereiter zur Entwicklung „moderner“ Kunst betrachtet.

Seit 1902 lebte Picasso in Paris, wo er den größten Teil seines Lebens verbringen sollte und wo er schon bald Anerkennung errang. Zunächst lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Malerkollegen auf sich, die sein überragendes Talent anerkannten, doch war er bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges bereits in der gesamten Kunstwelt berühmt.

Er setzte seine Arbeit, die erstaunliche Kreativitätsausbrüche zeitigte, energisch bis in seine Achtziger Jahre fort. Er kehrte thematisch zu vielen seiner früheren Stoffe zurück. Während aber vieles aus dieser Periode unscheinbar wirkt, ist Manches aus seiner letzten Schaffensperiode, wie diese Ausstellung zeigt, nach wie vor anziehend wegen seiner skurilen und unübertrefflichen Zeichenkunst.

Figures au bord de la mer (Figures on the Seashore), 1931. Oil on canvas
Musée National Picasso, Paris
© Picasso Estate SODRAC (2012)
© RMN/RenéGabriel Ojéda

Picasso war als fruchtbarer Neuerer über seine ganze Karriere hinweg berühmt, doch suchte er nicht nach Entschuldigungen für Anklagen, er beginge Diebstahl an Ideen und Neuerungen anderer Künstler. Solche Anwürfe konterte er mit dem inzwischen berühmten Zitat: „Schlechte Künstler kopieren – gute Künstler stehlen.“

Dennoch gibt es viele, die, obwohl sie seine herausragende Begabung anerkennen, in anderen Künstlern seiner Zeit ebenbürtige oder gar größere Neuerer erkennen, was selbst für den Beitrag zur Entwicklung von Stilen gelte, die Picasso zugeschrieben werden. Beispielweise wurde dazu angeführt, dass das kubistische Werk von Braque größere Tiefe und Überzeugung hätte als das seines Mitstreiters Picasso. Wie auch immer die Sache nun sei, ungeachtet seiner legendären Arroganz: Sein Werk war Teil der modernen Umgestaltung der Kunst, von der er sich ernährte und zu der er umfassend beitrug.

Ein politischer Naivling

Anders als viele seiner Zeitgenossen, die während der Erhebungen Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Energie revolutionären und antikapitalistischen Bewegungen widmeten, mied Picasso in seiner ersten Lebenshälfte jede Art von politischer Ausrichtung. Er lebte und arbeitete während des Ersten Weltkriegs, der Russischen Revolution und dem Erscheinen des Faschismus anscheinend ohne Sorge um das Schicksal der Welt, obwohl zahlreiche seiner Freunde und Kollegen sich sozial und politisch betätigten.

Einiges aus seinem Schaffen während der Zwischenkriegsjahre wurde als surrealistisch bezeichnet, doch Picasso verschrieb sich niemals den Prinzipien dieser Bewegung. Indem er die revolutionären Bestrebungen der Surrealisten beiseiteließ, die von André Breton angeführt wurden und der bereit war Picasso als einen der ihren zu bezeichnen, nahm er von dieser Bewegung nur das an, was er für seine Kunst als nützlich betrachtete. Obwohl er von ihrer Einsicht in das Unbewusste der Kunst Gebrauch machte und seine Kunst sogar in einigen ihrer Ausstellungen zu sehen war, war Picasso kein Surrealist.

Portrait d’Olga dans un fauteuil (Portrait of Olga
in an Armchair)
, 1918. Oil on canvas
Musée National Picasso, Paris
© Picasso Estate SODRAC (2012)
© RMN/RenéGabriel Ojéda

Erst mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges 1936 bezog er in der Öffentlichkeit politisch Stellung. Als unschätzbare Kunstwerke, die der Madrider Prado beherbergt, durch Angriffe von Francos faschistischen Einheiten bedroht wurden, wurde Picasso schließlich aktiv und unterstützte die spanischen und französischen stalinistischen Parteien. Er hielt irrigerweise die Kommunistische Partei (und die Sowjetunion) für ein Bollwerk gegen die Reaktion. Obwohl er offiziell erst 1944 Mitglied wurde, hielt er der Kommunistischen Partei Frankreichs bis zu seinem Tod im Jahr 1973 die Treue. Diese Beziehung wurde von beiden Seiten gleichermaßen ausgebeutet, indem beide versuchten über die ganze Dauer dieser Verbindung hin, sich durch sie Prestige und Glaubwürdigkeit zu verschaffen.

Er blieb stumm, als die brutale Repression der Stalinisten gegen die Ungarische Revolution einsetzte, und ebenso während der Invasion in der Tschechoslowakei. Seine Augen blieben stets verschlossen vor den historischen Verbrechen der Stalinisten, die Generationen von Marxisten auslöschten. Dies sind keine Kleinigkeiten, wenngleich er beileibe nicht der Einzige war, der so handelte. Obwohl er sich bereitwillig zu einer Zeit, als eine solche Identifikation für manchen Künstler den Ruin bedeutete, als Kommunist bezeichnete, kostete ihn dies nur wenig. Sein Platz in der europäischen Kulturelite war bereits unanfechtbar.

Und dennoch bleibt sein außerordentliches Gemälde von Guernica, der baskischen Stadt, die durch ein Nazi-Bombardement im Jahr 1937 brutal zerstört wurde, eines der bekanntesten und wirksamsten politischen Kunstwerke dieses Jahrhunderts. Die Ausstellung zeigt eine Reihe von Fotografien von Maar, welche die Entstehung dieses Bildes dokumentieren.

Der Katalog zur Ausstellung, der Picassos Ansichten generell als eigensinnig abtut, sagt wenig mehr über seine politische Rolle. Damit soll offenbar vor allem das komplexe Problem von Kunst und sozialer Revolution im 20. Jahrhundert umgangen werden, wenn man es nicht nur als Zugeständnis an den Antikommunismus sehen will.

Violon (Violin), 1915. Construction: sheet metal,
cut folded and painted, wire
Musée National Picasso, Paris
© Picasso Estate SODRAC (2012)
© RMN/Béatrice Hatala

Unter praktischen Gesichtspunkten wuchsen Picassos Perspektive und Aktivitäten niemals sehr über Pazifismus und Protestpolitik hinaus. Nichtsdestoweniger ist es unmöglich, seinen immensen und widersprüchlichen Beitrag zur modernen Kunst von seiner Opposition gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, die Kunstwelt eingeschlossen, zu trennen. Diese Opposition war in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts in weiten Schichten der Intelligenz verbreitet. Die komplexe Mischung der Sympathie großer Künstler für den Sozialismus sowie die Sache der Arbeiterklasse einerseits und der Anpassung an die stalinistische Bürokratie andererseits, ist ein Problem, das weiter untersucht werden muss (vgl. Brecht, Chaplin, Dreiser und andere).

Eine unkritische und nur ehrfürchtige Annäherung an Picasso wie auch an den gesamten Gang der Kunst im 20. Jahrhundert, hat nur begrenzten Wert. Ihn als Scharlatan und Selbstdarsteller abzuqualifizieren, wäre noch schlimmer. Die Unermesslichkeit und Genialität seines Werkes steht außer Frage. Die Probleme, die in Verbindung mit seinem Werk stehen, sowie ihre Beziehung zu den großen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts sind vielleicht ebenso unermesslich.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Picassos Kunst noch Generationen inspirieren, faszinieren und manchmal in Wut versetzen wird. Allermindestens sollte seine widersprüchliche Rolle zu weiteren Untersuchungen der Beziehung ermutigen, in der Künstler und ihre Kunst zu einer Welt in Aufruhr stehen.